Gegen Vergessen für Demokratie :: Mitgliederzeitschrift (88)

 

Embed or link this publication

Description

Politische Bildung

Popular Pages


p. 1

www.gegen-vergessen.de 88 / März 2016 FÜR DEMOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Gegen Vergessen FÜR DEMOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Gegen Vergessen ■ Hans-Jochen Vogel zum 90. Geburtstag Schwerpunkthema: Politische Bildung

[close]

p. 2

Editorial Liebe Freundinnen und Freunde von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V., Ende November hat unsere Vereinigung in Duisburg ihre jährliche Mitgliederversammlung durchgeführt. Trotz der Vakanz in der Vorsitzendenfrage konnten wir auf ein erfolgreiches Jahr zurückblicken: Nie gab es mehr Veranstaltungen von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V., niemals mehr Projekte als im Zeitraum November 2014 bis Oktober 2015. Allerdings prägten auch die Zeitläufte unsere Diskussion in Duisburg. Anders als in der gegenwärtigen Gesellschaft haben wir schwierige Fragen wie die Flüchtlingsfrage zwar kontrovers, doch im Geist der Verantwortungsethik differenziert miteinander diskutiert. Für die große Mehrheit ist es keine Frage, dass wir in Deutschland in besonderer Weise zu humanitärer Hilfe verpflichtet sind und doch wissen, dass wir nicht alleine die Probleme der Welt schultern können. Keine Frage, dass die Zuwanderung kanalisiert werden muss – auf welche Weise, ist sehr schwer zu beantworten. Jedenfalls spricht vieles dafür, dass Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. sich im Hinblick auf die Integration von Flüchtlingen stärker engagieren sollte. Keine Frage, dass wir sie für unsere politische Kultur gewinnen sollten, die auf dem Hintergrund unserer Geschichte zu sehen ist. Das schließt ein dialogisches Erinnern nicht aus. Wichtig ist, sich folgende grundsätzliche Einsichten klar zu machen: Jede historische Konstellation weist Besonderheiten auf, die ernst zu nehmen sind. Wir plädieren für das Ernstnehmen unserer historischen Erfahrungen, wissen aber auch, dass wir unser Wertesystem immer wieder neu bezogen auf die jeweiligen Herausforderungen zu interpretieren haben. Für unsere politisch-gesellschaftliche Diskussion in Deutschland wäre es vorteilhaft, wenn wir mit der moralischen Überhöhung politisch-gesellschaftlicher Positionen zurückhaltender wären und darauf verzichteten, für uns selbst die Moral in Anspruch zu nehmen und sie anderen abzusprechen. Dies gilt auch für unser Verhalten gegenüber den europäischen Partnern, so ärgerlich deren Politik auch sein mag. Es muss im Übrigen Ebenen geben, auf denen Konflikte zwischen den Kulturen zur Sprache kommen. Unsere demokratische politische Kultur muss den Rahmen darstellen, in dem über diese Konflikte gesprochen wird, um Lösungen zu finden. Wir treten gerade angesichts der gegenwärtigen Probleme für eine lebendige Zivilgesellschaft ein, in der das ehrenamtliche Engagement eine wichtige Stütze ist. Wir wissen auch um die Notwendigkeit eines handlungsfähigen „starken“ Staates, der Rechtsordnung und Gewaltmonopol in alle Richtungen durchsetzt. Die Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte sind ebenso wenig hinnehmbar wie die Geschehnisse in Köln und anderen Städten in der Silvesternacht. Mit den Trends zu Rechtspopulismus und Rechtsextremismus werden wir uns nicht abfinden. Auf der einen Seite muss Politik grassierender Verunsicherung und Angst entgegentreten und Probleme bewältigen, auf der anderen Seite haben wir aufzuklären über die unzureichenden und potenziell inhumanen Konzepte des Rechtsextremismus und auch des Rechtspopulismus. Das ist auch eine der Aufgaben der politischen Bildung, die das Schwerpunktthema dieser Ausgabe bildet. Gerade hier müssen gesellschaftliche Veränderungen aufgenommen und neue Bildungsformate entwickelt werden, wie die Geschäftsführerin des Arbeitskreises deutscher Bildungsstätten, Ina Bielenberg, im Interview in diesem Heft deutlich macht. „Demokratie ist ein Schatz, den wir haben, den wir pflegen und dessen Wert wir immer wieder deutlich machen müssen.“ Dieser Satz von Frau Bielenberg umschreibt ganz gut, was uns als Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. in unserer Arbeit in Vorstand, Geschäftsstelle und Regionalen Arbeitsgruppen umtreibt. Mit den besten Grüßen Ihr / Euer Bernd Faulenbach Bitte merken Sie sich schon jetzt den Termin der Mitgliederversammlung 2016 vor: Sie findet gemeinsam mit der Preisverleihung am Samstag, 19. November 2016, in Kassel statt. Für den Preis „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ sucht die Geschäftsstelle bis zum 30. April 2016 Vorschläge für die diesjährigen Preisträger und bittet dabei um Ihre Mithilfe. Ausgezeichnet werden soll eine Person des öffentlichen Lebens oder eine Organisation, die sich in herausragender Weise um die Ziele des Vereins Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. verdient gemacht hat. Die bisherigen Preisträger kommen aus den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen und haben eines gemeinsam: Sie haben sich über den Grad hinaus engagiert, den ihre Funktion eigentlich nahelegt, und eignen sich als Vorbilder für andere. Die genauen Richtlinien finden Sie unter: www.gegen-vergessen.de/unsere-angebote/preis-gegen-vergessen-fuer-demokratie.html Wenn Sie einen Vorschlag für den Preisträger 2016 haben, dann wenden Sie sich bitte bis zum 30. April 2016 an die Geschäftsstelle von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V., am besten über Mail (info@gegen-vergessen.de). Es genügen eine kurze Erklärung, was die Person oder die Einrichtung preiswürdig macht, und ein Hinweis, wo wir mehr Informationen oder Ansprechpartner finden können. 2 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 88 / März 2016

[close]

p. 3

Inhaltsverzeichnis Die Themen in dieser Ausgabe Themen Zum 90. Geburtstag von Hans-Jochen Vogel „Demokratie funktioniert nur, wenn alle mitmachen können.“ Unterwegs im Dschungel der Demokratie Publikation: Widersprechen! Aber wie? Argumentationstraining gegen rechte Parolen Die gesellschaftliche Verantwortung des Sports Hermann Lüdemann Demokratiearbeit am Beispiel einer Straßenumbenennung in Wolfsburg Aus unserer Arbeit Mitgliederversammlung 2015 in Duisburg Zwei Preise in der Duisburger Salvatorkirche verliehen RAG München: Der Wandel des Gedenkens an den 9. November 1938 RAG Südhessen: Schüler gegen das Vergessen RAG Thüringen: Besuch der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus RAG Baden-Württemberg: Erinnern in der Sprache des Auges RAG Südhessen stellt sich vor Namen und Nachrichten Ausstellung „Der Weg zur Deutschen Einheit“ auf Arabisch „Lebensunwert, unerwünscht“, ein Dokumentarfilm von Guillaume Dreyfus Neue Repräsentanz in Berlin Nachruf auf Johann Legner Rezensionen Ernst-Jürgen Walberg bespricht – eine Sammelrezension: DDR-Literatur. Eine Archivexpedition. Catt. Ein Fragment Vorwärts zu Goethe? Zwischen Öffnung und Abgrenzung Wir können warten oder Der Roman Ullstein 41 36 37 38 39 24 26 27 29 31 33 35 4 8 11 16 18 20 22 44 Gedenkstättenpädagogik 45 Impressum 46 Vorstand und Beirat 47 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 88 / März 2016 3 Inhalt

[close]

p. 4

Thema Bernd Faulenbach Zum 90. Geburtstag von Hans-Jochen Vogel Der Gründungsvorsitzende unseres Vereins, Hans-Jochen Vogel, wurde am 3. Februar 90 Jahre alt. Für uns ein Anlass, mit Dankbarkeit zurückzublicken. Manche nennen Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. nach wie vor „Hans-Jochen Vogels Verein“, was keineswegs abwertend gemeint ist. Hans-Jochen Vogel hatte nicht nur entscheidenden Anteil an der Gründung, er prägte den Verein über Jahre in unvergleichlicher Weise, was bis heute nachwirkt. Nach wie vor engagiert sich Vogel für diesen Verein in großartiger Weise, obgleich auch er Alter und Krankheit Tribut zollen muss und inzwischen München nicht mehr verlässt. Viele Mitglieder sind durch ihn in die Vereinigung eingetreten und ihm nach wie vor persönlich verbunden. Im Jahre 1993, als Vogel zusammen mit anderen den Verein gründete und den Vorsitz übernahm, war er dabei, von der aktiven Politik im engeren Sinne Abschied zu nehmen. Er selbst charakterisiert in seinen Erinnerungen, die mit dem Ausscheiden aus dem Bundestag 1994 beginnenden Jahre als „dritten letzten Lebensabschnitt“ – nach seiner Münchener Zeit und seinen Bonner und Berliner Jahren. Hans-Jochen Vogel gehört zweifellos zu den markantesten Figuren der deutschen Politik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 1960 – im Alter von 34 Jahren – wurde der „Einserjurist“ zum Oberbürgermeister Münchens gewählt. Unter seiner Regierung vollzog München eine ausgesprochene Modernisierung, ohne seine Besonderheiten zu verlieren. 1972 wurde München Stadt der Olympischen Spiele, die der Welt ein neues demokratisches Deutschland zeigte. Vogel wechselte dann in die Bundespolitik, wurde Städtebauminister im Zweiten Kabinett Willy Brandts, in dem er unter anderem die rechtlichen Grundlagen des Städtebaus reformierte. Unter Kanzler Helmut Schmidt wechselte er ins Justizressort, in dem er den RAF-Terror mit rechtsstaatlichen Mitteln bekämpfte und zusammen mit Kanzler Schmidt schwierige Entscheidungen im Herbst 1977 zu fällen hatte. Nach einem Intermezzo in Berlin als Regierender Bürgermeister und als Oppositionsführer im Abgeordnetenhaus kehrte er in die Bundespolitik zurück, wurde SPD-Kanzlerkandidat, Oppositionsführer im Bundestag und dann auch – nach dem Rückzug Willy Brandts – SPD-Vorsitzender. Keine Frage, Vogel war ein aus- Hans-Jochen Vogel redet bei der ersten öffentlichen Veranstaltung von Gegen Vergessen – Für Demokratie am 1. November 1993 in Bonn. gesprochen profilierter, durchaus kämpferischer Politiker, der Kompetenz in einer ganzen Reihe von Bereichen besaß, den aber zugleich die Fähigkeit zur Integration auszeichnete. Wie sehr ihm die Menschen vertrauten, wurde mir deutlich, als wir vor etwa 15 Jahren zu Fuß gemeinsam ca. 1 km in Berlin zurücklegten, die Menschen ihn erkannten und ihm ihre politischen Anliegen und Sorgen vortrugen. In ähnlicher Rolle hatte ich ihn schon Ende der 1980er-Jahre wahrgenommen. Ein idealer Gründungsvorsitzender Bei der Gründung des Vereins Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. 1993 kamen verschiedene Momente zusammen: zum einen die Absicht früherer Verfolgter der NS-Zeit, ihr Anliegen der kritischen Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit zu institutionalisieren und dauerhaft zu machen, zum andern das Erschrecken über ausländerfeindliche Aktionen mit Todesopfern in der Gesellschaft des vereinigten Deutschland und der Wille von Persönlichkeiten, sich vor dem Hintergrund der Geschichte mit diesen Tendenzen nicht abzufinden. An der Spitze dieser Gruppe stand Hans-Jochen Vogel, der den Vorschlag von Heinz Putzrath, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft verfolgter Sozialdemokraten, zur Gründung des Vereins aufgriff, ihn aber ein Stück weit umformte. Insbesondere setzte er eine Überparteilichkeit der neuen Vereinigung durch und brachte zusätzliche konzeptionelle Impulse ein. In dieser Gründungsphase, in der auch 4 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 88 / März 2016 Foto: AdsD

[close]

p. 5

Heinz Westphal, der Bundestagsvizepräsident a.D., mit dabei war, konnte eine ganze Reihe von Persönlichkeiten, überwiegend durch Vogel selbst, gewonnen werden: Hanna-Renate Laurien, Friedrich Schorlemmer, Burghardt Hirsch, Wolfgang Lüder – auch der Autor dieser Zeilen wurde von Vogel angesprochen, hatte jedoch schon vorher mit Putzrath über die Gründungsidee gesprochen. HansJochen Vogel war geradezu ein idealer Gründungsvorsitzender; er war ein herausragender Politiker mit viel Erfahrung und der Fähigkeit zum konzeptionellen und organisatorischen Aufbau. Er galt als fair und hatte durchaus auch Beziehungen zu den anderen Parteien, auch zur CDU. So unterschiedlich die Brüder HansJochen und Bernhard Vogel waren und sind, Hans-Jochen ist Sozialdemokrat, Bernhard Christdemokrat (in den 1990erJahren war er thüringischer Ministerpräsident): In der Frage der Bewahrung der Erinnerung an NS-Zeit und Krieg und im entschiedenen Eintreten für die offene pluralistische Demokratie stimmten die Brüder überein und traten gelegentlich sogar gemeinsam auf. Bis heute vertreten sie in diesem Themenfeld ähnliche Positionen. Dass Hans-Jochen Vogel sich die Sache des Vereins zu eigen machte, ihr seinen Stempel aufdrückte, Mitstreiter aus anderen Parteien gewann, seine Reputation, sein Beziehungsnetz und vor allem auch seine Energie und Durchsetzungsfähigkeit einbrachte, war zweifellos ein Glücksfall für Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Anfangs handelte es sich um einen noch überschaubaren, doch wachsenden Kreis. Er versuchte zunächst, mit Organisationen mit ähnlichen Anliegen zusammenzuarbeiten und kleinere Projekte zu fördern, aber auch eigene Tagungen und Zeitzeugenprojekte durchzuführen, ein Jahrbuch herauszugeben und vieles mehr. Der bald 600 Mitglieder aufweisende Verein beschloss 1995 ein Regionalisierungskonzept, das schrittweise umgesetzt wurde. Heute ist Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. mit Regionalgruppen bundesweit vertreten – gewiss gibt es dabei Regionen, in denen wir noch Nachholbedarf haben. Der Verein zählt gut 2.000 Mitglieder und hat im letzten Berichtszeitraum von November 2014 bis Oktober 2015 bundesweit nicht weniger als 423 Termine gestaltet; zudem werden in der Geschäftsstelle verschiedene Projekte mit bundesweiter Bedeutung durchgeführt. Persönliche Motive Was war es, das Hans-Jochen Vogel antrieb? Verschiedene Gründe politischer und persönlicher Art dürften sich dabei vermengen. Es fällt jedenfalls auf, dass Vogel schon als Politiker seit den 1960erJahren an Zeitgeschichte interessiert war, aber auch an der Geschichte seiner Partei. Dabei entwickelte er besondere Sensibilität für Verfolgte: Verfolgte der NS-Zeit, aber auch der kommunistischen Zeit. Nachdrücklich setzte er sich für bislang unzureichend berücksichtigte Opfergruppen ein. Unter ihm als Justizminister wurde die Verjährung von Mord endgültig aufgehoben, vorher war sie angesichts der noch keineswegs abgeschlossenen strafrechtlichen Aufarbeitung der NSVerbrechen zweimal verlängert worden. Vogel ging es bei der Aufhebung um ein Zeichen, dass der einzigartige Mord an den europäischen Juden und anderen Gruppen nicht vergessen werden dürfe, sondern weiter rechtsstaatlich aufzuarbeiten sei. Keine Frage, dass den Politiker Anfang der 1990er-Jahre auch die Sorge um unsere Demokratie angesichts der Mordbrennereien gegenüber Asylbewerbern » Zum Geburtstag ein Plakat, dachten sich Dr. Michael Parak, Christoph Heubner, Dr. Dennis Riffel, Prof. Dr. Bernd Faulenbach und Martin Ziegenhagen und postierten sich vor dem Münchner Neuen Rathaus, in dem der Festakt der SPD für Hans-Jochen Vogel am 4. Februar 2016 stattfand. Foto: Conny Baeyer Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 88 / März 2016 5 Thema

[close]

p. 6

Thema Gruppenbild mit Vorsitzenden. Das Foto entstand nach dem Ehrenessen des Bundespräsidenten für Dr. Hans-Jochen Vogel zum 90. Geburtstag, zu dem auch der ehemalige Vorsitzende von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V., Wolfgang Tiefensee, sowie der amtierende Vorsitzende Prof. Dr. Bernd Faulenbach geladen waren. » vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte umtrieb. Darüber hinaus spielten aber – wie er wiederholt erklärt hat – für ihn bei seinem Engagement für Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. auch persönliche Motive eine Rolle. Er betonte, dass er als Kind, als Jugendlicher und als Soldat NS-Zeit und Krieg selbst miterlebt habe. Wie die große Mehrheit seiner Generation war er Mitglied der Hitlerjugend, stieg sogar zum Scharführer auf, der eine sogenannte Kulturstelle zu verwalten hatte und dabei mit der Betreuung eines Theaterrings und einer Laienspielschar befasst war. Ihm seien zwar kritische Fragen gekommen, doch sei er „wesentlich im Strom der damaligen Jahre mitgeschwommen, und der Gedanke, man könne, man müsse dem Staat Widerstand leisten“, sei ihm damals nicht gekommen. Ein Moment der Betroffenheit wird hier als Motiv erkennbar. Es hat seine Parallele bei Historikern seiner Generation, die den Aufarbeitungsprozess zur NS-Vergangenheit ganz wesentlich vorangebracht haben: Sie hatten die NSZeit als ganz junge Leute erlebt, trugen aber für das Geschehen in der Regel noch keine Verantwortung. Erinnern für die Gegenwart Hans-Jochen Vogel hat die Grundidee des Vereins, den Zusammenhang von Erinnerungsarbeit auf der einen Seite und demokratischer politischer Kultur auf der anderen Seite, in verschiedenen, durchaus noch aktuellen Beiträgen aus seiner Sicht dargelegt. Erinnern und Erinnerung haben für ihn etwas mit der Gegenwart zu tun. In der Tat wird beim Erinnern ein Stück wieder vorgestellter („rekonstruierter“) Vergangenheit in die Gegenwart geholt, d.h. vergegenwärtigt, was eben doch im weitesten Sinne heißt: auf die Gegenwart bezogen, was bedeutet, dass sich das Erinnerte verändert und im Übrigen im Hinblick auf die Vergangenheit selektiv ist. Erinnerung und Gedächtnis können nach seiner Überzeugung in Deutschland nicht an der „größten Katastrophe“ vorbeigehen, „die unser Volk je erlebt hat, deren Ausmaß alles übersteigt, was bis dahin für möglich gehalten wurde“. Erinnern müsse man an die NS-Gewaltherrschaft, den Widerstand, auch an die Ursachen, die zur Katastrophe führten. Nicht um die Konservierung von Schuldkomplexen oder um die Weiterführung von Betroffenheitsritualen gehe es dabei, sondern um die Einsicht für uns und die Nachgeborenen, „wie leicht sich Menschen verleiten ließen und wessen nicht wenige dann in ihrem Fanatismus und in ihrer Mordlust fähig waren“. Erinnern heißt für Vogel, aus der Vergangenheit Lehren zu ziehen und Geschichtsbewusstsein breiten Schichten zu vermitteln. Erinnern schließt für Vogel eine ernsthaf- te Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ein. Verlöre die Vergangenheit an Eigengewicht, würde sie zum bloßen Mittel für andere Zwecke. Aufsuchen der Geschehnisse der Vergangenheit ist aus Vogels Sicht deshalb nötig, vor allem des Angriffs- und Vernichtungskrieges und der vom nationalsozialistischen Deutschland ausgehenden Verbrechen, insbesondere des Holocausts. Dabei blieb für ihn die – inzwischen allzu sehr in den Hintergrund getretene – Frage bedeutsam: Wie konnte Hitler an die Macht kommen? Vogel veröffentliche dazu zusammen mit dem Historiker Klaus Schönhoven ein historisches Lesebuch unter dem Titel „Frühe Warnungen vor dem Nationalsozialismus“. Für Vogel war es ein Gebot der Glaubwürdigkeit, das Erbe dieser Zeit unter anderem dadurch zu akzeptieren, dass die deutsche Gesellschaft und der deutsche Staat die Opfer entschädigte – auch lange vernachlässigte Opfergruppen. Hans-Jochen Vogel und Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. engagierten sich deshalb im politischen Raum durch Stellungnahmen, persönliche Interventionen des Vorsitzenden und anderer für die Entschädigung von Euthanasieopfern, Zwangssterilisierten und Zwangsarbeitern. Plädiert hat Vogel 1997 auch für die Rehabilitierung von Deserteuren und anderen sogenannten Volksverrätern. Dies 6 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 88 / März 2016 Foto: Bundesregierung / Steffen Kugler

[close]

p. 7

waren für ihn praktische Konsequenzen, die aus der NS-Zeit noch zu ziehen waren. Eine notwendige Konsequenz war für ihn auch die Errichtung und dauerhafte Institutionalisierung von Gedenkstätten und Dokumentationszentren. In etlichen Fällen, etwa bei der späten Errichtung des Münchener Dokumentationszentrums, schaltete sich Vogel ein und übernahm dann auch Verantwortung. Der Wert des Grundgesetzes Hans-Jochen Vogel möchte aus der NSVergangenheit „ex negativo“ politische Orientierung für die Gegenwart gewinnen. Für ihn sind weitere „deutsche Sonderwege“ – die tatsächlich teilweise bewusst angestrebt worden waren – unbedingt zu vermeiden. Unsere im Grundgesetz manifeste Werteordnung ist darüber hinaus als eindeutige Antwort auf die NS-Ideologie zu verstehen. Artikel 1 Absatz 1 „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ markiert den Gegensatz wie der zweite Absatz des Artikels: „Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit der Welt.“ In den Artikeln 1- 20, doch auch im demokratischen Aufbau der Bundesrepublik manifestiert sich für Vogel ein Denken, das diametral dem Nationalsozialismus entgegengesetzt ist. Umgekehrt zeige die NS-Zeit, was möglich sei, wenn die Menschen- und Bürgerrechte nicht gelten. Vor dem Hintergrund der Geschichte erhält das Grundgesetz damit eine besondere historische Legitimation. Die Werte des Grundgesetzes verpflichten nach Hans-Jochen Vogels Überzeugung zum Kampf gegen den Rechtsextremismus, der für ihn wenn nicht ein Kontinuitätsphänomen, so doch eine politische Richtung mit ausgesprochenen Affinitäten zur NS-Ideologie darstellt. Von Anfang an war dementsprechend die Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus, mit Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit ein wichtiges praktisches Arbeitsfeld von „Gegen Vergessen – Für Demokratie“. Generell ist gegen antidemokratische Haltungen vorzugehen, die Jochen Vogel gegenwärtig nicht zuletzt auch darin sieht, dass die Demokratie schlechtgeredet wird. Wer demokratische Parteien und Politik pauschal verurteile, sei „blind gegenüber dem, was heute wirklich wert ist, geschützt zu werden“. Schon 2003 hatte er festgestellt: „Die Geschichte der Bundesrepublik ist nicht eine einzige Kette von Fehlschlägen und Katastrophen.“ Dass Jochen Vogel die kritische Aufarbeitung der SED-Diktatur mit Interesse verfolgt hat, sei ergänzend angemerkt. Eine teilweise Fehlwahrnehmung der DDR, was beispielsweise das Ausmaß der Stasi angeht, hat er eingeräumt, doch haben ihn diese Fragen nicht in gleicher Weise beschäftigt wie die NS-Zeit. Keine Frage aber, dass er sich stets auch gegen den Linksextremismus gewandt hat. Weiterentwicklung im Sinne des Gründungsvorsitzenden Sicherlich hat der Verein Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. in den letzten Jahren einige neue Akzentsetzungen in seiner Arbeit vorgenommen. Dazu gehören die stärkere Berücksichtigung der europäischen Dimension der Erinnerungsarbeit oder eine intensivere Diskussion von Geschichte und gegenwärtigen Problemen der Demokratie, denen auch Integrationsprobleme zuzurechnen sind. Diese Erweiterung bisheriger Aufgabenfelder ist sicherlich in Hans-Jochen Vogels Sinne, dessen Verein nach wie vor seiner Idee verpflichtet bleibt: historische Erfahrungen als Auftrag für die Durchsetzung und Weiterentwicklung von Demokratie und Zivilgesellschaft zu betrachten. Die Mitglieder von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. danken Hans-Jochen Vogel von Herzen für sein Wirken für unseren Verein und wünschen ihm zu seinem 90. Geburtstag alles, alles Gute – insbesondere Zuversicht und Wohlergehen. Wir hoffen, dass er unsere Arbeit noch lange mit Rat und Tat unterstützt. ■ Prof. Dr. Bernd Faulenbach ist Vorsitzender von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Anlässlich des 90. Geburtstages von Hans-Jochen Vogel hatte die SPD und die SPD-Bundestagsfraktion zu einem Festakt am 4. Februar 2016 in München geladen. Hans-Jochen Vogel bat seine Gäste anstelle von Geschenken um eine Spende für Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Wir freuen uns über insgesamt 6.395 €. Diesen Betrag werden wir für die Kofinanzierung unserer Projekte im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben“ und für Aktivitäten der Regionalen Arbeitsgruppe München einsetzen. Für diese großzügige Geste bedanken wir uns herzlich bei Hans-Jochen Vogel und seinen Gästen. Wir sagen Danke! Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 88 / März 2016 7 Thema

[close]

p. 8

Thema „Demokratie funktioniert nur, wenn alle mitmachen können “ Die Geschäftsführerin des Arbeitskreises deutscher Bildungsstätten (AdB), Ina Bielenberg, über die Herausforderung, politische Bildung in schwierigen Zeiten zu betreiben. Das Interview führte Markus Bauer. Foto: © Die AGB e. V.   Menschen, die noch suchen, die im Dialog und zugänglich sind oder Ängste haben, bei denen können wir noch etwas ausrichten. Aber Menschen, die z.B. ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild haben, werden wir mit politischer Bildung nicht erreichen. Im schlimmsten Fall kümmert sich ein Staatsanwalt um sie. Kritiker verfolgen einen anderen Ansatz: Die wünschen sich alle Energie für die, die sich ohnehin schon positiv in die Gesellschaft einbringen. Wir müssen die einen und die anderen erreichen. Wir versuchen, gerade auch Menschen für die Demokratie zu gewinnen, die vielleicht noch nicht überzeugt sind. Brauchen denn überhaupt Menschen, die die Demokratie bejahen, Unterstützung? Ja, auch die brauchen Stärkung, Schulung und Orientierung – wie zum Beispiel Argumentationshilfe gegen rechtspopulistische Äußerungen. Was mache ich etwa, wenn einer aus meinem Sportverein nicht mit einem Ausländer zusammen spielen will? Was lernen die Menschen in Ihren Veranstaltungen? Dass Demokratie ein Schatz ist, den wir haben, den wir pflegen müssen und dessen Wert wir immer wieder deutlich machen müssen. Wir machen dabei aber keine Staatsbürgerkunde. Da steht keiner am Flipchart und erklärt, wie der Bundestag funktioniert. Dann würde niemand freiwillig zu uns kommen. Wir verstehen Demokratie als Lebensform, als das Miteinander der Menschen. Wir fragen uns, wie dieses Miteinander funktioniert und zeigen es den Teilnehmern. Wie kann man konfliktfrei ins Gespräch kommen? Warum muss ich andere Meinungen akzeptieren und wie mache ich das? Wo und wie kann ich mich in meinem Umfeld engagieren? Es ist ein Runterbrechen von Demokratie. Es geht um unseren ganz normalen Alltag. Wie machen Sie das? Völlig unterschiedlich. Vom Streitlichterprojekt über das lokal-historische Projekt vor Ort bis zur Zukunftswerkstatt „Wahlrecht“… … an denen der katholische Gymnasiast teilnimmt, der sich weiterbilden will … Nein, das alte Klischee stimmt nicht. Im Jugendbereich bilden wir die gesamte Bandbreite der Gesellschaft ab. In der Erwachsenenbildung ist es dagegen tatsächlich oft so, dass diejenigen mit ohnehin hoher Bildungsaffinität sich weiterbilden wollen und ein Interesse artikulieren. Die wissen auch, wo sie Ihr Angebot finden. Wie erreichen Sie die Menschen, die Bildung brauchen, selbst aber nicht wissen, dass es so ist? In der Jugendbildung haben wir eine hohe Quote und Erreichbarkeit: über Schulen, Jugendverbände, Vereine, Berufsschulen, bei den Erwachsenen ist es schwieriger. Aber wir orientieren uns nicht am Defizit der Menschen! Die, die kommen, entscheiden sich freiwillig für unsere Angebote.. Es ist daher eine Herausforderung, dass Angebot attraktiv und passend zu gestalten. Wir müssen uns dafür immer neu erfinden. Was sind denn die neuesten Trends und Entwicklungen? Wir suchen immer neue Kooperationspartner – vom Moscheeverein bis zum Trachtenverein. Prinzipiell ist es aber so, dass der Jugendbereich der innovativere Teil unserer Arbeit ist. Wir organisieren zum Beispiel Barcamps. Dafür geben nicht wir die Themen und Referenten vor. Die Jugendlichen machen das im Vorfeld selbst – und zwar online. Oder wir laden zu Alternate Reality-Games ein, über die wir bildungs- und politikferne Jugendliche erreichen. Das sind multimediale Rollenspiele, wo die Grenze zwischen Realität und Fiktion verwischt wird. Lobbyarbeit für politische Bildung: Ina Bielenberg, AdB-Geschäftsführerin Sie sind eine Lobby-Organisation für politische Bildung. Haben Sie in diesen Zeiten mit sinkender Wahlbeteiligung, Pegida-Bewegung, hohen Flüchtlingszahlen und einer vermeintlich politisch desinteressierten Jugend besonders viel zu tun? Ja. Das alles sind ganz wichtige Themen. Insbesondere unsere Jugendeinrichtungen engagieren sich stark für Flüchtlinge. Wir haben viele Häuser, die minderjährige Flüchtlinge aufgenommen haben oder Seminare, Vorträge und Diskussionen zu diesem Thema anbieten. Darin erklären wir: Warum gibt es Flüchtlinge? Was sind Fluchtursachen und warum gibt es Krisen auf der Welt? Die Mitgliedseinrichtungen arbeiten aber auch mit Flüchtlingen zusammen, schulen Ehrenamtliche oder bieten Flüchtlingen Praktikums- und Ausbildungsplätze an. Und natürlich beschäftigt uns auch Pegida. Sind die Anhänger von Pegida aus Ihrer Sicht „verlorene Seelen“? Grundsätzlich ist es unser Anspruch, offen für alle zu sein. Das Gespräch ist besser als die Ausgrenzung. Aber es hängt natürlich davon ab, wie verfestigt das Weltbild ist. 8 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 88 / März 2016

[close]

p. 9

Flexibel auf Trends reagieren können Sie aber schon – zumindest lässt das ihr Jahresthema für 2015, „Globale Migration“, vermuten. Das ist natürlich ein Volltreffer. Das Thema ließ sich aber erahnen, es ist ja nicht neu. Überraschend ist nur die Wucht. Prinzipiell überlegen wir uns immer Themen, die über ein Jahr tragen und gesellschaftlich relevant sind. Immer im Dialog. Oft wird auch in den Pausen eines Workshops weiter diskutiert. Wie wirken diese Methoden? Können Sie Ihren Erfolg messen? Mir sind dafür keine Instrumente bekannt. Wir können nicht sagen: Wir geben dieses hinein und dafür kommt dann jenes heraus. Das würde aber unserem Anliegen auch nicht entsprechen. Wir wollen ein freiwilliges, partizipatives, lebensweltorientiertes Angebot machen. Die Freiwilligkeit ist dabei entscheidend. Wir haben kein Lernziel, das wir mit einem Test am Ende abfragen. Wir haben natürlich Zielvorstellungen, aber die Teilnehmer entscheiden selbst, was sie lernen und was sie mitnehmen. Dass es aber eine Wirkung gibt, merken wir anhand der Politische Bildung im Flachbau: LidiceHaus in Bremen Nachbereitungen, der Feedback-Bögen, der Kommentare auf Facebook oder in Videos. Wir erkennen dann einen Perspektivwechsel, mehr Diskussionsfreude, das Einüben von Argumentationen, das konstruktive Streiten oder das Akzeptieren anderer Meinungen. Das klingt nach einer langfristigen Wirkung, die nicht ad Hoc per Pille verabreicht werden kann. Ja, wir können die Menschen nicht einfach eine Woche in ein Seminar schicken, weil wir ein Problem mit Rechtsextremismus oder Salafismus haben. Wir arbeiten langfristig und nachhaltig. Welche Politik verfolgen Sie dabei? Unsere Aufgabe und unser Anspruch ist es, nicht am Leben vorbei zu agieren. Aktuelle Themen halten uns am Puls der Zeit. Was ist gesellschaftlich wichtig? Worüber diskutieren die Menschen? Das ist wichtig für uns – auch weil ein Jahresthema eine Klammer für den gesamten Verband ist. Daran können sich alle Einrichtungen mit ihren Angeboten orientieren. Ihre Jahresthemen spiegeln also auch eine gesellschaftliche Entwicklung wider. Das ist so. 2016 widmen wir uns z.B. dem Thema Armut und Reichtum. » Foto: LidiceHaus Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 88 / März 2016 9 Thema Foto: AdB

[close]

p. 10

Thema Nicht immer nur drinnen und im Sitzen: Politische Bildung » Worum geht es? Die gesellschaftliche Spaltung zwischen Menschen, die wenig bis nichts haben, und denjenigen, die mehr haben, wird tiefer. Mit dem Auseinandergehen der Schere gefährden wir unsere Demokratie. Vor allem die ohne finanzielle, soziale und kulturelle Ressourcen sind diejenigen, die sich nicht mehr an Wahlen beteiligen – und verlieren damit auch den Bezug zur Politik. Wie stabil kann eine Demokratie sein, wenn sich ein Großteil der Bevölkerung aus diesem System zurückzieht? Darum geht es. Und Sie glauben, dass die Schere größer wird? Ja, ich kann eine gefährliche Entwicklung erkennen. Wo zum Beispiel die Arbeitslosenquote hoch ist und viele Menschen Transferleistungen beziehen, da ist auch Politische Bildung im Schloss: Schloss Trebnitz Foto: Schloss Trebnitz die Wahlbeteiligung niedrig. Andersherum gehen wohlhabende, gebildete Menschen sehr viel eher wählen. Das führt dazu, dass diejenigen, die artikulationsfähig sind, über Netzwerke verfügen und Einfluss ausüben, auch politisch gestalten. Die anderen werden vergessen und sehen keinen Sinn darin, sich zu beteiligen. Das ist ein Teufelskreis. Das müssen wir unterbrechen. Wir müssen sie zurückgewinnen und in die Lage versetzen, wieder zu partizipieren. Tragen Sie also ein Rückzugsgefecht der Demokratie aus? Ich hoffe nicht, aber man muss die Entwicklung zur Kenntnis nehmen. Ich finde, das ist ein Skandal. Wir haben eine repräsentative Demokratie. Wenn der Großteil nicht wählt, wird es auf Dauer nicht funktionieren. Und darauf wollen Sie mit dem Jahresthema aufmerksam machen? Ja, natürlich. Aber mehr noch: Wir müssen die Nichtwähler erreichen und überzeugen, dass Demokratie ein hohes Gut ist – auch für sie!. Schwierig genug. Ist Ihre Arbeit frustrierend? Nein, wir haben viele, viele positive Beispiele. Aber alleine können Sie es trotzdem nicht schaffen, die Menschen zurück zur Demokratie zu holen? Das stimmt. Da ist auch die Politik gefragt. Die muss ihre Feuerwehrmentalität ablegen und langfristiger denken. Klingt, als würde ihre Arbeit eher mehr als weniger. Zumindest ist sie nach wie vor wichtig und aktuell – und das wird so bleiben. ■ Markus Bauer ist Historiker, Redenschreiber im Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur sowie ehemaliger Journalist. Der Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten (AdB) ist ein bundesweiter Fachverband für politische Jugend- und Erwachsenenbildung. In ihm arbeiten Einrichtungen und Träger politischer Bildung unabhängig von ihrer weltanschaulichen und politischen Orientierung zusammen. Sie engagieren sich für die Förderung und Entwicklung politischer und interkultureller Bildung sowie für die Weiterentwicklung der Demokratie. Der AdB steht für eine professionelle Verbandsarbeit, unterstützt die Professionalität seiner Mitglieder, bietet ein Forum für fachlichen Austausch und realisiert eine gemeinsame bildungspolitische Interessenvertretung. 10 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 88 / März 2016 Foto: AdB

[close]

p. 11

Christin Robers und Benjamin Rensch Unterwegs im Dschungel der Demokratie Bunte Punkte gegen platte Parolen?! In der Villa ten Hompel erleben junge Leute in einem kreativen Workshop, dass Meinungsfreiheit und Geschichtsbewusstsein ein persönlicher Ansporn sein können. 60 Zimmer weist die Villa ten Hompel auf, die historische Residenz der Fabrikantenfamilie ten Hompel aus der Weimarer Republik, die seit 1999 ein „Geschichtsort“ der Stadt Münster in Westfalen ist: Großzügige Salons und Séparées, früher Gesellschaftsräume mit toller Aussicht auf den Garten und Gelegenheit zum Verweilen am Kamin. Doch besonders beliebt bei den Gästen in Jugend- und Schulprojekten ist inzwischen ausgerechnet der unscheinbarste Platz im ganzen Gebäude, die Besenkammer. Winzig, schäbig, funktional und fensterlos. Doch den Jugendlichen geht es nicht um deren Architektur oder die Atmosphäre, sondern um das, was dieser geschützte Raum im Projektverlauf bietet: die Chance zu einer offenen, ehrlichen Entscheidung. Wie in einer Wahlkabine. Die Besenkammer gehört Tag für Tag in Projekten zu einem kreativen Parcours für ein „Selbsterfahren“ an Stationen, zu einem „Demokratiedschungel“, der vor allem eines schafft: Geschichtsbewusstsein und Gesprächsanlässe in der Gruppe von Gleichaltrigen – als Ansporn, sich einzusetzen – frei von strengen Vorgaben oder von sozial erwünschten, wohlklingenden Antworten, die anderswo vielleicht in Schulnoten einfließen würden. In dem Workshop gilt freches, forsches Fragen nach Menschenwürde und nach Meinungsfreude als ein hohes Gut, gehegt und gepflegt in einem pädagogischen Format, das die RAG Münsterland vor 15 Jahren ersann und seither im Dialog mit Schulen, Wissenschaft, Praxis und mit Menschen aus dem Netzwerk von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. selbstkritisch fortentwickelt. Denn ein Gesetz darf im „Dschungel“ der Demokratie niemals gelten: das vermeintliche Recht des Stärkeren. „Umgekehrt gibt es aber auch keinen Helden, der für Toleranz brüllt oder vor Gefahren des Abdriftens rettet“, sagt Stefan Querl, der für die Villa ten Hompel und die RAG die „Dschungel“ plant. „Eine Gruppe, die wachsam ist und achtsam bleibt, erkennt schnell: So ein Tarzan, der sich aufschwingt, das sind im Zweifelsfalle nur wir selbst.“ Ausstellungsbesuche in der NS-Erinnerungsstätte allein mit Führungen, Arbeitsblättern, Sehaufträgen erlebten die Begleiter von Jugendgruppen oft nur als Anlass zur „gepflegten Langeweile“, wie sich das Team aus pädagogisch Mitwirkenden um Regionalsprecher Horst Wiechers anfangs » 60 Zimmer hat die Villa ten Hompel, die als Familienresidenz und Vorzeigeprojekt des „Zementkönigs“ Rudolf ten Hompel errichtet worden war. Heute nutzen die Mitarbeiter der NS-Erinnerungsstätte das weitläufige Gebäude, das unter Denkmalschutz steht, kreativ mit jungen Gruppen. Foto: Heiko Klare Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 88 / März 2016 11 Thema

[close]

p. 12

Thema Ein „Touchtisch“ hilft im Dschungel bei der Orientierung, was sich wann in der Villa ten Hompel ereignete. » selbst grämte. Als Studiendirektor war er bis zur Pensionierung im Schuldienst tätig und beschreibt, was bald einen Anstoß zum Umdenken brachte: „Allen gemein war der Wunsch, Zeitgeschichte auf Augenhöhe mit Besuchern zu vermitteln, also nicht besserwisserisch. Wir sind bei den Themen doch alle Lernende.“ 2001 gab es in Münster die erste Dauerausstellung zur Rolle der Ordnungspolizei im NSRegime bis 1945, fachlich hoch gelobt als Beleg für Polizei- und Massenverbrechen „Im Auftrag“. Aber dadurch als Medium alleine noch keine historische Herzensangelegenheit für Schülerinnen und Schüler, die sie anschauten. Anfängliche Neugier wich einem „aktiven Dösen“ im Durchgang. Selbst braves Beantworten vorgegebener Fragen barg noch keine Begeisterung für Zeitgeschichte oder gar für andere, vielleicht freche Formen gelebter Erinnerungskultur. Vor allem blieb die ebenso wichtige wie strittige Grundfrage des Teams am „Geschichtsort“ selbst auf der Strecke, nämlich, ob sich die intensive Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte und das Trainieren von Zivilcourage in einem gedenkstättenpädagogischen Setting nicht spannend eng verzahnen lassen. So verschwanden nach kurzer Zeit vorgefasste Arbeitsblätter zugunsten ganz anderer Diskussionsanreize, denn so ein „Demokratiedschungel“ funktioniert erst dann nachhaltig, wenn es inhaltlich darum geht, was Jugendliche wirklich wissen wollen. Das hat Vorrang vor allem, was sie vielleicht aus Lehrerinnen- oder aus Vermittlersicht lernen sollen. „Dem dient Unterricht“, grenzt Horst Wiechers die verteilten Rollen ab. Gedenkstätten seien außerschulische Lernorte, gerne auch mit völlig anderen Zugängen. Im Dschungel kennt niemand vorher die Ergebnisse, jede Gruppe produziert sie ja erst selbst – auch mit „partizipativen Medienelementen“ der neuen Ausstellung „Geschichte, Gewalt, Gewissen“, die Dr. Christoph Spieker als Leiter der Villa ten Anonym erhobene Meinungsbilder: Alles andere als repräsentativ, aber ein Fühlen am „Puls“ der Gruppe, die zu Gast am „Geschichtsort“ ist. Seit Einsatz dieser offenen Methoden gelingen Gespräche über Geschichte und Gegenwart deutlich besser. Hompel Ende März mit seinem Team eröffnete. Spiekers Forschungen über den „Befehlshaber der Ordnungspolizei“ im Wehrkreis, der sich des Anwesens der Familie ten Hompel nach Beginn des Zweiten Weltkriegs für den Dienstsitz bemächtigte, flossen mit ins Konzept ein – didaktisch-methodisch ebenso Erfahrungswerte von Prof. Dr. Alfons Kenkmann aus dem Bundesvorstand von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V., der den Geschichtsort mitbegründete. Das „Dschungeln“ fängt als Lernund Debattierarrangement für 15- bis 20-jährige Gäste klein an. Mit anonym erstellten Meinungsbildern und „Grup- 12 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 88 / März 2016 Foto: Bert Sterk

[close]

p. 13

Foto: Bert Sterk Politisch Korrektes und auch höchst Anstößiges wird im „Demokratiedschungel“ offen zur Diskussion gestellt. Kleine Gesprächsgruppen entscheiden selbst, was sie näher hinterfragen möchten. penpuzzeln“. Es schlägt jedoch oft Wellen und zieht positive Kreise, weil nun nicht länger verallgemeinernd-wolkig über polizeiliches Handeln „damals und heute“, über brisante Problemfragen unserer Gesellschaft wie Pegida oder den Protest dagegen gesprochen wird. „Was meint denn unsere Runde hier?“, heißt die Kernfrage; es wird nichts repräsentativ erhoben, doch am gemeinschaftlichen Puls gefühlt. Was zum Beispiel will jemand schönfärben, der verbal verharmlost, damals der Hitler habe doch „gar nicht alles“ falsch gemacht? Wer schützt heute die Menschenwürde von Minderheiten, ganz konkret in der eigenen Schule oder in der Nachbarschaft? Der Balken aus dem eigenen inneren Auge müsse erst einmal weg, lautet pädagogisch das Ziel im „Demokratiedschungel“, weshalb sich die Aussagen, die bewusst zunächst jedem Gast alleine zur ersten Ansicht vorgelegt und fast täglich aktualisiert werden, persönlich auf das eigene Ich, seine vertraute Klasse oder den Bekanntenkreis jenseits der Schule, auf Facebook-Freunde und auf den Sportverein beziehen. „So etwas wie ‚schwule Sau‘, ‚du Opfer‘ oder ‚ey, bist du behindert?‘ sagen wir doch alle mal, wenn es irgendwo Stress und Streiterei gibt.“ Eine solche Aussage ist im „Demokratiedschungel“ mithilfe kunterbunter Zustimmungspunkte zu einer ehrlichen Selbsteinschätzung freigegeben: Anonymisiert hinter einer extra verschlossenen Türe der Besen- kammer. Und weil diese schließlich nur einer Person Stehplatz bietet, weiß niemand aus der Gruppe später, wer dem Ganzen denn nun vielleicht noch anhing. Offen diskutiert wird das Thema „Gewalt durch Worte“ aber auf jeden Fall, und zwar hoch konzentriert und durchgängig mit heftiger Leidenschaft, weil nämlich in „Phase 2“ allen unter den Nägeln brennt, dass verbale Aggression und Parolen zwar griffig und schnell für Schuldzuweisungen zu gebrauchen, aber realitätsfremd sind. „Die Pariser Terroranschläge oder die Flüchtlingsfrage zum Beispiel bedürfen in Debatten besonderer Sensibilität“, mahnt das Team aus der RAG Münsterland, das die Moderation der Gruppengespräche organisiert und dabei oft zum Schiedsrichter wird. Wer das Holz eines Stammtisches mit Niveau und Mut bezwingen will, muss meist maßlos dicke Bretter bohren. „Was wir immer vorleben sollten als Gastgeber, sind faire, demokratische Gesprächsregeln, selbst wenn die herrschende Meinung uns weh tut oder nicht passt.“ Natürlich geht es auch um Grenzen, etwa bei Holocaust-Leugnung oder Antisemitismus. Einmal nicht das letzte Wort haben zu müssen oder auf ein „Konsens-Aushandeln“ gegen allen Anschein vertrauen zu dürfen, zeichnet sich an anderer Stelle jedoch sofort mehrfach aus im Projektverlauf: Im Teil des historischen Weiterlernens während der Vormittage konkret, bei dem Opfer der NS-Gewaltherrschaft ebenso gewürdigt werden wie Verfolgte, die Widerstand leisteten oder Solidarität übten. Die Bereitschaft, beim anschließenden Ausstellungsbesuch zuzuhören und kritisch nachzufragen, wächst in dem Maße, wie Meinungsfreude, Freiheit ehrlicher Rede und das eigene Verantwortungsbewusstsein im „Dschungel“ zum Tragen kamen – übrigens gerade bei einer Extra-Quellenarbeit zu NS-Tätern, deren Handeln zu erklären, jedoch keinesfalls zu entschuldigen ist. Inzwischen ist der „Dschungel“ als Setting für Gruppen und Schulklassen so gefragt, dass anderthalb Jahre im Voraus in Münster die Termine knapp werden. Abhilfe schafft ein Vorstoß, den Workshop in abgespeckter Version in Schulen, Jugendzentren und Gemeinden mobil anzubieten. Das können wir z. B. über das Projekt „Demokratie ist wichtig. Punkt!“ von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. bewerkstelligen. Dieses Projekt wird über das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung finanziert. Streng gilt jedoch als eine Bedingung, dass jede Runde junger Menschen, die so einen „Demokratiedschungel“ selbst durchlaufen möchte, sich schon intensiv kennt und dass Leiterinnen, Leiter oder Lehrkräfte bereit sind, sich in heiklen Phasen in völliger Zurückhaltung zu üben. „Eine geeignete Besenkammer finden wir andernorts außerhalb der Villa“, so hofft das Team. » Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 88 / März 2016 13 Thema

[close]

p. 14

Thema Trubel und Tatendrang: Im „Dschungel“ werden junge Menschen bewusst dazu aufgerufen, sich den historischen Ort selbst zu erschließen. » Gut 150 Klassen und Kurse besuchen im Jahr die Villa ten Hompel und den „Demokratiedschungel“, den die RAG Münsterland des Gegen Vergessen – für Demokratie e.V. maßgeblich mitgestaltet in der NS-Erinnerungsstätte. In den zehnten Klassen der Hauptschule Wolbeck gehört er fest zur Schuljahresplanung. Aus dem diesjährigen Jahrgang stammen Stimmen als Projektfeedback: Foto: Christin Robers Foto: Stefan Querl Foto: Benjamin Rensch Canel Oy, 16 Jahre alt: „Die Methoden in diesem Dschungel haben mich dazu angeregt, mehr darüber nachzudenken, wie man mit Diskriminierung umgeht und sich dagegen wehren kann. Trotz meiner Vorkenntnisse zum Nationalsozialismus konnte ich viel Neues lernen an dem Vormittag. Ich fand es aber vor allem spannend, bestimmte Behauptungen zu diskutieren und meine Meinung dazu zu äußern. Auch was andere Mitschüler aus der Klasse denken, war mir vorher gar nicht immer so klar.“ Roland Leuschner, 17 Jahre alt: „Die Video- und Tonaufnahmen haben mich in der Villa ten Hompel besonders interessiert. Nach dem Dschungel haben wir uns die angeschaut und angehört. Diese Zeitzeugenberichte waren spannend, so konnte ich etwas mitnehmen.“ Natalie Balch, 17 Jahre alt: „Der Projekttag war sehr lehrreich und lohnend. Thematisch fand ich die Nachkriegszeit und die Frage nach der Wiedergutmachung für Opfer der Naziherrschaft besonders interessant. Richtig gut hat mir gefallen, dass aber auch ein Bezug zu heute hergestellt wurde, denn unserer Klasse war es wichtig, dass wir während der Führung und der Diskussionen wirklich mit einbezogen wurden, also frei unsere eigene Meinung äußern durften.“ 14 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 88 / März 2016 Foto: Bert Sterk

[close]

p. 15

Foto: Heiko Klare rendes Dickicht wirkt, spielte eine Rolle. Das Dschungel-Camp im Fernsehen gab es noch nicht. Inzwischen hat sich der Name eingeprägt, so dass Lehrer gezielt den Dschungel anfragen. Das Sprachbild entschlüsseln junge Leute jedenfalls schnell, weil Demokratie Mut, Klugheit, Kraft und Humor erfordert, aber manchmal schwer durchschaubar ist: echtes Wagnis und Abenteuer. Das Konzept ruft auch Kritiker auf den Plan, gerade weil die aktuellen Zeitund Streitfragen oft viel Raum einnehmen. Bleiben die NS-Geschichte und das Gedenken nicht auf der Strecke? Keineswegs, so zumindest unsere Hoffnung und nach 15 Jahren auch unsere Erfahrung. Zu heiklen Fragen anonym ein Meinungsbild zu erheben, ist als typische Seminarmethode nicht sonderlich neu und nicht selten. Erst die Verknüpfung mit dem historischen Lernen und auch dem authentischen Ort fasziniert. Dass wir Gastgruppen einer Art Stresstest in Sachen Zivilcourage und zum Eintreten gegen Diskriminierung heute unterziehen, ist Part des Programms, das aber nur auf Wunsch und auch enorm vorsichtig. Die Geschichtswerkstatt zur NS-Zeit bildet das Herzstück der Auseinandersetzung. Eine Erleichterung und Bürde zugleich ist in der Vermittlung, dass in der Villa ten Hompel während der NS-Herrschaft nie ein Mensch eingesperrt war oder zu Schaden kam. Dieses Gebäude war ein Ort der Schreibtischtäter, sodass es weder Zellen noch Galgen oder Spuren von Gewalt aufweist. Es wirkt keine schreckliche Aura. Lassen sich denn Aspekte auf die Arbeit in anderen Gedenkstätten oder in Bildungseinrichtungen übertragen? In Auschwitz würden sich „laute“, forsche Methoden aus Anstand vielerorts verbieten. Die KZ-Gedenkstätte hat übrigens ungefähr so viele Besucher am Tag wie wir in der Villa ten Hompel im Jahr, ca. 11.000 bis 15.000. Das ist ein folgenreicher Unterschied: Führungen und Audioguide-Formate erreichen etliche Menschen. Gespräche gelingen aber besser in Kleingruppen. Und mit dem Pfund, intensive Dialoge zu ermöglichen, könnte viel, viel mehr gewuchert werden. Denn wie stark Erinnern und Gedenken das persönliche Handeln von Menschen heute mitbestimmen sollen, das dürfen wir an diesen Orten zur Debatte stellen. Schon um nicht zu einer bloßen Kulisse für Kranzniederlegungen zu verkommen. Das Vermächtnis der Verfolgten und Ermordeten hat Relevanz und Gewicht, gerade auch im Bewusstsein junger Menschen, die an Gedenkorten auch Antworten auf ihre Fragen suchen. ■ Stefan Querl ist stellvertretender Leiter der Villa ten Hompel. Der 41-Jährige ist Mitglied der RAG Münsterland von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. und gilt als Erfinder des „Demokratiedschungels“. Christin Robers und Benjamin Rensch haben ihn befragt: „Demokratiedschungel“, woher rührt eigentlich dieser seltsame Name des Projektes? Wenn wir das im Nachhinein noch so genau herausfinden könnten (lacht). Einen Anstoß im Team gab damals in der Entwicklungsphase eine Begeisterung für die Fabel und den Film „Dschungelbuch“, in dem Mowgli als „Menschenjunges“ am eigenen Leibe erfährt, dass unter widrigen Umständen nur weiterkommt, wer Freunde und Helfer hat. Aber auch die Vielfalt von Räumen in der Villa ten Hompel, die auf Besucher anfangs wie ein verwir- Christin Robers und Benjamin Rensch sind Mitglieder der RAG Münsterland von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Beide wirken neben ihrem Studium in Münster mit an Jugendgeschichtsprojekten. Sie besuchten im Herbst die KZGedenkstätte Auschwitz und führten die Interviews zum „Dschungel“. Anzeige Besuchen Sie das neu gestaltete Internetformular, um bequem auch online Mitglied zu werden. 15 Thema

[close]

Comments

no comments yet