Historisches Blatt 2

 

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Nr. 1 - 5 2002 Neuauflage der Historischen Blätter Die Entstehung des Ahrensburger Schlosses Die Leibeigenschaft im Gutsbezirk Ahrensburg Ahrensburg um 1900, Geschichte und Geschichten Die Hagener Allee Die Schauenburger – 350jährige Herrschaft in Schleswig – Holstein

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, Nr.2 Juni 1984 Herausgeber: Historischer Arbeitskreis Ahrensburg DIE LEIBEIGENSCHAFT IM GUTSBEZIRK AHRENSBURG Als im Jahre 1111 die Grafen von Schauenburg in das Land nördlich der Elbe kamen, brachten sie das Lehnswesen mit, das im übrigen Deutschland längst beherrschend war. Mit Hilfe der Schauenburger gelang es den Rittern und der Geistlichkeit, allmählich als “Grundherren“, große, “Grundherrschaften“ zu bilden. Im ehemaligen Slawenland bildeten große zusammenhängende Flächen den Grundbesitz, während im westlichen Schleswig-Ho!stein überwiegend nur die Bildung eines Streubesitzes möglich war. Die zu einer Grundherrschaft gehörenden Dörfer lagen oft weit auseinander, oft gehörten auch nur Ortsteile dazu. Große zusammenhängende Besitzungen in Stormarn gehörten zu den Klöstern Reinfeld und Reinbek. Vorerst waren die Bauern noch persönlich frei, wenn auch eine gewisse wirtschaftliche Abhängigkeit vom Grundherrn vorhanden war. Die Hufenverfassung der altgermanischen Dörfer blieb auch im mittelalterlichen Feudalsystem noch erhalten. Daß die persönliche Unabhängigkeit und die erträgliche wirtschaftliche Gebundenheit der Bauern zum Erliegen kam, lag daran, daß dem Grundherrn die Gerichtbarkeit als Lehen übertragen wurde. Im 12. Jahrhundert übertrug die Landesherrschaft der Geistlichkeit dieses Hoheitsrecht, ein Jahrhundert später wurde der Adel Gerichtsherr über seine Untertanen. Im 14. Jahrhundert sind die beiden Stände dann im Besitz der hohen Gerichtbarkeit über “Hals und Hand“, wenn sich auch der Landesherr die letzte Entscheidung in den Neuauflage Historische Blätter 1-5 “peinlichen Sachen“ vorbehält. Die Vollstreckung des Urteils fand allerdings direkt im Gutsbezirk statt (1613 Ahrensburg: Todesurteil an einer angeblichen Hexe). Die Übertragung der Gerichtbarkeit war gleichzeitig ein gutes Geschäft für den Gerichtsherrn, denn die verhängten Bußen zog er ein. Außerdem standen ihm Dienstleistungen der von ihm Betreuten zu, so zum Beispiel das sogenannte “Burgwerk“ zur Erhaltung seines Wohnsitzes oder das “Rauchhuhn“, das jede bewohnte Feuerstelle des Gerichtsbezirks als jährliche Anerkennung der Gerichtshoheit abzuliefern hatte. Der Gerichtsherr und der Grundherr, die in der Regel eine “Personalunion“ bildeten, hatten natürlich das Bestreben, die Bewohner für immer im Gutsbezirk festzuhalten. Als im 15. und 16. Jahrhundert eine abschliessende Ausbildung der Güter erfolgte, war es schon ein Gewohnheitsrecht, daß die Hufen wie ihre Inhaber als Zubehör oder “Pertinenz“ zum Gut gehörten, bei einem Besitzerwechsel mit verkauft wurden, und daß man den Bauern die Freizügigkeit nun gänzlich verweigerte. Sie waren an die Scholle gebunden. Das ursprünglich öffentliche Recht der Gerichtsbarkeit war zum Privatrecht geworden, und der Guts- und Gerichtsherr betrachtete die Untergehörigen oder Untertanen als privates Eigentum, und somit war die Leibeigenschaft vollendet. Im 16. Jahrhundert trat außerdem eine Veränderung in der Bewirtschaftung der Güter ein. An die Stelle des geringen Getreideanbaus und der Ochsen- und Schweinemast trat intensivere AckerwirtSeite 5

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Seite 2 Nr. 2/84 schaft in Verbindung mit verstärkter Milchwirtschaft. Das bedeutete, daß die Gutsfelder in gleichmäßige Koppeln aufgeteilt wurden. Die eine Hälfte benutzte man zum Ackerbau, die andere als Weide. Diese Neueinteilung verursachte eine Fülle von Mehrarbeit. Die höhere Arbeitsleistung wurde als selbstverständlich von den Leibeigenen erwartet. Sie waren für das Funktionieren der Gutswirtschaften von größter Wichtigkeit. In Ahrensburg ist die Entstehung der Leibeigenschaft eng mit dem Bau des Ahrensburger Schlosses verknüpft. Die Dörfer Woldenhorn, Bünningstedt, Ahrensfelde und Meilsdorf gehörten seit dem 14. Jahrhundert zum Kloster Reinfeld, und der Satz "Unter dem Krummstab ist gut leben" traf für die Bewohner dieser Orte zu. Da die Klosterbewohner Laienbrüder waren und ihre Felder selbst bewirtschafteten, mußten die Untertanen nur wenige Spanndienste leisten, auch die Abgaben waren gering. Aber eine Wende in ihrer aller Schicksal bahnte sich an, als die Klöster nach der Reformation aufgelöst wurden und der dänische König Friedrich II. seinem verdienten Feldobristen Daniel Rantzau im Jahre 1567 die alte Burg Arnesfelde und die dazu gehörigen Dörfer mit der Gerichtsbarkeit als Abtrag für dessen hohe Kosten in schwedischen Feldzügen für wenig Geld (600 Mark Lübisch) überließ. Daniel Rantzau hat diesen Besitz nie gesehen, denn er fiel 1569 inVarborg in Schweden. Sein Bruder Peter beerbte ihn. Peter Rantzau war Amtmann in Flensburg und Berater und enger Vertrauter des dänischen Königs. Man sagte ihm besonderes Machtstreben nach, und der Herzog von Gottorp warnte vor ihm und seinem gefährlichen Anhang. Er stammte aus dem berühmten Geschlecht der Rantzaus, ein entfernter Vetter war der berühmte Humanist Heinrich Rantzau, der die Cimbrische Landesbeschreibung verfaßte, und er besaß Güter in Mühlendorf, Schierensee und Troyburg. Für Peter Rantzau war es selbstverständlich, daß mit seiner Besitznahme vom Gutsbezirk Ahrensburg die bisher persönlich freien Klosterbauern sofort mit der vollendeten Hörigkeit belegt wurden, und er zog einen großen Teil ihres Landes für seine Hoffelder heran (Die Troyburger Bauern erzählten angeblich noch nach seinem Tode davon, daß er mit der Meßkette über die Felder gehe, um Land in seinen Besitz zu bringen). Unzählige Findlinge wurden durch die Leibeigenen von der alten verfallenen Burg im Hagen zur Baustelle bei Woldenhorn transportiert, auch die Gräben und Wälle, die die Schloßinsel bildeten, wurden von ihnen angelegt. Der Lauf des Hopfenbaches wurde umgeleitet, um genügend Wasser in die Burggräben und an die Schloßmühle zu leiten, obwohl damit dem Müller am Bredenbeker Teich das Wasser und somit seine Existenzgrundlage entzogen wurde. Im Jahre 1598 bezahlt Peter Rantzau für seine Gutsuntergehörigen den "Pflugschatz", damit ist die Leibeigenschaft in Ahrensburg aktenkundig. Der Besitz der vier Gutsdörfer genügte ihm anscheinend nicht, denn er versuchte, auch das herzogliche Wulfsdorf, das dem Amt Peter Rantzau (fünfter von links) Seite 6 Neuauflage Historische Blätter 1-5

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Nr. 2/84 Seite 3 Trittau unterstand, in seinen Besitz zu bekommen. Da das Hamburger Domkapitel in Wulfsdorf Rechte besaß, kaufte Peter Rantzau seinen Sohn Daniel als Domherrn ein, so daß diesem einige Fahrten von und nach Hamburg als Dienst der Bauern zustanden. Aufgrund dieser wenigen Leistungen versuchte er, die Bauern in die Ahrensburger Dienstbarkeit zu zwingen. Er bediente sich der hinterhältigsten Tricks, um dieses Ziel zu erreichen. So veranlaßt er 1570 seinen Gutsverwalter, die Wulfsdorfer Bauern auf Ahrensburger Gebiet zu locken, um angeblich mit ihnen über einen freundlichen Brief seines Junkers zu reden. Kaum haben die Männer die Ortsgrenze überschritten, werden sie überwältigt und ins Gefängnis geworfen. Dort soll ihnen das Versprechen abgerungen werden, für Peter Rantzau zu arbeiten. Ein langer Prozeß zwischen Peter Rantzau und dem Herzog ist die Folge dieses Vorgehens. Es gelingt zu Rantzaus Lebzeiten nicht mehr, Wulfsdorf in seinen Besitz zu bringen. Seinen Nachkommen gelang es im Jahre 1635 gegen Zahlung von 3000 Reichstalern, die Wulfsdorfer in Rantzausche Hörigkeit zu überführen. 1602 starb Peter Rantzau. Seine Frau Margarethe aus dem Hause Siggen übernahm das Gutsregiment und setze es mit solcher Strenge fort, daß sie bis auf den heutigen Tag unter dem Namen "de dull Margreth" bekannt ist. Man erzählt von ihr, daß sie eine Magd, deren Arbeit ihr nicht gefiel, vor dem eigenen Kirchgang an einen glühenden Ofen binden ließ. Bei ihrer Rückkehr grinsten ihr die Zähne der verkohlten Leiche entgegen. Margreth gab ihr mit den Worten "wat, du wiest mi noch de Tähn" einen Backenstreich, so daß der Kopf vom Rumpfe fiel. Wie weit diese Geschichte und ähnliche auf Wahrheit beruhen, weiß man natürlich nicht. Auf jeden Fall zeugen sie von brutalen und unerbittlichen Vorgehensweisen des Adels gegenüber den Hörigen. Aus ihrer Regierungszeit sind im Kirchenbuch harte Todesurteile überliefert. So z.B. das schon erwähnte Urteil über Tille Wollhöwels von der Reimershorst, die in den Schloßgraben geworfen wurde, "den Hals ehr to breken un in Water ersöpet", anschließend wurde sie verbrannt. Nur geköpft wurde am 13. Juli 1620 Cathrin Dabelstein aus Ahrensfelde wegen Ehebruchs und Giftmordversuchs an ihrem Mann. 1629 starb diese strenge Gutsherrin. Die Überlieferung erzählt, daß ihr Sarg mit sieben Schlössern verwahrt wurde, um ihre Rückkehr zu verhindern. Als in den 60er Jahren die Gruft in der Kirche geöffnet wurde, fand man ihren Sarg, aber von den Schlössern war nichts zu sehen. Über einen weiteren Gutsbesitzer der Familie Rantzau berichtet im Jahre 1642 das Kirchenbuch: "Peter Hasse, der Verwalter, welcher von Junker Kay Rantzau den 9. Oktober Verdachts halber entleibet worden!" Kay Rantzau wurde für diese Tat verurteilt und starb im Kieler Gefängnis. Seine Gemahlin hieß auch Margarethe, aber im Gegensatz zur bösen hieß sie "Die gute Margarethe". Von ihr wird berichtet, daß sie ihren Untergebenen menschlich wohlwollend gegenüberstand, wohltätig war und milde Stiftungen begründete. Allerdings fällt in ihre Zeit auch die Niederlegung des Hufnerdorfes Meilsdorf zu einem Meierhof. Das geschah im Jahre 1657, nachdem das Gut Ahrensburg durch die Folgen des 30jährigen Krieges verarmt war. Da die Hoffelder im 16. und 17. Jahrhundert nur einen mäßigen Umfang hatten, war die Dienstpflicht der Leibeigenen noch einigermaßen erträglich. Der Höhepunkt in der Unterdrückung der Untertanen im Gute Ahrensburg fällt in die Zeit des Gutsherrn Detlef Rantzau, der 1715 die letzte Nachkommin aus der Linie Peter Rantzaus heiratete. Man spricht auch vom 30jährigen Ahrensburger Bauernkrieg, der zu diesem Zeitpunkt seinen Anfang nahm. Neuauflage Historische Blätter 1-5 Seite 7

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Seite 4 Nr. 2/84 Detlef Rantzau war ein entfernter Verwandter seiner Frau und stammte aus Bienebeck an der Schlei. Von dort war ihm die strengste Hörigkeit vertraut. Für ihn waren Leibeigene vergleichbar mit den Sklaven des alten Roms, und er bedauerte, daß er ihnen nicht ohne Gerichtsurteil das Leben nehmen konnte. Er war geltungsbedürftig und prunkliebend und nicht nur schleswig-holsteinischer Landrat, sondern auch Reichshofrat und Reichsgraf sowie Inhaber des preußischen Ordens vom Schwarzen Adler, den ihm der preußische Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. verliehen hatte. Sein aufwendiger Lebensstil sollte von den Leibeigenen finanziert werden. Als er nach Ahrensburg kam, begann er umgehend, die riesigen Wälder, die den Ort umgaben, abzuholzen, um Ackerland zu gewinnen. Die erforderlichen Arbeiten mußten natürlich von den Leibeigenen geleistet werden. Bei Sonnenaufgang hatten die Untertanen bei Hofe zu erscheinen, um bis zum Abend Bäume zu roden und das neugewonnene Ackerland zu bearbeiten. Daß sie dann nicht mehr in der Lage waren, ihre eigenen Stellen zu bewirtschaften, störte Detlef Rantzau nicht. Er überforderte die Leistungsfähigkeit seiner Untertanen, so daß Widerstand unumgänglich war. Für ihn war wichtig seinen Reichtum zu mehren. Aus einer eigenhändigen Aufstellung seiner Gewinne ist bekannt, daß er im Jahre 1745 1½ Millionen Taler durch Holzverkäufe verdient hatte. Die Gutsbewohner hingegen verarmten immer mehr. Sein Auftreten ihnen gegenüber war tyrannisch, und er schreckte nicht davor zurück, mit der Reitpeitsche den angesehenen Bauernvogt Peter Wriggers aus Ahrensfelde zu verprügeln, weil er beim Pflügen des Pfarrackers von Pastor Eicke ein Mittagessen angenommen hatte. 1718 läßt er aus dem Bauerndorf Wulfsdorf einen Meierhof bilden. Die dort ansässigen Bauern wurden zwangsweise nach Bünningstedt umgesiedelt. 1719 kam die schwelende Aufruhrstimmung zum ersten offenen Ausbruch. Die Bünningstedter Hufner bewirtschafteten eine Koppel und säten dort das Lohnkorn für ihre Knechte an. Diese Koppel wollte ihnen der Graf nehmen. Sein Landmesser setzte Pfähle ein, sie wurden nachts wieder von den Bauern entfernt. Außerdem wagten sie es, Beschwerde bei der Regierungskanzlei in Glückstadt gegen ihn, den Grafen, zu erheben. Seine Empörung war groß. Immer wieder säten die Bauern ihr Getreide auf der Koppel aus. Der Graf bewirkte einen Drohbefehl der Glückstädter Regierung an die Bauern, sich dem “Begraben“ (Umziehen eines Feldes mit Graben und Erdwall) nicht zu widersetzen. Diesen Befehl ließ der Graf durch seinen Kammerdiener auf plattdeutsch verlesen. Damit die Arbeit nicht verzögert wurde, ließ er sämtliches Gesinde der Gutsdörfer mit ihrem Arbeitsgerät zum 10. Juli 1719 auf die Koppel bestellen. Sie begannen mit der Arbeit, die Bünningstedter Knechte warfen den entstehenden Graben vor den Augen des zu Pferde sitzenden Grafen wieder zu. Wutentbrannt ließ er die Arbeit einstellen, reiste noch am gleichen Tage nach Glückstadt, um dort seinen Willen durchzusetzen. Er erreichte, daß ein Kommando von 18 Soldaten anrückte. Vor solcher Übermacht entflohen die Bauern samt Knechten, und am 17. Juli wurde der Roggen gemäht. 8 Hufner kehrten, auf die Bitten ihrer Ehefrauen hin, zurück ins Dorf. Aber das Strafgericht ließ nicht auf sich warten. Die beiden Rädelsführer erhielten ein halbes Jahr Zuchthaus, vier Hufner 14 Tage Gutsgefängnis, weitere wurden zum Sitzen auf dem "Esel" (zwei scharfkantig gegeneinander gestellte erhöhte Bretter) für drei Tage verurteilt. Außerdem mußten sie in Gegenwart des Woldenhorner Pastors Masebeck versprechen, sich mit Gottes Hilfe zu bessern und Seite 8 Neuauflage Historische Blätter 1-5

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Nr. 2/84 Seite 5 keine Prozesse gegen den Grafen zu führen. Ein Beispiel für die persönliche Bindung leibeigener Leute veranschaulicht der uns überlieferte Fall Claus Hütscher. Claus Hütscher war ein älterer Hufner und Krugwirt, der seit Jahren im hamburgischen Teil von Hoisbüttel lebte. Er war in Ahrensburg als Sohn eines Leibeigenen geboren. Da aber seine Mutter und sein Großvater freie Menschen gewesen waren und er von früher Jugend an außerhalb Ahrensburgs gelebt hatte, hielt er sich für frei. Es war auch üblich, daß 10jähriges Wohnen außerhalb des Gutes einen verheirateten Leibeigenen freimachte, wenn sein Herr ihn zwischenzeitlich nicht zurückverlangte. Als der Graf beim Überprüfen der Untertanen auf ihn aufmerksam wurde, bekam er Angst und bezahlte für die Erlaubnis zum Außerhalbwohnen jährlich 3 Reichstaler. Später bat er den Bergstedter Pastor um Vermittlung beim Freikauf. Aber das brachte den Grafen in Wut, und er ließ den kränklichen Mann durch 8 bewaffnete Bedienstete aus seinem Bett holen und in den Keller des Schlosses werfen. Nach kurzer Zeit ließ er ihn ins Zuchthaus nach Rendsburg bringen. Sieben Wochen mußte der Mann dort verbringen. Auf Drängen der Regierung durfte er wieder nach Ahrensburg zurückkehren, aber Detlef Rantzau sperrte ihn erneut in das Gutsgefängnis. Nach vier Jahren war Claus Hütscher so zermürbt, daß er seine Leibeigenschaft anerkannte und um Gnade bat. Detlef Rantzau hatte gesiegt! Es ist nicht verwunderlich, daß viele Ahrensburger Leibeigene aus ihrem Heimatort flohen, um im nahegelegenen Hamburg oder in den umliegenden freien Dörfern unterzutauchen. 1726 berichtete Detlef Rantzau der Regierung in Gottorf, daß in den 11 Jahren seines Gutsregiments 120 männliche und weibliche Personen entwi chen seien. Er hatte vor, die Namen der Entwichenen - so wie bei fahnenflüchtigen Soldaten - an den Galgen schlagen zu lassen, um sie ehrlos zu machen. Dazu erhält er nicht die Erlaubnis, und es wird ihm vorgeschlagen, seine Untertanen mit mehr "Gelindigkeit" zu behandeln, um sie bei Hofe zu halten. 1728 hatte Ahrensburg schon 130 Entwichene, weit mehr als ein Viertel der Gesamtbevölkerung. Aber auch an den im Gut verbliebenen Leibeigenen hatte Detlef Rantzau wenig Freude. Der Widerstand blieb lebendig. Der Anführer der Bauern war Peter Wriggers, der zweimal den weiten Weg nach Kopenhagen unternahm, um beim König Bittschriften seiner Leute abzugeben. 1732 trat ein unparteiisches Gericht zusammen, um über die Zustände im Gut zu beraten, aber, wie in der damaligen Zeit kaum anders zu erwarten, Detlef Rantzau siegte auch hier. Nach Ansicht des Gerichts war den Leibeigenen die geforderte Arbeit zuzumuten! 1746 starb Detlef Rantzau, und sein Sohn Christian war sein Erbe. Er betrachtete die Leibeigenen immerhin schon als seine Nebenmenschen. Aber auch unter seiner Gutsherrschaft geschahen noch Dinge, die die Willkür gegenüber den Untertanen demonstrierten. Der Haß, den sein Vater gegenüber dem Bauernvogt Wriggers hegte, übertrug sich auf die Söhne. Christian Rantzau warf den Sohn Peter Wriggers, Hinrich Wriggers, aus der Hufenstelle, die seine Vorfahren seit der Pestzeit in der Mitte des 17. Jahrhunderts bewirtschaftet hatten, wegen eines angeblichen Holzdiebstahls. Aber Hinrich Wriggers war ebenso mutig und tatkräftig wie sein Vater und nicht gewillt, diese Ungerechtigkeit zu erdulden. So machte er sich - ohne den Gutsherrn davon zu unterrichten - auf den Weg nach Glückstadt und Kopenhagen, um Anklage gegen seinen Herrn zu erheben. Neuauflage Historische Blätter 1-5 Seite 9

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Seite 6 Nr. 2/84 Ein Rechtsanwalt vertrat seine Interessen. Christian Rantzau schrieb nun selbst nach Glückstadt, daß es in Pommern, Mecklenburg und Holstein Recht sei, daß ein jeder Gutsherr seinen Untertanen versetzen könne, wie und wohin er will. Es sei auch allen Leibeigenen bekannt, "daß sie nichts Eigenes haben und alles von der Gutsherrschaft gegeben sein muß". Auch Pastor Eicke wird in den Fall Wriggers eingeschaltet und verliest am 2. Dezember 1754 eine Publikation von der Kanzel, mit der der Inste Hinrich Wriggers, der sich "boshafterweise ohne Erlaubnis seiner gnädigen Herrschaft und Obrigkeit von der Scholle entfernt hat", zur Rückkehr aufgefordert wird. vorgelesen, und da er des Schreibens unkundig war, unterzeichnete er mit den Anfangsbuchstaben seines Namens. Daß Hinrich Wriggers sein Recht fand, beweist, daß sich die Zeiten geändert hatten und die dänische Regierung vom Geiste der Humanität erfaßt wurde, der sich um die Jahrhundertmitte ausbreitete. Für Ahrensburg änderten sich die Verhältnisse mit dem Besitzerwechsel im Jahre 1759 grundlegend. Der reiche Kaufmann Heinrich Carl Schimmelmann erwarb das mit 140.000 Talern verschuldete Gut für 180.000,-- Taler, die er angeblich in einem Jahr in Hamburg verdient hatte. Es muß den Untertanen wie ein Wunder erschienen sein, daß jetzt ein Gutsherr "seine Leibeigenen glücklich machen will und keiner Not leiden solle". Schimmelmann ermäßigte die Frondienste und stiftete der Kirche die beträchtliche Summe von 45.000 Talern "zur Bekämpfung der Armut und zur Beförderung anderer guten Absichten", wie es in der Schenkungsurkunde heißt. Ihm gelang es, die Verhandlungen zur Aufhebung der Leibeigenschaft voranzutreiben. Aber der Tod im Jahre 1782 machte seinen Bestrebungen ein Ende. Sein Zweitältester Sohn Friedrich Josef, der Erbe Ahrensburgs, setzte sein Werk fort. So kommt es im Jahre 1784 zur Parzellierung des Meierhofs Wulfsdorf. Im Jahre 1788 wird die Leibeigenschaft in Woldenhorn und Bünnigstedt, 1797 in Ahrensfelde aufgehoben. Meilsdorf wurde in einem unbekannten Jahr, spätestens 1804, aus der Leibeigenschaft entlassen. Wie es dem Zurückkehrenden erging, ist aus einem Protokoll des Gutsschreibers ersichtlich. "Freitag, den 7. Februar 1755 zeigt des Herrn Reichsgrafen auf Ahrensburg Verwalter geziemend an, wie er vorrangige Woche den Insten Hinrich Wriggers die gebührenden Gutsdienste zu leisten angeordnet, dieser sich jedoch schlechtwegs geweigert hätte. Wriggers habe sich zur Wehr gesetzt, dabei sind einige Schläge mit der Peitsche vorgefallen, und Wriggers wurde in die Burg gebracht und im Block an die Kette geleget..." Trotz aller Mißhandlungen und Erniedrigungen gelang es dem Bauern, sein Recht mit Hilfe eines Advokaten Wiebel aus Glückstadt durchzusetzen. Am 14. Juli 1755 wurde ihm seine Hufe samt Inventar zurückgegeben. Wort für Wort wurden ihm die Bestandslisten Seite 10 Neuauflage Historische Blätter 1-5

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Nr. 2/84 Seite 7 Quellen: Aufsätze von Martin Wulf, Woldenhorner Kirchenbuch, Stormarnbuch, Dokumente aus dem Landesarchiv Schleswig. Verantwortlich Christa Reichardt Fritz-Reuter-Str. 23 22926 Ahrensburg Neuauflage Historische Blätter 1-5 Seite 11 Karte von Woldenhorn aus der Rantzauzeit (1749)

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