Jüdisches Leben in Deutschland

 

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Informationen 307 zur politischen Bildung 2/2010 Jüdisches Leben in Deutschland

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2 Jüdisches Leben in Deutschland Inhalt Judentum in Antike und Frühmittelalter ......................4 Unter römischer Herrschaft . ..................................................................5 Gemeinden im frühen Frankenreich ................................................. 6 10. bis 14. Jahrhundert: bedrohte Blütezeit ...................... 9 Jüdische Siedlungen im mittelalterlichen Kaiserreich . ............. 9 Christliche Judenfeindschaft ............................................................... 15 1350-1630: Periode einer langen Krise ...............................20 Einschnitte durch Pest und Pogrome . .............................................20 Religiöse Diskriminierung und erschwerte Selbstbehauptung . .................................................................................. 22 Soziale Differenzierung im 30-jährigen Krieg ............................. 27 1650-1815: Territorialstaat und Schutzjudentum ...... 28 Wachstum und neue jüdische Zentren . ......................................... 28 Einschränkung und Schutz: die Judenordnungen . ....................29 Kontroversen und Verunsicherungen ..............................................31 Impulse der Aufklärung ........................................................................ 32 1815-1933: Emanzipation und Akkulturation ............... 36 Politische Einschränkungen der Restaurationszeit ...................36 Soziale und wirtschaftliche Entfaltung ......................................... 37 Die Juden im Kaiserreich ..................................................................... 40 Der Antisemitismus der Kaiserzeit . ................................................. 43 Die Zeit der Weimarer Republik ......................................................... 47 1933-1945: Verdrängung und Vernichtung . .................... 51 Akzeptanz des staatlichen Antisemitismus .................................. 51 Die Reichsvertretung der Deutschen Juden .................................. 54 Das Novemberpogrom . ......................................................................... 58 Vernichtung der Juden . ......................................................................... 58 Neubeginn .............................................................................................62 Überlebende in den DP-Camps . .........................................................62 Anfänge in der jungen Bundesrepublik .........................................64 Zwischen Konsolidierung und Befremden . ................................. 66 Juden in der DDR ...................................................................................... 67 Situation der jüdischen Gemeinden heute ................................... 67 Perspektiven . ............................................................................................ 69 Glossar . ..................................................................................................... 71 Jüdische Fest- und Feiertage .................................................. 72 Literaturhinweise und Internetadressen .................... 74 Impressum . ...........................................................................................75 Informationen zur politischen Bildung Nr. 307/2010

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3 Editorial n der Bundesrepublik Deutschland leben derzeit schätzungsweise 200 000 Juden. Rund 105 000 von ihnen sind in den insgesamt 108 jüdischen Gemeinden organisiert, die ein weit gefächertes religiöses Spektrum aufweisen und vom Zentralrat der Juden in Deutschland vertreten werden. Jüdisches Leben in Deutschland schien nach den Schrecken der Schoah lange Zeit kaum vorstellbar. Die meisten Mitglieder der kleinen Nachkriegsgemeinden lebten denn auch bis in die dritte Generation hinein in Deutschland bildlich gesehen auf gepackten Koffern, um jederzeit das „Land der Täter“ verlassen zu können. Erst seit Mitte der 1980er Jahre verstärkte sich die Zuversicht, in Deutschland eine Zukunft aufbauen zu können. Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts wurde die Bundesrepublik Deutschland in den 1990er Jahren zur Zufluchtsstätte für jüdische Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion. Heute steht für viele Juden neben Skepsis und einer aus den Erfahrungen der Vergangenheit gespeisten Wachsamkeit für öffentliche Stimmungen das Bewusstsein, dass Juden seit nahezu 2000 Jahren die Kultur des europäischen Raums mitgestaltet haben. Bereits im 4. Jahrhundert sind Juden auf dem Gebiet des heutigen Deutschland bezeugt. Entlang der großen Handelsstraßen und Flüsse entstanden jüdische Gemeinden. Die Juden lebten lange Zeit weitgehend unbehelligt inmitten der christlichen Mehrheitsgesellschaft und hatten eine wichtige Funktion für die Entwicklung der Städte und des Wirtschaftslebens. Die Pestpogrome Mitte des 14. Jahrhunderts zerstörten schließlich die blühenden Gemeinden, wobei neben religiösen auch soziale und wirtschaftliche Motive Ursache für Verfolgungen waren. Im Laufe des 15. Jahrhunderts wurden die Juden aus fast allen Reichsstädten vertrieben und wohnten bis ins 19. Jahrhundert hinein überwiegend im ländlichen Raum, wo sie aufgrund der ihnen auferlegten Beschränkungen unter zumeist ärmlichen Verhältnissen ihren Lebensunterhalt als Hausierer, Handwerker, Viehhändler sowie Geber von Kleinkrediten verdienten. Einigen wenigen wohlhabenden Juden erlaubten die Landesherren – wie 1671 in Preußen – den Zuzug in ihre Residenzstädte, weil sie sich von ihnen wirtschaftliche Vorteile versprachen. Die Aufklärung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erfasste auch die jüdischen Gemeinden. Ihr bekanntester Befürworter war Moses Mendelssohn. Er bemühte sich einerseits, seine Glaubensgenossen für eine Öffnung zur europäisch- I christlichen Kultur zu gewinnen, und forderte andererseits von der christlichen Gesellschaft rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung für das Judentum. Im 19. Jahrhundert erhielten die deutschen Juden schrittweise staatsbürgerliche Rechte. Die Chancen, die die rechtliche Emanzipation und der industrielle Fortschritt im 19. Jahrhundert boten, nutzten viele von ihnen zum Aufstieg ins Bürgertum. Sie leisteten wichtige Impulse für Wissenschaft, Kunst und Kultur der Kaiserzeit und der Weimarer Republik. Die meisten Juden verstanden sich als deutsche Patrioten, trafen jedoch vielfach auf Neid und Vorurteile ihrer Umgebung. Seit den 1870er Jahren entstand eine starke antisemitische Bewegung, die auch die gesellschaftlichen Eliten erfasste. Die Darstellung Arno Herzigs vermittelt einen anschaulichen Eindruck der langen und produktiven deutsch-jüdischen Geschichte und belegt, dass es in ihr nicht nur Perioden der Entzweiung und Ausgrenzung gegeben hat, sondern auch der Annäherung und Zusammenarbeit. Immer wieder wird exemplarisch deutlich, wie schwer es der christlichen Mehrheitsgesellschaft fiel, die Eigenständigkeit ihrer jüdischen Mitbürger zu tolerieren und zu respektieren. Letztlich wurde Anpassung gefordert und in vielen Bereichen auch freiwillig geleistet. Ob man, insbesondere für die Zeit des 19. und den Beginn des 20. Jahrhunderts, von einer deutsch-jüdischen Symbiose sprechen kann, ist allerdings – ebenso wie der Begriff selbst – umstritten. Sie war zwar, wie der Historiker Reinhard Rürup meint, „eine gesellschaftliche Realität, aber sie blieb eine einseitige Angelegenheit, betraf das Denken und Handeln der deutschen Juden, nicht des deutschen Volkes insgesamt“. Auch heute noch gibt es Antisemitismus. Er zeigt sich teilweise offen und in neuen Formen. Diesen Tendenzen entgegenzuwirken und der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland den Ort zu bewahren, dem sie seit Jahrhunderten zugehört, ist eine bleibende Aufgabe für unsere demokratische Gesellschaft. Jutta Klaeren Informationen zur politischen Bildung Nr. 307/2010

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4 Jüdisches Leben in Deutschland Arno Herzig Judentum in Antike und Frühmittelalter akg-images / British Library Schon früh lassen sich jüdische Gemeinden außerhalb Palästinas und des Mittelmeerraumes nachweisen. Das Erstarken des Christentums brachte den Juden in vielen Orten politische und wirtschaftliche Benachteiligungen. Zu den Grundlagen des Judentums gehören der Bund mit Gott und die zehn Gebote, die Mose auf dem Berg Sinai offenbart werden, wonach er sie dem Volk Israel verkündet. Karolingische Bibel um 840 D as Nomadenvolk „Israel“ (hebr. für Gottesstreiter) – so die Bezeichnung in einer ägyptischen Quelle um 1200 v. Chr. – wurde um ca. 1300 v. Chr. sesshaft. Zwölf Stämme, zu verstehen als große Sippenverbände, siedelten in den Bergen von Judäa (mittleres Bergland des heutigen Israel und südliches Westjordanland) sowie in Galiläa (im Wesentlichen heutiges Nordisrael). Von den übrigen Völkern unterschieden sie sich durch ihren Glauben an einen einzigen und unsichtbaren Gott. Gemäß der jüdischen Überlieferung erneuerte Gott auf dem Berg Sinai seinen mit Abraham geschlossenen Bund mit dem Volk Israel und offenbarte dem Propheten Mose (13. Jahrhundert v. Chr.) seine Lehre, niedergelegt in der Tora, Grundlage für Glauben und Lebensordnung. Unter dem Druck der feindlichen Nachbarvölker, unter anderem der Philister und Kanaaniter, schlossen sich die zwölf jüdischen Stämme enger zusammen. Um 1000 v. Chr. bildeten sie ein Königreich. Der zweite König, David aus dem Stamm Juda (von dessen Namen sich die Bezeichnung „Jude“ ableitet), eroberte Jerusalem, und sein Sohn Salomon baute es mit dem Ersten Tempel zum Zentrum aus. Nach dem Tod Salomons (um 928 v. Chr.) zerfiel das Königreich in ein Nordreich (Israel) und ein Südreich (Juda). Das Königreich Israel erlag 721 v. Chr. dem Ansturm der Assyrer, während das Königreich Juda über 100 Jahre länger existierte. Aus unterschiedlichen Überlieferungen wurde im 7. Jahrhundert v. Chr. der Pentateuch – die griechische Bezeichnung der Tora – schriftlich zusammengestellt. 587 v. Chr. eroberte der Babylonierkönig Nebukadnezar das Königreich Juda, zerstörte den Ersten Tempel und verschleppte die Elite des Volkes, Adlige und Priester, aber auch einfache Handwerker nach Babylon. Hier erhielt die Tora ihre endgültige Form und wurde zum geistigen und geistlichen Mittelpunkt des jüdischen Volkes im Exil, das dadurch seine Identität bewahrte. Der Tora wurden in den folgenden Jahrhunderten weitere Bücher (Propheten, Dichtungen, Chroniken) hinzugefügt, die insgesamt als die Heilige Schrift der Juden gelten. Als die Perser unter Kyros II. 539 v. Chr. Babylon eroberten, durften die Juden in ihre alte Heimat zurückkehren. Eine Anzahl von ihnen blieb jedoch in Babylon und bildete hier in den folgenden Jahrhunderten ein eigenes jüdisches Zentrum. Die Rückkehrer errichteten um 500 v. Chr. in Jerusalem den Zweiten Tempel, der unter König Herodes kurz vor der Zeitenwende prachtvoll umgestaltet wurde und deshalb auch als Herodianischer Tempel bezeichnet wird. Seine Reste bilden die heutige Klagemauer. Den Hellenisierungsversuchen der hellenistischen Vormacht der Seleukiden, die im 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. Vorderasien beherrschte, widersetzten sich Mitglieder einer Priesterfamilie, die nach dem Beinamen Makkabäus (= Hammer) Makkabäer genannt wurde. Im Makkabäeraufstand 167 bis 142 v. Chr. konnte sich Judäa als eigenes Königreich behaupten, das von Priesterkönigen regiert wurde. 63 v. Chr. eroberte der römische Feldherr Pompejus das Seleukidenreich. Die Römer setzten über Judäa eine neue Dynastie ein, der König Herodes der Große (73 - 4 v. Chr.) entstammte. Informationen zur politischen Bildung Nr. 307/2010

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Judentum in Antike und Frühmittelalter 5 Der spätere Kaiser Titus schlug 70 n. Chr. einen jüdischen Aufstand nieder, zerstörte den Tempel in Jerusalem und führte dessen Schätze und jüdische Gefangene im Triumph nach Rom. Detail des Titusbogens in Rom Die Synagoge von Sardes (heutige Türkei) wurde 1962 bei Ausgrabungen entdeckt und belegt durch ihre Größe und Ausstattung den Wohlstand der dortigen Diaspora-Gemeinde im 4. bis 6. Jahrhundert n. Chr. Tempelschätze und jüdische Gefangene nach Rom mit, belegt durch eine Darstellung des feierlichen Triumphzuges auf dem Titusbogen in Rom. Bereits vor der Niederlage gegen die Römer hatten sich in hel­ lenistischer Zeit im 4. Jahrhundert v. Chr. außerhalb von Judäa jüdische Gemeinden gebildet, so in Ägypten mit dem Zentrum Alexandria, das seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. eine Hochburg jüdischer Wissenschaft und Kultur mit hellenistischer Prägung war. Im Gegensatz zum Mutterland, wo weitgehend aramäisch (die Amtssprache Assyriens, Babyloniens und des Perserreichs) gesprochen wurde, war hier das Griechische (Koine) die Um­ gangssprache, und bereits im 3. Jahrhundert v. Chr. lag mit der so genannten Septuaginta eine griechische Übersetzung der jü­ dischen Heiligen Schrift vor. Zwar war mit der Zerstörung des Zweiten Tempels das geistliche Zentrum der Juden vernichtet, doch der Sanhedrin mit einem Patriarchen (Nassi) an der Spitze, fungierte weiterhin in der jüdischen Stadt Jawne. Ein weiteres geistliches Zentrum bildete traditionell Babylon. Unter der römischen Herrschaft, die im Westreich bis 476 n. Chr., im Ostreich bis 1453 andauerte, entstanden jüdische Ge­ meinden rund um das Mittelmeer, aber auch in Germanien, wohin Juden mit den römischen Legionen gekommen waren. Mit dem Untergang des territorialen Zentrums in Judäa 135 n. Chr. lebten die Juden als Minderheit, die vor allem in Rom und in Alexandrien nicht unbedeutend war, unter den Völkern in der Diaspora (griech.; Zerstreuung). Zu den Juden rechneten auch die so genannten Gottesfürchtigen, Männer und Frauen, die zwar nicht zum Judentum übertraten, aber „nach jüdischem Ritus“, also nach dem jüdischen Gesetz, lebten. So berichtet der römische Schriftsteller Sueton (70-140 n. Chr.), dass Kaiser Titus nach seinem Sieg über die Juden von diesen eine Sondersteu­ er verlangte, zu der auch die „Gottesfürchtigen“ herangezogen wurden. Doch verblieb den Juden ihre religiöse Freiheit. akg-images / Gérard Degeorge akg-images / Werner Forman Unter römischer Herrschaft Nach dem Tod des Herodes wurde das Königreich Judäa 67 n. Chr. eine römische Provinz unter unmittelbarer Verwaltung eines Statthalters, der in der Mittelmeerstadt Caesarea resi­ dierte. Die Römer verlangten hohe Steuern und zogen die jüdi­ schen Einwohner auch zu Zwangsarbeiten heran, gewährten ihren Institutionen aber eine große Autonomie. So auch dem Sanhedrin, einem Hohen Rat aus 70 Männern, der mit dem Hohepriester auf dem Tempelberg über die höchste geistliche, aber auch gerichtliche Hoheit verfügte. Nur Kapitalverbre­ chen wurden vor den römischen Gerichten verhandelt – wie im Fall des Jesus von Nazareth, der wegen Aufruhrs angeklagt worden war. Während der Tempel in Jerusalem das religiöse Zentrum war, in dem Schlachtopfer dargebracht wurden und zu dem die jüdische Bevölkerung pilgerte, errichtete man in den Gemeinden Synagogen (von griech. synago, sich versam­ meln), in denen die Tora verkündet, in denen gebetet und auch Predigten gehalten wurden. Die Synagoge bildete den Mittel­ punkt des sozialen und kulturellen Lebens der Juden. 70 n. Chr. und dann noch einmal 135 n. Chr. empörten sich die Juden gegen die als hart empfundene römische Herrschaft. In Folge dieser Aufstände wurde der Tempel zerstört und Jerusa­ lem zur römischen Stadt Aelia Capitolina, deren Zutritt Juden bei Todesstrafe verboten war. Nach der Zerstörung des Tempels im ersten Aufstand 70 n. Chr. führten die römischen Truppen Informationen zur politischen Bildung Nr. 307/2010 Verhältnis zum frühen Christentum Die Neuorganisation des Judentums nach der Zerstörung des Tempels führte auch zu einer geistigen Konzentration. Hat­ ten bis dahin zahlreiche Sekten das Judentum bestimmt wie die Pharisäer, Sadduzäer, Essener und Zeloten, so war der San­ hedrin nun bestrebt, eine einheitliche Fassung der Gesetzes­ auslegung zu erstellen, die um 200 n. Chr. in der Mischna (hebr.; Wiederholung) einen ersten Höhepunkt erreichte. Die Mischna ist eine Sammlung von Gesetzeslehren, die zuvor weitgehend mündlich überliefert worden waren. Auf ihr bauten die ande­ ren großen Zusammenfassungen der „mündlichen Lehre“ auf, so der in Palästina verfasste palästinensische und der in Baby­ lon zusammengestellte babylonische Talmud (hebr.; Lehre, Stu­ dium). Die strenge Ausrichtung auf die Tora, für die der Talmud die Erklärung bot, garantierte dem Judentum sein Überleben bis in die Neuzeit. An die Stelle der Tempelpriester, deren Amt vererbt worden war, traten nun die Rabbinen als Schriftgelehr­ te, denen ihr Amt nach ihrer Ausbildung durch andere Rabbi­ nen verliehen wurde. Ihr Wirkungsort war die Synagoge. Auch die jüdische Sekte der Christen wurde von diesem Kon­ zentrationsprozess erfasst. Die Trennung zwischen Christen und Juden erfolgte über einen längeren Zeitraum, der erst um 150 n. Chr. abgeschlossen war, als das Neue Testament als Bibel der Christen heiliggesprochen wurde. Doch auch das Christen­ tum verzichtete nicht auf die jüdische Bibel, die in der Überlie­ ferung der Septuaginta von den Christen als Altes Testament bezeichnet und ebenfalls als Heilige Schrift anerkannt wurde.

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6 Jüdisches Leben in Deutschland feindlichen Gesetze der römischen Kaiser in der Spätantike. Doch auch hier gab es Ausnahmen. So bestätigte Kaiser Honorius (Reg.: 395-423) im Jahr 409 den Juden, dass sie am Sabbat und an ihren Festtagen von öffentlichen Diensten, körperlicher Arbeit und vom Erscheinen vor Gericht befreit seien. Auch wurde die Zerstörung von Synagogen unter Strafe gestellt. Allerdings durften Juden keine Staatsämter mehr bekleiden, damit kein Christ unter einer jüdischen Obrigkeit stehen müsste. Unter Kaiser Justinian (Reg.: 527-565) wurde den Juden darüber hinaus das römische Bürgerrecht verwehrt. Es wurde nun vom Empfang der christlichen Sakramente abhängig gemacht. akg-images / Erich Lessing Nach dem Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion wurde das Judentum als Irrlehre bekämpft. Papst Silvester beim Disput mit Rabbinern, bei der Krönung und Taufe Kaiser Konstantins; Bildfolge aus dem Kölner Dom In der Germania Romana Die Ausübung städtischer Ehrenämter durch Juden ist auch Gegenstand der Urkunde, in der erstmals jüdische Bürger im römischen Germanien, genauer in Köln, nachgewiesen sind. 321, und dann noch einmal 331 n. Chr. hob Kaiser Konstantin in einem Edikt das Privileg auf, das Juden von städtischen Verwaltungs- und Ehrenämtern freistellte. Deren Ausübung war für Juden in dieser Zeit immer noch problematisch, weil sie die damit verbundene Pflicht, dem Kaiser als Gott zu opfern, als Götzendienst betrachteten. Juden waren deshalb vom Staatsdienst befreit. Doch um das Funktionieren der Verwaltung zu gewährleisten, war der römische Staat bzw. die römische Stadt auf die Ausübung der Ehrenämter im Staatsdienst angewiesen. Viele jüdische und auch andere Bürger, die nicht unbesoldet tätig sein wollten, versuchten sich dem zu entziehen, indem sie sich auf ihre Latifundien, ihre Landgüter, zurückzogen. Dass Konstantin befahl, die Juden zu den städtischen Ämtern in Köln heranzuziehen, spricht für deren Bedeutung in der dortigen städtischen Oberschicht. Es ist davon auszugehen, dass in Köln eine größere Zahl jüdischer Bürger ansässig war und dass deshalb seit dem 3. Jahrhundert in dieser Stadt von einer hierarchisch abgestuften jüdischen Gemeindestruktur auszugehen ist. Hierfür spricht auch die Bestimmung im KonstantinEdikt von 331, dass „die Rabbiner [...] und die Synagogenväter sowie die übrigen, die [...] in den Synagogen ein Amt bekleiden“, vom Staatsdienst ausgenommen sind. Daraus lässt sich schließen, dass die jüdische Gemeinde in Köln schon in der Antike über eine differenzierte Infrastruktur verfügte. Die jüdische Gemeinde in Köln ist die erste, die außerhalb des Orients und des Mittelmeerraums urkundlich belegt ist. Doch auch für andere Städte im römischen Germanien, das, in zwei Provinzen untergliedert, Teile der Schweiz, Frankreichs, Westdeutschlands und die Benelux-Staaten umfasste, sind Niederlassungen von Juden anzunehmen. So fanden Archäologen in Trier, einer der Hauptstädte des Römischen Reiches, eine Lampe mit dem Bild der Menora, des siebenarmigen jüdischen Kerzenleuchters, aus dem 4. Jahrhundert. Nach der endgültigen Trennung traten Christentum und Judentum, versinnbildlicht in der Ecclesia (lat.: Kirche) und der Synagoga, als Konkurrenten auf. Das Christentum bestritt die Heilsträgerschaft des Judentums. Der Bund, den Gott einst mit Israel geschlossen habe, sei, so die Auffassung der Kirche, auf die Christen übergegangen, da die Juden Jesus nicht als Messias anerkannt hätten. Das Judentum wurde von den Christen als falsche Lehre bekämpft. Kaiser Konstantin (Reg.: 306-337) gestattete (312/13 n. Chr.) das Christentum als Religion im Römischen Reich, unter Kaiser Theodosius (Reg.: 379-395 n. Chr.) wurde es zur Staatsreligion erhoben. Die heidnischen Kulte wurden verboten, ihre Ausübung bestraft. Dem schlossen sich bald die ersten politischen Einschränkungen für das Judentum an. 315 n. Chr. verkündete der Kaiser für die „gottlose“ und „verrückte Sekte“ der Juden ein Missionsverbot. Zwar warben die Juden nicht offiziell für einen Beitritt zu ihrer Religion, aber die Sklaven, die sie in römischer Zeit hatten, ließen sie – so wie es in der Tora stand – gemäß dem Auftrag Gottes an Abraham beschneiden. Juden durften deshalb nun generell keine Sklaven mehr halten. Innerhalb der christlichen Gemeinschaft gab es unterschiedliche Einstellungen zum Judentum. Die Kirchenlehrer Augustinus von Hippo (354-430) und Papst Gregor der Große (Amtszeit 590-604) garantierten den Juden ein Existenzrecht in der christlichen Gesellschaft. Augustinus sprach sich für die Duldung des Judentums aus, da es bis an das Ende der Zeiten „Zeugnis ablegen sollte“ für die Wahrheit des Christentums. Papst Gregor lehnte religiöse Zwangsmaßnahmen gegen die Juden ab und untersagte Übergriffe auf ihren wirtschaftlichen Besitz; doch verbot er nicht, sie zu missionieren. Die Kirchenlehrer Ambrosius von Mailand (339-397) und Hieronymus (347-419) zielten dagegen auf eine Vernichtung des Judentums und legten damit die Grundlage für die juden- Gemeinden im frühen Frankenreich Die jüdischen Gemeinden, die in den Städten der Germania Romana vermutlich entstanden waren, gingen in den Wirren der Völkerwanderungszeit ab dem 5. Jahrhundert wieder unter. Erst mit der Herausbildung des Frankenreichs nach dem Untergang des Weströmischen Reiches (476) gab es seit dem 6. Jahrhundert erneut ein festes staatliches Gebilde nördlich der Alpen. Bereits in diesem Zeitraum lebten dort nach den Aufzeichnungen des fränkischen Bischofs und zeitgenössischen Chronisten Gregor von Tours (ca. 538-594) jüdische Gemeinden, die laut seiner Aussage mit eigenen Schiffen Flüsse und Informationen zur politischen Bildung Nr. 307/2010

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Judentum in Antike und Frühmittelalter 7 Gottgefälligkeit und Gesetz Der lutherische Gläubige hofft auf Gnade, der katholische auf „gute Werke“. Und der Jude? Auf die Treue zum Gesetz, das Gott den Kindern Israels im Sinai gab, als er den „Bund“ mit ihnen schloss. Die Idee des Bundes, einer der krassesten Unterschiede zum Christentum, offenbart sich nirgendwo deutlicher als im Ersten Gebot. Bei den Christen heißt es ganz knapp: „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Bei den Juden aber geht es weiter: „der ich dich führte aus dem Land Ägypten, aus dem Hause der Dienstbarkeit“. Mithin: Was bei Christen Glaubenssache ist, beruht bei den Juden auf göttlicher Vorleistung, etwa: „Das habe ich für euch getan, jetzt seid ihr dran.“ Dem Glauben geht der Vertragsabschluss, das do ut des [lat.; Ich gebe, damit du gibst – Anm. d. Red.], voraus. Mit diesem Deal hängt zwar das Judentum am festen moralischen Nagel der gegenseitigen Verpflichtung, aber einfach war die Sache für das „auserwählte Volk“ nicht [...] Außer den Zehn Geboten stehen noch 603 weitere im Kontrakt (siehe www.jewfaq.org/613.htm): Wie man betet und benedeit, dass man seine Mitmenschen nicht beleidigen und dem Nachbarn helfen, den Armen einen Teil der Ernte überlassen, den Fremden lieben möge. Es folgt eine lange Latte sexueller Tabus: wer mit wem „liegen“, wen heiraten darf. Dreißig Regeln bestimmen, was gegessen werden darf und wie – kein Aas, Schwein, Ungeziefer, keine Schlangen, keine Völlerei –, lauter kluge Anweisungen, als es weder Gesundheitsbehörden noch Kalorientabellen gab. Weitere dreißig Gesetze legen die Wirtschaftsmoral fest: keine Schummelei, kein Wucherzins. Den Bedürftigen Geld leihen, keine Pfänder zurückhalten, wenn der Schuldner sie in seiner Not braucht. Witwen müssen nichts hinterlegen, Gewichte und Waagen müssen stimmen. Lohn muss pünktlich gezahlt werden. […] Dann geht’s ins Juristische (43 Passagen). Verboten sind Meineid, Bestechung, Vertrauensbruch. Verwandte dürfen nicht als Zeugen befragt werden, zur Beweisführung gehören mindestens zwei. Die Aussage von Fremden gilt so viel wie die von Einheimischen. Gleichheit vor dem Gesetz und Unbefangenheit des Richters. Todesurteile dürfen nur mit einer deutlichen Mehrheit gefällt werden […]. In den ersten dreihundert Regeln scheinen also ein Moralkodex plus ein präexistentes GG, BGB und StGB auf. Der Rest beschäftigt sich mit Ritual und Religion, mit Tempel- und Gottesdienst, bis in die allerfeinsten Verästelungen. Aber auch mit der Fruchtfolge auf dem Acker, dem Kriegsrecht […] und der Machtbegrenzung des Monarchen. Interessant für den modernen Menschen: Nicht nur ist Götzendienst tabu, verboten sind auch Zauberei, Astrologie und Geisterbefragung. Und so weiter bis zur Nummer 613. […] Kein Wunder, dass die Israeliten „murrten“ […]. Schon im Ringen Jakobs mit dem Engel, dann im Sinai, formierte sich jener Dauerdisput, den nur die beispiellose Intimität zwischen Gott und seinem Volk erklären kann, die ständig Enttäuschung und Unterwerfung, Liebe und Wut, Hadern und Versöhnung zeugt. Oder so: Der Clinch ist die Botschaft, und sie enthält mal Heil, mal Verderben. Und den Hang der Juden zur Jurisprudenz, der sich vom 3. Jahrhundert an in den 63 Traktaten und 6000 Seiten des Talmuds niederschlug. Auf den Punkt gebracht, handelt es sich bei diesem geheimnisumwitterten Werk um ein Gesetzbuch mit Auslegungen, Gegengutachten, Präzedenzfällen und Disputationen. Deshalb dauert das jüdische „Jura-Studium“ ein ganzes Leben lang. [...] Das Christentum ist im Kern eine Glaubensreligion, wie sie sich im Apostolicum niederschlägt: „Ich glaube an Gott, den Vater und an Jesus Christus…“ Das Judentum ist eine Gesetzesreligion, die sich an der „Ur-Verfassung“ vom Sinai (Thora), den 613 Ge- und Verboten und den Auslegungen des Talmuds orientiert. Josef Joffe, „Wie kommt ein Jude in den Himmel?“, in: Die Zeit Nr. 8 vom 15. Februar 2007 Mobilität und Weltläufigkeit Während die meisten Christen noch für Jahrhunderte Analphabeten bleiben sollten, lernten die jüdischen Jungen, um das göttliche Gebot des Thorastudiums zu erfüllen, schon vor mehr als tausend Jahren Hebräisch lesen. Und während die Gesellschaft um sie herum durch Immobilität gekennzeichnet war – die meisten Menschen verbrachten ihr Leben am Ort ihrer Geburt oder nicht weit entfernt –, war Mobilität den Juden seit Generationen vertraut: In der Thora konnten sie lesen, dass es nichts Besonderes war, Länder und Wüsten zu durchqueren, unterwegs zu sein und sich unter Fremden einzurichten; und auch die Lektüre des Talmuds, mit all seinen Geschichten über Streitschlichtung und Gesetzesbruch, über Maße und Gewichte, Schadenersatz und Übervorteilung, Wertminderung und Entschädigung, lehrte sie nicht nur Weltläufigkeit, sondern vermittelte ihnen wertvolle Kenntnisse für Handel und Gewerbe, Wissenschaft und Verwaltung. Diese Kenntnisse machten sich die weltlichen und auch die geistlichen Herrscher gern zunutze. Juden waren als Ärzte ebenso geschätzt wie als Fernhändler und Seefahrer, die im 8. und 9. Jahrhundert fast eine Monopolstellung im Mittelmeerhandel innehatten und die königlichen Pfalzen und bischöflichen Paläste mit Juwelen, Gewürzen, Parfümen und weiteren Luxusgütern belieferten. Auch als Lehrer und Berater wurden ihre Dienste gesucht. Legendär ist die Geschichte des Kaufmanns Isaak aus Narbonne, dem Karl der Große im Jahre 797 eine christliche Gesandtschaft anvertraute, damit er sie als sprach- und wegekundiger Begleiter an den Hof des Kalifen Harun Ar Raschid nach Bagdad führe; allein der Jude Isaak überlebte die Strapazen dieser für damalige Verhältnisse aberwitzigen Reise und kehrte fünf Jahre später als einziger von drei Gesandten nach Aachen zurück, [...]. Ingke Brodersen, Rüdiger Dammann, Zerrissene Herzen. Die Geschichte der Juden in Deutschland, Bonn 2007, S. 42f. Informationen zur politischen Bildung Nr. 307/2010

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8 Jüdisches Leben in Deutschland jüdischen Diensten zum Judentum bekehrt würden. Christliche Sklaven in jüdischen Diensten konnten jederzeit freigekauft werden. Das junge Frankenreich knüpfte damit weitgehend an die judenfeindlichen Gesetze der Spätantike an. Ein Konzil in Reims forderte deshalb 624 auch das Verbot der Ausübung öffentlicher Ämter durch Juden im Frankenreich; es sei denn, die Amtsinhaber ließen sich taufen. Zwangstaufen, Verfolgungen und Austreibungen der sich weigernden Juden sind für das 7. Jahrhundert im Frankenreich bezeugt. Die junge fränkische Kirche verhielt sich gegenüber den Juden unnachgiebiger als der Papst; denn Papst Gregor I. hatte sich zu Beginn des 7. Jahrhunderts gegen die Zwangstaufe, für den Schutz des Synagogengottesdienstes und für den Schutz jüdischen Besitzes mit Ausnahme christlicher Sklaven ausgesprochen. Zwischen Duldung auf der einen Seite, Zwangstaufe, Ausweisung oder Tod auf der anderen bewegte sich die Haltung der christlichen Obrigkeiten und ihrer Untertanen gegenüber den Juden im beginnenden Mittelalter. Meere befuhren, um den Franken die Kostbarkeiten des Orients anzubieten. Dorthin unterhielten die Juden nördlich der Alpen nach wie vor Verbindungen und nutzten diese für den Fernhandel. Da das Frankenreich zur römischen Kirche gehörte, galten auch hier deren Trennungsverfügungen, die die Juden im Alltagsleben von den Christen absondern sollten. So drohte ein Konzil in Orleans 538 allen Christen, die gemeinsam das Mahl mit Juden einnahmen, die Exkommunikation an, also den Ausschluss von den Sakramenten, womit neben dem Kirchenbann auch wirtschaftliche und politische Einschränkungen verbunden waren. In der Karwoche, der Woche vor Ostern, durften Juden mit Christen überhaupt nicht verkehren. Auch das Sklavenverbot aus Konstantinischer Zeit wurde im Merowingerreich reaktiviert. So verbot ein Gesetz aus dem Jahr 624 Christen bei Strafe der Exkommunikation, Sklaven an Juden und Heiden zu verkaufen. Vor allem sollte verhindert werden, dass Sklaven in Fortdauer spätantiker Gesetzgebung Konzil von Meaux und Paris, 17. Juni 845/ 14. Februar 846, Canon 73 [Es wurde beschlossen,] dass die Regelungen, die die heiligen Bestimmungen des Kirchenrechts sowie die Könige und Gesetze der Vergangenheit in Hinblick auf die Juden getroffen haben, […] eingehalten werden sollen. Aus der Vielzahl dieser Regelungen haben wir unten einige anführen lassen: […] Die erhabenen Kaiser Theodosius und Valentinian: Juden und Heiden verweigern wir die Erlaubnis, Prozesse zu führen oder in den Militärdienst einzutreten, denn wir wollen nicht, dass Personen, die dem christlichen Gesetz unterworfen sind, ihnen dienen, […]. Dieselben erhabenen Kaiser: Durch dieses Gesetz, das für alle Zeiten Bestand haben soll, bestimmen wir, dass kein Jude zu Ämtern und Würden aufsteigen soll, dass keinem von ihnen eine Verwaltungsfunktion, der öffentlicher Gehorsam geschuldet wird, offen stehen soll und dass auch niemand von ihnen das Amt eines Verteidigers ausüben soll. Wir halten es nämlich für Unrecht, dass die Feinde der himmli- schen Majestät und der römischen Gesetze unter dem Vorwand irgendeines Amtes Christen und sogar Priester – aus welchem Grund auch immer – durch Ungerechtigkeiten zu belästigen wagen und sich auch anmaßen, Angehörige unseres Gesetzes zu verurteilen oder zu richten. Auch sollen sie nicht als Gefängnisaufseher fungieren, damit die Christen nicht, wie es zu geschehen pflegt, manchmal dem Hass der Aufseher ausgeliefert werden und so eine zweite Art von Gefangenschaft erdulden. Julius Schoeps / Hiltrud Wallenborn (Hg.), Juden in Europa – Ihre Geschichte in Quellen, Band 1, Darmstadt 2001, S. 114 Leben im muslimischen Kalifat Arno Herzig Das 7. Jahrhundert ist noch in einer weiteren Hinsicht wichtig für das Leben der Juden in Europa, Nordafrika und im vorderen Orient. 632 begannen die muslimisch-arabischen Eroberungen, die im ausgehenden 7. Jahrhundert Palästina und das ehemalige Babylon, ferner Nordafrika mit Ägypten sowie in Europa den größten Teil Spaniens, Siziliens sowie Teile Süditaliens erfassten. Im Verhältnis zum Christentum waren die Glaubensdifferenzen zwischen Islam und Judentum weniger scharf ausgeprägt. Während Christen und Juden die Frage trennte, ob Jesus der Messias und Sohn Gottes sei oder nicht, waren Islam und Judentum im Letzteren einig. Im Disput zwischen diesen beiden Religionen ging es vielmehr um die Weigerung der Juden, Mohammed als Propheten Gottes und den Koran als heilige Schrift anzuerkennen. Doch billigte Mohammed Juden und Christen als „Völkern der Bibel“ bzw. Anhängern des Monotheismus einen besonderen Rang zu. Dies führte trotz aller gewalttätigen Missionierungsversuche der Muslime zu einer gewissen Toleranz gegenüber den beiden Schriftreligionen. Die Juden des Orients und Mittelmeerraumes lebten nun wieder unter einer gemeinsamen Herrschaft, dem muslimischen Kalifat. In der Kultur dieses Reiches konnte sich das orientalisch-spanische Judentum, die Sefarden, kulturell entfalten und in diesem Sinne Einfluss auf das westeuropäische Judentum ausüben. Im muslimischen Südspanien, in dem sich Juden aus Nordafrika niedergelassen hatten, konzentrierten sich ihre Ansiedlungen in den Städten und sie gewannen als Staatsbeamte mitunter großen Einfluss. Doch waren auch unter dem Islam Konflikte nicht ausgeschlossen. Das Pogrom von Granada 1066 richtete sich gegen jüdische Amtsinhaber und ihre Familien und vernichtete die jüdische Gemeinde der Stadt. Das Leben unter muslimischer Herrschaft gestaltete sich dennoch weitaus entspannter als in der christlichen Gesellschaft. Hohes Amt: Der Religionsphilosoph Maimonides (1135/38-1204) war zeitweilig Leibarzt des Sultans in Kairo. Sein Werk „Führer der Unschlüssigen“ suchte Glauben und Philosophie zu vereinen. Informationen zur politischen Bildung Nr. 307/2010 akg-images

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10. bis 14. Jahrhundert: bedrohte Blütezeit 9 Arno Herzig 10. bis 14. Jahrhundert: bedrohte Blütezeit Ab dem 10. Jahrhundert bilden sich – gefördert durch Kaiser und Bischöfe – jüdische Gemeinden, die bis 1350 ihren zahlenmäßigen und kulturellen Höchststand erreichen. Durch Handel, Geld- und Pfandleihe fördern sie den wirtschaftlichen Wohlstand der Städte, doch immer wieder gefährden antijüdische Pogrome ihre Existenz. Als prominenter Vertreter der höfischen Minnesangkultur zur Stauferzeit fand der jüdische Minnesänger Süßkind von Trimberg ehrende Würdigung in der Manessischen Liederhandschrift, die um 1300 entstand. Jüdische Siedlungen im mittelalterlichen Kaiserreich Im Zentrum des Karolingerreiches und am Hofe Karls des Großen (Reg.: 768-814) tauchten Juden nach Angabe der Quellen nur sporadisch als Händler auf. Sie bildeten keine festen Gemeinden. Vereinzelt übernahmen sie diplomatische Dienste für den Kaiser, wie der in den Fränkischen Reichsannalen genannte „Jude Isaac“, der 797 von Karl dem Großen mit einer dreiköpfigen Delegation zum Kalifen Harun al-Raschid nach Bagdad entsandt wurde. In der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts ließen sich Juden dann im Süden des Karolingerreiches, in der Kathedralstadt Lyon, nieder, wo sie 825 Kaiser Ludwig der Fromme unter seinen Schutz stellte. Wie im muslimischen Südspanien bevorzugten die Juden auch im Karolingerreich die Ansiedlung in den Städten. Nach der Völkerwanderung hatten von den einst blühenden römischen Städten nördlich der Alpen nur die Kathedralstädte, also die Bischofssitze, einen (quasi) urbanen Charakter bewahrt. Hier entstanden auch die ersten Niederlassungen der Aschkenasim, wie die im deutschen Raum siedelnden Juden im Mittelalter auf Hebräisch genannt wurden. Nach der Aufteilung des Karolingerreiches und der Herausbildung des Ostfränkischen Reiches finden sich seit dem 10. Jahrhundert jüdische Kaufmannssiedlungen in den Kathedralstädten am Rhein. Ob die im Osten des Reiches in Magdeburg (965) und Halle (973) nachgewiesenen jüdischen Kaufleute bereits Gemeinden gebildet haben, bleibt fraglich. Im ausgehenden 10. Jahrhundert gab es nach vorsichtigen Schätzungen ca. 4000 bis 5000 jüdische Einwohner im mittelalterlichen Kaiserreich, Informationen zur politischen Bildung Nr. 307/2010 die aus Frankreich und aus Italien eingewandert waren. Es handelte sich dabei um Sippenverbände, wie die KalonymosSippe, welche der Chronist Thietmar von Merseburg (975-1018) erwähnt. Nach seiner Schilderung soll sie aus Lucca nach Mainz gekommen sein, nachdem sie angeblich 982 Kaiser Otto II. (Reg.: 973-983) in der Schlacht bei Cotrone gegen die Araber das Leben gerettet hatte. Einen Zuzug jüdischer Familien aus der Romana (Frankreich, Italien: Lucca) belegen für die Jahrtausendwende auch hebräische Quellen. Die älteste jüdische Gemeinde siedelte in Mainz (erste Hälfte 10. Jahrhundert). Von dieser Zentralgemeinde aus bildeten sich weitere Gemeinden in Trier (1066), Worms (1084) und Speyer (1090). Ein weiteres jüdisches Zentrum war im frühen 11. Jahrhundert wiederum Köln. Auch in Regensburg, das für den Osthandel bedeutend war, sind bereits 981 Juden als Einwohner bezeugt. Könige und Bischöfe forcierten die jüdischen Niederlassungen und verliehen den dort ansässigen Juden Handelsprivilegien, um die wirtschaftliche Bedeutung ihrer Städte zu fördern. Die Juden erwiesen sich somit als Schrittmacher dieses frühen Urbanisierungsprozesses in Deutschland. Nach 1100 weiteten sich die jüdischen Siedlungen entlang des Rhein-Flussnetzes aus und entstanden nun auch in Orten, die sich allmählich zu Städten entwickelten wie Bingen, Boppard oder Bacharach. In den hebräischen Quellen werden diese Orte als Kfarim, als Dörfer, bezeichnet. Da die Juden aufgrund ihrer Speisegesetze ihren eigenen (koscheren) Wein produzieren bpk / Lutz Braun

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10 Jüdisches Leben in Deutschland mussten, gab es bereits im 12. Jahrhundert im Rheingebiet Dörfer mit jüdischen Einwohnern. Doch bildeten diese hier keine eigenen Gemeinden, sondern gehörten zu den Stadtgemeinden. Entlang des Mains entstanden im 12. Jahrhundert jüdische Gemeinden in Frankfurt, Aschaffenburg, in den Kathedralstädten Würzburg und Bamberg sowie südlich davon in den königlichen Städten Nürnberg und Rothenburg ob der Tauber. Die jüdischen Siedlungen im 11. und 12. Jahrhundert entstanden ausschließlich in bischöflichen bzw. königlichen Besitzungen und in Besitzungen der so genannten Ministerialen, der kaiserlichen Beamten, die die unterste Gruppe in der Adelshierarchie bildeten. War bis zum 10. Jahrhundert der Fernhandel für jüdische Kaufleute typisch, so wurden sie im 11. Jahrhundert zu ortsansässigen Kaufleuten und trieben ab jetzt vorwiegend Handel mit der in den frühen Städten lebenden Bevölkerung. Zu den Handelsprodukten zählten Waren des täglichen Gebrauchs: Wein, Getreide, gesalzene Fische, Metallwaren, Viehzeug, Felle und Textilien. Ein wichtiger Erwerbszweig für jüdische Kaufleute bildete auch der Geldwechsel fremder Währungen sowie die Beschaffung von Edelmetall. Die Pfandleihe spielte für Juden zu dieser Zeit noch keine Rolle, wie den Rechtsauskünften der Rabbiner, den so genannten Responsen, zu entnehmen ist. Gemeindeleben, Sitten und Gesetze In Mainz, Worms und Speyer (nach den hebräischen Anfangsbuchstaben wurden die drei Städte auch unter dem Begriff ShUM zusammengefasst) entstanden im 11. Jahrhundert bedeutende Gelehrtenschulen, so genannte Jeschiwen. Neben den großen jüdischen Zentren im Orient und in Spanien entwickelten sie ein eigenes geistliches und geistiges Profil und erreichten im ausgehenden 11. Jahrhundert ihre Blütezeit. In Mainz lehrte der große Gelehrte Rabbi Gerschom ben Jehuda, das „Licht des Exils“ (um 960 - 1028), der das jüdische Recht mit dem allgemein gültigen Recht in Einklang zu bringen versuchte. akg-images Kaiser und Bischöfe förderten die Ansiedlung jüdischer Gemeinden. 1312 bestätigt Heinrich VII. nach seiner Kaiserkrönung in Rom die Privilegien der dort ansässigen Juden. Codex Balduini Trevirensis um 1340 Privileg Bischof Rüdigers von Speyer für die Juden von Speyer vom 13. September 1084 Nach einem Brand im jüdischen Bezirk in Mainz bot der Bischof von Speyer den Geschädigten an, sich in Speyer niederzulassen. Als ich, Rüdiger, auch Hutzmann genannt, Bischof von Speyer, den Weiler Speyer zu einer Stadt gemacht habe, habe ich geglaubt, die Ehre unseres Ortes um ein Vielfaches zu vergrößern, wenn ich hier auch Juden ansammelte. Ich siedelte also die Versammelten außerhalb der Gemeinschaft und des Wohnbezirks der übrigen Bürger an, und damit sie nicht so leicht durch die Unverschämtheit des Pöbels beunruhigt würden, habe ich sie mit einer Mauer umgeben. Ihren Wohnort aber […] habe ich ihnen unter der Bedingung übergeben, dass sie jährlich dreieinhalb Pfund Speyerer Geldes zum gemeinsamen Verbrauch der Klosterbrüder zahlen. Innerhalb ihres Wohnbezirks und in der Gegend außerhalb des Hafens bis zum Schiffshafen und im Schiffshafen selbst habe ich ihnen das Recht zugestanden, Gold und Silber frei zu tauschen und alles zu kaufen und zu verkaufen, was sie wünschen. Dasselbe Recht habe ich ihnen auch in der gesamten Stadt zugestanden. Außerdem habe ich ihnen aus dem Kirchengut einen Begräbnisplatz unter einem Erbvertrag gegeben. Auch dies habe ich hinzugefügt, dass ein fremder Jude, der bei ihnen zu Gast ist, dort keinen Zoll zahlen muss. Schließlich […], dass wie der Stadtrichter unter den Bürgern, so auch ihr Synagogenvorsteher über alle Klagen, die sie untereinander erheben oder die gegen sie erhoben werden, entscheiden soll. Wenn er aber irgendeine Angelegenheit nicht entscheiden kann, so soll sie dem Bischof der Stadt oder seinem Kämmerer vorgelegt werden. Wachen, Verteidigungen und Befestigungen müssen sie nur innerhalb ihres Wohnbezirks verrichten, die Verteidigungen jedoch gemeinsam mit den Bediensteten. Ammen und gemietete Knechte können sie von den Unsrigen haben. Geschlachtetes Fleisch, das sie nach ihrem Gesetz für sich als verboten betrachten, dürfen sie an Christen verkaufen, und diesen ist es erlaubt, es zu kaufen. Kurz, ich habe ihnen als Gipfel meines Wohlwollens ein Gesetz verliehen, das besser ist, als es das jüdische Volk in irgendeiner anderen Stadt des deutschen Reiches besitzt. Julius Schoeps / Hiltrud Wallenborn (Hg.), Juden in Europa – Ihre Geschichte in Quellen, Band 1, Darmstadt 2001, S. 120 f. Informationen zur politischen Bildung Nr. 307/2010

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10. bis 14. Jahrhundert: bedrohte Blütezeit Nach dem Talmud, der Sammlung und Auslegung gesetzlicher Vorschriften, galt beispielsweise der Satz: Gesetze des Staates sind für Juden verbindlich. In Anpassung an das allgemeine Recht verzichteten die Juden deshalb auf Verordnung Gershom ben Jehudas hin auf die ihnen nach ihrem traditionellen Recht eigentlich zugestandene, wenn auch nicht übliche Polygamie. Da die jüdischen Zentren in Deutschland ohne Tradition waren, spielte die Festigung eigener Sitten (Minhagin) eine wichtige Rolle. Die jüdische Gemeinde verstand sich als „heilige Gemeinde“, was einen hohen moralischen Anspruch bedeutete. Da das mittelalterliche Stammesrecht, so das der Franken, die so genannte Lex Salica, sowohl für Einzelpersonen als auch für Gruppen gelten konnte, waren bei internen Rechtsfällen die jüdischen Gemeinden in ihrer Rechtsprechung autonom. Diese oblag den Rabbinern, die, im Unterschied zu den christlichen Geistlichen, als Rechtslehrer, nicht aber im liturgischen Dienst tätig waren, wenngleich sie gelegentlich als Verfasser liturgischer Dichtungen hervortraten. Die Rabbiner saßen den lokalen Gerichtshöfen vor und bestimmten in Eheangelegenheiten, über Sanktionen bei Regelverletzungen und internen Streitigkeiten, was Geldund Körperstrafen und sogar die Konfiszierung des Eigentums beinhalten konnte. Sie bestimmten ferner über den Cherem, den Bann, also den Ausschluss von Einzelnen aus der Gemeinschaft. Mit dem Bann konnten auch Zuzügler ausgeschlossen werden, die der jüdischen Gemeinde bzw. ihrer Führungsschicht unerwünscht waren. Die Gelehrten kamen im 10. und 11. Jahrhundert aus der Oberschicht der Großhändler, die miteinander eng versippt waren. Diese Oberschicht stellte in dieser Zeit auch die Parnassim, die Gemeindevorsteher, und deren Vertrauensmänner. Doch kam es mit Anwachsen der Gemeinden zu einer sozialen Differenzierung, infolge derer die aristokratische Gemeindeführung gegen Ende des 11. Jahrhunderts problematisch wurde. 11 Das Kreuzzugspogrom von 1096 Die Blütezeit jüdischen Lebens am Rhein, das durch die Kaiser und Bischöfe gefördert und geschützt worden war, wurde erstmals durch ein Pogrom gefährdet, das so genannte Kreuzzugspogrom von 1096. Im Jahr zuvor hatte Papst Urban II. (Amtszeit: 1088 - 1099) im französischen Clermont die Christenheit zu einem Kreuzzug aufgerufen, der die Stadt Jerusalem von den muslimischen Seldschuken befreien sollte. Sein Aufruf löste eine große Begeisterung auch unter dem einfachen Volk, den städtischen und ländlichen Unterschichten, aus, die in Fanatismus umschlug. Im Vorgriff auf die erwartete Auseinandersetzung mit den muslimischen Andersgläubigen richtete sich ihre Aggression gegen die Juden als Andersgläubige im eigenen Land. Wirtschaftliche Motive spielten dabei eine Rolle. Christliche Chronisten begründeten die bald einsetzenden Pogrome mit dem Satz: „Gott hat die Juden reich werden lassen, damit die Armen sich ihren Reichtum aneignen können.“ Trotz der Warnschreiben französischer jüdischer Gemeinden, die bereits unter den Kreuzfahrerheeren gelitten hatten, vertrauten die jüdischen Gemeinden am Rhein auf den Schutz, den sie bisher durch die Kaiser und Bischöfe erfahren hatten. Doch Kaiser Heinrich IV. (Reg.: 1056 - 1106), der den Juden noch 1090 ausdrücklich seinen Schutz zugesichert hatte, befand sich auf Italienfahrt, und auch die Bischöfe, die vielfach selbst bedroht wurden, weil sie die Juden zu schützen versuchten, vermochten trotz vorausgegangener Garantien und Geldgeschenke weitgehend keinen Schutz zu leisten. Der Ermordung durch die Kreuzfahrer bzw. der ZwangsInformationen zur politischen Bildung Nr. 307/2010 Doch weder Kaiser noch Bischöfe waren imstande, die jüdischen Gemeinden im Rhein-Moselgebiet 1096 vor den Überfällen fanatischer Kreuzfahrer zu schützen. Historisierende Darstellung des 19. Jahrhunderts taufe zogen zahlreiche Juden den Freitod vor. Viele von ihnen, die sich der Taufe verweigerten, wurden erschlagen. Obwohl die menschlichen Verluste sehr hoch waren, konnten sich die Gemeinden bald nach 1100 wieder bilden. In Köln bestätigen die so genannten Schreinsurkunden, die die Besitzverhältnisse festhielten, für das zweite Viertel des 12. Jahrhunderts vielfach den Erwerb von Haus- und Grundbesitz durch jüdische Zuwanderer. Es handelte sich dabei teils um Neuzuzüge, teils um Juden, die mangels Alternativen in ihre alten Gemeinden zurückkehren mussten. Kaiser Heinrich IV. gestattete nach seiner Rückkehr aus Italien gegen die Entscheidung des Papstes den Zwangsgetauften die Rückkehr zum Judentum. Mystische Deutung der religiösen Gewalt Die Erinnerung an das Pogrom von 1096 wirkte in den Gemeinden nach. In Memorbüchern und geistlichen Gesängen wurde der Ermordeten gedacht. Mit den „Frommen von Aschkenas“ (Chassidej Aschkenas) entwickelte sich eine mystische Bewegung, die Elemente volkstümlicher Religiosität aufnahm, welche dem gelehrten Judentum der rheinischen Jeschiwen fremd gewesen waren. Zu diesen Elementen gehörte auch die Vorstellung, die Bewahrung der jüdischen Religion, auch durch den Freitod mitsamt der Kinder, geschähe zur Heiligung des Namens Gottes (Kiddusch-Ha-Schem). Diese Auslegung gab dem Martyrium der ullstein bild – Archiv Gerstenberg

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12 Jüdisches Leben in Deutschland kein Säufer, du möchtest deines Schöpfers vergessen. Sieh nicht auf den, der im Reichtum über dich emporgestiegen, sondern auf die hinter dir Zurückgebliebenen. Aber in dem Dienste und der Furcht Gottes sieh auf den größeren, nie auf den geringeren. Freue dich mit Zurechtweisungen, nimm willig Rat und Belehrung an; erhebe dich nicht stolz über die Menschen. […] Hebe die Hand nicht auf gegen deinen Nächsten, auch wenn er vor dir deine Eltern lästert; rede von niemand Böses, verspotte und verleumde keinen Menschen! Hat jemand Unschickliches gesprochen, so gib ihm keine freche Antwort. Auf der Straße soll man dich nie hören, schreie nicht einem Vieh gleich, sondern sprich anständig! Beschäme keinen öffentlich, missbrauche deine Gewalt gegen niemand. […] Nie unterlasse, dir Freunde zu erwerben! […] Strebe nicht nach dem eitlen Ruhm, Recht zu haben im Streite mit einem Weisen; du wirst nicht weiser davon. […] Bohre nicht nach fremden Geheimnissen; verweigere nichts aus Eigensinn deinen Mitbürgern, ordne vielmehr ihrem Willen den deinigen unter. Mit schlechten Menschen, mit Jähzornigen, mit Narren lass dich nicht ein; du kaufst dabei nichts als Schande. […] Bleibe jedem dankbar, der dir zu deinem Brote verholfen hat; sei aufrichtig und wahr gegen jedermann, gegen Juden wie gegen Nichtjuden; grüße jeden zuerst, ohne Unterschied des Glaubens; erzürne keinen Andersgläubigen. Aus dem Testament Ascher Ben Jechiels (1250-1327), geboren im Rheinland und Rabbiner in Toledo. Julius Höxter, Quellentexte zur jüdischen Geschichte und Literatur, hg. u. erg. von Michael Tilly, Wiesbaden 2009, S. 218 f. Jüdische Handwerker im Spätmittelalter Aus einer Reihe von Quellen [geht] hervor, dass etwa ein jüdischer Handwerker auch im spätmittelalterlichen Deutschland keineswegs eine exotische Erscheinung war. Nicht alle Handwerker waren im übrigen in Zünften organisiert. Sei es nun am Mittelrhein, in Niedersachsen oder in Österreich: Aus allen Regionen gibt es Beispiele jüdischer Handwerker, die vielfach gesuchte Spezialisten ihres Faches waren; die etwa in Worms als Schwertfeger, Schwarzfärber und Kartenmacher oder in Hildesheim und Duderstadt als Schneider arbeiteten und sogar christliche Angestellte ausbildeten; Juden, die als Buchbinder die städtischen Urkunden von Nördlingen einbanden, die als Schiffer auf Rhein und Main Waren beförderten oder die dem Mainzer Erzbischof Dietrich von Erbach ein schönes Letterfutteral für dessen wertvollsten Kelch anfertigten. In Hagenau im Elsaß scheint es ferner eine jüdische Ziegelei gegeben zu haben. Daneben begegnen gesuchte Techniker wie etwa Mühlenbauer oder Stundenglockenmacher, natürlich aber auch Gold- und Silberschmiede. Besonders gerühmt wurden im Mittelalter in ganz Europa die jüdischen Ärzte und Ärztinnen. Manche Juden hatten sich auf dem Gebiet der Medizin zum Beispiel auf die Augen- oder Tierheilkunde spezialisiert. Gert Mentgen, Zur Lage der Judengemeinden am Mittelrhein im ausgehenden Mittelalter, in: Informationen für den Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer, Heft 68/2004, S. 12f. Das aschkenasische Ideal der Lebensführung Sei nicht zanksüchtig, halte dich fern von Schwüren und Gelöbnissen, von Gelächter und Ausbrüchen des Zornes; sie verwirren des Menschen Sinn. Vermeide lügenhafte Handlungen, sprich den Namen Gottes nicht unnützerweise aus und nicht an schmutzigen Orten. Tu ab die Stützen, auf welche die Menschen vertrauen, mache Gold nicht zu deiner Lebenshoffnung; das ist zum Götzendienste der erste Schritt. Vielmehr wandle in Demut vor deinem Schöpfer und gib, wo es sein Wille ist, dein Geld fort; er kann dir Ersatz gewähren. Gib leichter Geld als Worte von dir; das böse Wort lege auf die Waage des Verstandes, bevor du es aussprichst. […] Nicht wie der Faule sollst du schlafen, stehe auf mit der Sonne und mit dem Gesang der Vögel. Sei kein Schlemmer und Einrichtungen städtischen jüdischen Lebens Das mittelalterliche Judentum ist ein städtisches Judentum. Sowohl in Spanien als auch am Rhein bewohnten Juden eigene Straßenzüge oder Stadtviertel, in denen durchaus auch nichtjüdische Bevölkerung anzutreffen war, während Juden auch außerhalb dieser Judenviertel inmitten nichtjüdischer Bevölkerung wohnten. Die Einrichtung abgeschlossener jüdischer Wohnbereiche ist, abgesehen von dem gescheiterten Versuch Bischof Rüdigers von Speyer im Jahr 1084, eine Erscheinung, die erst im Spätmittelalter aufkommt, in Spanien am Beginn des 15. Jahrhunderts, in Mitteleuropa zuerst 1462 in Frankfurt, dann wenige Jahre später in Worms. Ihre heute übliche Bezeichnung erhielten diese jüdischen Wohnstätten von dem 1516 den Juden Venedigs zugewiesenen Stadtviertel Ghetto. [...] Zu den wichtigsten Einrichtungen in einer jüdischen Gemeinde gehören Synagoge, Ritualbad und Friedhof. Die Grundzüge der Synagogenarchitektur wurden bereits in der Zeit der griechischrömischen Antike formuliert und angewandt. Wesentlich ist die Ausrichtung des Synagogenbaus auf Jerusalem, das heißt in Europa sind die Synagogen alle geostet. Wichtigste Bestandteile der Ausstattung sind der Aron haKodesch und das Bima. Der Aron haKodesch ist der Schrein zur Aufbewahrung der Torarollen, der vor der Ostwand oder in einer Nische der Ostwand aufgestellt oder eingebaut ist. [...] Das Bima ist das in der Mitte des Synagogenraums stehende Lesepult, von dem aus die Texte aus der Tora und den anderen Büchern der hebräischen Bibel vorgelesen werden. Das Wort Bima stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Stufe“. […] [D]ie erhaltenen monumentalen Mikwen [sind] ausschließlich dem Hohen Mittelalter zuzuordnen. Verbreiteter war wohl die Nutzung von Ritualbädern, die von einzelnen jüdischen Familien in den Kellern ihrer Häuser eingerichtet wurden und auch der Nachbarschaft zur Verfügung standen. Neben den Gemeindebauten ist auch das jüdische Haus als Wohnort der Familie ein Ort des Gebetes und religiöser Riten. […] Zu erinnern sei hier etwa an die Sederzeremonie, mit der die Familie in Erinnerung an die Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens die Feier des Pessachfestes einleitet oder die Zeremonien am Anfang und Ende des Schabbat. Das Haus ist die Domäne der jüdischen Frau. Ihr obliegt die Ausübung bestimmter häuslicher Zeremonien, die Vorbereitung der Feste, die Beachtung der rituellen Reinheitsgebote bei der Zubereitung der Speisen und die Vermittlung derselben an ihre Töchter. […] Jüdische Friedhöfe sind ewige Orte der Erinnerung an die Verstorbenen und damit dem jüdischen Menschen als Bezugspunkt zu seinen persönlichen Wurzeln von großer Bedeutung. […] Synagoge, Ritualbad, Haus und Friedhof sind die örtlichen Bezugspunkte jüdischen Lebens. Ihr Vorhandensein schafft für den jüdischen Menschen das, was man Heimat nennt. Werner Transier, Europas Juden im Mittelalter, in: Informationen für den Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer, Heft 68/2004, S.19 ff. Informationen zur politischen Bildung Nr. 307/2010

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10. bis 14. Jahrhundert: bedrohte Blütezeit Ermordeten und derjenigen, die sich selbst getötet hatten, einen tieferen Sinn und fand einen biblischen Bezug in der Bereitschaft des Patriarchen Abraham, auf Aufforderung Gottes hin seinen Sohn Isaac zu töten. Nach dem jüdischen Moralgesetz der Halacha war der Freitod allerdings verboten. Während das sefardische, also das spanische, Judentum, eine „Erlösung durch Konversion“ (Übertritt in eine andere Glaubensgemeinschaft) als möglich ansah, da sich nach seiner Vorstellung am Ende der Tage alle Menschen zum Judentum bekehren würden, entwickelte die aschkenasische synagogale Liturgie die Vorstellung von der „Erlösung durch Rache“ für das Blut der Märtyrer. Gemäß dieser Auffassung wird Gott am Ende der Tage „Edom“, also das mittelalterliche Christenreich, vernichten. Die Verinnerlichung dieser Deutung bestimmte noch 250 Jahre später bei den so genannten Pestpogromen von 1350 das Verhalten zum Beispiel der Mindener Juden, als diese in den Tod getrieben wurden. So berichtet der Chronist Heinrich von Herford, ein Dominikaner: „Zum Tode eilten sie jedoch fröhlich und Tänze aufführend, wobei sie zuerst die Kinder, dann die Frauen, hernach sich selbst den Flammen übergaben, damit nicht durch menschliche Schwachheit etwas gegen das Judentum vorgebracht werden könnte.“ 13 Strukturwandel in den Gemeinden In den wieder neu erstehenden jüdischen Gemeinden des 12. Jahrhunderts vollzog sich ein Strukturwandel, der unter anderem auch eine Folge der vom Kloster Cluny angestoßenen innerkirchlichen Reformbestrebungen war. Neben das christliche Armutsideal und die Befreiung der Kirche von weltlicher Abhängigkeit trat 1179 das allgemeine Verbot für Christen, gegen Zinsen Geld zu verleihen. Für jüdische Händler, die diesem Verbot nicht unterlagen, bot sich dadurch eine neue Chance, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, denn sonstige städtische Berufe durften nur Mitglieder christlicher Handwerkszünfte oder Kaufmannsgilden ausüben, und der Aufstieg in den niederen Ministerialadel blieb Juden verwehrt, weil ihnen das Tragen von Waffen verboten war. Auch die Nutzung von ländlichem Grundbesitz war für Juden sehr eingeschränkt, da sie keine Arbeitskräfte be- schäftigen durften, und beschränkte sich deshalb weitgehend auf die Eigenproduktion von koscherem Wein. Die Geldleihe ermöglichte bei geringem Arbeitseinsatz Gewinne, die zur Existenz ausreichten. Diese materiellen Voraussetzungen hatten Einfluss auf die Gestaltung des Familienlebens und die Beziehung der Geschlechter. Obgleich Frauen in der jüdischen Kultusgemeinde einen nachrangigen Platz hatten – zur Bildung einer Gemeinde und für den Gottesdienst waren ausschließlich (zehn) Männer vonnöten – kam ihnen im Familien- und Geschäftsleben ein hoher Rang zu. Zwar bestimmten die Brautwahl in der Regel die Eltern, zumal das Brautpaar in sehr jungen Jahren verheiratet wurde. Doch die Geldleihgeschäfte erforderten eine Konzentration des Familienbesitzes in einer Hand, was beim Todesfall des Mannes den Witwen zugute kam, die das Geschäft weiterführen mussten. In den zeitgenössischen Quellen treten häufig jüdische Frauen als Gläubigerinnen auf. So befanden sich 1338 in der Stadt Oberwesel unter den 29 jüdischen Kreditgebern zehn Frauen. Mit dem Übergang des Geldhandels auf die Juden bildete sich in den Gemeinden eine neue Mittelschicht heraus, die den Führungsanspruch der alten Sippen in Frage stellte und durch Häusererwerb in zentraler Lage der Städte auch in der Öffentlichkeit stärker in Erscheinung trat. Sie forderte nachdrücklich ein Mitspracherecht in den Gemeinden, so dass nun die Wahl der Rabbiner und der „Judenbischöfe“ nicht mehr nur bei den alten Familien lag. Während die Rabbiner als Lehrer, Prediger und Fachleute für religiöse Fragen die Gemeinden leiteten, fungierte der Judenbischof als Vorsteher und Sprecher seiner Gemeinde gegenüber der weltlichen, christlichen Obrigkeit. Er musste deshalb von den Bischöfen oder Kaisern im Amt bestätigt werden und war für die regelmäßige Zahlung der Gemeindesteuern an den Stadtherren verantwortlich. Dabei konnte der Beitrag der einzelnen Gemeindemitglieder zur gemeinschaftlichen Steuerleistung bis ins 18. Jahrhundert entweder durch eidlich beschworene Selbsteinschätzung oder durch einen gewählten Schätzer bestimmt werden. Das Gemeindeleben erforderte zahlreiche Einrichtungen, die entweder ehrenamtlich oder durch besoldete Funktionsträger verwaltet wurden. So musste eine Synagoge ebenso zur Verfü- Jüdische Handwerker und Ärzte waren nicht nur für ihre Gemeinden tätig. Auch Christen wussten ihre Kunstfertigkeit zu schätzen. Hausbesuch bei einem Patienten (l.) und Werkstatt eines Pfannenschmieds (r.) bpk / Dietmar Katz Informationen zur politischen Bildung Nr. 307/2010 ullstein bild

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14 Jüdisches Leben in Deutschland gung stehen wie die so genannte Mikwe, ein Bad für kultische Reinigungen, dazu eine Schlachterei und eine Bäckerei, Brunnen und Backöfen, die koscher waren, also die jüdischen Speisevorschriften beachteten. Erforderlich waren außerdem ein Hospital für die Armen sowie ein Haus für Gemeindeversammlungen und für Feiern. Besonders wichtig war ein eigener Friedhof, wo den Toten nach jüdischem Recht ein Begräbnisplatz für „ewige Zeiten“ garantiert wurde. Gemeinden, die so einen Friedhof besaßen, hatten eine Vorrangstellung inne, Zu ihnen wurden die Verstorbenen teils aus weiten Entfernungen gebracht. Vor 1350 gab es im Reich nur circa 30 Gemeinden mit derart umfassender Infrastruktur. Sie erstreckten sich im Osten bis nach Breslau, wo ein Grabstein von 1203 beweist, dass um 1200 dort schon eine Gemeinde mit Synagoge und Friedhof existiert haben muss, und im Norden bis nach Dortmund und Magdeburg. Im Süden reichten sie bis Basel und Villach, im Westen bis Brüssel und Mecheln. Das geografische Zentrum jüdischen Lebens im Reich bildete jedoch nach wie vor das Gebiet des Rheins und seiner Nebenflüsse, die wichtige Verkehrs- und Handelsstraßen waren. Seit dem 13. Jahrhundert stieg die Zahl der jüdischen Niederlassungen im Reichsgebiet an, um Mitte des 14. Jahrhunderts einen Höchststand zu erreichen. Gefördert wurden die Ansiedlungen nun auch durch die Landesherren, die zur Stärkung ihrer Territorien vermehrt Städte gründeten und dazu die Juden als Kapitalgeber benötigten. Zum Anstieg der Niederlassungen trug wohl auch bei, dass die Juden 1290 aus England und 1306 aus den französischen Kronlanden vertrieben wurden. Hinter diesen Maßnahmen stand eine Vermischung religiöser und wirtschaftlicher Motive (Bereicherung, Entschuldung). Das Vertreibungsedikt des englischen Königs Edward I. begründet sie mit dem Verstoß der Juden gegen das Zinsverbot. Im Reichsgebiet waren Judenverfolgungen und -vertreibungen zu diesem Zeitpunkt noch relativ selten. Doch ließ sich aus den Vorgängen in den Nachbarländern schließen, dass der Erwerbszweig der Geldleihe für die Juden neben Chancen auch Risiken bot. Die wirtschaftliche Bedeutung der Juden in den neu entstehenden Städten des ausgehenden 12. und des 13. Jahrhunderts, sei es als Händler, Geldleiher oder Verwalter von Münzstätten, dokumentiert sich in der marktnahen Lage des Judenviertels. So lag zum Beispiel das Judenviertel in Münster/Westfalen in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts hinter dem Rathaus, ebenso in Köln und Nürnberg, wogegen der Friedhof sich, anders als die christlichen Friedhöfe, die um die Kirche herum angelegt wurden, vor der Stadtmauer befand. Bis zum Basler Konzil (1431-1449) gab es keine Verpflichtung zur Ghettobildung. Die Infrastruktur der jüdischen Gemeinde erforderte allerdings ein enges Zusammenwohnen, und so schlossen sich schon im 11. Jahrhundert die Juden häufig in eigenen Vierteln zusammen und umgaben sie vielfach mit einer Mauer, um ihre Waren und ihr Kapital zu schützen. akg-images / Heiner Heine Ritualbad, Synagoge und Friedhof sind wesentliche Bezugspunkte jüdischen Lebens. Ein 25 Meter tiefer Treppenschacht führt zur Friedberger Mikwe von 1260. akg-images / Jürgen Raible Die Erfurter Synagoge entstand in verschiedenen Bauphasen von circa 1094 bis 1300. akg-images / Bildarchiv Steffens Verhältnis zur christlichen Obrigkeit Im 13. und beginnenden 14. Jahrhundert besaßen die Juden in der städtischen Bürgerschaft eine „weitreichende rechtliche Gleichstellung“ – so der Historiker Alfred Haverkamp –, auch wenn sie keine ausgesprochen hoheitlichen Ämter ausüben durften. Doch sind Juden auch als Leiter von Münzstätten oder Zolleinnehmer bezeugt. Seit den ersten jüdischen Niederlassungen in Deutschland standen die Juden unter dem Schutz des Kaisers bzw. der Bischöfe. Informationen zur politischen Bildung Nr. 307/2010 Grabstein des jüdischen Friedhofs in Mainz, der ältesten mittelalterlichen Judengemeinde Deutschlands.

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10. bis 14. Jahrhundert: bedrohte Blütezeit Die „Königsnähe“ spielte im Hochmittelalter eine wichtige Rolle. Kaiser Friedrich Barbarossa (Reg.: 1152 - 1190) bezeichnete in mehreren Urkunden die Juden als „der kaiserlichen Kammer zugehörig“, womit er an alte römische Vorstellungen anknüpfte. Sein Enkel, Kaiser Friedrich II. (Reg.: 1212 - 1250), bezeichnete sie als „servi camere nostre“, als Kammerknechte, was unter anderem ihre Verpflichtung zur Steuerzahlung an den kaiserlichen Fiskus beschrieb. Diese Formulierung diente auch dazu, Ansprüche des mit dem Kaiser um die Vormachtstellung konkurrierenden Papstes abzuwenden. Die Auseinandersetzungen zwischen Papsttum und Kaisertum beeinträchtigten jedoch im laufenden 13. Jahrhundert die kaiserliche Schutzgewalt. Bischöfe und weltliche Fürsten beanspruchten mit Erfolg das „Judenregal“ (Regal = mittelalterliches königliches Hoheitsrecht) für sich und erließen in der Folgezeit eigene Judenverordnungen. Den Kaisern verblieb nur noch das Verfügungsrecht über die Juden in den Reichsstädten, wobei sie zunehmend von ihrem Steuerrecht gegenüber den Juden Gebrauch machten, während sie ihre Schutzverpflichtung immer mehr aufgaben. Schon 1241 wurden erste Steuerlisten für Juden angelegt, in den Reichsstädten brachten diese 13 Prozent der königlichen Einnahmen auf. In der Folgezeit wurden die Hebesätze immer stärker heraufgesetzt, so dass zum Beispiel in Rothenburg o. T. die Juden im 14. Jahrhun- 15 dert achtmal mehr Steuern abführen mussten als die übrigen Bürger. Ab 1342 musste zudem jeder Jude, egal ob Mann oder Frau, ab dem zwölften Lebensjahr jährlich den „goldenen Opferpfennig“ zahlen. Dies betraf alle Juden, auch wenn sie inzwischen den Landesfürsten unterstellt waren. Die Juden gerieten so in eine „Schwammfunktion“. Sie mussten durch möglichst hohe Zinsen hohe Einnahmen erzielen, die dann an den Fiskus des Kaisers bzw. des Landesherren wanderten. Beliebt machte sie das nicht. Mit kaiserlichem Schutz konnten sie dagegen kaum noch rechnen, eher mit dem der meist vom städtischen Patriziat dominierten Stadtobrigkeiten. Dies bedeutete neue Verpflichtungen, so einen Beitrag zu den Verteidigungsanlagen der Stadt, auch zum Wach- und so genannten Kriegsdienst, obgleich Juden nach dem Gesetz keine Waffen tragen durften. In den Städten bildete sich an der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert ein so genanntes Judenbürgerrecht heraus, das offiziell „verbrieft“, also den Juden urkundlich zugesprochen wurde. Wenn diese auch von den offiziellen Versammlungen der Stadtbürger oder der Zünfte ausgeschlossen blieben, so durften sie doch an den allgemeinen Festen – außer den religiösen – teilnehmen. Trotz vieler positiver Entwicklungen mehrten sich jedoch im Laufe des 13. Jahrhunderts Anzeichen für eine Verschlechterung des Verhältnisses zwischen den Juden und den übrigen Stadtbürgern. Christliche Judenfeindschaft Diese Verschlechterung war auch eine Folgewirkung offizieller Verlautbarungen und Beschlüsse der Kirche. Papst Innozenz III. hatte bereits 1205 die „ewige Knechtschaft“ der Juden erklärt, die sie den Christen sozial und rechtlich unterstellte. Auch die Beschlüsse der römischen Laterankonzile von 1179 und 1215 zielten darauf ab, die Lebensbedingungen der Juden zu verschärfen. So sollte ihnen der Zugang zu öffentlichen Ämtern verwehrt, und sie sollten durch ihre Kleidung als Juden erkennbar sein. Sie durften keine „unangemessen hohen Zinsen“ verlangen und mussten sie den Kreuzfahrern erlassen. Diese Bestimmungen wurden in Deutschland jedoch lange Zeit nicht streng beachtet. Daneben sorgten auch theologische Entwicklungen in der Kirche für eine wachsende Judenfeindschaft. Die drastischen Darstellungen des Gekreuzigten, die in der Gotik aufkamen, erinnerten die einfachen Menschen an die „Schuld“ der Juden, die mit der Verurteilung Jesu sein Blut auf sich und ihre Kinder herabgerufen hätten (Mt. 27,25). Sie galten deshalb als die Mörder Christi. 1215 erhob das IV. Laterankonzil die so genannte Transsubstantiationslehre zum Dogma, also zu einem festen Glaubenssatz. Sie besagt, dass durch die Wandlung in der Messe Brot und Wein real in Christi Leib und Blut verwandelt werde. In diesem Zusammenhang konnte der Vorwurf des so genannten Hostienfrevels Exzesse und Pogrome auslösen. Danach besorgten sich die Juden geweihte Hostien, um sie zu schänden. Die Juden würden – so der Vorwurf – durch fünf Nadelstiche in die geweihte Hostie – analog zu den fünf Wunden Christi – den Martertod Christi wiederholen. Möglicherweise diente hierbei den Christen ein jüdischer Brauch als Vorwand: In manchen jüdischen Gemeinden wurde zur Bestimmung des Eruv, des Bezirks, in dem sich ein Jude am Sabbat frei bewegen durfte, eine Mazza, ein ungesäuertes Brot, an die Wand der Synagoge genagelt. Informationen zur politischen Bildung Nr. 307/2010 Christlicher Judenfeindschaft entsprang das Gerücht, Juden wiederholten durch Stiche in geweihte Hostien den Martertod Christi. Holzschnitt von 1492 Noch gravierender war die Anschuldigung des Ritualmordes. Sie unterstellte den Juden, Christen ermordet zu haben, um deren Blut für rituelle Zwecke zu nutzen. Dieser Vorwurf tauchte erstmals 1144 im englischen Norwich auf; in Deutschland dann akg-images

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