Frisches Ufo vor der Stadt #5

 

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Frisches Ufo vor der Stadt #5

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№ 5 Kick Off 2016 ST AR RI NG : Sa ra h Bu th Pi tz Jö rg Do mm el Lu is a St öm er Ev a Wü ns ch & Gi se la Li ps ky dl An dr ea s Te in Te xt Tr ul la Lu ca Kl au s Fr oo dm at Gu dr un Or le t Er do st it er Bo gi Na gy bo t Ma ri et ta Ch ro Bl ut pu mp e Sy lv ie We ll er v Ru do lf Ot ro ko t af Me na St an dh Fo ti ni a an d ot he rs ... und andere Aufzeichnungen

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Volano (Italy, 1976). By Unknown. o b er ra n g . u n a u f g eb l a s e n e s w e r b e b ür o . Logos, Anzeigen, Magazine, Broschüren, Websites ... www.oberrang.com ... und andere Aufzeichnungen The makers of… STARRING: Sarah Buth Pitz Jörg Dommel Luisa Stömer Eva Wünsch & Gisela Lipsky Andreas Teindl TextTrulla Luca Klaus Froodmat Gudrun Orlet Erdostiter Bogi Nagy Marietta Chrobot Blutpumpe Sylvie Weller Rudolf Otrokov Mena Standhaft Fotinia

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A pleasure hier. und Nr.5 – die Leute l i ef e r t P i z z a (Vier Mal Sarah Buth. sp i c y p h o t o g r ap h y auf Papier.) Jörg D o m m e l . Wissen Sie, P i t z ist u m g e z o g e n . M r s . L i p s k y w u r de Dazu: EM-Kick-Off mit i n w a s r e i n g e z o g e n . A u s de r W a n n e reimt MONDAYS TextTrulla. o de r ä h n l i c h … I DON'T LIKE Titel-Illustration: Bernd Klaus 3

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Pizza Express, Southend-on-Sea Der Fahrer stürzt auf die Ladentheke zu – aufgeregt/laut – stolpert fast. Driver: »Have you heard it, Boss?« »No.« »Margherita has gone.« »What?« »Margherita, my girlfriend has gone. I worked 7 days a week … 7 weeks … now I’m fed up. It‘s been 3 weeks since we last met. I won’t come tonight. I won’t come. She told me it’s over, cause she met another man who’s got plenty of time and a house by the sea. I won’t come tonight. I won’t come to work, Boss.« »But I only got one driver tonight. Only one. .« And it‘s Mr. Singh: Driver: Mr. Singh: Driver: Mr. Singh: you Driver: »You joking, Boss? She has gone. I got to get her back right now … kiss her … raise a family … me and Margherita.« »We are Pizza Express. Your order, please … right, Sir … a Family-Size-Margherita … 20 Northville Drive … 20 Minutes, Sir. Thanks, Bye.« »I won’t …« »Hurry, man … fill up the SUBARU and deliver!« »Yes, Boss.« Das Telefon klingelt. Mr. Singh geht ran. Mr. Singh: Ein Autoschlüssel fliegt. Der Fahrer fängt ihn. Driver: Mr. Singh: Driver: 4 Pizza Express, Southend-on-Sea · Text: Erdostiter · Foto: Sarah Buth

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Westen. Kleinstadt. Januar! In den Fluren ist es kalt. Das geht so: Türklinke, Geräusch von Holz auf Holz, kalte Luft greift dich und das ist ein angenehmer kleiner Schreck. Licht fällt durch die Milchglasscheiben im Treppenhaus und die Holztreppen knarren, schlechtgelaunten Bären gleich. Weil das Haus so groß ist, brauchen wir für alles viel länger als früher. Wie beim Zelten, wenn man bis Mittag rumrödelt, bevor alle losgehfertig sind, wir müssen uns immer ranhalten. Es ist ein einziges Treppengesteige und Riemchengereiße. Im Garten sind betriebsame Vögel. Unermüdlich wenden sie das Laub vom Vorjahr, dessen modrige Schwärze jede suizidale Expressionistin vom Hocker gehauen hätte, und die dunklen Arbeitsanzüge der Drosseln verschmelzen in der Dämmerung mit den Blättern. Kurz nach Mittag stehen die Kinder in der Tür, grinsen, sprechen durcheinander und verlangen Futter. Dann knarren sie durchs Treppenhaus, fallen in der Küche ein und sperren die Schnäbel auf. Ich hektisch zwischen Herd, Tisch und Schulranzen, wo ich die losen Blätter wende, die sie aus der Schule mitbringen: Ferienmitteilungen, Landheimfahrten, Klassenlisten mit fremden Namen. Dass die Hausaufgaben nicht im Hort, sondern zu Hause erledigt werden, müssen wir erst noch lernen. Kollateralschaden: Tränen wegen in der Schule vergessener Hefte. Wir gehen raus. Man grüßt sich hier und spricht alle Vokale sauber aus und alle Worte bis zu ihrem bitteren Ende. In die Stadt gehen wir über die Mühle: ein mehr als 700 Jahre altes Fachwerkhaus, rümpelig, laut, nass. Dort führt eine ungepflasterte Straße zur Stadtmitte hinunter, an einem Fachwerktürmchen vorbei, der Himmel hängt niedrig und zutraulich über unseren Köpfen. Klein ist hier alles und ruhig. Kein ununterbrochenes Autogeräusch (wie wir in Dresden aus Leibeskräften brüllen mussten, um uns auf dem Fußweg zu unterhalten!), keine Kinderwagen, keine Heerscharen rollierender Rentner und keine Pegidagespräche. Die Nächte sind sehr dunkel und weit. In den Nächten ist die Welt hier zuende und von ungekannter Ruhe erfüllt. Ich backe, koche, wasche, stricke, helfe, räume. Schreibe Mails. Steige Treppen. Überlege, wo ich was ablege und wo ich was finde und werde unterbrochen. Friere und brülle »Tür zu!«. Schaue Weissensee. Überlege, was ich nun von all den Drosseln und Milchglasfenstern und Fachwerkspielzeughäuschen halte. Hortplätze wären toll! 6 Westen. Kleinstadt. Januar! · Text: Pitz · Foto: Sarah Buth

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You know Disco?« zupft mich der kleinere von den beiden am Ärmel. Syrer vielleicht? Afghane? flüchtlingsähnlich, asylsuchend, neu hier, fremd aussehend, oder doch Südstadt? Jedenfalls ohne Plan und Navigation. »Disco? Ich bleib stehen, sag: »Yes, but…« Er zupft weiter: »Where is Disco?« Er macht Tanzschritte; federt; geht (leicht wackelig) in die Hocke; sein abgetragenes Jackett schwingt mit; sein linker Arm wie ’ne Steadycam; sein Zeigfinger kontrolliert die 0,5er Dose Paderborner; sein staubiger Kollege sieht auch nicht besser aus. »Disco? You know Dancing?« »Scho«, erwidere ich, gebe jedoch zu Bedenken, dass das mit dem Seidla in der Hand wohl eher nix wird. Einlasstechnisch. »Where next Disco?« lallt er. Ganze Drehung; jetzt eleganter; smiling; und stets locker den Zeigefinger in der Dosenöffnung. (Oder war‘s ein Drecks Jever?) »Mit ’nem Seier im Gesicht – never, Junge.« »Where Disco?« hartnäckig. Ich fuchtele in Richtung Innenstadt. »Over there. Walk straight into the city. Over there. Mach 1. It‘s called Mach 1. But they won‘t let you in.« »Why not let me in?« Er ist jetzt sauer. Sein müder Kompagnon murmelt was, zieht ihn am Ärmel in Richtung Marientunnel. »Weil sie mich vor zig Jahren auch nicht reingelassen haben, Flüchtling. Too long hair, seinerzeit. Hombre. Hair like Black Sabbath. You know Black Sabbath? Und Turnschuhe, man. They won‘t let you in with Treters like yours.« »Discrimination, it’s discrimination.« Er ist jetzt richtig sauer. Sein Kompagnon legt den Arm um ihn. Ich hör Parolen in Richtung Marientunnel. »Huuuman Rights«. »Free the happy dancers«. Alles meine Schuld. Mir fiel spontan nichts anderes ein als diese affige Innenstadt-Disco. Hassobjekt of my youth. Hätte die beiden ins K4 schicken können. Da gibt’s doch auch Disco. Oder in die Desi. Wurscht jetzt, ich Intergrationslaie. 8 Disco? · Text: Erdostiter · Foto: Sarah Buth

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Amore April Damals rief er: »Ihr könnt’s mein Hirn haben«, ritzte sich mit einer Rasierklinge die Stirn auf, ließ das Blut laufen und las weiter. Rainald Goetz in Klagenfurt. Mai T. hat seine große Liebe wiedergefunden. Damals war sie verheiratet. Aber jetzt… Alles gut. Nur, sie sei ein bisschen eifersüchtig, immer noch… Oh Gott, ich erinnere mich. Sie hat ihn damals gestalkt. Hey, T., versteh’s nicht falsch, aber du bist doch kein Womanizer. Das ist krank! Kannst du damit leben? T. euphorisch: Ja!!! – Er werde ihr schon beweisen, dass sie ihm 100 % vertrauen könne. Na dann viel Glück. Ich mein es ernst. Du wirst es brauchen. T. will sie mitbringen. Er bittet um Verständnis, er werde uns nicht umarmen – die Eifersucht. Himmel! Sie sieht bombig aus! T. tropft der Stolz aus allen Poren. Wir begrüßen uns höflich. Ich mag sie nicht, und sie mich auch nicht. T. ruft an, um sich zu entschuldigen. Er hätte sich nicht so verbiegen dürfen. Schon gut. Der Abend habe in einem Fiasko geendet. Sie habe das übrigens vorhergesehen, sie habe nämlich das zweite Gesicht. Sie habe gesehen, dass eine Schlange auf sie lauere. Wo denn, bitte? In den Karten, im Kaffeesatz? Ich frage mich, ob T. noch zu retten ist. Sie hat gedroht, Schluss zu machen, wenn T. nicht bei ihr einzieht. T. sagt, sie habe als Kind keine Stabilität erfahren. Sie hat gedroht, T. die Koffer vor die Tür zu stellen, wenn er wie geplant mit seinem Kumpel verreist. Weil sie ihn wahnsinnig liebt, meint T. Er sagt die Reise ab. Sie hat gedroht, sich umzubringen, wenn T. die nächste Tagung nicht cancelt. Weil sie eine Macke hat, meint T. Trotzdem kann er sich das Leben ohne sie nicht vorstellen. Sie hat erkannt, dass T. die Schlange ist. T. meint, er bräuchte mal eine Auszeit. Dann lässt er nichts mehr von sich hören. Ich funke ihn auf allen Kanälen an, weil ich mir Sorgen mache. Endlich, T. meldet sich. Er klingt irre aufgekratzt. Sie habe ihm wieder mal die Koffer vor die Tür gestellt. Er habe einfach alles eingeladen und sei davongefahren. Er fühle sich super. Juni Juli August September Oktober Januar Diesmal war’s Herzblut. »Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag für Amore, Amore.« Das hat Rainald Goetz am Ende seiner Dankesrede für den Büchner-Preis zitiert. Nein, nicht zitiert, gesungen. 10 Amore · Text: Gisela Lipsky · Foto: Sarah Buth

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Public Viewing EM 2016 Ludmilla und Heidi sind erschöpft. Das Outfit fürs Public Viewing heut Abend immer noch nicht eingesackt. Alles abgegrast: Karstadt Sports, Titus, Intersport Vosswinkel – Runner‘s Point und den Hertha-Fanshop im Europa-Center hätten sie sich eh gleich sparen können. Nach ’ner Currywurst-Stärkung bei Konnopke‘s lungern sie nun in einem dieser Touri-Shops an der Schönhauser Allee herum. Ludmilla: »Полная засада! Das geht nun schon seit heut morgen so zäh, ich find aber nix Flottes. So ‘ne Käppi reicht ja eigentlich. Oder so ‘n schickes Top? Auch nicht übel. Das Rote hier vielleicht?« »CCCP? Die sind, glaub ich, gar nicht dabei.« Heidi: Ludmilla: »Doooch.« 12 Public Viewing EM 2016 · Text: Erdostiter · Illustration: Jörg Dommel

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w u n d e r b a r e s Ein Platz ist noch frei am Vierertisch im Wirtshaus. Da kommt sie ja. Drei viertel acht statt sieben. Schleudert ihren Rucksack mit dem PatagoniaAufnäher ins Eck. »Hallo ihr Lieben. Entschuldigt die Verspätung. Der Qigong-Lehrer hat überzogen. Puh. Bin noch ganz außer Atem. Kinder, war einfach irre, auf dieser Insel zu sein. Diese lateinamerikanischen Leute. Das Kupplungssystem – ich sag‘s euch. Diese chinesischen Autos. Der Gang ging halt nicht rein. Und jede Menge hübscher Kubaner, uiih. VW-Motor, Trecker-Motor, Trabant. Jetzt ist ja alles privat. Die Tabakindustrie natürlich nicht. Solche Löcher drin – in der Fahrbahn. Trecker von links, ’n Fahrrad von rechts. Wir haben auch ’ne Tabakplantage besichtigt. Ich finde, der Sozialismus hat Für und Wider. Primitive Behausungen, aber alle Strom, alle Wasser. Du siehst auch diese Bettler nicht auf der Straße. Wir waren auch außerhalb touristischer Zentren, wisst ihr. Armut, sag ich euch – aber nicht dieses GANZ UNTEN. Verhungern braucht niemand. Mit Butter und Mais kannst du überleben. Irgendwie ist alles viel EASIER, sag ich euch. Nicht zu vergleichen mit DDR oder so. Sozialismustechnisch. Bedingt W-Lan. Die Leute sind gottlob noch nicht touristisch verseucht. Ich hab das Tourismus Sozialisation genannt. Oh, unser Karpfen kommt. Die sind ja auch stolz darauf, dass sie‘s geschafft haben – all die Jahre. Mmmh, riecht so lecker der Karpfen. Kinder, wollt ihr Fotos sehen?« K u ba »Naa«, sagt der Lockige mit dem roten Karohemd. »Pffff«, ich lach los. Bier schwabbt mir in die Nase. Wollt mich im Glas verstecken, jetzt bin ich enttarnt. Die vom Vierertisch schauen schon. Wurscht. Heb mein Glas auf den Lockigen im roten Karohemd. Gut so, endlich mal einer, der diese widerwärtigen Urlaubsbilder nicht sehen will. Ich muss an Renata denken. Jetzt heul ich fast. Renata kam vor ein paar Jahren bei einem Flugzeugabsturz auf Kuba ums Leben. (As We Go Up, We Go Down / Group: Guided By Voices / Album: Alien Lanes) Wegen diesem Hurrikan-Tomas-Arsch. Die Amateuraufnahmen vom brennenden Wrack werd ich nie los. Im Vordergrund: jede Menge hübscher Kubaner – im Hintergrund: verbrennt gerade Renata. Der Vierertisch stochert in den Karpfen. Die blau-weißen Fähnchen zerreißt‘s im Sturm. Jetzt wird‘s mir aber zu schummrig. Ich muss schnell raus vor die Tür eine paffen. 'Ne Dannemann und 'n paar Tränchen für Renata. Merkt keiner bei dem Qualm. 14 Wunderbares Kuba · Text: Bernd Klaus · Illustration: Neftali

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