Historisches Blatt 21

 

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Nr. 21 2011 Anekdoten und Geschichten aus dem alten Ahrensburg

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Abb.: Titelblatt Reproduktion aus zwei alten Postkarten (Foto Reher)

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Mitarbeiter an diesem Blatt: Christa Reichardt Ewald Siems Martha Thiesing Karin Voß und die Mitarbeiter des Stadtarchivs Bearbeitung und Layout Christel Lehnen, Gerda Lehnen, Helga und Bernd Reher

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Vorwort Zu Beginn der 1980er-Jahre, als der Historische Arbeitskreis gegründet wurde, entstand die Idee, alteingesessene Ahrensburger nach ihren Lebenserinnerungen zu befragen. Da Ewald Siems und ich selbst alte Ahrensburger sind, haben uns damals die älteren Leute ihre Geschichten gerne erzählt. Einige dieser Jugenderinnerungen reichen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zurück sie zeugen von den Geschichten ebenso wie von den Empfindungen der Menschen, die sie erzählen. Viele der Erzählenden leben schon lange nicht mehr. Damit diese Geschichten und Anekdoten nicht in Vergessenheit geraten, möchten wir sie Ihnen in diesem Historischen Heft vorstellen. Ahrensburg, 3. Mai 2011 Karin Voß Am Ende dieses Heftes finden Sie eine Übersicht über die Familien Eggers / Villwock, Schadendorff und Schimmelmann, soweit sie in den Beiträgen erwähnt sind. Außerdem eine Liste der erwähnten Geschäfte, Gaststätten und Personen. 1

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Erzählt von Frau Henning und aufgeschrieben von Ewald Siems und Karin Voß Der Feldvogt1 Dührkop Auf dem Hof Kamp im Beimoor lebte der Feldvogt Dührkop mit seiner Familie. Er arbeitete für den Grafen Carl von Schimmelmann und zog in den Ställen das Jungvieh groß. Er arbeitete nur mit Pferden. Viel technisches Gerät gab es in der Landwirtschaft noch nicht. Morgens um sechs Uhr begann sein Arbeitstag. Zu seinen Aufgaben gehörte es auch, das Wild unter Kontrolle zu halten. Seine Tochter brachte das erlegte Wild im Blockwagen2 ins Schloss. Nach dem langen, anstrengenden Weg wurde sie in der Küche, die sich im Keller des Schlosses befand, von der Mamsell3 bewirtet. Auch die Gräfin Elisabeth, genannt Betty, zeigte sich sehr großzügig, indem sie für das junge Mädchen sogar ein Konfirmationskleid nähen ließ. Abb.: 1 Hof Kamp (Foto Stadtarchiv) Die landwirtschaftlichen Erzeugnisse wurden vom alten Dührkop auf dem Markt verkauft. Selbstverständlich kehrte man bei Moritz Langerfeld in der Kneipe mit angeschlossenem Laden gegenüber der Kirche ein, um seine Warenbestellung per Zettel aufzugeben. Währenddessen wärmte man sich im Winter bei einigen steifen Grogs auf und spielte auch gerne ein paar Runden Skat. Der Wirt trank auch gern einen mit, und so verging die Zeit wie im Fluge. Wenn Dührkop endlich aus der Kneipe kam, waren die Pferde mit dem beladenen Schlitten nicht mehr da. Dührkop machte sich nun sturzbetrunken auf den Nachhauseweg. Die Pferde standen längst wiehernd vor dem Stall und wurden von den Stallknechten erst einmal versorgt. 1 2 Feldvogt war ein Aufseher, dessen Aufgabe die Überwachung und Kontrolle der Feldarbeiten war Blockwagen heute gemeinhin als Bollerwagen bezeichnet. Früher das Transportmittel des kleinen Mannes, der Wagen hatte vier Räder und wurde von einer oder zwei Personen an einer Deichsel gezogen 3 Mamsell wurde eine Hausgehilfin (Küchenhilfe) genannt 3

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Dann wurde der Schlitten abgeladen, und zum Schluss ging man mit einer Sturmlaterne und einer Schiebkarre den Feldvogt suchen. Man fand ihn schlafend im Graben und karrte ihn halb steifgefroren nach Haus. Der Haussegen hing dann meistens für ein paar Tage schief. Erzählt von Frau Henning und aufgeschrieben von Ewald Siems und Karin Voß Die Schnitter Für die Saisonarbeit auf den Gütern des Grafen von Schimmelmann wurden viele Arbeitskräfte benötigt. So kamen von überall aus dem Osten im großen Trupp die Schnitter mit ihren Vorschnittern. Die Vorschnitter waren die Organisatoren des Trupps, die die Schnitter nach Fähigkeit und Bedarf einteilten. Die Schnitter kamen im Frühjahr, wenn die Hackfrucht bearbeitet werden musste. Dazu gehörte Kartoffeln und Rüben pflanzen, Futterrüben verziehen und die Felder unkrautfrei halten. Im Sommer wurde das Heu gemäht und eingefahren, und das Getreide wurde noch von Hand mit der Sense geschnitten (daher der Name Schnitter). Es wurde zu Garben gebunden, zum Reifen auf Hocken gestellt und nach einigen Tagen „umgehockt“, d.h. die Garben wurden einmal zum besseren Austrocknen umgedreht. Eine Hocke bestand aus zwei mal vier gegeneinandergestellten Garben und jeweils einer Garbe am Ende. Wenn das Getreide reif und trocken war, wurde es auf Kastenwagen geladen und eingefahren. Das Packen des Getreides war eine Kunst. Es wurde an den Ecken begonnen, wobei die Ähren nach innen zeigten. Das Fuder musste ganz gleichmäßig gepackt werden, damit es nicht verrutschte. Das Weiterfahren von einer Hocke zur nächsten nannte man „Zwischenfahren“ und wurde meistens von Kindern besorgt, die gerne auf dem Rücken der gutmütigen Pferde saßen. Wenn das Fuder eine bestimmte Höhe erreicht hatte, wurde ein langer runder Balken (der Bindelboom) zur Sicherung von drei kräftigen Männern über das Fuder mit einem Tau festgebunden. Nun ging es im langsamen Tempo vom Feld in die Scheune. Bei unsachgemäßem Packen und zu schnellem Fahren konnte es passieren, dass ein Fuder umkippte. Das war meistens eine kleine Katastrophe. Anschließend wurde das Getreide in den Scheunen eingelagert und im Winter gedroschen. Im Herbst begann die Kartoffelernte. Die Männer nahmen mit einer Hackforke die Kartoffeln auf, hinter ihnen sammelten die Frauen und Kinder die Kartoffeln in Drahtkörbe und brachten sie zum Wagen. Auf dem Hof wurden die Kartoffeln nach Größe sortiert. Ein Teil wurde verkauft, und ein anderer Teil auf dem Gutshof eingekellert. Saatkartoffeln wurden gesondert eingelagert. Auf den abgeernteten Feldern wurde das Kartoffelkraut aufgeschichtet und abgebrannt (Kartoffelfeuer). Die Kinder durften für ihre Familien die übersehenen Kartoffeln aufsammeln (bzw. mit der Hackforke aufnehmen, das war das sogenannte Kartoffeln stoppeln). Die Rübenernte war die letzte Ernte im Jahr. Die Futterrüben kamen in eine große Miete und wurden über den Winter an die Tiere verfüttert. Während der ganzen Saison waren die Schnitter in den Schnitterkasernen untergebracht. Diese Gebäude befanden sich hinter dem Gartenholz auf Delingsdorfer Gebiet und wurden in den 1970er-Jahren abgerissen. Die Schnitter wurden vom Gutshof aus mit verköstigt. Zum Winter zogen sie wieder in ihre angestammte Heimat, z.B. Ostpreußen, Schlesien, Mecklenburg, Pommern, Wolhynien4 und polnische Grenzgebiete. Im Laufe der Jahre sind einige dieser Schnitter in Ahrensburg sesshaft geworden, weil sie hier Arbeit hatten und somit 4 Wolhynien liegt im Norden der heutigen Ukraine, kleine Teile gehören heute auch zu Weißrussland und Polen 4

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bessere Lebensbedingungen fanden. Der Name Leminsky, Leminske und Leminski zeugt noch von dieser Vergangenheit. Sie arbeiteten zunächst als Gutsarbeiter, in der Schlossküche und als Handwerker. So wurde der Schnitter Samuel Suffin vom Grafen als Sägemeister in der Schloss-Sägerei eingestellt. Dort arbeitete man noch mit Pferdekraft. Seine Frau war im Schloss beschäftigt und musste auf dem Gutshof auch noch melken. Die Melker bekamen einen Liter Milch pro Kopf am Tag, und einmal im Jahr siebzig Mark. Die wurden meistens gespart. Frau Suffin kam aus Wolhynien und war in erster Ehe mit einem Pferdeknecht, der an der Alkoholsucht starb, verheiratet. Aus dieser Ehe hatte sie zwei Kinder und wollte wieder zurück in ihre Heimat. Sie wurde aber an der Grenze zurückgeschickt und landete wieder in Ahrensburg, wo sie dann den Sägemeister Samuel Suffin heiratete. Erzählt von Frau Henning und Karin Voß und aufgeschrieben von Ewald Siems und Karin Voß Die Sägerei Meins Samuel Suffin war der Lehrmeister des alten Hermann Meins, der die Sägerei dann weiterführte. Später wurde die Sägerei auf den neuesten technischen Stand gebracht. Die Familie Meins wohnte in einem schönen kleinen reetgedeckten Fachwerkhaus auf dem Sägereigelände am Auegrund. Auch die Kinder des Ehepaares Meins wohnten auf dem Gelände in dem schönen alten Buchenwald. Der Sohn Fritz übernahm nach seinem Vater die Sägerei und führte sie bis zum Verkauf des gesamten Geländes, auf dem sich jetzt der „Rosenhof“ befindet, weiter. Abb.: 2 Sägerei Meins 1971 (Foto Stadtarchiv) In den 1950er-Jahren wohnte dort auch der Elektrofachmann Otto Löw mit Frau und Tochter. Er machte nach dem Krieg seinen Elektromeister und hielt sich mit Reparaturarbeiten in einer kleinen Werkstatt, die er sich in einem Schuppen von Herrn Meins eingerichtet hatte, über Wasser. Später machte er sich mit einem Geschäft in der „Hamburger Straße“ selbständig. Wir Kinder, Annemarie Löw, Heiner, Charlotte und Michael Meins, meine Schwestern Elke und Astrid und ich spielten damals gerne miteinander auf dem Sägereigelände. Mich faszinierten die 5

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großen, laut rhythmisch arbeitenden Sägen, die die Stämme im großen Sägeschuppen aufschnitten ebenso wie die riesigen Gabelstapler und Traktoren. Ab und zu musste ich Buchenspäne zum Räuchern für meine Großmutter holen. Manchmal half uns unser Nachbar Fritz Meins mit seinen Maschinen, wenn nach einem Sturm Bruchholz zu entsorgen war. Es war schon immer wichtig, hilfsbereite, gute Nachbarn zu haben. Und die Familie Meins gehörte dazu. Abb.: 3 Haus auf dem Sägereigelände, in der linken Hälfte wohnte Familie Löw (Foto Stadtarchiv) Erzählt von Dr. Peter Mutz und aufgeschrieben von Karin Voß Die Familien Mutz und Schimmelmann Die Eltern des Dr. Peter Mutz wohnten in Ahrensburg, in einer Villa „Am Tiergarten“ Nr. 8, wo er geboren wurde und seine ersten Kinderjahre verbrachte. Das Haus wurde um die Jahrhundertwende gebaut. Ein Onkel, Albert Mutz aus Mexiko, kaufte sich damals das Haus. Die Eltern von Peter Mutz kamen 1920 jungverheiratet aus Berlin und zogen in das Haus „Am Tiergarten“ Nr. 8. Die junge Frau war Sportlehrerin und passionierte Reiterin und ritt auch manchmal die Pferde des Grafen in der Reithalle am Marstall. Oft kam es zu Fachgesprächen mit dem Grafen. Da Frau Mutz auch Pferde züchtete, bekam sie von Carl Otto von Schimmelmann eine Stute zur Zucht. So entstand ein engerer Kontakt zur Grafenfamilie. Herr Mutz war Kaufmann und hatte das große Glück, als Bürger zu den Jagden des Grafen eingeladen zu werden. Die Kinder der Familie Mutz spielten mit den Grafenkindern, besonders mit Carl Heinrich, Wolfgang, und Gisela. Als siebenjähriger Junge wurde Peter Mutz das erste Mal von Herrn von Tettenborn, dem Gutsverwalter, mit ins Gartenholz genommen. Er war beeindruckt von der gepflegten Anlage, in der sich auch eine Fasanerie befand. Die Grafenfamilie ging gerne dort mit ihren Gästen spazieren. In einem kleinen Glaspavillon wurde dann der Kaffee von den Angestellten serviert. Wenn Gesellschaften im Schloss stattfanden, war das Schloss mit hunderten von Kerzen hellerleuchtet. Draußen im Schlosspark brannten viele Öllaternen. Es gab aber bereits Strom im Schloss, der über einen Generator von der Schlossmühle erzeugt wurde. 6

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Abb.: 4 Rudolf Mutz (Foto privat) Als Fünfjähriger hat Peter Mutz schon in der Aue gebadet und gefischt. Es gab in dem klaren Wasser Hechte, Aale, Barsche, Weißfische und Karauschen. Zwischen Peter Mutz und Wolfgang von Schimmelmann (genannt Buschi) entwickelte sich eine Freundschaft. Sie heckten auch so einiges gemeinsam aus. So ließen sie sich in einer großen Buche an der „Bagatelle“ einen Feudalhochsitz mit zwei Zimmern bauen. Diese wurden mit ausrangierten Möbeln vom Schlossboden ausgestattet. Dann hat Buschi seinen Vater so lange bekniet, bis er eine Telefonleitung vom Schloss in seinen Hochsitz bekam. So wurden dann auch die Bestellungen an den Diener aufgegeben. Der musste dann über eine Leiter, die heruntergelassen wurde, umständlich auf einem Silbertablett und mit weißen Handschuhen die heiße Schokolade, Saft und belegte Brote servieren. Die Jungs kamen sich dabei wie die Könige vor. Bei schlechtem Wetter spielte man im Schloss oder im Marstall bei den Pferden. Wenn es dem Stallmeister zu viel wurde, schmiss er die Kinder kurzerhand raus und sagte: „Hier in‘n Stall heff ick wat to seggen, un dröben int Slot din Vadder“. Als der Junge sich bei seinem Vater beklagte, sagte dieser nur: „Recht hett he.“ Einmal spielten die Kinder auf dem Boden des Schlosses und entdeckten altes, beschädigtes, vermeintlich ausrangiertes Porzellan. Dieses stellten sie als Zielscheibe auf, um dann mit Pfeil und Bogen und mit einer Zwille 5 auf das Dekor zu schießen. Wer in die Mitte traf, war Sieger. Als der Graf Carl Otto von Schimmelmann das entdeckte, gab es zum ersten Mal ein furchtbares Donnerwetter und eine Tracht Prügel, denn es stellte sich heraus, dass das angeschlagene 5 Zwille oder Katapult ist eine Holzgabel mit Gummiband zum Schießen 7

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Meissner Porzellan gesammelt wurde, um es dann zur Reparatur, in Kisten verpackt, nach Meißen zu schicken. Für die Kinder war das Erlebnis eine völlig neue Erfahrung, die ihnen den Wert des Meissner Porzellans klarmachte, weil der sonst so gutmütige, freundliche Graf zum ersten Mal seine Fassung verlor. Die unbeschwerte Kinderfreundschaft der Grafenkinder mit den Mutzkindern ging zu Ende, als in den dreißiger Jahren die gräfliche Familie auseinanderbrach. Auch die Eltern Mutz verloren mit Carl Otto von Schimmelmann und seiner Frau Doris geb. von Wedel geschätzte Freunde. Erzählt von Barbara Wemmers geb. Mutz, der Schwester von Peter Mutz und aufgeschrieben von Martha Thiesing Die Familie Mutz In der Schlossmühle gab es im bewohnten Teil 12 Zimmer. Dadurch hatte die Mutter Margarethe, die sehr sozial eingestellt war, die Möglichkeit, Pflegekinder zu betreuen. So nahm sie nacheinander 3 Mädchen in ihre Familie auf, denen daheim durch verschiedene Umstände die Nestwärme fehlte. Sie unterstützte arme Leute mit Lebensmitteln und war stets hilfsbereit. Durch ihren sozialen Einsatz entstand dann auch die Freundschaft zur Pastorenfamilie Kruse. Eigene und Ziehkinder wurden im Hause Mutz konsequent bescheiden erzogen und mussten im Haus und im Garten kräftig mit anpacken. Auf dem großen Grundstück wurden Pferde, Hunde und Hühner gehalten. Während des II. Weltkrieges kamen auch noch Schafe und Ziegen hinzu. So wurde bei allen Kindern auch die Tierliebe gefördert. In mehreren Teichen wurde Karpfenzucht betrieben. Der Vater, Dr. Adolf Mutz, hatte sein Büro als Im- und Exportkaufmann in Hamburg. Jeden Morgen, pünktlich um die gleiche Uhrzeit, fuhr er mit seinem Auto auf der „Lübecker Chaussee“ in Richtung Hamburg. Korrekt und übervorsichtig fuhr er so langsam, dass er zum Verkehrshindernis wurde. Das sprach sich bald in Ahrensburg herum, so dass viele andere Autofahrer, die auch nach Hamburg mussten, zusahen, dass sie sich vor ihm auf den Weg machten, um pünktlich ihr Ziel zu erreichen. Durch die Beschaffenheit der Straße, die schmal und mit Blaubasalt gepflastert war, war es fast unmöglich, Herrn Dr. Mutz zu überholen. Abb.: 5 Die Schlossmühle (Foto Reher) Eines Tages bekam er eine Anzeige wegen verkehrswidrigen Verhaltens und musste zum Verkehrsamt nach Bad Oldesloe. Die Familie bangte um seinen Führerschein 8

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und sah ihn im Geiste schon mit dem Zug zurückkommen. Aber Dr. Mutz verhandelte offenbar so geschickt und überzeugend, dass er seinen Führerschein behielt und weiterhin seinen gewohnten Fahrstil fuhr. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren fanden bis zu 50 Ausgebombte und Flüchtlinge Unterschlupf in der Schlossmühle. Barbara Mutz erlebte eine behütete Kindheit. Dadurch, dass sie früh lernte, im häuslichen Bereich mitzuarbeiten und Verantwortung zu übernehmen, gelang es ihr sicher besser, alle Anforderungen, die an junge Mädchen dieser Jahrgänge gestellt wurden, zu überstehen. Nachdem sie die Schloss-Schule und die Privatschule in der Waldstraße (heutige Stormarnschule) absolviert hatte, ging sie nach Hamburg und machte dort an der Klosterschule ihr Abitur. Es folgten der RAD (Reichsarbeitsdienst) an der dänischen Grenze, KHD (Kriegshilfsdienst) bei Hagenuk in Kiel, Arbeit am Walterwerk in Ahrensburg und Feldarbeit auf dem Gutsbetrieb Reinecke. Dann erst konnte sie mit ihrer Ausbildung auf einer Sprachenschule beginnen. Anschließend war sie in Amerika tätig und als Gerichtsdolmetscherin beim Obersten Amerikanischen Kriegsgericht in Deutschland. Seit ihrer Eheschließung mit dem Internisten und Lungenfacharzt Dr. Heinz Wemmers lebt sie in der „Parkallee“, wo sie auch ihre beiden Kinder großzog. Ihr Bruder, Dr. Peter Mutz, lebte bis zu seinem Tode 1999 mit seiner Frau und seinen Kindern in der Schlossmühle, die er mit großem finanziellen Aufwand immer wieder liebevoll restaurierte und nach historischen Vorgaben erhielt. Als die Stadt Ahrensburg mit einer hohen Geldforderung im Zuge der Restaurierung der Schlossbrücke an ihn herantrat, sah er nicht ein, eine so hohe Summe, die seine Mühle gar nicht betraf, auszugeben. Er gab daraufhin ganz schnell die Staurechte an seiner Mühle auf, was aber bedeutete, dass er den Wasserlauf unter der Mühle, die das Mühlrad antrieb, sofort stilllegen ließ. Auch das war mit beträchtlichen Kosten verbunden. Hinzu kam, dass er für die Straße am Mühlenredder hohe Anliegerkosten bezahlen musste. Trotz all dieser widrigen Umstände möchte Almuth, die Frau des Peter Mutz, dieses schöne Zuhause niemals aufgeben. In dem kleinen Haus neben der Schlossmühle am Mühlenredder wohnte der Förster Dabelstein, und in dem kleinen, reetgedeckten Haus im Auegrund wohnte der Fischmeister. Erzählt von Robert Anders und aufgeschrieben von Martha Thiesing Kinderjahre zu Beginn dieses Jahrhunderts Schon einmal hatte ich versucht, Herrn Anders Ereignisse aus seiner Kinderzeit zu entlocken. „Da hat sich nichts Besonderes ereignet“, meinte er schmunzelnd. „Genau wie die heutige Jugend mochten wir am liebsten die Äpfel aus Nachbars Garten! - Oder wird heute nur noch gekauft?“ Gutmütig erklärte er sich dann doch bereit, Fragen zu beantworten. Dabei war zu erkennen, dass sich der Alltag eines Kindes in 80 Jahren doch gewandelt hat. Die meisten Jungen und Mädchen haben es heute leichter, weniger Pflichten sind zu erfüllen, die Erziehung ist weniger streng. Aber ob sie das zu schätzen wissen und glücklicher sind als die Jungs und Deerns am Anfang des 20. Jahrhunderts? Robert Anders erinnert sich an eine schöne Kindheit. Immer durfte er spielen, wenn die Pflichten erfüllt waren. Diese Formulierung zeigt seine positive Lebenseinstellung, denn er und seine Geschwister mussten viel tun. 9

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Abb.: 6 Robert Anders (Foto Stadtarchiv) Das von den 9 Kindern des Gerichtsdieners Anders, von denen er die laufende Nummer 7 war, jeder seine Aufgaben zu erfüllen hatte, war für alle selbstverständlich. Die Eltern waren gut zu ihnen, aber konsequent und streng, Söhne und Töchter mussten Kartoffeln für die große Familie schälen, und gemeinsam wurden nach einem Feiertag sämtliche Schuhe geputzt, denn im Alltag trug man Holzklotzen (Holzpantoffeln). Zusammen wurden sie auch in den großen Garten geschickt, der sich hinter dem Hotel „Stadt Hamburg“, zwischenzeitl ich „Goldener Kegel“ und heute „Hotel am Schloss“ befand. Etliche Obstbäume und Büsche mit Beeren gab es hier, Frühkartoffeln und Gemüse hatten die Eltern angebaut. Jedes Kind bekam eine Schüssel, die ungefähr ein Pfund Stachelbeeren fasste. Mindestens ein- bis zweimal musste sie gefüllt werden, was noch heute als sehr mühsam erinnert wird. Die jetzigen Hochstamm - Züchtungen mit großen Beeren waren noch nicht bekannt. Für wenige Pfennige verkaufte Frau Anders die Ernte an das Hotel Schadendorff oder an Minna Schnoor. Futter für die 15 bis 20 Kaninchen holten 2 bis 3 Kinder gemeinsam im großen Jutesack. Auch Brennnesseln für die Schweine mussten beschafft werden. Zum Schweineschlachten kam ein Schlachter ins Haus, die Kaninchen tötete der Vater selber, meist in der Vorweihnachtszeit. War er dienstlich verhindert, tat es der älteste Sohn. Im I. Weltkrieg wurde das Karnickelfleisch zu Wurst verarbeitet, damit Mutter die Brote belegen konnte. Einmal kam für Robert das Schlachtfest besonders passend, hatte er doch keine Lust zu den Schularbeiten. „Wo sind deine Hausaufgaben?“ fragte am nächsten Tag 10

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der gestrenge Lehrer. „Kein Platz auf dem Küchentisch und auf der Fensterbank stehen Blumen!“ antwortete Robert. Das ließ Herr Thomsen nicht als Entschuldigung gelten, es gab Schläge mit dem Rohrstock auf den Hosenboden. (Die Buben wurden so bestraft, die Mädchen bekamen Schläge mit einem Lineal auf die Finger). Es muss wohl gerade ein „Schlagwerkzeug“ vorhanden gewesen sein, meist war der Weidenstab, den Förstersohn Kottwitz morgens mitbrachte, mittags spurlos verschwunden. Irgendwann einmal verschoben Lehrer und Schüler das Pult bei der gemeinsamen Jagd nach einer Maus. Rohrstöcke für ganze Schülergenerationen wurden dabei entdeckt: ein unbekannter Schlingel hatte sie heimlich durch ein Astloch im Pult dort versteckt. Ein anderes Mal sollte Robert mit zwei Mitschülern bei Lehrerin Fräulein Völkers nachsitzen. Kaum verließ die Lehrerin für kurze Zeit den Raum, nahmen alle drei ihre Holzschuhe unter den Arm und rissen aus. Am nächsten Morgen griff die nächsthöhere Instanz ein: der Rektor erteilte jedem von ihnen 3 Schläge mit dem Rohrstock. Im Elternhaus, Ecke „Große Straße“ und „Bei der alten Kate“, unterhielt Mutter Anders einen Trödelladen, heute würden wir „Second-handshop“ dazu sagen. Die Kinder wurden hier abwechselnd zur Aufsicht eingesetzt, damit niemand etwas stiebitzte. Viele polnische Arbeiter, die beim Hochbahnbau halfen und in Ahrensburg wohnten, kauften sich für die Feiertage bei Johannes Woelken ein Oberhemd, trugen es, bis es restlos schmutzig war und brachten es dann zu Marie Anders. Diese gab die Sachen sofort in einen Waschbottich zum Einweichen. Nach gründlicher Säuberung und Bügeln wurden sie im Laden zum Verkauf angeboten. Den Laden übernahm später Tochter Else. Sie verkaufte jedoch - bis zu ihrem frühen Tod - Schreibsachen für die Schule und Zigaretten. Erzählt von Lisa Karg geb. Körner (Schmiede am „Am Alten Markt“) und aufgeschrieben von Ewald Siems und Karin Voß Leben in der „Großen Straße“ und „Lohe“ Abb.: 7 Schmiede von Adolf Körner (Foto Stadtarchiv) 11

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In den 20iger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatten die Bewohner hinter dem Haus noch ihre Stallungen, das traf auch für die „Große Straße“ zu. Sie hielten Schweine und Geflügel für den Eigenverbrauch. Eines Tages wurde Käthe Beisswenger mit ihrer Freundin Elli Hauschild mit einem Ziehwagen in die „Bismarckallee“ geschickt, um einen Grudeofen abzuholen. Die Grudeöfen gebrauchte man, um kleine Küken zu wärmen. In diese Grudeöfen tat man glühende Holzkohle hinein, ein Fransenvorhang um den Ofen herum vermittelte den Küken das Gefühl, unter eine Glucke zu schlüpfen. Bis zu 50 dieser künstlich ausgebrüteten Küken aus der Brüterei Hansen fanden Platz unter diesem Ofen. Da Ahrensburg noch Kopfsteinpflaster hatte, rumpelte der Ziehwagen durch die Marktstraße6. Auf der Höhe der Tischlerei Anders kam den beiden Mädchen der Kutscher Kretzschmann mit der vornehmen Grafenkutsche und der Komtess Sophie von Schimmelmann entgegen. Als sie auf gleicher Höhe waren, scheuten plötzlich die Pferde vor dem rumpelnden Ungetüm auf dem Ziehwagen. Der Kutscher schrie in seinem Zorn, die Pferde stiegen hoch, und die Deichsel schlug mit Krachen in die Schaufensterscheibe von Beisswengers Kolonialwarengeschäft. Graf Schimmelmann ersetzte den Schaden, und so bekamen Beisswengers (später Klemme) ein schönes neues Schaufenster. Abb.: 8 Kolonialwaren Beisswenger (Foto Stadtarchiv) Nach Erzählungen fand das pulsierende Bürgerleben in „Große Straße“ und „Lohe“ statt. Zweimal im Jahr wurde in „Große Straße“ der Schweinemarkt abgehalten. Es gab Buden mit Kram und Süßigkeiten und auch Karussells für die Kinder. So manch einer kaufte sich dann Ferkel, um sie großzuziehen und im Winter zu schlachten. Zur Begutachtung wurden die quiekenden Ferkel an die Hinterbeine gefasst und hochgehoben zum großen Vergnügen der umstehenden Kinder. Im Winter, wenn geschlachtet wurde, hingen die aufgeschnittenen Schweine auf einer Leiter draußen 6 Der erste Teil der heutigen „Große Straße“, zwischen „Am Alten Markt“ und „Bei der Alten Kate“ hieß früher „Marktstraße“ und noch früher „Lütt Straat“. Die „Markstraße“ begann aber schon an der Kirche und schrieb sich „Markt Strasse“! 12

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vor den Häusern zum Auskühlen. Dann gaben die Nachbarn untereinander ihr Urteil über die Qualität der geschlachteten Schweine ab. Natürlich gab es bei einem Klönschnack immer den einen oder anderen Schnaps. So waren die Männer auch immer lustig und in Hochstimmung, wenn die Frauen anfingen, Wurst zu machen. Im Sommer standen stets die Bänke vor den Häusern, und da jeder jeden kannte, wurde eifrig getratscht. Wenn die jungen Mädchen zum Ball waren, wurde hinterher fleißig darüber diskutiert, wer mit wem getanzt hatte und wer von wem um wie viel Uhr nach Hause gebracht wurde. Oft gab es hinterher noch so manche Ohrfeige oder Rüge. Das Geld war knapp, aber wenn ein Ball oder eine Maskerade ins Haus stand, gab es immer ein neues Kleid, beziehungsweise ein neues Maskeradenkostüm. Und man freute sich das ganze Jahr über auf die Feste. Wenn in Ahrensburg Maskerade war, lief alles auf Hochtouren. Jeder fertigte sich seine Kostüme selber, und keiner durfte vom anderen wissen, was er sich nähte. Frau Griesenberg, geborene Puck, wohnte in der „Manhagener Allee“. Gegenüber wohnte die Familie Woelken. Sonst konnte man sich immer in die Fenster sehen, aber wenn für die Maskerade geschneidert wurde, waren auch tagsüber die Vorhänge fest geschlossen. In der „Lohe“ 25 wohnte ein Pantoffelmacher. Die Kinder der ärmeren Leute trugen alle Holzpantinen. Die Töchter von Jahnke (Zimmerei) waren ganz versessen darauf, auch Hotzpantinen zu tragen, weil man so gut damit auf dem Eis der Löschteiche und des kleinen Teiches an der Schäferkate glitschen konnte. Aber die Eltern sträubten sich, denn ihre Kinder trugen nur Lederstiefel. So hat man oft heimlich untereinander Schuhe und Pantinen ausgetauscht. Abb.: 9 Ella und Robert Ilse in ihrem Geschäft (Foto Stadtarchiv) Geliebt von allen Kindern war Opa Ilse aus der „Lohe“. Er hatte einen Krämerladen (Kolonialwaren), Heizöl und Kohle und eine kleine Backstube, in der es immer mollig warm war. Wenn eins der Kinder im Eis eingebrochen war und Angst hatte, nach Hause zu gehen, wurden bei Opa Ilse in der Backstube die nassen Sachen getrocknet. Wenn Kinder zu ihm zum Einkaufen kamen, langte er in sein Bonbonglas und verwöhnte die Kinder mit Süßigkeiten. Zu Weihnachten bekamen die Kinder je einen weißen und einen braunen Lebkuchen. 13

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