Calluna Sommer 2016

 

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Das Vier-Jahreszeiten-Magazin der Südheide, Ausgabe Sommer 2016

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www.calluna-magazin.de Nr. 69/18. Jahrgang Sommer 2016 Da s Vier-Jahreszeiten-Maga zin der Südheide Calluna 1

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Spitzenmedizin aus Tradition. Ab Sommer 2016 in modernsten Räumen! Celle und das Celler Land sind lebenswert. Und weil gute Lebensqualität immer auch mit guter Gesundheit verbunden ist, engagieren wir uns gerne dafür, dass in unserer Region beste gesundheitliche Versorgung auf Dauer sicher ist. Dafür wird auch auf modernste medizinische Räumlichkeiten gesetzt: Im Spätsommer 2016 wird der Betrieb im Neubau des AKH Celle aufgenommen. Für die Versorgung der Patienten nach aktuellsten medizinischen Standards stehen im Neubau dann 7 neue OP-Säle, 28 Betten für Intensivmedizin und 2 neue Bettenstationen zur Verfügung. Am 13. August 2016 können Sie sich am Tag der Offenen Tür von 11.00 - 16.00 Uhr ein Bild von der hochmodernen medizinischen Ausstattung unseres Neubaus machen. AKH Celle. Ganz bei Ihnen. 2 Calluna AKH Celle f Siemensplatz 4 f 29223 Celle f www.akh-celle.de f www.akh-gruppe.de

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62 EDITORIAL INHALT Liebe Leserin, lieber Leser, obwohl der Sommer nicht meine Lieblingsjahreszeit ist – Frühling und Herbst sind mir lieber – gibt es doch Einiges, was ich am Sommer mag, und dazu zählen definitiv nicht Hitze und wochenlang anhaltende Trockenheit, die das Grün zu Gelb werden lässt. Das Schönste am Sommer ist aus meiner Sicht, dass es so lange hell ist. Da kann der »Tatort« noch so spannend sein – nach dem Abendessen machen wir lieber noch eine kleine Radtour oder einen ausgedehnten Hundespaziergang und genießen die Stille und die um diese Zeit selbst nach einem heißen Sommertag meist angenehme Temperatur. Auf Platz zwei meiner Sommer-Hitliste folgen Erdbeeren. Auch wenn man die süßen, roten Früchte inzwischen fast ganzjährig bekommt, hat doch die echte Erdbeerzeit erst Mitte Juni begonnen. Ich würde ja auch nicht im Februar schon Spargel kaufen, der aus Südamerika um die halbe Welt zu uns gereist ist, sondern warte lieber, bis hier in der Heide die ersten Stangen sprießen. Ob Spargel oder Erdbeeren, jedes Obst und Gemüse hat seine Saison und schmeckt dann am besten. Wie soll man sich denn noch auf etwas freuen, das immer und überall verfügbar ist? Was folgt auf Platz drei? Darüber musste ich, ehrlich gesagt, etwas länger nachdenken. Spontan wollte mir nichts einfallen. Baden (im Wasser und auch in der Sonne)? Nö, muss nicht sein. Grillen? Bloß nicht! Auch nicht vegan. Im Sommer esse ich am liebsten Salat. Aha, das ist das Stichwort! Auf Platz drei setze ich jetzt kurz entschlossen den Garten. Salat, Tomaten, Zucchini, Erbsen, Bohnen, Beerenobst – all das und noch viel mehr – die Erdbeeren nicht zu vergessen –, hält der Sommer für uns bereit. Wie schön, wenn man sich sein Abendessen aus dem, was der eigene Garten hergibt, zusammenstellen kann. Statt des Gartens hätte ich vielleicht auch Rad fahren, Paddeln und Wandern zusammen auf Platz drei setzen können. Aber zum Wandern ist es mir im Sommer oft zu warm, die kleineren Flüsse führen nicht mehr so viel Wasser wie noch im Mai und Juni, sodass das Paddeln teilweise nur noch eingeschränkt möglich ist, und als Ganzjahresradfahrerin ist der Sommer für mich eine Jahreszeit wie jede andere. Allerdings fahre ich im Sommer öfter zum Vergnügen – soll heißen: Wir machen Radtouren – und nicht nur, um umwelt- und gesundheitsbewusst von A nach B zu kommen. Ja, der Sommer ist die Zeit der Radtouren. 30 Grad im Schatten? Dank des Fahrtwinds sind auch solche Temperaturen auf dem Fahrrad noch gut erträglich, vorausgesetzt man hat an Sonnenschutz gedacht. Somit macht es überhaupt nichts, dass ausgerechnet im Hochsommer ganz im Süden der Südheide ein neuer Themenradweg eröffnet wird (Seite 60), der Lust darauf macht, beim genussvollen Radeln durch Wälder und Wiesen an der Aller und Schlossbesuchen in Gifhorn und Fallersleben in die Geschichte einzutauchen und dabei eine Frau kennenzulernen, die vor rund 500 Jahren als junge Witwe, alleinerziehende Mutter ihren Mann stand und in ihrem Umfeld für wirtschaftlichen Aufschwung sorgte: Herzogin Klara. Lassen Sie sich von dem etwas sperrigen Namen »AllerHoheit« nicht abschrecken und schwingen Sie sich aufs Fahrrad! Wenn Sie lieber zu Fuß unterwegs sind – und vielleicht wird der Sommer auch gar nicht so heiß –, sind Sie herzlich eingeladen, mit meiner Kollegin Christine Kohnke-Löbert in die Wierener Berge zu wandern (Seite 14) oder mit Bernhard Meißner »1000 Schritte durch Wienhausen« zu gehen (Seite 43). Einen wunderschönen Sommer und bis bald im Herbst! NUR DER BESENSTIELBAUM IST NICHT ZU FINDEN Kleines Arboretum mit großer Artenvielfalt NATÜRLICH CAMPEN Familie Körding setzt auf Öko DIE SANDIGEN SPUREN DER SAALE҃EISZEIT Wir wandern in die Wierener Berge ROTKÄPPCHEN LÜGT LEIDER Naturpädagogin Caroline Rothe im Porträt ANSTECKENDE LEBENSFREUDE Im Galopp über weitläufige Weiden GARTENGLÜCK AM QUITTENHAUS 2000 Quadratmeter voller Überraschungen NEUE GARTENBÜCHER Für Sie ausgewählt WASSER ҄ UNSERE LEBENSGRUNDLAGE An der Ostfalia wird dazu geforscht EIN NEUES KLEID FÜR DIE KIRCHE St. Pankratius in Hankensbüttel wird saniert HIER TICKEN DIE UHREN ANDERS Ein Backsteinhaus in Böddenstedt DIE 1000 ҃SCHRITTE҃TOUR Bernhard Meißner führt durch Wienhausen ZWISCHEN FLUCHT UND ZUFLUCHT Kunstprojekt thematisiert Zusammenleben KLARA ALS KLAMMER Neuer Themenradweg AllerHoheit DER HERZOG UND DIE SCHÖNE ILSE Wie August eine Niete zog und das Glück fand DE WILDSWIENEEK Plattdüütsch Besser leben SüdheideKalender Buchempfehlungen Calluna-Partner Impressum 4 8 14 16 20 24 29 30 36 38 43 52 60 62 66 54 46 33 34 4 Titelbild (David-Austin-Rose Boscobel im Calluna-Garten in Oerrel): Inka Lykka Korth / Teaserfotos: Christine Kohnke-Löbert (2), Inka Lykka Korth (1) KONTAKT Redaktion redaktion@calluna-magazin.de Telefon 0 58 32/97 98 40 Anzeigen anzeigen@calluna-magazin.de Telefon 0 58 32/97 99 38 Abonnement abo@calluna-magazin.de Telefon 0 53 71/5 55 06 www.calluna-magazin.de CallunaMagazin Inka Lykka Korth & * *Fussel Das Calluna+-Logo am Ende einer Geschichte signalisiert Ihnen, dass Sie diese Geschichte auch im Internet finden, angereichert mit weiteren Bildern und teilweise auch mit Karten oder Videoclips. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass dieses kostenfreie Zusatzangebot unseren Abonnenten und Anzeigenkunden vorbehalten ist. Wenn Sie Abonnent sind, schicken Sie uns bitte eine E-Mail mit Ihrem Namen und Ihrer Abo-Nummer, die Sie auf Ihrer Abo-Rechnung finden, an die Adresse plus@calluna-magazin.de, und Sie erhalten von uns den Link zu Calluna+. Sie haben noch kein Calluna-Abo? Kein Problem, schicken Sie einfach eine E-Mail mit ihrer Adresse an abo@calluna-magazin.de. Bei allen neuen Abonnenten bedanken wir uns mit zwei Freikarten für das Museumsdorf Hösseringen. + Calluna 3

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IMPRESSUM NATURGESCHICHTEN Das Südheide-Magazin Calluna erscheint vierteljährlich im Verlag Gifhorn · Oerrel · Uelzen HERAUSGEBERINNEN Merle Höfermann, Inka Lykka Korth REDAKTION Inka Lykka Korth (verantwortlich) inka.korth@calluna-medien.de Christine Kohnke-Löbert christine.kohnke@calluna-medien.de AUTOREN Marion Korth, Niels Tümmler LAYOUT Inka Lykka Korth ANZEIGENGESTALTUNG Friederike Kohnke friederike.kohnke@calluna-medien.de ANZEIGENVERKAUF Jennifer Mallas (verantwortlich) jennifer.mallas@calluna-medien.de Werner Remus werner.remus@calluna-medien.de Susanne K. Knöpfle / telemotion susanne.knoepfle@calluna-medien.de DRUCK MHD Druck und Service GmbH, Hermannsburg AUFLAGE 12.500 Exemplare ABO ҃JAHRESBEZUGSPREIS 10,- Euro inkl. Porto und Versand REPRODUKTIONEN jeglicher Art, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlags. KLIMA҃ UND UMWELTSCHUTZ Calluna wird mit mineralölfreien Druckfarben auf hochwertigem Recyclingpapier gedruckt, das mit dem Umweltsiegel Blauer Engel ausgezeichnet ist. Die beim Druck freigesetzten Treibhausgase werden durch Investitionen in zertifizierte Klimaschutzprojekte kompensiert. Ehrenamtliches Engagement für den Garten der Bäume MARION KORTH / Text INKA LYKKA KORTH / Fotos Print kompensiert Id-Nr. 1656812 www.bvdm-online.de K KONTAKT www.calluna-magazin.de CallunaMagazin REDAKTION redak ঞon@calluna-magazin.de Telefon 0 58 32/97 98 40 ANZEIGENABTEILUNG anzeigen@calluna-magazin.de Telefon 0 58 32/97 99 38 Telefax 0 58 32/97 98 41 BÜRO GIFHORN Steinweg 3 · 38518 GiAorn Telefon 0 53 71/555 06 BÜRO ISENHAGENER LAND Oerreler Dorfstraße 22 29386 Dedelstorf-Oerrel Tel. 0 58 32/97 98 40 BÜRO UELZEN Gartenstraße 16 29525 Uelzen Tel. 05 81/97 39 20 71 Ihr Partner für alles rund um den Druck Damit unser Klima geschützt wird, drucken wir auf Wunsch CO2-neutral auf FSC®-, Recycling- und diversem anderen Papier. Zusätzlich setzen wir Bio-Farbe ein, drucken alkoholreduziert, verwenden chemielose Druckplatten und beziehen Öko-Strom. Die hohe Nachfrage nach herkömmlichen Papieren führt zu einer Suche nach umweltfreundlicheren Alternativen, wie dem Stein- oder Graspapier. Diese Papiere setzen ganz neue Maßstäbe in puncto umweltfreundliches Papier. Probieren Sie es gemeinsam mit uns aus. Wir stehen Ihnen zur Seite. MHD Druck und Service GmbH Harmsstraße 6, 29320 Hermannsburg Telefon: 05052 | 9125-0, Telefax: 05052 | 9125-22 info@mhd-druck.de, www.mhd-druck.de Südheide-Schau MHD-Umweltsong eine Musik, kein Bratwurstgeruch, kein Karussell, dafür Vogelgezwitscher, Rosenduft und Bäume, Bäume, Bäume. Das Arboretum in Melzingen bei Ebstorf ist, was die Besucherzahl angeht, nach dem Museumsdorf Hösseringen die größte Touristenattraktion in der Gegend, um die 10 000 Besucher kommen jedes Jahr, um sich von der besonderen Atmosphäre bezaubern zu lassen, um die Vielfalt der Natur zu bestaunen. »Ein wunderschöner Ort«, sagt Dieter Hestermann. Trotzdem hat er sich ein Jahr Bedenkzeit genommen, bevor er sich auf die große Aufgabe, die damit verbunden ist, einzulassen. »Stiftungsvorstand« hört sich gut an, bedeutet vor allem aber viel (ehrenamtliche) Arbeit. Ein halbes Jahr habe er auf dem Dach eines Gebäudes verbracht, um es zu reparieren. »Das gehört eigentlich nicht zu meinen Aufgaben«, sagt Hestermann und lacht. Aber schließlich geht es darum, dass Lebenswerk der Christa von Winning zu bewahren. Das geht hart an die Grenze dessen, was ehrenamtlich zu stemmen ist. Das Kapital der Stiftung ist einzig und allein der Garten, den sie hinterlassen hat. An die 800 verschiedene Bäume und Gehölze aus allen Teilen der Erde hat sie über die Jahrzehnte zusammengetragen. Noch zu ihren Lebzeiten war das Arboretum, das kleinste Deutschlands, in eine gemeinnützige Stiftung überführt worden. Rettung in letzter Minute, gab es doch schon Überlegungen, die 17000 Quadratmeter als Bauland zu nutzen. Hestermann und eine kleine, unermüdliche Schar ehrenamtlicher Mitstreiter wachen nun über das Wohl von Blumenhartriegel, Duftesche und Mammutbaum, werben um Unterstützer und Besucher, mähen Rasen, planen Neupflanzungen, betreuen das Kassenhäuschen. Zum Glück gibt es auch immer wieder finanzielle Unterstützung – von Gönnern, der Gemeinde, den 106 Mitgliedern des Fördervereins. »Insgesamt sind wir mit der Entwicklung sehr zufrieden«, sagt Jörg Tilly. Der frühere Schul- und Kulturamtsleiter beim Landkreis Uelzen hatte früher schon beruflich Berührung mit dem Arboretum, jetzt im Ruhestand setzt er sich ehrenamtlich dafür ein. Während andere Touristenziele unter Besucherschwund leiden, konnte sich das kleine Arboretum, obwohl es so gar nicht marktschreierisch ist, auf konstant hohem Niveau behaupten. Immer ist damit ein kleiner Kampf verbunden, an einer Stelle hat sich der Zaun verabschiedet, ihn zu ersetzen, wurde jedoch erst einmal verschoben. »A, weil uns das Geld fehlt und b, weil uns die Arbeitskräfte fehlen«, sagt Hestermann. Mittlerweile hat er sich daran gewöhnt, den Mangel zu managen, umso mehr, weil vieles richtig gut läuft. Auch wenn sie nur in Teilzeit beschäftigt werden können, sind die beiden angestellten Gartenmitarbeiterinnen ein echter Segen. Sie sichern die Kontinuität, die es braucht, um einen so großen Garten zu pflegen. Wo sie nicht hinkommen, ist Wildwuchs erlaubt, das war schon zu Christa von Winnings Zeiten so. Und darum gehe es ja schließlich: »Die Seele dieses Gartens«, sagt Hestermann. Zu akkurat darf es einfach nicht sein. Um die Wiese, deren Gras mit Hahnenfuß durchsetzt ist, hat er mit dem Rasentraktor einen Bogen gemacht. »Es blüht gerade so schön.« Kein Wunder, dass sich 4 Calluna

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NATURGESCHICHTEN verliebte Paare genau an diesem romantischen Ort das JaWort geben möchten. Das Arboretum ist ein kleines Wunderland, das in lehmigem Sand wurzelt, das immer schon Licht, Wasser, Liebe und Tatkraft zum Wachsen brauchte. Das Haar zurückgekämmt, ein Gesicht, das einen wachen Geist und Willensstärke ausdrückt, so schaut sie noch heute in ihren Garten. Die Büste im Eingangsbereich beim Café erinnert an diese Frau, die kantig und sperrig war, nicht bei allen beliebt, deren Schaffenskraft jedoch uneingeschränkten Respekt, ja Bewunderung verdient. Im Juli 2012 ist Christa von Winning im Alter von 100 Jahren gestorben. Geschenkt worden ist ihr nichts. »Sie hat sich durchgebissen«, sagt Tilly. Schon als junge Frau, als die Tochter eines Arztes sich gegen ihren Vater durchsetzte und auf eine Ausbildung als Gärtnerin bestand. 1933 heiratete sie Heidolf von Winning, zog vier Kinder – alles Mädchen – groß. Der Krieg zerstörte auch ihr Leben, die bis dahin in Bad Saarow am Scharmützelsee gewohnt hatte. Zum Kriegsende, 1945, blieb der Familie nur die Flucht vor den heranrückenden Russen. Christa von Winning, ihr im Krieg verletzter Mann und die vier kleinen Mädchen machten sich in Begleitung der beiden Hunde auf den Weg nach Westen. Im Rucksack hatte Christa von Winning einen Kirschapfel dabei. Als sie ihn in Melzingen angekommen pflanzte, markierte sie damit auch symbolisch den Neuanfang. Alle Last ruhte auf ihren Schultern. Hilfe von ihrem Mann konnte sie nicht erwarten, er war Offizier gewesen. »Sehr charmant, ein wundervoller Tänzer, aber die Arbeit war nicht für ihn gemacht«, sagt Tilly. Christa von Winning besann sich auf das, was sie gelernt hatte: baute Obst und Gemüse an, um es auf dem Markt zu verkaufen und damit ihre Familie zu ernähren. Immer neue Flächen pachtete sie hinzu und bewirtschaftete sie. Anfangs zog ein Esel den Karren zum Markt, später ein Pony und dann ein Auto. Ihre Pflanzensammlung wuchs und wuchs. Von überall her ließ sie sich Samen schicken, unternahm an die 70 Gartenreisen. Sie habe das Talent gehabt, dass alles, was sie pflanzte, auch anwuchs. »Man sagte, wenn sie einen Besenstiel in die Erde steckt, dann schlägt der aus«, erzählt Tilly. Gut, den »Besenstielbaum« haben wir auf unserem Rundgang nicht gesehen, aber so fremde Pflanzengeschöpfe wie den Borstigen Flügelstorax, die Fadenzypresse, die Amerikanische Gleditschie, Schicksalsbaum, Elegante Ulme oder auch den Riesigen Blasenbaum. »Ja, wir haben hier so manche Schätze«, sagt Hestermann. Vom Taschentuchbaum wachsen seines Wissens nach nur drei oder vier Exemplare in Deutschland, einer davon in Melzingen. Am beeindruckendsten aber ist wohl der Mammutbaum. Mit seinen 60 Jahren ist er eigentlich noch ein Säugling, schließlich können Exemplare seiner Art 2500 Jahre alt werden, doch schon jetzt braucht es mindestens fünf Mann, um seinen Stamm zu umfassen. In diesem Baum zeigt sich sinnbildhaft, was aus einem kleinen Samenkorn entstehen kann. Das Arboretum mit seiner Geschichte ist Zeitzeugnis und Wunderland in einem. Ja, wir können Dieter Hestermann nur zu gut verstehen, wenn er sagt: »Ich gehe hier durch und genieße die Ruhe und die Vögel. Es macht Spaß, sich hierfür zu engagieren.« Es ist Zeit, Abschied zu nehmen. In meinem Notizbuch raschelt es. Fast hätte ich es vergessen: Dieter Hestermann und Jörg Tilly haben mir ein Stück Rinde der Papierbirke mitgegeben, als kleine Erinnerung und Gedankenstütze für diese Zeilen. INFO www.arboretum-melzingen.de + 6 Calluna

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SOMMERGESCHICHTE AschauTeiche Natürlich campen FAMILIE KÖRDING SETZT AUF ÖKO CHRISTINE KOHNKE-LÖBERT / Text / Fotos FRIEDERIKE KOHNKE / Fotos lles begann damit, dass die Westerweyher in den 1950er Jahren ein eigenes Schwimmbad haben wollten. Und weil sie eine zupackende Art haben, zögerten sie nicht lange und begannen mit der Anlage eines kleinen Bades am Westerweyer Bach. Die ersten Gastarbeiter Uelzens – damals noch Fremdarbeiter genannt – halfen bei der Arbeit. Die Anlage war denkbar einfach: vier Betonwände. Einen festen Boden hatte das Schwimmbad nicht, aber die Westerweyher waren trotzdem mächtig stolz darauf. Es entstanden ein Kassenhäuschen und die Umkleidekabinen und eine große Liegewiese auf dem grünen Gelände zwischen Festplatzweg und Waterbusch. Den Ort hatten sie gut gewählt, denn noch heute ist das Fleckchen am Wasserbusch besonders idyllisch. »Man sagt, dass alle Westerweyher Kinder hier schwimmen gelernt haben«, erzählt Thomas Körding und holt einen frischen Cappuccino aus dem Bioladen mit Post, Imbiss und Café. Den gab es damals natürlich noch nicht, ebensowenig wie den Öko-Zeltplatz Uhlenköper-Camp. Weil die Stadt Uelzen in den 1980er Jahren noch Geld in den Kassen hatte, entschlossen sich die Stadtväter dazu, hier einen Campingplatz zu bauen. Ein Landschaftsarchitekt entwarf die großzügige Anlage, die in ihrer Form noch heute zu erkennen ist. Hinzu kam ein neues kleines Chlorschwimmbad. Als das Geld knapper wurde, gab die Stadt Uelzen den Campingplatz in private Hände. »Im Jahr 2001 haben meine Eltern den Campingplatz übernommen und sich damit einen großen Wunsch erfüllt«, erinnert sich Thomas Körding. Seine Eltern Gertrud und Dieter waren zu dieser Zeit keine jungen Berufsanfänger mehr. Sie lebten damals in Osnabrück, in einem Haus, das Ihnen, als ihre drei Kinder eigene Wege gingen, recht groß und leer vorkam. Zudem musste Dieter Körding aus gesundheitlichen Gründen seine Arbeit aufgeben. »Es stand die Frage im Raum, wie es weitergehen soll«, erzählt Sohn Thomas. Als begeisterte Camper überlegten sich die Beiden, noch einmal neu zu beginnen und das Urlaubsvergnügen zu ihrer täglichen Arbeit zu machen – ein Traum, den sie immer wieder geträumt hatten. Sie sahen sich also nach einem geeigneten Campingplatz um – und in Uelzen wurden sie fündig. »Die Entscheidung fiel ihnen sehr leicht, weil es hier so schön ist,« sagt Thomas Körding. So wurde das Haus in Osnabrück verkauft, und die Familie siedelte in die Südheide um. Die Großeltern kamen auch mit, ebenso Tochter Michaela. Sohn Thomas, der damals noch Offizier bei der Bundeswehr war und sich um den Geschäftsplan kümmerte, folgte als Nachzügler. Ein richtiges Gemeinschaftsvorhaben eben. A 8 Calluna

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SOMMERGESCHICHTE Zum Längerbleiben: die große und die kleine Jurte. Schaukelpferd und Sonnenfleck: Elaine Luna in ihrer Jurte. Friederike probiert die Schlummertonne aus. Alina wohnt mit ihren Töchtern Mayla Momo und Elaine Luna in der großen Jurte. Calluna 9 Foto: Lukas Löbert

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SOMMERGESCHICHTE Entdecker-Bus 2016 10 Jahre HeideRegion Uelzen ... der kostenlose Fahrrad-, Wander-, Freizeitbus ! Jeden Freitag, Samstag, Sonntag 4 Fahrten täglich, von 10.00 - 19.00 Uhr 3 Ringbuslinien mit Fahrradanhänger vom 3. Juni bis 3. Oktober 2016 Herzogenplatz 2, 29525 Uelzen Tel. (05 81) 7 30 40 info@heideregion-uelzen.de www.heideregion-uelzen.de HEIDEREGION UELZEN Familie Körding, die ihr eigenes Leben aus Überzeugung nach ökologischen Grundsätzen ausgerichtet hatte, beschloss, dies auch für den gesamten Campingplatz zur Grundlage zu machen. »Das ging natürlich nicht auf einmal, sondern wir haben Stück für Stück daran gearbeitet«, erinnert sich Thomas. Auf dem Weg begleitet wurden sie von der Organisation Ecocamping, die sie auch auf die Zertifizierung vorbereitete. »Der ganze Platz wurde durchleuchtet, angefangen vom Licht, übers Wasser- und Energiesparen bis hin zu den Grünanlagen, dem Laden und der Mülltrennung.« Heraus kam ein umfassendes Erneuerungsprogramm, in dessen Mittelpunkt zunächst der Umbau des Schwimmbades stand. Die alte Anlage wurde komplett abgerissen und durch ein Naturfreibad ersetzt. Eine Pflanzenkläranlage und Bodenfilter aus Vulkangestein sorgen nun für die Reinigung des Wassers, das in einem stetigen Kreislauf abgesaugt, gefiltert und wieder zugeführt wird. Auch die Außenanlagen wurden unter die Lupe genommen. »Es sieht jetzt vielleicht nicht ganz so ordentlich aus, wie man das gewohnt ist, dafür werden aber keinerlei Spritzmittel eingesetzt«, so Thomas Körding. Ehrlich gesagt, beim Blick ringsum kann man als Gast von Unordnung nicht so viel entdecken. Scheinbar braucht es gar kein Gift, um Beete, Wege und Wiesen sauber zu halten. Die zweite ganz große Aufgabe war die Umstellung des Ladens. Schritt für Schritt verschwanden die konventionellen Waren aus den Regalen. Dafür werden hier jetzt Bioprodukte aus der Region verkauft. »Der so ziemlich letzte Punkt war das Eis«, erzählt Gertrud Körding, die im Laden den Hut auf hat. Es gibt nämlich kein Bio-Eis aus der Region, und da musste auf einen anderen Anbieter zurückgegriffen werden. Den Anstoß dazu gaben die Gäste. »Unsere Gäste weisen uns manchmal auf Dinge hin, an die wir gar nicht gedacht haben. Es sind so viele Kleinigkeiten, die man ändern kann«, so Gertrud Körding. Auch der im Landkreis Uelzen ansässige Verein ÖkoRegio habe viele Impulse gegeben. Mit der Umstellung haben Kördings gute Erfahrungen gemacht. Ihre Gäste sind ihren Weg mitgegangen, auch, weil sie ihnen Zeit gegeben haben, sich darauf einzustellen. Viele Camper kommen jetzt aber auch gezielt zu ihnen, weil sie Wert auf einen sorgsamen Umgang mit der Natur legen und dies auch in ihrem Campingurlaub so halten möchten. Rund um den Campingplatz bietet Familie Körding viele Freizeitaktivitäten an. Natürlich können immer noch alle Westerweyer Kinder zum Schwimmen herkommen, denn das Bad ist nicht nur für die Campingplatz-Gäste da. Außerdem kann man sich Kanus ausleihen, an Geocaching-Touren teilnehmen oder Fahrräder mieten. Für Familien gibt es als besonderen Spaß das Conference-Bike, ein Fahrrad für sieben – einer lenkt und sieben treten in die Pedale! Wer möchte, kann sogar Bogen schießen lernen. Ach ja, und Toben ist erlaubt. Es gibt viele Spielangebote für Kinder und sogar einen kleinen Streichelzoo. Kaninchen und Meerschweinchen sind hier ebenso zuhause wie die beiden dicken Hängebauchschweine Tim und Taler. Die lassen sich von neugierigen Gästen selten aus der Ruhe bringen und genießen lieber die Sonne auf dem Bauch. Wenn sie sich nicht gerade im Matsch suhlen oder im Bach baden. Manchen Menschen gefällt es bei den Uhlenköpern so gut, dass sie sich für längere Zeit hier einquartieren. So wie Alina mit ihrem Freund und den Töchtern Mayla Momo und Elaine Luna. Die vier wohnen in der großen Jurte. »Wir sind im April hier 10 Calluna

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SOMMER AUSFLUGS E҃MOBILITÄT GESCHICHTE ZIEL Aus luftiger Höhe: Lukas Löbert war mit dem Trikopter auf dem Campingplatz und hat Luftbilder gemacht. Fa m ilie n u nte r n e h m e n: Michaela, Gertrud, Dieter und Thomas Körding. Badespaß: Alina testet die Wasserrutsche. Die Kaninchen freuen sich über kleine Gäste. Hängebauchschwein Tim macht ein Nickerchen. Gertrud Kördnings Reich: Bio und regional sind die Waren im Camping-Laden. Zu kalt zum Baden? Dann wird der »Wärmebottich« in Gang gesetzt. Sylvio will noch weiter – bis nach Finnland. Ein Molch im klaren Wasser des Klärbeckens. Momo, Christine und Friederike üben mit dem Conference-Bike. Das lieben Kinder: Mal richtig Matsch machen ... ... oder im Tipi schlafen. Calluna 11

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SOMMERGESCHICHTE Bauerncafé täglich ab 14:00 Uhr geöffnet! Dienstags Ruhetag Selbstgebackene Torten und Kuchen Kaffee-, Tee- und Eisspezialitäten Mittagstisch für Gruppen nach Anmeldung Hochzeitskutsche und Ausrichtung der Feier Hauptstraße 28 29394 Lüder Kutsch- und Planwagenfahrten Tel. 05824/96500 durch das Naturschutzgebiet „Lüder Bruch“ Fax 05824/965050 und zur Heideblüte in die Bodenteicher Heide service@bauernhofhotel.de Streicheltiere und Kinderspielplatz www.bauernhofhotel.de Familienfeierlichkeiten aller Art Aus der Vogelperspektive: Zwischen Festplatzweg und Waterbusch liegt, umgeben von Wald und Wiesen, das Uhlenöper-Camp. Hier sind der Eingangsbereich und ein Stück vom Spielplatz zu sehen. Rustikaler Grillwagen Hotel - Ferienwohnung - Heuhotel eingezogen, weil wir mit unseren Kindern so freundlich aufgenommen wurden und weil es uns hier so gut gefällt«, erzählt Alina. Die junge Familie brauchte einen Platz, nachdem sich ihre Wohngemeinschaft auf einem alten Bauernhof aufgelöst hatte. Irgendwann soll es vielleicht wieder ein Bauernhof werden, aber jetzt möchten sie erst einmal eine Weile in der Jurte bleiben. Sie haben auf dem Gelände sogar Platz gefunden, um eigenes Gemüse anzubauen. »Wir möchten naturnah leben und viel Zeit miteinander verbringen«, sagt Alina, während sie der Schaukel, auf der die kleine Mayla sitzt, einen Schubs gibt. Die große Schwester Elaine zeigt, dass sie das schon ganz alleine kann. Und während Mayla es gar nicht toll findet, dass die Drei vom Spielplatz nun zurück zur Jurte gehen, eilt Elaine eifrig vorneweg, um den Gästen ihr Zuhause zu zeigen. »Das ist unsere Sonne«, sagt sie mit Blick auf die hellgelbe Papiersonne, die von der Zeltwand baumelt. Dann hopst sie fröhlich um den kreisrunden Lichtfleck, den die richtige Sonne von oben in die Jurte schickt. Wer keine Lust hat, abends noch ein Zelt aufzubauen, kann seit Neuestem in der Schlummertonne nächtigen. Die runden Campingfässer bieten – man glaubt es kaum – Platz für vier Personen. Für Kindergruppen stehen Tipis bereit. Wer gerne einmal einen Kindergeburtstag mit Lagerfeuer und gemeinsamer Übernachtung feiern möchte, ist hier richtig. Und wer nun gar nicht mehr weg oder einmal auf dem Campingplatz den Winter erleben möchte, der kann sich im Mobilheim einquartieren. Hier ist es warm und gemütlich wie in einem richtigen kleinen Haus. Für Backpacker wie Sylvio kommt das natürlich nicht infrage. Der 34-Jährige hat sich eine Auszeit verordnet, ist auf Wanderschaft in Richtung Norden. Vier Wochen ist er schon unterwegs und legt nun einen Zwischenstopp in Westerweyhe ein. »Ich bleibe noch einen Tag länger«, meint er, »weil es hier so nett ist. Genau richtig zum Entspannen.« Den Winter möchte er bei einem Kumpel in Finnland verbringen. Na, hoffentlich muss er dann nicht in seinem kleinen Zelt übernachten … + 12 Calluna

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AUSFLUGSTIPP Ländliches Wohnen und Arbeiten in der Lüneburger Heide – das ist das Thema des Museumsdorfes Hösseringen. Mit Calluna ins Museumsdorf Hösseringen m Landtagsplatz des ehemaligen Fürstentums Lüneburg können Sie auf dem in malerischer Heidelandschaft gelegenen, zehn Hektar großen Freigelände 26 typische Bauten der Lüneburger Heide entdecken – vom imponierenden Hallenhaus des Brümmerhofes über Wagenremise und Feuerwehrhaus bis hin zum freistehenden Plumpsklo. In den Gebäuden wird das ländliche Wohnen und Arbeiten der Zeit von 1600 bis 1950 in der Heide dargestellt. Die Dauerausstellungen zu Imkerei, Schafhaltung, Spinnen, Weben und Schmieden sowie eine Sägerei und Stellmacherei veranschaulichen ländliche Arbeitsbereiche. Bäuerliche Hausgärten, ein Dorfteich mit Enten und Gänsen, Schweine im Auslauf am Schweinestall und Schnucken auf der Heidefläche vervollständigen das ländliche Bild. In der großen Ausstellungshalle sind wechselnde Ausstellungen zur Kulturgeschichte der Lüneburger Heide zu sehen, und bei den zahlreichen Veranstaltungen erhalten Sie einen lebendigen Einblick in das Landleben anno dazumal. Das Veranstaltungsprogramm des Museumsdorfes Hösseringen (Telefon 0 58 26/17 74) finden Sie unter www.museumsdorf-hoesseringen.de. Das Museumsdorf Hösseringen und das Südheide-Magazin Calluna – das sind zwei, die gut zusammenpassen. Beide zeigen Ihnen die schönsten Seiten des Landlebens. Damit Sie künftig keine Ausgabe Ihres Südheide-Magazins mehr verpassen, sollten Sie Calluna abonnieren. Sie müssen dann nicht mehr befürchten, kein Heft mehr abzubekommen, weil es bereits vergriffen ist. Als Abonnent(in) erhalten Sie Calluna alle drei Monate druckfrisch ins Haus geliefert. Das Magazin bekommen Sie gratis. Sie zahlen lediglich eine jährliche Versandkostenpauschale von 10 Euro. Als Begrüßungsgeschenk erhalten Sie zusammen mit dem ersten Heft Ihres Abos zwei Eintrittskarten für das Museumsdorf Hösseringen. Calluna im Paket mit den Eintrittskarten ist selbstverständlich auch als Geschenk-Abo für Ihre Freunde oder Verwandte erhältlich. Wenn Sie das Südheide-Magazin abonnieren möchten, schicken Sie bitte eine E-Mail mit ihrer vollständigen Adresse an abo@calluna-medien.de oder rufen Sie uns an (Telefon 0 53 71/5 55 06). Die Laufzeit des Abos beträgt zwei Jahre (acht Hefte). Danach können Sie das Abonnement unbegrenzt weiterlaufen lassen oder es jederzeit formlos kündigen. A + KLOSTER ISENHAGEN Calluna 13

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STREIFZÜGE Momo auf dem Weg in die Wierener Berge. WIR WANDERN NACH KLEIN LONDON UND WEITER IN DIE WIERENER BERGE CHRISTINE KOHNKE-LÖBERT / Text / Fotos ls das Eis der Saale-Eiszeit unsere Region überzog, brachte es jede Menge Steine und Sand aus dem Norden mit sich. Das Eis ist natürlich längst verschwunden, seine landschaftsformende Wirkung ist aber auch heute noch überall in der Region ablesbar. Dort, wo die Ausläufer der gewaltigen Eismassen zum Stehen kamen, wurden große Schuttmassen abgelagert, der sogenannte Endmoränenwall. Ein Teil dieses Walles sind die Wierener Berge, deren höchster Punkt, der Hohe Berg, 136 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Für uns im flachen Norddeutschland ist das eine ganz ordentliche Höhe. A Noch um 1900 waren die Wierener Berge von Heide bedeckt, heute laden lichte Kiefernwälder zu einer Wanderung durch die Landschafts- und Naturgeschichte der Lüneburger Heide ein. Wir starten in Nettelkamp am Fuße des Höhezuges. Zwei Kirchen prägen das Ortsbild des kleinen Heidedorfes am Bornbach. Um 1519 wurde die Kirche St. Martin auf den Resten einer alten Feldsteinkirche errichtet und in den 1870er Jahren kam die Christus-Kirche der Selbstständigen Evangelischen Kirche hinzu. Der charismatische Pfarrer Ludwig Harms, Begründer der Hermannsburger Mission, hatte auch in unserer Region viele Menschen begeistert, und es entstanden mehrere eigenständige Kirchengemeinden. So auch in Nettelkamp. 14 Calluna

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STREIFZÜGE Auf dem Weg von der Kirche St. Martin durch den Ort kommen wir am Elbershof vorbei, wo wir den Schweinen in ihrem Pferch einen kurzen Besuch abstatten. Diese nehmen allerdings wenig Notiz von den neugierigen Besuchern und genießen ihr Nickerchen im Stroh. Nun geht es weiter nach Klein London – eine kleine Splittersiedlung, die nur wenige Häuser umfasst. Eine Anekdote erzählt, dass ein Soldat der Hannoverschen Dragoner nach England versetzt werden sollte. Er wollte aber lieber in der Lüneburger Heide bleiben. Deshalb quittierte er seinen Dienst und baute sich nicht weit von Nettelkamp ein Haus. Wenn ihn Leute aus Nettelkamp besuchten, sagten sie »Wir gehen nach Klein London«. In Wahrheit ist der Ort aber erst nach dem Ersten Weltkrieg entstanden und sein Name war eigentlich eine Scherzbezeichnung, die dann haften geblieben ist. Die Heidefläche in den Wierener Bergen ist hier schon ausgeschildert. Wir machen aber noch einen kurzen Umweg durch den Schapersweg, wo sicher einmal eine Schäferei angesiedelt war, und kommen an einer baumbestandenen Pferdeweide vorüber. Nicht weit von hier hat der Bornbach seine Quelle. Schon kurz, nachdem wir Klein London verlassen haben, werden wir mit dem Erbe der Eiszeiten konfrontiert: Endlose Sandwege führen in die Höhe. Beim Wandern ist hier festes Schuhwerk empfohlen, auch bei gutem Wetter. Hier also kamen die Eismassen zum Stehen. Die Saale-Eiszeit dauerte etwa von 235.000 bis 125.000 Jahren vor heute, eine unvorstellbar lange Zeit der Kälte und Kargheit. Einzelne Gletscherzungen, die sich nach Süden ausdehnten, stauchten vor sich Höhenzüge aus Sand und Kies auf, so auch die Wierener Berge, die heute als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen sind. Die Böden der Wierener Berge sind arm an Nährstoffen und keine guten Wasserspeicher. Auf Grundwasser stößt man erst in etwa zehn Metern Tiefe. Die hier vorkommenden Pflanzen sind an das Überleben von Trockenzeiten angepasst. Hauptkonkurrent der Besenheide ist Gras, zum Beispiel die Drahtschmiele. Ihre rötlichen Stängel werden bis zu 60 Zentimeter hoch. Mit ihren langen Wurzeln kommt die Drahtschmiele auch an tiefere Feuchtigkeitszonen. Der Stickstoffeintrag durch modernes Düngen befördert ihren Wuchs, was zu einer starken Konkurrenz zum Heidekraut in den wenigen verbliebenen Heideflächen führt. An lichten Stellen sind die Böden der offenen Kiefernwälder von Flechten und Moosen bedeckt. Flechten sind die Pioniere pflanzlichen Lebens und besiedeln sogar Standorte mit extremen Bedingungen. Sie gedeihen auf trockenen Mineralböden, an Baumrinden und sogar auf Steinen. Ihre silbrigen Polster auf den Böden, die große Ausmaße annehmen können, werden Rentierflechten genannt. Zu den Flechten gesellen sich in den Wierener Bergen die Moose, echte Oldtimer unter den Pflanzen. Sie stammen noch aus der Zeit, als vor etwa 300 Millionen Jahren die Pflanzen das Wasser verließen, um das Land zu erobern. Auch Moose können extreme Witterungsverhältnisse wie lange Trockenzeiten und tiefe Temperaturen gut überstehen. Hier auf den Sandböden gedeihen das ZypressenSchlafmoos, das Rotstengelmoos und Widertonmoos. Alle drei Arten sind Anzeiger für saure Böden. Auf der Hochebene erreichen wir eine ausgedehnte Heidefläche. Sie wird vom Naturschutzbund gepflegt und ist rund zwölf Hektar groß. Heideflächen sind durch das Tun des Menschen entstanden, der die Urwälder rodete, um Viehweiden und Ackerflächen anzulegen und das Holz zu nutzen. Schon in der Bronzezeit und im Mittelalter gab es größere Heideflächen. Ihre größte Ausdehnung aber hatten die Heideflächen im 18. Jahrhundert. Auch die Wierener Berge waren früher von Heide bedeckt. Wacholder gibt es hier allerdings nicht, denn mehrere Waldbrände um 1900, 1944 und 1945 vernichteten die gesamten Bestände. Hier oben lebt der seltene Ziegenmelker, ein Bodenbrüter, der seine Eier einfach auf dem nackten Boden ablegt. Sein merkwürdiger Name entstand, weil der Vogel früher bei Nacht die Schaf- und Ziegenherden in der Heide umschwärmte, um Insekten zu fangen. Wegen seines breiten Rachens nahm man an, dass er die Ziegen melkt. Der Ziegenmelker gehört zu den bedrohten Tierarten, sein Lebensraum ist in den vergangenen Jahren immer kleiner geworden. Über die Heideflächen der Wierener Berge zog sich früher ein Netz von Sandwegen, das die Dörfer miteinander verband. Auf den unbefestigten Wegen mussten sich die Fuhrwerke die jeweils beste Spur suchen, so dass die Wege oft sehr breit waren. Diese breiten Schneisen bilden heute einen Schutz vor der Ausbreitung von Waldbränden. Eine solche Schneise nehmen auch wir für den Rückweg, der uns in die Niederung und wieder nach Klein London und Nettelkamp führt. + Einst waren die vorwiegend mit Kiefern bewaldeten Wierener Berge von Heide bedeckt. Heute gibt es dort immerhin noch eine rund zwölf Hektar große Heidefläche. Wandern mit Calluna Eine geführte Rundwanderung von Nettelkamp über die Wierener Berge bietet Calluna-Redakteurin Christine Kohnke-Löbert am 9. Juli und am 13. August, jeweils ab 11 Uhr an. Die Wanderung dauert etwa drei Stunden und erstreckt sich über rund neun Kilometer. Am Schluss der Wanderung gibt es ein Picknick im Freien. Die Kosten betragen 15 Euro pro Person inklusive Picknick. Über Anmeldungen freut sich Christine Kohnke-Löbert im Uelzener Calluna-Büro unter der Telefonnummer 05 81/97 39 20 71 oder der E-Mail-Adresse christine.kohnke@calluna-medien.de. Calluna 15

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