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Ausgabe 2-2016

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Ausgabe 2 – 2016 das magazin vom m|c Hier geht’s zur Sache Fußball abseits der Millionen

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m unterwegs Foto : Sabine Bouaraba Das m eignet sich hervorragend als Reiselektüre. Wo dieses Heft überall gelesen wird, sehen Sie auf dieser Seite. Tokyo zur Kirschblütenzeit erleben, ist traumhaft. Sabine Bouaraba reiste ins ferne Japan und besuchte unter anderem den Kanji-Tempel im Ueno-Park. Immer mit dabei die neuste Ausgabe des m (auch praktisch auf dem Tablet, zum Runterladen auf www.martinsclub.de/m). Titelfoto: Nico Oppel

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m, guten Tag! Liebe Leserinnen, liebe Leser, das Sprichwort „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“ klingt eigentlich ziemlich abgedroschen. Wirft man einen Blick auf die nahe Vergangenheit, scheint es dennoch Gültigkeit zu besitzen. Erinnern wir uns zum Beispiel an den Abgasskandal um den deutschen Vorzeige-Autobauer VW oder die Manipulationsvorwürfe rund um die WM 2006 in Deutschland. Hier kommt besagtes Sprichwort wieder zum Zuge – nicht immer ist alles so toll, wie es zu sein scheint. Ganz schön enttäuschend. Statt immer wieder zu beobachten, wie bei den Großen der Glanz abbröckelt, konzentrieren wir uns lieber auf die kleineren Dinge, die nicht mit großen Skandalen von sich reden machen. Außerdem: Manchmal passiert das Interessanteste direkt vor der eigenen Haustür. Ein gutes Beispiel ist der Fußball. Jetzt, wo die EM in vollem Gange ist, wird man von allen Seiten mit dem Sport konfrontiert. Auch uns interessiert natürlich der Ausgang des Turniers – aber ein m zur EM? Das passt nicht so richtig zu uns. Wir werfen lieber einen Blick auf das, was jenseits von Profis, Pokalen und Profit im Fußball los ist. Dabei sind wir auf Geschichten gestoßen, bei denen sich das Hinschauen auch ein zweites, drittes, viertes Mal lohnt. Des Weiteren erwartet Sie in dieser Ausgabe der bunte Mix an Geschichten, den Sie von uns gewohnt sind: Wer sorgt eigentlich im ROTHEO dafür, dass das (übrigens sehr leckere) Essen auf dem Tisch steht? Die durchblicker wollen wissen, wie Bier gebraut wird. Wir sind dabei, wenn die Judokas der Werkstatt Bremen sich gegenseitig auf die Matte werfen. Und wie kommt man mit dem Rolli aufs Metal-Festival? Viel Spaß mit vielen spannenden Themen! Ihre m-Redaktion 1

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In dieser Ausgabe 4 Hier geht’s zur Sache Fußball ist ein Millionengeschäft. Fußballspieler sind moderne Gladiatoren, umjubelte Stars, gerade jetzt wieder zur EM. Dabei ist auf den Plätzen so viel mehr los. m schaut, wo der Ball sonst noch rollt. Bei den Werder-Damen zum Beispiel. Oder beim African Football Cup. Und beim Blindenfußball rollt der Ball nicht nur, da rasselt er auch. 18 Kochen ist seine Leidenschaft Wenn Jens Friedrichsdorf ein Küchenmesser oder einen Kochlöffel in der Hand hat, ist er in seinem Element. Als Beikoch zaubert er im ROTHEO täglich Leckerbissen auf den Tisch. Doch der Weg an diesen Herd war weit und beschwerlich, denn lange hatte er mit den Folgen eines Unfalls zu kämpfen. Ein Happy End mit Kirsche auf dem Sahnehäubchen! 34 Lass' krachen! Inklusion muss laut sein, findet Ron Paustian. Er hört am liebsten Heavy Metal und ist oft auf Konzerten unterwegs. Um Rollstuhlfahrern und anderen Menschen mit Beeinträchtigung den Weg durch Open-Air-Schlammwüsten oder auf Konzert-Tribünen zu ebnen, hat er sich mit Gleichgesinnten eine Lösung überlegt: „Inklusion muss laut sein“ macht Musik barrierefrei. 2

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Titelthema Hier geht’s zur Sache – Fußball abseits der Millionen „Mir sind die rauen Spiele lieber“ Fußball geht auch im Sitzen Spannung auf Platz 11 Im Gespräch mit der Werder-Kapitänin 4 10 12 Menschen & Meinungen „Wir sind die Versuchskaninchen“ Zurück am Herd Von der Matte gefegt Inklusion muss laut sein 14 18 20 34 News und Tipps Zwei bedeutende Köpfe Zu Besuch bei … Die durchblicker besuchen die Union-Brauerei Buchrezensionen „Alles außer Ponyreiten“ 16 30 38 40 40 Ganz schön was los im Karton Kneipe war gestern. Heute ist Eventgastronomie angesagt – Cafés und Co., bei denen nicht nur Speisen und Getränke auf der Karte stehen. Wie im Karton in der Neustadt. Ob Impro-Theater oder Repair-Café, ob Konzert oder inklusiver Treff – hier gefällt den Gästen nicht nur der Kaffee. Obwohl der natürlich auch sehr gut schmeckt … Machen Sie mit! Wenn Alkohol zur Sucht wird m|colleg – Fortbildungen Rezept: Blätterteigschnecken 26 28 44 Immer in m Kunstwerk! Malen hilft! Zum Schluss: Safety first … Autoren dieser Ausgabe 23 47 48 3

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Titelthema Text: Benedikt Heche | Fotos: Frank Scheffka 1 2 Hier geht’s zur Sache Fußball abseits der Millionen Fußball ist ein riesiges Geschäft. Ruhm und sportlicher Erfolg sind eng verknüpft mit unvorstellbaren Geldbeträgen, die fleißig ihre Besitzer wechseln. In der Regel gilt: Die Reichen und Mächtigen gewinnen, und wer nicht genug Geld besitzt, bleibt auf der Strecke. Gerne werden Fußballer mit modernen Gladiatoren verglichen. Dieses Bild würde erklären, warum der Sport so viele Menschen in seinen Bann zieht. Jede Woche verfolgen Millionen die Bundesliga, Champions League oder aktuell die Europameisterschaft in den Medien. Dass Fußball aber weitaus mehr zu bieten hat, bleibt häufig unbeachtet. m schaut abseits der großen Stadien. 4

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3 1 Spaß und Respekt stehen im Mittelpunkt des African Football Cups 2 Björn Meyer ist als Schiedsrichter im Rollstuhl unterwegs | 3 Augen zu! Noch kann sich Benedikt Heche nicht vorstellen, wie er sich auf dem Platz orientieren soll | 4 Ohren auf! Wo rasselt der Ball? Nur auf die Ohren verlassen Zack. Die Maske klappt herunter. Alles wird stockfinster. Die Geräusche um mich herum nehme ich jetzt lauter wahr; genau zuordnen kann ich sie jedoch nur schwer. Rollt da ein Ball auf mich zu? Hat da jemand meinen Namen gerufen? Es dauert nur wenige Sekunden, bis ich die Orientierung verloren habe. Wie soll man denn unter diesen Voraussetzungen Fußball spielen? Dass es tatsächlich funktioniert, beweisen die Blindenfußballer des SV Werder Bremen. Richtig gelesen, hier spielen blinde Menschen Fußball. Das Spiel ist dasselbe. Der große Unterschied: Man muss sich komplett auf sein Gehör verlassen. „Die Ohren ersetzen die Augen“, erklärt Niklas Schuster, der heute das Training der Truppe leitet. Der 25-jährige Bremer ist selber deutscher Blindenfußballmeister geworden und weiß daher, wie es geht. Die große Herausforderung besteht in der Vielzahl der Geräusche, die aus verschiedenen Richtungen auf die Spieler einprasseln. Da ist der rollende Ball, der ein lautes Rasseln von sich gibt. Da sind die Spieler, die sich durch die Rufe „HIER“ (Hier stehe ich, spiel mir den Ball zu!) und „VOI“ (Vorsicht, ich komme!) bemerkbar machen. Und da stehen die Trainer an der Seite, die den Spielern verschiedene Richtungskommandos zurufen. Sich in dieser Situation zu orientieren und den Ball im gegnerischen Tor unterzubringen, ist eine Meisterleistung und erfordert Konzentration und viel Training. ¢ 4 5

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Titelthema 1 2 Text: Benedikt Heche | Fotos: Frank Scheffka 1 Niklas Schuster, Deutscher Blindenfußballmeister, trainiert die Fußballer, die sich ganz auf ihre Ohren verlassen 2 Altersgemischt: Jungen und Mädchen zwischen 7 und 19 Jahren treffen sich in der Pauliner Marsch zum Training 3 Die Bande ringsherum und die Netze sorgen dafür, dass der Ball nicht abhaut | 4 Für Thomas Vorberger ist Inklusion im Fußball selbstverständlich 3 6

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„Die Ohren ersetzen die Augen.“ Niklas Schuster, Trainer ¢ Damit ein Spiel für alle Beteiligten unter den gleichen Voraussetzungen stattfinden kann, tragen die Spieler eine Augenblende, ähnlich einer Schlafmaske. Denn auch wenn es Blindenfußball heißt, haben einige Spieler ein geringes Restsehvermögen. Niklas Schuster erzählt, dass besonders auf Menschen mit einer starken Sehbeeinträchtigung der Begriff Blindenfußball eine abschreckende Wirkung hat. „Blind ist endgültig, da wollen sich viele Sehbeeinträchtigte nicht dazuzählen“, so Schuster, der selbst über 10 Prozent Sehvermögen verfügt. „Dabei begegnen sich beim Blindenfußball alle auf demselben Niveau, und es ist eigentlich völlig egal, wie gut oder schlecht man sehen kann. Es laufen ja eh alle blind über das Feld.“ So kicken beim SV Werder auch regelmäßig die sehenden Praktikanten mit. Seit vier Jahren treffen sich die Jungen und Mädchen im Alter zwischen 7 und 19 Jahren jeden Montagnachmittag zum gemeinsamen Training in der Pauliner Marsch. Die Trainingsgruppe ist eine Kooperation zwischen dem SV Werder und der Georg-Droste-Schule, einem Förderzentrum für Sehen und visuelle Wahrnehmung. „Der Werder-Shuttle holt die Schüler direkt von der Schule ab“, berichtet Mannschaftsbetreuer Thomas Vorberger, der von Beginn an dabei ist – ehrenamtlich, versteht sich. Der Frührentner kommt mehrmals pro Woche extra aus Hamburg, um verschiedene soziale Projekte des SV Werder tatkräftig zu unterstützen. Neben den Blindenfußballern betreut er auch die Handicap-Fußballmannschaft, und an den Wochenenden begleitet er Menschen mit Beeinträchtigung ins Stadion zu den Spielen der Profis. „So tue ich wenigstens was Gutes für die Menschen und für meinen Verein. Das ist doch besser, als zu Hause die Füße hochzulegen“, sagt Vorberger schmunzelnd. 4 Ohne Ehrenamt geht nix Thomas Vorberger steht beispielhaft für das große ehrenamtliche Engagement vieler Menschen, ohne das viele Projekte im Fußball nicht realisierbar wären. So rühmt sich der Deutsche Fußballbund damit, dass sich über 1,7 Millionen Menschen ehrenamtlich für den Fußball engagieren. Dieser Einsatz ist natürlich sehr lobenswert, hat allerdings auch einen merkwürdigen Beigeschmack: Besonders vor dem Hintergrund, dass der DFB Millionenbeträge für die Finanzierung der Nationalmannschaft, eine WM im eigenen Land oder den Bau einer neuen Zentrale ausgibt, wundert man sich doch, warum das Gelingen sozialer Projekte im Fußball eigentlich so stark vom Ehrenamt abhängt. An finanziellen Engpässen kann es schließlich nicht liegen. Außerdem wird der DFB ja selber als gemeinnütziger Verein geführt. ¢ Eine Reportage zum Thema Blindenfußball finden Sie auf unserer homepage: www.martinsclub.de/m 7

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Titelthema 1 Text: Benedikt Heche | Fotos: Benedikt Heche, Pan-Afrikanischer Kulturverein 1 Der African Football Cup wird zum fröhlichen Spektakel | 2 Chief Muritala Awolola rief die Veranstaltung ins Leben ¢ Spaß und Respekt Die Unterstützung durch den organisierten Fußball vermisst zuweilen auch Chief Muritala Awolola. Er ist der Gründer des African Football Cups, der seit 2004 jeden Sommer auf den Fußballplätzen vom FC Union 60 Bremen ausgetragen wird. Die Organisation des Turniers erfolgt zu 100 Prozent auf freiwilliger Basis. „Es ist immer eine große Herausforderung, Partner und Sponsoren zu gewinnen“, erzählt der 59-Jährige, „denn damit der African Football Cup stattfinden kann, benötigen wir rund 12.000 Euro.“ Zwar haben die Organisatoren viele Partner an Board; enttäuscht ist man aber vor allem vom Bremer Fußballverband, der die Unterstützung für das Jahr 2016 abgelehnt hat. „Es kommen Tausende Menschen auf den Sportplatz, um die Spiele anzugucken. Es gibt ein extra Turnier, an dem Kinder und Jugendliche aus ganz Bremen teilnehmen. Wie kann das dem Fußballverband egal sein?“, drückt Awolola sein Unverständnis aus. Was mal als kleines Fußballturnier mit fünf Mannschaften begann, ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen. 2015 waren es bereits 12, 2016 werden erstmals 16 Mannschaften am African Football Cup teilnehmen. Wie der Name schon verrät, treten hier verschiedene afrikanische Länder gegeneinander an. Die Spieler wohnen alle in Bremen und Umgebung. Allerdings ist die exakte Herkunft nicht so entscheidend. „Ein Spieler aus Nigeria kann auch für Ghana spielen. Wichtig ist, dass jeder mitspielen darf und keiner ausgeschlossen wird“, erklärt Awolola das Grundprinzip des Cups. Das Prinzip des Miteinanders regiert auch außerhalb des Platzes. Ein multikulturelles Rahmenprogramm sorgt dafür, dass sich der African Football Cup zu einem Volksfest der Begegnung entwickelt hat. Der rasante Zuwachs ist durch die steigende Zahl der Flüchtlinge in Bremen zu erklären. In ihnen erkennt Awolola auch den Grund wieder, warum er vor 13 Jahren den African Football Cup ins Leben rief. „Ich möchte die Menschen vereinen und ihnen helfen, sich in Deutschland zu integrieren“, sagt er und blickt dabei auf seine eigene Immigrationsgeschichte zurück: Er kam 1988 aus Nigeria nach Deutschland. Sport ist für ihn das beste Mittel zur Integration. „Fußball ist eine Sprache die jeder versteht. Außerdem lehrt er die jungen Menschen Respekt und Disziplin“ – Eigenschaften, die für Awolola auch für ein erfolgreiches Leben abseits des Platzes wichtig sind. Einen Bericht über den African Football Cup 2015 gibt es auf unserer homepage: www.martinsclub.de/m 8

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Was heißt das eigentlich? Korruptionsskandale: Korruption ist ein anderes Wort für Bestechung. Wenn z. B. ein Schiedsrichter Geld dafür annimmt, dass er zugunsten einer bestimmten Mannschaft pfeift, lässt er sich bestechen. Wer die Ökonomisierung des Fußballs kritisiert, ärgert sich darüber, dass es vor allem um Geld geht. Entertainment bedeutet Unterhaltung. „Fußball ist eine Sprache, die jeder versteht.“ Chief Muritala Awolola, Gründer des African Football Cups in Bremen 2 Den Blickwinkel erweitern Es ist unrealistisch zu fordern, dass sich der Fußball, so wie man ihn aus dem TV kennt, verändern soll. Das gesamte System dahinter hat sich über Jahrzehnte etabliert und verfügt über eine Macht, die selbst von Korruptionsskandalen, Menschenrechtsverletzungen oder massiver Ökonomisierung unbeeinträchtigt bleibt. Natürlich wird sich das Publikum auch nicht von diesem Sport abwenden, dafür ist der Entertainmentfaktor zu groß. Fußball hat eine extrem emotionale Wirkung auf die Menschen. Er vereint Freude, Trauer, Wut, Liebe und Hass und ist für viele eine ideale Möglichkeit, dem Alltag zu entfliehen. Dennoch bleibt zu hoffen, dass sich der Blickwinkel ein wenig erweitert, damit auch die Geschehnisse abseits der großen Stadien mehr Beachtung finden. Denn klar ist, dass Fußball viel mehr zu bieten hat als das reine Geschäft. Dadurch, dass die Grundregeln leicht zu verstehen sind, hat er ein hohes soziales Potenzial. Er erfüllt sowohl integrative als auch inklusive Maßstäbe, und auch die sportlichen Leistungen sind beachtlich. „Ich hoffe, dass einer der jungen Spieler beim African Football Cup mal Profi wird“, sagt beispielsweise Chief Awolola und vermittelt eine Ahnung, welches Leistungsniveau dort vorherrscht. Und auch Niklas Schuster glaubt man sofort, wenn er berichtet: „Blindenfußball ist eine Mischung aus Eishockey und Fußball, da geht es schon richtig zur Sache!“ ½ 9

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Titelthema Text: Benedikt Heche, Frederike Treu | Fotos: Nico Oppel „Mir sind die rauen Spiele lieber“ Fußball geht auch im Sitzen Bei Fußball ist Beinarbeit gefragt. Aber wie sieht's aus, wenn man nur ein Bein hat? Dann spielt man im Sitzen. Das ist aber bei Weitem kein gemütliches Kaffeekränzchen! Sitzfußballer rutschen über den Boden und zeigen ganzen Körpereinsatz. Gespielt wird in der Turnhalle mit Mannschaften von jeweils sechs Feldspielern und einem Torwart. Alle Spieler haben eine Beinamputation oder eine vergleichbare Behinderung, Prothesen sind allerdings während des Spieles nicht zugelassen. Weil der Sport so anstrengend ist, dauert eine Halbzeit nur 12 Minuten. Doch was macht man, wenn man im Rollstuhl sitzt und dennoch am Fußball teilnehmen will? Richtig, man wird einfach Schiedsrichter. Björn Meyer macht es vor: „Mir sind die rauen Spiele lieber, bei denen der Umgangston auch mal schroffer ist“, sagt Björn Meyer, und zieht eine Gelbe Karte. Der Schiedsrichter ist gerne mal etwas strenger, denn so nimmt er allen, die an seinen Fähigkeiten zweifeln, den Wind aus den Segeln. Der Grund für mögliches Misstrauen: Björn Meyer sitzt im Rollstuhl. „Wenn ich irgendwo hinkomme, sind die Leute erst mal skeptisch.“ Seine Ausbildung hat er in Hamburg beim SC Sternschanze gemacht, in diesem Bezirk wird er auch eingesetzt. Hier pfeift er im Frauenfußball bis zur Landesliga, im Jugendbereich bis zur Bezirksliga. Egal, ob Kunstrasen- oder Hartplatz, er ist mit seinem sportlichen Alltagsrollstuhl überall im Einsatz. Dabei ist es gar nicht so leicht, mit dem Rolli immer auf Augenhöhe zu sein. Björn Meyers Strategie: Schnell unterwegs sein und sich Standpunkte suchen, die ihm einen guten Blick auf das Geschehen ermöglichen. Sein Ziel: „Für mich wird es halt schwer in die Kategorie der Leistungsschiedsrichter aufzusteigen. Da muss man dann eine DFB-Ausbildung machen und da sind die auf mich wahrscheinlich gar nicht vorbereitet.“ Deshalb plant er, sich in der Landesliga zu etablieren. ½ Fußballregeln in Leichter Sprache gibt es hier: www.martinsclub.de/m 10

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„Wenn ich irgendwo hinkomme, sind die Leute erst mal skeptisch.“ Björn Meyer, Schiedsrichter in Hamburg 11

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Titelthema Text: Chris Ruschin, die durchblicker | Fotos: Frank Scheffka Spannung auf Platz 11 Die durchblicker beim Frauen-Werderspiel Ist Fußball immer gleich Fußball? Jeder von uns hat Werder schon live zugejubelt. Im März waren wir wieder in Richtung Stadion unterwegs – dieses Mal allerdings, um ein Spiel der Frauenmannschaft anzuschauen. Werder spielte in dieser Saison zum ersten Mal in der Bundesliga und befand sich im Abstiegskampf. Beim Spiel gegen Freiburg wollten wir wissen, ob sich das Zuschauen bei den Damen anders anfühlt. 1 Der Platz Das Spiel fand nicht im Weserstadion statt, sondern auf dem benachbarten Platz 11. Es gibt dort nur wenige Zuschauerränge. Man ist viel näher dran. Allerdings wirkte das Spiel durch die Nähe auch ein bisschen wie Hobby-Fußball. Die Zuschauerzahl 237 Fans waren da – das ist wenig. Stimmung gab es trotzdem – inklusive Trommeln und „Werder“-Rufe zum Anfeuern. Bei den Entscheidungen der Schiedsrichterin haben sich Viele aufgeregt. In diesen Momenten klang es nach deutlich mehr Zuschauern. Das Spiel und die Spannung Die erste Halbzeit war für uns ein wenig zäh, da keine Tore fielen und es auf beiden Seiten kaum ein Durchkommen gab. Das änderte sich in der zweiten Halbzeit – da wollten es beide Mannschaften richtig wissen und lieferten sich ein kämpferisches Spiel mit vielen Torchancen. So wurde es immer spannender. Als dann in der 75. Spielminute das Tor für Werder fiel, waren alle aus dem Häuschen. Beim Abpfiff brach großer Jubel aus: Die drei Punkte blieben in Bremen. Die Nähe zu den Spielerinnen Als das Spiel vorbei war, haben die Spielerinnen direkt Kontakt zu den Zuschauern aufgenommen. So nah kommt man den Männern nicht. Das war auf jeden Fall ein großer Sympathie-Bonus für das FrauenWerderspiel! Unser Fazit Trotz Bremer Schietwetter haben wir unseren Sonntagvormittag gerne auf dem Platz 11 verbracht. Zwei von uns sind Werderfans und würden sich ein Frauenfußballspiel jederzeit wieder anschauen. Zwei von uns fanden es ganz spannend, aber ob wir uns ein Spiel noch mal anschauen, steht in den Sternen. Das liegt aber nicht am Frauenfußball , sondern am Fußballspiel generell. 12

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Interview mit der Kapitänin Marie-Louise Eta Wie sind Sie zum Fußball gekommen? Seitdem ich laufen kann, war Fußball eigentlich immer dabei (lacht). Egal, ob mit Papa im Garten oder mit den Jungs im Kindergarten. In welchem Alter fangen Frauen mit dem Profifußball an? Und wann gehen sie in Rente? Das ist ähnlich wie bei den Jungs. Fast jeder größere Verein hat bereits eine gute Talentförderung, teilweise schon Internate, in denen die jungen Spielerinnen ab dem 13. Lebensjahr ausgebildet werden. Man spielt bis 17 Jahren im Jugendbereich. Da es keine Altersklasse U 19 im Frauenfußball gibt, rückt man nach der U 17 direkt in den Frauenbereich auf. Wann der Zeitpunkt zum Beenden der Karriere ist, ist ganz unterschiedlich. Viele hören recht früh auf, vielleicht direkt nach dem Studium, da sie dann Arbeit und Fußball nicht mehr nebeneinander ausüben können. Sind die Spielerinnen Profis oder müssen sie nebenher arbeiten? Professionelle Fußballspielerinnen gibt es in unserer Mannschaft nicht. Alle von uns machen noch etwas nebenbei. Wie oft trainiert die Mannschaft in der Woche? Wir trainieren viermal die Woche abends um 19 Uhr für eineinhalb Stunden. Dazu gibt es zweimal in der Woche eine Trainingseinheit am Vormittag. Da einige von uns Schüler und Studenten sind oder natürlich auch Berufstätige, können sie nicht immer vormittags dabei sein. Da gilt es dann, eine individuelle Extraschicht einzulegen, um den Fitnesslevel zu halten. Was kann man als Spielerin in der Bundesliga verdienen? Das ist überschaubar. Bei den meisten Vereinen in der Allianz-Frauen-Bundesliga ist es ein etwas besseres Taschengeld. Im Frauenfußball steckt noch viel Herzblut und Leidenschaft, da geht es nicht um das große Geld. Lachen viele Männer noch über Frauenfußball oder nehmen sie das mittlerweile ernst? Natürlich gibt es auch noch kritische Stimmen. Aber mittlerweile hat sich der Frauenfußball einen hohen Stellenwert erspielt, wird respektiert, und die Leistung wird anerkannt. Die Begeisterung in der Öffentlichkeit wächst. ½ 2 3 1 Die durchblicker sind gespannt auf das Spiel 2 Werder-Frauen gegen die Mannschaft aus Freiburg 3 Ellen Stolte holt sich ein Autogramm von der Werder-Kapitänin 13

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