Mitteilungsblatt Thüringer Pfarrverein Januar - März 2016

 

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Mitteilungsblatt Thüringer Pfarrverein Januar - März 2016

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Thüringer Pfarrverein Januar / Februar / März 2016 Januar - März 2016 Nr. 1 | 6. Jahrgang 2016 3 Editorial 6 Mach deins draus - Überlebensräume im Pfarrhaus Vortrag von Profn. Ilona Nord 18 Lob der Deutlichkeit - Prof.em. Michael Trowitzsch 28 Lutherpredigt vom 11. So.n.Trin. 1516 - Mannigfaltiger Hochmut, Wohllustigkeit und lauter Drohworte 34 Einladung zum Pfarrertag nach Erfurt 39 Geburtstage 40 Freie Termine in Lubmin

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ESA 123x80 20151208 Dienstag, 8. Dezember 2015 09:44:32 Orgelbau Schönefeld Über 200 Jahre Orgelbautradition in Stadtilm / Thüringen Neubauten Restaurierung Reparaturen Reinigungen Stimmungen Erarbeitung von Konzepten Verleih von transponierbaren Truhenpositiven Ev. Kirche Ellichleben, erbaut 1776 von Johann Daniel Schulze aus Milbitz bei Paulinzella 20 Register, 2 Manuale und Pedal, 2003-2010 Restaurierung Dirk Schönefeld • Orgelbaumeister • 99326 Stadtilm/Thür. Bahnhofstraße 11 • • Telefon 03629/800834 • Fax 800835 Internet: www.orgelbau-schoenefeld.de • Email: info@orgelbau-schoenefeld.de 2 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2016

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Editorial von Pfarrer z.A. Dr. Tillmann Boelter, Frankenroda, stellv. Vorsitzender des Thüringer Pfarrvereins Liebe Leserin und lieber Leser, „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet“ (Röm 12,12) .... „Och, den Vers kenn ich schon zur Genüge!“ – so dachte ich mir, als ihn meine Frau zu Beginn ihres Vikariats vor zwei Jahren zugelost bekam. Über diese Bibelstelle sind schon Heerscharen von Exegeten und Predigern gegangen. In meinem elterlichen Pfarrhaus war er gegenwärtig und sucht man ihn heute mittels Google, so spuckt der Computer über 600 000 Treffer aus. Und was soll das überhaupt bedeuteten - Hoffnung, Trübsal und Gebet? Steckt da mehr dahinter als eine Anleitung zur frommen Lebensweise, die sich in Genügsamkeit erschöpft? Hier wird doch die christliche Haupttugend Geduld und Beharrlichkeit in aller Trübsal gepredigt. Irgendwie schon richtig, aber kaum durchzuhalten und mir im Moment fern. Schnell war der Bibelvers eingesteckt und vergraben. Auf wunderbare Weise trat der Vers dann aber doch gewaltig in mein Leben: Es geschah, als wir unser fünftes Kind erwarteten. Die überschwängliche Freude unserer Umwelt, die wir noch bei der Ankündigung unseres ersten Kindes gespürt haben, wollte sich nicht mehr einstellen. Vielmehr wurde ich zweifelnd angeblickt: „Ist das euer Ernst? Reichen nicht vier?“ Gute Argumente Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2016 wurden vorgebracht, die alle mit Armut, Überforderung oder Chancengleichheit zu tun hatten. Fast hätte ich mir diese zu Eigen gemacht, da fand ich vergraben den Spruch aus dem Römerbrief: „Seid fröhlich in Hoffnung“. Es traf mich: Wir waren ja in Hoffnung, in (wie man so sagt) „guter Hoffnung“ und in dieser Hoffnung durften, ja sollten wir fröhlich sein – trotz aller Reaktionen dagegen. Mein Herz wurde frei. Aufatmen. Hier galt eine Zusage ganz direkt: Sei fröhlich. Bald stellte sich ein neuer Gedanke ein, oder vielmehr der Bibelvers strahlte auf weitere Gebiete aus. Nicht nur die gute Hoffnung, in der werdende Eltern leben, sondern vielmehr die gute Hoffnung in der wir alle leben, das Ja Gottes zu uns, ist Grund der Freude. Trotz der Trübsal und mancher Beschwernis 3

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gilt an erster Stelle genau dies: Freuet euch. Mit und manchmal gegen die Welt, weil Jemand die Welt hält, zu ihr kommt und uns erlösen will. Das wirklich Wichtige ist zuallererst mein Grund zur Freude. Zugegeben: Sorgenfalten sind bei mir geblieben. Durchwachte Nächte kamen, Krankheiten galt es zu überstehen und Ängste bleiben. Geduld und Beharrlichkeit sind fortwährende Begleiter, aber alles überstrahlt die grundlegende Freude - Gott hat dich und mich erlöst in Jesus Christus. Daran darf ich mich erinnern lassen. - Die Formulierung klingt eigen: erinnern lassen. So wie auch die bekannt Aufforderung: „Freuet euch! Und abermals sage ich freuet euch!“ (Phil 4,4) irgendwie sonderbar erscheint. Aber genau das habe ich als heilsam erfahren. Vielleicht, so denke ich heute, ist daher der Pfarrberuf auch hauptsächlich dies: Freudeerinnerer. Ein Mensch, der Leid und die Trübsal kennt und sie beharrlich vor Gott bringt, der aber noch in einem hoffnungsvollen Blick weiter sieht zu der Freude, die Gott schenkt. Auch unsere Landeskirche müsste noch viel mehr von der Freude durchdrungen sein. Freude, die sich nicht in Zahlen ausdrückt, ja die nicht mal auf gelungene Projekte, Erprobungsräume oder Gebietsreformen blickt, sondern die Freude, dass sie um Jesus Christus herum sein darf, von ihm erzählen und gewiss sein kann, dass er kommt zu erlösen. Die großen Herausforderungen und Sorgen bleiben: Mitgliederschwund, Gebietszusammenlegungen, langfristiger Kirchensteuerrückgang. In der Freu4 de des grundlegenden Ja Gottes zu uns werden sie aber zurechtgerückt als Probleme im Vorletzten. Sie gilt es anzusehen und mit Ernst zu bearbeiten, aber die Freude dürfen sie nicht zerstören. Unsere landeskirchlichen Probleme haben hier in aller Unerlöstheit ihren Platz, dürften aber nie die eigentliche Arbeit des Pfarrberufs zernagen. Dies sind dann doch etwas utopische Gedanken eines Berufsanfängers und mir ist auch klar, dass die Verwaltung des Geldes, der Gebäude und manche sehr weltlichen Sorgen sich schnell in den Vordergrund der Arbeit drängen und vielleicht auch drängen müssen, gerade daher finde ich die Aufforderung zur Freude so wichtig, weil ich sie selber so leicht vergesse. Biblisch jedenfalls bleibt letztlich diese Freude in und trotz aller Geduld und Trübsal. Dies ist der Satz, den ich Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, in Erinnerung rufen wollte. Möge er auch bei Ihnen das Leben heilsam machen! Wenn ich mich hier sehr persönlich an Sie wende, so hat dies auch seinen Grund darin, dass meine Mitarbeit im Vorstand des Thüringer Pfarrvereins erst kurz andauert und diese Gedanken auch eine kleine persönliche Vorstellung sein sollen. Noch ein paar Fakten zu mir: Geboren in Meiningen, wuchs ich hauptsächlich im Pfarrhaus in Friedrichroda auf. Nach dem Zivildienst, dann Studium in Jena, Münster, Halle. Promotion an der Friedrich-Schiller Universität in Jena im Fach systematische Theologie über – grob gesprochen – Karl Barth und das Böse in der Welt. Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2016

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Vikariat dann in Mihla bei Eisenach bei Pfr. Georg Martin Hoffmann. Meine erste Stelle durfte ich im Kirchenkreis Mühlhausen antreten. Verheiratet bin ich seit über 10 Jahren mit meiner Frau Anne Boelter. Wir dürfen auf fünf gesunde Kinder blicken (vier Mädchen und ein Junge). Zur Zeit bin ich mit unserem jüngsten Sohn in Elternzeit, damit meine Frau ihr Vikariat zu Ende führen kann. Mich treibt immer wieder die Hoffnung auf unseren Herrn Jesus Christus an, in welcher ich mich meinen Mitmenschen zuwende. Gerne höre ich meinen Kolleginnen und Kollegen zu, habe ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Pfarrerschaft und versuche ein gutes und starkes Miteinander der Amtsträger zu befördern. Denn – so glaube ich – die haltbare und kräftige Gemeinschaft der Dienstgemeinschaft, in der wir auf Augenhöhe miteinander arbeiten, ist für die nachhaltige Entwicklung unserer Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland von höchster Bedeutung. Ganz besonders freue ich mich, Sie auf die Beiträge in diesem Heft hinzuweisen. So schreibt Frau Prof.in Ilona Nord (Hamburg) über das Thema Pfarrhaus, den damit zusammenhängenden ökonomischen Hintergrund des Pfarrberufs, um abschießend zu der Frage zu kommen, was heute das Pfarrhaus für die Kirche und Gesellschaft bedeuten kann. Ein kenntnisreicher, gut zu lesender Beitrag über den Transformationsprozess des lutherischen Pfarrhauses in heutiger Zeit. Ebenso ist es ein großes Glück, einen Artikel meines Doktorvaters - Prof. Michael Trowitzsch - in diesem Heft zu veröffentlichen. Ich wünsche Ihnen viel Freude – nicht nur beim Lesen unseres Mitteilungsheftes, sondern auch jene Freude, die uns auch im Dunkel trägt. Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2016 5

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„Mach deins draus!“ Überlebensräume im Pfarrhaus von Professorin Dr. habil. Ilona Nord, Juniorprofessorin für Praktische Theologie an der Universität Hamburg Lebensräume im Pfarrhaus, aus einer Vielzahl von möglichen Aspekten, die man zu diesem Thema aufgreifen kann, wähle ich drei aus: Zunächst soll es ums Wohnen gehen, denn die Wohnung eines Menschen, so heißt es, ist seine dritte Haut, auch im Pfarrhaus. Sodann werde ich auf die ökonomischen Grundlagen des Pfarrberufs eingehen, sie haben sich im Vergleich zu früheren Jahrhunderten sehr verändert und mit diesen Veränderungen der ökonomischen Grundlage hat sich auch der Raumbedarf im Pfarrhaus verändert. In einem dritten Schritt geht es um die kulturelle Bedeutung des Pfarrhauses als Ort religiöser Kommunikation. Ich schließe mit Schlussfolgerungen für die gegenwärtige Diskussion ab. ein modernes, vielleicht sogar bereits spätmodernes Verständnis vom Wohnen. Der blanke Körper ist bedeckt von der Außenhülle, das ist die erste Haut, die zweite Haut ist die Kleidung und die dritte Haut des Menschen ist seine Wohnung. Diese Sichtweise macht unmissverständlich klar, dass die Wohnung generell eine existentielle Schutzfunktion hat. In Artikel 13 (1) des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland heißt es, „Die Wohnung ist unverletztlich“. (1) Mit diesem Artikel erhalten Überwachungssysteme des Staates Grenzen. Mit diesem Artikel ist es verbunden, dass fremde Personen nicht ohne Erlaubnis in ein Haus oder eine Wohnung eindringen dürfen, ohne sich des Hausfriedensbruchs strafbar zu machen. Eine Wohnung ist die umbaute Privatsphäre des Menschen. Im Detail bedeutet dies weiter, dass eine Wohnung eine Ansammlung von Räumen ist, die den einzelnen Personen, die in ihr wohnen, möglichst je einen eigenen (Schutz-)raum zur Verfügung stellt. Daneben gibt es gemeinsam genutzte Räume wie Küche und Wohnzimmer, evtl. auch ein Schlafzimmer für das Paar oder die Eltern, dann gemeinsame Räume, die meist einzeln genutzt werden, wie das Badezimmer. Eine Wohnung ist ein modernes Lebensräumekonzept, das gerade nicht in die Öffentlichkeit hiMitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2016 1. Die Wohnung eines Menschen ist seine dritte Haut auch im Pfarrhaus. Die Wohnung eines Menschen ist seine dritte Haut, so lautet ein verbreitetes Bild. Es ist höchst aussagekräftig für 6

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nein durchlässig ist, sondern in der abschliessbare Räume geschaffen werden. Mit einer Wohnung verbindet sich die Möglichkeit, selbst genau zu steuern, wann jemand mit wem kommunizieren möchte und wann nicht. Ist das Wohnen die dritte Haut eines Menschen, so kann man außerdem sagen, dass sich innerhalb einer Wohnung der erweiterte Raum der leiblichen Ausdehnung eines Menschen findet. Räume sind baulich konstruierte Atmosphären, sie vermitteln Stimmungen und Lebensgefühle, sie regen dazu an, sich so und so zu fühlen, ja sogar so und so zu leben. Ein Raum wird von einer bestimmten Person als kalt, als ungemütlich, als hässlich empfunden, manchmal als zu mächtig oder zu miefig, weil spezifische Gegenstände oder Designs Stimmungen wachrufen, die mit bereits anderswo erlebten Lebenssituationen korrespondieren. In diesem Sinne hat der Philosoph Martin Seel die Beziehung von Atmosphären zu Lebensgeschichten heraus gearbeitet. Ein in seinen Texten häufig wiederkehrendes Beispiel ist der rote Ball, der Oskar gehört, und im Garten liegt. „So erinnert der Ball an das Lärmen der Kinder, die längst abwesend sind; so inszeniert eine Wohnungseinrichtung einen Wohlstand, dem man ansehen kann, dass er trügerisch ist. Atmosphäre ist ein sinnlich und affektiv spürbares und darin existentiell bedeutsames Artikuliertsein von realisierten oder nicht realisierten Lebensmöglichkeiten.“ (2) Das Pfarrhaus ist mit verschiedenen Gegenständen, elementarer mit Zeichen ausgestattet, die ein spezifisches LeMitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2016 bensgefühl vermitteln sollen. Deshalb kann es prinzipiell für die Berufskarriere einer Pfarrerin oder eines Pfarrers hoch attraktiv sein. Hier realisiert sich auch äußerlich, z.B. im Schild „Pfarrhaus der evangelischen Kirchengemeinde“ oder in der Lage, z.B. gegenüber oder neben der Kirche, die Lebensmöglichkeit, dem eigenen Beruf nachzugehen. Stimmt das, was Seel mit dem roten Ball sagt, so sind die Gegenstände, das Schild an der Tür, die Außenseite der Kirche in Blickweite und vielleicht auch das Kreuz oder das Amtszimmer im Pfarrhaus, Verweise z. B. auf die Anwesenheit von Kirche, von Gemeinde, von Glauben, ja von Gott in diesen Lebensräumen. Räume evozieren in diesem Sinne Stimmungslagen; sie fordern dazu heraus, sich zu ihnen zu verhalten. Zugleich wird in dieser Perspektive deutlich, was es heißen kann, in einem Pfarrhaus zu wohnen und in die Stimmungslagen, die die räumliche Umgebung mit ihrem Design und ihren Gegenständen hervorruft, nicht einstimmen zu können. Die signifikanten Gegenstände und noch viel impressiver, die Gegenwart von Menschen, etwa eines Gemeindepraktikanten, der plötzlich für vier Wochen im Pfarrhaus wohnt, verbreiten ständig, dass vor Ort insbesondere eine Lebensmöglichkeit besonders präsent ist, die man selbst aus diversen Gründen nicht wählen kann und will. Wohnungen und ihre Räume bieten oder nehmen, ja rauben sogar manchmal Menschen ihre Entfaltungsmöglichkeiten. Die mehr oder weniger fraglose Einstimmung in ein Wohnkonzept wie das 7

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Pfarrhaus funktionierte in einer historischen Phase, in der der Pfarrberuf vom Familienvorstand und Ernährer der Familie deutlich determiniert werden konnte; exemplarisch könnte man hierfür das ausgehende 19. Jahrhundert und beginnende 20. Jahrhundert nennen. Allerdings sind auch zu dieser Zeit schon vom Pfarrer und Vater oft große Anstrengungen und der Einsatz von körperlicher Gewalt nötig gewesen, um die Kinder dem Lebensräume-Einheitsmodell Pfarrhaus immer wieder unterzuordnen. Die Kindheitserinnerungen und die literarischen Werke z.B. von Hermann Hesse und Friedrich Nietzsche, die Filme „Das weiße Band“ von Michael Haneke oder früher „Fanny und Alexander“ von Ingmar Bergmann veranschaulichen dies in bedrückendem Ausmaß. Zugleich darf aber auch an gelingendere Varianten erinnert werden: Die Pfarrerssöhne Albert Schweitzer und Paul Tillich haben ihre eigenen Wege auch in Anknüpfung an die christliche Signatur des Lebens finden können. In der gegenwärtigen Diskussion um das Pfarrhaus kann aber nicht mehr dahinter zurückgegangen werden, dass sich im 21. Jahrhundert Lebens- und Arbeitsverhältnisse soweit ausdifferenziert haben, dass zum einen die atmosphärische Ein- und Unterordnung unter ein Wohnkonzept kaum mehr gelingen kann, zum anderen und ebenso schwerwiegend für die Zukunft des Pfarrhauses, sich eine Wohnkultur entwickelt hat, die ganz auf den Schutz der Privatsphäre und der Reproduktion der geistigen und physischen Lebenskräfte 8 der Einzelnen konzentriert ist. Die Entwicklung der bürgerlichen Wohnkultur verläuft parallel zu einem sich verbreitenden Verständnis von Privatsphäre. Schließlich gehört zur Reflexion auf die Wohnung als dritter Haut eine lebensgeschichtliche Perspektive: Jeder Pfarrer und jede Pfarrerin sowie all diejenigen, die mit ihnen zusammenleben, sind in einer bestimmten Wohnung oder einem bestimmten Haus aufgewachsen; diese räumlichen Umgebungen haben das atmosphärische Erleben dieser Personen geprägt; in ihrem Inneren haben sie Bilder davon, welche Räume für sie gemütlich, welche hässlich und unerträglich sind, sie haben ein inneres Maß davon, wie viele Gegenstände sie für eine bestimmte Raumgröße für angemessen halten, was ihnen zu voll oder zu leer vorkommt. Ebenso hat jede dieser Personen spezifische Vorstellungen von Ordnung und Unordnung. Dabei ist nicht alles immer nur hoch individuell zu sehen, sondern die in den vergangenen Jahren unternommenen Milieustudien zeigen, wie sehr auch Wohnstile standardisierten Mustern folgen. Die breite Zurückhaltung, das Unbehagen und die Ablehnung, das eigene Leben im Pfarrhaus führen zu sollen, könnte nicht nur auf die Angst, die eigene Privatsphäre eingeschränkt zu bekommen, zurückzuführen sein, sondern auch auf die Wohnkulturen, mit denen Theologiestudierende aufgewachsen sind und welche Stimmungslagen in ihrem Referenzrahmen mit welchen Wohnkulturen verbunden sind. Denn das sandsteinerne Pfarrhaus im alten Dorfkern wird für die einen die ErfülMitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2016

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lung eines Wunschtraums sein und für die anderen ein Alptraum. Die Dienstwohnung im Gemeindehaus wird für die einen in Ordnung sein, für die anderen wird es viel Kraft kosten, sich dort zu beheimaten. Die Raumbedürfnisse von Menschen sind sehr unterschiedlich, nicht alles lässt sich funktional beschreiben, sondern sehr vieles hängt von der symbolischen Reproduktion ab, die Menschen sich in ihrem Leben bislang erworben, erlebt und erfahren haben. Nicht alles lässt sich darauf zurückführen, dass einzelne Personen zu sehr auf ihren individuellen Lebensstil festgelegt sind, um sich für ein Leben im Pfarrhaus entscheiden zu können. Dieses Vorurteil, das manches Mal in der Diskussion um die Residenzpflicht zu hören ist, ist eine unzulässige Vereinfachung einer komplexen Situation. Das Verhältnis des Menschen zu seinem Haus müsse in der Innigkeit seines Verhältnisses zu seinem Leib begriffen werden, so argumentierte Otto Friedrich Bollnow vor fünfzig Jahren: „Auch das Wohnen in einem Haus ist eine Art von Inkarnation.“ (3) Hiermit lässt sich noch einmal der Gedanke vertiefen, dass das Wohnen zwar einem funktionellen Konzept der Raumorganisation entspricht, doch es ist dennoch für das Selbstverständnis und für die Artikulation von Sinn hoch bedeutsam. Da immer mehrere, häufig Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Interessen in einem Pfarrhaus zusammen wohnen, muss davon ausgegangen werden, dass diese Personen auch je für sich sehr verschiedene Art und Weisen ihrer jeweiligen ‚Inkarnationen‘ suchen werden. Die erste Konsequenz ist, dass ein Pfarrhaus Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2016 eine Vielfalt an Symbolsystemen in sich aufnehmen können muss, damit es de facto verschiedenen Personen Entfaltungsmöglichkeiten nach ihrem Bedarf bietet. Denn das Pfarrhaus ist bei aller traditionalen Bindung an die Institution des Pfarramts für die Menschen, die an diesem Amt partizipieren, da und nicht die Menschen für das Pfarrhaus. Doch: Wird die elementare Bedeutung des Wohnens für die Entwicklung der Persönlichkeit von Menschen sowohl aus der Perspektive kirchlicher Administration als auch aus der Perspektive der Gemeinde angemessen respektiert, so kann auch im Pfarrhaus die dritte Haut gefunden werden. Weil man hier traditioneller Weise ein hohes Gespür für die symbolische Reproduktion des menschlichen Daseins hat, gibt es sogar Anlass dazu zu erwarten, dass dies gut gelingen kann. Doch dies bedeutet, dass Pfarrerinnen und Pfarrer sowie diejenigen, die mit ihnen zusammen wohnen, bewusst und gezielt an ihrem Konzept, ein Pfarrhaus zu bewohnen, arbeiten müssen. Der Slogan eines schwedischen Möbelhauses ‚Mach deins draus!‘ trifft in diesem Sinne das, um was es hier geht. Es geht darum, sich Lebensräume anzueignen. Dabei macht eine grundlegende Spannung Schwierigkeiten. Modernes Wohnen schließt Öffentlichkeiten aus. Das Konzept des Pfarrhauses ist qua Amt und Beruf des Pfarrers bzw. der Pfarrerin aber auf Öffentlichkeit angelegt. Beide, Privatsphäre und öffentliche 9

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Belange, treten so notwendigerweise im Pfarrhaus häufig in ein spannungsreiches, zuweilen feindliches Verhältnis. Ist dies der Fall, wird die dritte Haut zum Panzer ausgebaut, man versucht sich entweder – extrem gesprochen – vor dem Einfall des Fremden aus der Gemeinde und dem Stadtteil zu immunisieren, oder man lässt alle Anfragen und Einflüsse in das Haus hineinkommen, bis die eigenen Kräfte aufgebraucht sind. Wenn diese aufgebraucht sind, verlässt man das Pfarrhaus und fährt erschöpft ins Wochenendhaus, sofern eines zur Verfügung steht, oder hält sich eben in der Wohnung der Lebenspartnerin auf, die woanders wohnen geblieben ist. Als Mensch partizipiert man an dem modernen Bedürfnis nach Privatsphäre, als Pfarrer ist und bleibt man öffentliche Person, egal ob man als Privatperson auf dem Elternabend des Kindes ist oder als Gast auf dem Geburtstag eines Freundes. Es gelingt kaum, die private Dimension des Daseins zu kommunizieren, ohne andere Menschen dabei vor den Kopf zu stoßen. Aber genau davon hängt ein gelingendes Leben im Pfarrhaus ab: ob zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten, zwischen dem Innen und dem Außen eine Balance zu finden ist, ob man die private und die öffentliche Dimension menschlichen Daseins an einem Ort und in den Räumen des Pfarrhauses zu leben vermag. „Mach deins draus“ oder auch: „Macht euers draus!“ lautet das Motto für einen Kommunikationsprozess zu einem Wohnkonzept, das im Pfarrhaus in spezieller Ausformung auftritt, aber insgesamt auch für die Entwicklung von Wohnkulturen innerhalb einer demokratischen Gesellschaft hoch interessant sein 10 kann. Es geht um nichts weniger als um Wohnkulturen, in denen die öffentliche Dimension menschlichen Daseins nicht an die Lebensräume der Berufstätigkeit delegiert wird, sondern Anschlüsse und Übergänge zwischen diesen Sphären menschlichen Daseins gesucht und entfaltet werden. 2. Die ökonomischen Grundlagen des Pfarrberufs haben sich grundlegend verändert und mit diesem auch der Raumbedarf im Pfarrhaus Eigentlich hat sich, seitdem es evangelische Pfarrhäuser gibt, sehr viel verändert, nur eines sticht sofort als Gemeinsamkeit ins Auge: Ebenso wie heute waren die Pfarrhäuser schon bereits in der Reformationszeit oft in einem schlechten Zustand. Eberhard Winkler formuliert das so: „Die Instandhaltung der Pfarrhäuser überforderte oft die Gemeinden. 1533 war am Pfarrhaus Zahna bei Wittenberg außer einer Stube nichts benutzbar. Im mecklenburgischen Vietlübbe hatte das Pfarrhaus, in dem der Pfarrer 1591 mit Wirtschafterin, Knecht und Magd wohnte, nur eine Stube. Knecht und Magd waren für die Landwirtschaft notwendig, die als wichtigste Einnahmequelle betrieben werden musste. In der Pastoraltheologie wurde bis ins 19. Jh. diskutiert, ob der Pfarrer die Landwirtschaft selbst betreiben oder verpachten solle.“ (4) Auch einhundertundzwanzig Jahre später, so um das Jahr 1770, war es um den Zustand der Pfarrhäuser nicht eindeutig Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2016

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besser bestellt. Die Einkommensunterschiede unter den Pfarrfamilien waren sehr groß. Man betrieb selbstverständlich Landwirtschaft und die Pfarrfrauen übernahmen Tätigkeiten wie die Pflege von kranken Menschen und die Erziehung von Kindern (vgl.ebenda). Johann Wolfgang von Goethe malte das Pfarrhaus von Sesenheim und bemerkte, es sehe eher wie ein Bauernhof aus als wie ein Pfarrhaus; Goethe lernte dort die Pfarrerstochter Friederike von Brion kennen und sie verbrachten einen wunderbaren Sommer, wie er schrieb. Wiederum einhundert Jahre später kann man bei Paul Tillichs Familie in Starzeddel im heutigen Polen einkehren. In derselben Zeit ist auch Albert Schweitzer aufgewachsen; seine Familie lebte im Pfarrhaus in Günzbach im Elsaß, auch hier war kein großer Wohlstand. Doch zugleich gab es daneben auch Pfarrhaushalte, die mit einem hohen Einkommen sehr gut leben konnten. Da Bescheidenheit im Pfarrhaus ein wichtiger Wert war, hat man dort im ausgehenden 19. Jahrhundert im Vergleich zu vielen bürgerlichen Wohnausstattungen weniger Statussymbole als vielmehr Symbole des evangelischen Glaubens zum Ausdruck der eigenen Haltung und Identität gebraucht: Hier sind vor allem Bibelausgaben sowie Bücherwände und eine eigens gestaltete Hausmusik zu nennen. In der historischen Rekonstruktion erscheint es so, dass das, was das klassische Pfarrhaus genannt wird, architektonisch gesehen ein Wohnhaus mit Hof, Garten und ausgedehnten Wirtschaftsgebäuden für eine NebenerwerbsMitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2016 landwirtschaft im Sinne der Eigenversorgung gewesen ist. Das klassische Pfarrhaus ist das Haus eines Landpfarramts. Hier wurde die Arbeit des Pfarrers nicht ausschließlich mit Geld vergütet. Es bestand ökonomisch gesehen eine Mischwirtschaft, in der zusätzlich zum geldlichen Einkommen landwirtschaftliche Ressourcen zur Verfügung gestellt wurden. Das Pfarrhaus-Konzept ist baulich gesehen an das Wirtschaftssystem einer agrarisch strukturierten Gesellschaft angepasst. Heute unter Denkmalschutz stehende Pfarrhäuser zeigen häufig noch eine solche Gebäudestruktur auf. Zu ihrer Wirtschaftlichkeit gehörte es, dass der Pfarrer das Amt führte und die Pfarrfrau den Anbau von Nahrungsmitteln auf dem zum Haus gehörenden Land übernahm und in den Scheunen und Arbeitsräumen gemeinsam mit Hilfskräften einbrachte. Insbesondere essayistische Literatur zum Pfarrhaus zeigt, dass die Pfarrfrauen und die Kinder eine besondere Bedeutung für den Pfarrberuf hatten, wenngleich sie und das Pfarrhaus bis in die Gegenwart kaum in die theologische Reflexion mit einbezogen wurden.(5) Es scheint, als ob der Raum der Pfarrfrauen insbesondere in der Küche zu finden war, in die immer wieder auch Menschen aus dem Dorf zu Gesprächen über ihren Alltag und ihre Lebensprobleme einkehrten; zugleich wurde Obst und Gemüse verarbeitet und konserviert, das Essen vorbereitet und die Wäsche gepflegt. Das ökonomische Prinzip baut also auf einer geschlechtsspezifisch organisierten Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau sowie Knechten und Mägden auf, wobei Frauen von der 11

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Erwerbsarbeit ausgeschlossen waren.(6) In dieser historischen Perspektive wird unübersehbar deutlich, wie sehr das ‘Wohnen im Pfarrhaus’ zur unverzichtbaren ökonomischen Grundversorgung der Pfarrfamilie beitrug. Dieser ökonomische Zwang im Pfarrhaus leben zu müssen, ist heute wegfallen. Wer die kulturelle Bedeutung des Pfarrhauses dennoch erhalten möchte, muss zunächst die Konsequenzen dieser Entwicklung ernstnehmen: das Leben im Pfarrhaus und der Pfarrberuf sind nicht mehr durch eine ökonomische Struktur miteinander verbunden. Die Veränderung dieser ökonomischen Struktur hat weitreichende Folgen für die Lebensformen und den Bedarf an Lebensräumen. Familienplanungen haben sich zum einen in Richtung auf das Modell der modernen Kleinfamilie verändert; weniger Kinder und kein Gesinde bedeuten z.B., dass die alten Pfarrhäuser zu groß und zu teuer in der Unterhaltung sind. Zum anderen wird aber darüber hinaus eine Vielfalt von Lebensformen in Pfarrhäusern gelebt, die auch auf ökonomische Transformationsprozesse und ihre Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Geschlechtsrollen verweist.(7) Diese Problematik stellt sich allerdings nicht nur auf Seiten der Pfarrerinnen und Pfarrer, sondern auch auf Seiten der Gemeinden. In vielen Gemeinden werden vor allem aus ökonomischen Gründen keine Pfarrhäuser mehr gebaut. Die Raumbedarfe der Pfarrer und Pfarrerinnen fallen höchst unterschiedlich aus, so dass man flexibler reagieren möchte, um auf diese wirtschaftlich reagieren zu können. Daneben ergeben sich immer häufiger Schwierigkeiten 12 bei der Einhaltung der Residenzpflicht. Teilen sich zwei Pfarrer eine Stelle, kann nur eine Person in der Gemeinde wohnen, besteht der Dienstauftrag für mehr als eine Gemeinde, erübrigt sich die Frage für alle weiteren Gemeinden, wechselt eine Pfarrerin in ein übergemeindliches Arbeitsfeld, steht in aller Regel keine Dienstwohnung bereit und so weiter. Hier ist in der Praxis also längst eine Auflösung des Bandes zwischen Pfarrdienst und Pfarrhaus vollzogen worden.Man kann erwarten, dass sich das Dienstrecht dementsprechend weiterausdifferenzieren wird. 3. Das Pfarrhaus war ein zentraler kultureller Ort religiöser Kommunikation - und heute? Fulbert Steffensky wird zugeschrieben, dass er das Pfarrhaus als das Haus des Buches bezeichnet habe. Es gehe ihm darum, dass die Sprache des Glaubens eingeübt werden könne. Im Pfarrhaus, so Steffensky, habe die Bibel ihr irdisches Heim gefunden.(8) Es hängt an dem Medium der Bibel, dass man vom Pfarrhaus als einem Ort religiöser Kommunikation sprechen kann. Aber es hängt nicht nur an ihr, sondern vielmehr an dem Kommunikationsprozess, der das Bibel lesen können über das Bibel lesen selbst hinaus ausgelöst hat. Mit Michael Gieseckes historischer Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations und Kommunikationstechnologien kann man die These vom Haus des Buches erweitern und durchaus davon sprechen, dass das Pfarrhaus als ein Haus angesehen werden kann, das in der Tradition steht, religiöse KommuMitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2016

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nikationen zu pflegen. Der Druck von Bibeln dürfte, so Giesecke, zunächst ein Programm für die institutionellen Rollen, ein Expertenprogramm, geblieben sein. So fanden gedruckte Bibeln Eingang in die Pfarrhäuser. Aber dabei blieb es nicht. Giesecke hält als eine Konsequenz aus der folgenden weiteren Verbreitung von biblischen Schriften und ganzen Bibeln fest, dass das Lesen der Bibeln den Prediger in seiner Rolle als Übersetzer und Verkündiger substituiert habe. Die Konkurrenz durch die neuen medialen Möglichkeiten sei insbesondere für die Verkündigung folgenreich gewesen. (9) Die vorreformatorische Zeit und die Reformationszeit selbst nutzte die typographischen Möglichkeiten bewusst zur Verbreitung ihrer Botschaften. Der Druck von biblischen Texten dynamisierte den Prozess der Reformation. Religiöse Kommunikation fand dann aber nicht nur im Gottesdienst während der Predigt und beim Gespräch miteinander statt, sondern eben auch in der individuellen Beschäftigung mit biblischen Texten. Die Hochschätzung des Bibellesens sprang dann auch noch auf andere, auf nicht biblische Lektüre über. Der systematische Theologe Klaas Huizing formulierte vor fast fünfzehn Jahren eine literarische Anthropologie unter dem Titel „Der erlesene Mensch“.(10) Sie enthält die These, dass der Protestant ein Leser sei, dass er seine Zuwendung zu Gott auf dem Wege der Wiedergeburt durchs Lesen fände. Wie gefährlich das Lesen auch auf Kirchenleitungen in späteren, nachreformatorischen Jahrhunderten wirkte, zeigte sich wiederum in der Literatur zum Pfarrhaus. Gottlieb Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2016 Cobers Buch „Der aufrichtige CabinetPrediger“ aus dem Jahre 1721 enthält ein Kapitel über „Die gewarnte Priester-Frau“. Weiber-Weisheit sei gefährlich, aus gelehrten Weibern würden oft verkehrte Schwärmerinnen.(11) Bereits zuvor, zu reformatorischer Zeit, gab es gelehrte Pfarrfrauen; neben Katharina von Bora, die allerdings als Nonne ihre Ausbildung erhielt, sind Frauen zu nennen, die nicht im Kloster aufgewachsen und dennoch religiös hoch gebildet waren. So etwa ist Katharina Zell zu nennen, die mit eigenen Schriftstücken die Straßburger Reformation unterstützte. (12) Die Entstehung des Protestantismus und auch das Pfarrhaus in reformatorischer Zeit partizipierten an den medialen Entwicklungen in ihrer Zeit. Ein nicht zu unterschätzender Anteil der Faszination, die auf dem Phänomen Pfarrhaus liegt, lässt sich m.E. auf die Kommunikationskulturen, die hier gepflegt wurden, zurückführen. Es wurden religiöse Kommunikationen mit und in Medien kultiviert, die nicht nur technischen, sondern auch inhaltlichen Anteil am Projekt der Reformation erhielten. Die individuelle Aneignung des Wortes Gottes im eigenen Leseprozess steht hierfür. Demgegenüber wird das Pfarrhaus der Gegenwart m.E. für eine Kommunikationskultur in Presse und Öffentlichkeit gelobt, die heute viele Menschen liebevoll mit ‘old-school‘ bezeichnen. Gemeint ist, dass man sich face-to-face begegnet und Dinge bespricht. Dass man den Pfarrer im Supermarkt oder am Gartenzaun treffen kann. Die Residenzpflicht ermögliche es, dass man 13

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kurze Wege zum Pfarramt habe und Pfarrerinnen immer ansprechbar sind. Das Pfarrdienstrecht der EKD § 39 nennt dementsprechend hohe Ansprechbarkeit, Nähe zu den Menschen, Verlässlichkeit, Offenheit und Dialogbereitschaft in sozialen, kulturellen und religiösen Fragen. Besondere Relevanz erhält dabei die Kommunikation im Nahbereich. Doch auch wenn man die Analyse der Reichweite kirchlicher Kommunikation nun nicht im Bereich der Region oder des Landes und darüber hinaus global ansieht, so ist doch klar zu sehen, dass alle diese Kriterien evangelischer Kommunikationskultur, Ansprechbarkeit und Nähe etc, keinesfalls durch das Leben im Pfarrhaus abgesichert werden kann. Es ist möglich, sich auch hier zurückzuziehen, mit dem Auto in die Garage zu fahren und sich nicht am Gartenzaun aufzuhalten, den Einkauf in der nächstgelegenen Stadt zu erledigen. Doch über diese pragmatischen, und wie ich finde, legitimen Möglichkeiten hinaus, zufällige Kommunikationen zu reduzieren, weil man bereits genügend anberaumte und verpflichtende Kommunikationen zu erfüllen hat, unterschätzt diese Argumentation den Wandel der Kommunikationskulturen in den letzten dreißig Jahren und insbesondere die gegenwärtige Entwicklung im Bereich der Social Media. Kirche, Gemeinde und Pfarramt sehen religiöse Kommunikationen immer noch mehr oder weniger überwiegend in einer Komm-Struktur verankert. Für die gemeindeorganisatorischen Geschäfte und für manche diakonisch orientierten Zusammenhänge wird es weiter KommStrukturen geben; es wird weiterhin der 14 Fall sein, dass Menschen den Kontakt mit Pfarrerinnen und Pfarrern aufnehmen, zu ihnen hingehen und ein persönliches Gespräch wünschen. Die Häufigkeit dieser Struktur ist allerdings in keiner der derzeitigen Studien besonders hoch. Vielen Pfarrerinnen und Pfarrern ist längst klar, dass sich die Kommunikationsorte und –formen, in denen und an denen religiös kommuniziert wird, sehr verändert haben. Das Idealbild des Pfarrhauses aus dem 19. Jahrhundert führt die Vorstellung mit sich, dass der Protestantismus die prägende Religion innerhalb der Gesellschaft ist, dass das Pfarrhaus die Repräsentanz von Religion im Alltag der Gesellschaft ist, die man zur Unterstützung und Förderung der eigenen Frömmigkeit aufsuchen kann. In Reinform fand sich diese Funktion wahrscheinlich insbesondere im Pietismus. August Hermann Franckes Pfarrhaus war die ‘ecclesiola in ecclesia‘.(13) Doch diese Zeit ist definitiv vorüber,wenngleich der normative Anspruch, der in diesem Bild enthalten ist, weiter besteht. Dieser kann allerdings davon ablenken, dass religiöse Kommunikationen auf vielfältige multireligiöse Weisen und an vielen vor allem auch medialen Orten in der Gesellschaft aufzufinden sind. Wenn das Pfarrhaus in diesem vielseitigen gesellschaftlichen Netz religiöser Kommunikation erneut wenn nicht der, so zumindest ein Knotenpunkt werden soll, dann wird es darauf ankommen, dass die Art und Weise, wie dies geschieht, zur spezifischen Wohn- und Arbeitskultur im Pfarrhaus passt. Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2016

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Es zeichnen sich hier m.E. nicht sofort neue Konzepte ab. Ein Ansatzpunkt könnte darin liegen, dass die Bewohnerinnen und Bewohner eines Pfarrhauses sich darüber klar werden, wie sie im Pfarrhaus wohnen möchten, worin sie einen Ausdruck ihres Versuchs sehen, Öffentliches und Privates miteinander zu vermitteln. Möglicherweise wird man in dieser Spurensuche auch auf Elemente einer eigenen Beschreibung religiöser Kommunikation kommen. Besonders interessant erscheint dabei die Frage, welche Medien es sind, die im Pfarrhaus besonders wichtig sind, wo man sich informiert und wie man mit wem Kontakt aufnimmt. Es geht nicht darum, neue, nun medial versierte Anforderungen an das Zusammenleben im Pfarrhaus zu stellen, sondern vielmehr das herauszupolieren, was bereits in den eigenen Alltagskulturen trägt. Möglicherweise löst dies weitere Prozesse zur Erkundung der Lebensräume im Pfarrhaus aus. Ein Austausch über vorhandene, ersehnte und erfundene Lebensräume im Pfarrhaus könnte im Kreis der Pfarrerinnen und Pfarrer, die in Pfarrhäusern wohnen, beginnen. Aber meine persönliche Erfahrung sagt mir, dass es den Pfarrerinnen und Pfarrern häufig leichter fällt im Pfarrhaus zu leben als denjenigen, die innerhalb der Gemeinde keine hauptamtliche Position ausfüllen. Deshalb müssen genau diese Personen, Kinder wie Erwachsene, für die Spurensuche nach den eigenen Lebensräumen gewonnen werden. Das Thema insgesamt eignet sich in vielen verschiedenen Formaten dafür, dass man über es spricht. Noch einmal möchte ich eine persönliche Einschätzung Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2016 geben: In den vergangenen dreißig bis vierzig Jahren hat man m.E. wenig über die Bedeutung religiöser Kommunikation im und um das Pfarrhaus gesprochen. Es galt zunächst normative Ansprüche und interne wie externe Überforderungen abzubauen. Nun könnte es soweit sein, darüber nachzudenken, ob und inwiefern diejenigen, die im Pfarrhaus oder auch in einer Dienstwohnung wohnen, selbst einen Ertrag daraus ziehen könnten, wenn sie sozusagen ausdrücklich machten, was sie nach ihrer Selbsteinschätzung zu Bewohnerinnen und Bewohnern eines Pfarrhauses macht. Ein diskursiver Austausch darüber könnte die Realisierung des Mottos „Mach deins / Macht euers draus“ sehr befördern. Manche fangen möglicherweise auch an mit anderen zu diesem Thema zu bloggen. Schluss Die Faszination Pfarrhaus ist vielerorts einer Ernüchterung gewichen, die Kostenkalkulationen und kulturelle Bedeutung miteinander in eine Bilanz gebracht haben. Im Dienstrecht von allen Landeskirchen der EKD ist die Residenzpflicht fester Bestandteil, aber längst haben sich auch Kirchenleitungen davon gelöst, das Pfarrhaus als einzigen Lebensraum für den Pfarrberuf zu deklarieren. Übergemeindliche Pfarrämter und architektonische und verwaltungsbezogene Gründe haben dazu geführt, dass viele Gemeinden keine neuen Pfarrhäuser mehr bauen, das Pfarrhäuser verkauft werden und Dienstwohnungen angemietet werden. 15

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