OEFG Magazin 2015

 

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ÖFG #1 / 2 015 das magazin der österreichischen forschungsgemeinschafT Wissenschaften Illustration: Gerald Hartwig / www.geraldhartwig.com Zeit in den W r hische c i e r r e Öst 015 stag 2 t f a h c issens for sc h u ng s för de ru ng ·bi l du ng sge r ec h t igk e i t·a k a de m i k e r i n n e nqu ot e

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2    ö f g   m ag a z i n 2 015 Editorial Liebe leserinnen, liebe Leser! auch heuer damit über die Aktivitäten der Österreichischen Forschungsgemeinschaft. Einstimmen dürfen wir Sie mit einem Interview mit Wissenschaftsminister und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (Seite 6) und Stellungnahmen von WissenschaftslandesrätInnen zur Forschungsförderung in ihren Bundesländern (Seite 8). Ein wichtiger Baustein für den bildungspolitischen Schwerpunkt der ÖFG ist die Arbeitsgemeinschaft „Bildung und Ausbildung“ von Christiane Spiel. Sie widmete ihren diesjährigen Workshop dem Thema „Bildungsgerechtigkeit: ein erfüllbarer Anspruch?“ (Seite 12). Zur Abrundung dieser Thematik haben wir das Kolloquium „Welche Bildung brauchen wir?“ (Seite 18) organisiert. An einem hochbrisanten Thema arbeitet das Forschungsteam rund um Reinhard Heinisch. Es behandelt das Verhältnis von „Demokratie und Islam“. Dabei ist es gelungen, mit John Esposito eine in diesem Diskurs führende Persönlichkeit nach Wien einzuladen. Mit mehreren DoktorandInnenschools und Nachwuchskonferenzen konnte die ÖFG auch in diesem Jahr ein interessantes Angebot für NachwuchswissenschafterInnen anbieten. Zum Beispiel das PhD-Forum im Rahmen der Salzburger Festspiele der ARGE „Kulturelle Dynamiken“ zum Thema „Feasting and Fasting – Carnival Cultures“ (Seite 17). Oder den Workshop „Radio Frequency Engineering Working“ der ARGE Hochfrequenztechnik (Seite 16). Der diesjährige Österreichische Wissenschaftstag war dem vielschichtigen Thema „Zeit in den Wissenschaften“ gewidmet (Seite ngespornt durch das überaus positive A Feedback zur letztjährigen ersten Ausgabe unseres -Magazins, informieren wir Sie ÖFG Hubert Dürrstein,  Vizepräsident der Österreichischen Forschungsgemeinschaft ­ impressum Herausgeber, Medieninhaber und Verleger: Österreichische Forschungsgemeinschaft, Berggasse 25/21, 1092 Wien Tel. +43/1/319 57 70 E-Mail: oefg@oefg.at Druck: Wograndl Druck 24). Für diejenigen unter Ihnen, die „keine Zeit für die Zeit“ hatten, baten wir die ReferentInnen um kurze Interviews zu den Vorträgen. So können wir Ihnen auf diesem Weg zumindest einen Einblick vermitteln, in welcher Intensität der Begriff Zeit aus historischer, psychologischer, transkultureller, physikalischer, linguistischer, musikalischer und religionswissenschaftlicher Sicht beleuchtet wurde. Wie bereits in der letzten Ausgabe stellen wir Ihnen unter der Rubrik „4 aus 300“ StipendiatInnen und deren Projekte vor, die mit Hilfe unserer Förderprogramme realisiert wurden (Seite 4). Weiterführende Informationen zu allen Aktivitäten finden Sie auf der Homepage der ÖFG unter www.oefg.at. Leider muss ich an dieser Stelle auch vom Ableben unserer Präsidentin Abg. z. NR a. D. Mag. Katharina Cortolezis-Schlager berichten. Sie ist im Juli 2015 nach bewundernswerter Stärke in der Bewältigung ihrer Erkrankung verstorben. Die ÖFG verlor mit ihr eine engagierte und sehr vielfältige Persönlichkeit, die sich unermüdlich für die Zukunftsthemen Bildung, Wissenschaft und Forschung eingesetzt hat. Ab 2005 war sie als politische Quereinsteigerin für die ÖVP als Stadträtin für Bildung, Wissenschaft und Forschung in Wien und zuletzt als Wissenschaftssprecherin der ÖVP im Nationalrat tätig. Seit 2013 leitete sie die Geschicke der Österreichischen Forschungsgemeinschaft. Hier ließ sie sowohl auf menschlicher Ebene als auch mit ihrem unermüdlichen Tatendrang eine tiefe Lücke zurück. Hubert Dürrstein Foto: Universität für Bodenkultur Wien d i e Ö F G i s t E i n e F o r s c h u n g s ­fö r d e r u n g s ­ einrichtung getragen von Bund und Ländern

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ö f g   m a g a z i n 2 0 1 5    3 De r W i s s e n s c h a f t l i c h e Beir at der ÖFG Walter Berka  Univ.-Prof. für Verfassungs- und Verwaltungsrecht, Uni Salzburg Hans Goebl Univ.-Prof. em. für Romanische Sprachwissenschaft, Uni Salzburg Bernhard Jakoby Univ.-Prof. für Mikroelektronik, Uni Linz Cornelia Kasper  Univ.-Prof. für Biopharmazeutische Technologie, BOKU Wien Wolfgang Kautek Univ.-Prof. für Physikalische Chemie, Uni Wien (Beiratsvorsitzender) Gottfried Magerl Univ.-Prof. em. für Elektrotechnik, Technische Uni Wien Brigitte Mazohl  Univ.-Prof. für Österreichische Geschichte, Uni Innsbruck Reinhard Neck  Univ.-Prof. für Volkswirtschaftslehre, Uni Klagenfurt Oswald Panagl Univ.-Prof. em. für Sprachwissenschaften, Uni Salzburg Hans Tuppy Univ.-Prof. em. für Biochemie, Uni Wien, ehem. Wissenschaftsminister Heinrich Schmidinger Univ.-Prof. für Philosophie, Rektor der Uni Salzburg Ursula SchmidtErfurth Univ.-Prof. für Augenheilkunde und Optometrie der MedUni Wien Fotos: Privat, Uni-Innsbruck, Vouk, Sissy Furgler, Barbara Mair/Universität Wien, Universität Wien, MedUni Wien / F. Matern, Martin Hasenöhrl, Universität Wien Christiane Spiel Univ.-Prof. für Bildungspsychologie und Evalua­ tion, Uni Wien Werner Waldhäusl Univ.-Prof. em. für Innere Medizin, MedUni Wien Susanne WeigelinSchwiedrzik  Univ.-Prof. für Sinologie, Vizerektorin, Uni Wien Werner Wolf  Univ.-Prof. für Englische Literaturwissenschaft, Uni Graz i n h a lt nachwuchsfö r d e r u n g A r ge d e r Ö F G Von der ÖFG unterstützte WissenschafterInnen   S e i t e  4 – 5 Aus den ARGE „Hochfrequenztechnik“, „Zukunft der Demokratie“, „­ Kulturelle Dynamiken“ „Wissenschaft und Kunst“   S e i t e  1 6 – 1 7 Österreichischer wissenscha ftstag Im ge s p r ä c h Vizekanzler und Wissenschaftminister Reinhold Mitterlehner   S e i t e  6 – 7 Welche Bildung br auchen wir? Kolloquium zum Thema  Seite 18–21 fö r d e r u n ge n der Bundesländer S e i t e  8 – 1 1 bildungsge r e c h t i g k e i t wissenschaftssta dt wien „Zeit in den Wissenschaften“. Geschichte der Stunde  S e i t e  2 6 – 2 7 Japanisches Zeitverständnis im Vergleich mit unserem   S e i t e  2 8 – 2 9 Entgrenzte Arbeit   S e i t e  3 0 – 3 1 Lesen dehnt Lebenszeit  S e i t e  3 2 Keine Einheitssprache   S e i t e  3 3 Zukunft voraussagen   S e i t e  3 4 – 3 5 Zeit in der Musik   S e i t e  3 6 – 3 7 Zeit und Religion   S e i t e  3 8 – 3 9 Workshop zum Thema  S e i t e  1 2 – 1 5 Hubert Christian Ehalt, Wissenschaftsreferent der Stadt Wien, über die Wissensmetropole ­   S e i t e  2 2 – 2 3 P u b l i k a t i o n e n  S e i t e  4 0

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4    ö f g   m ag a z i n 2 015 Exzellenz am internationalen Parkett Um w i s s e n s c h a f t l i c h e m N a c h w u c h s die internationale Kommunikation zu erleichtern, fördert die ÖFG Forschungsaufenthalte und Kongressreisen von Uschi Sorz achwuchs in den Wissenschaften wird N   zunehmend ein Problem. Nicht, weil es an InteressentInnen fehlt, sondern weil die Aussichten darauf, wie eine Karriere in Wissenschaft und Forschung sich gestalten könnte, immer unklarer werden. Die Verunsicherung führt etwa schon in der Schweiz dazu, dass der wissenschaftliche Nachwuchs zurückgeht. Um den wissenschaftlichen Nachwuchs in Österreich zu motivieren und damit den Forschungsstandort mitzusichern, ist es wichtig, jungen Menschen eine international vernetzte Karriere zu ermöglichen. Die junge heimische Exzellenz muss sich im Ausland sichtbar machen können. Das unterstützt die ÖFG durch die Förderung von Forschungsaufenthalten und Kongressreisen. Für Qualitätssicherung sorgt dabei der ehrenamtliche und unabhängige Wissenschaftliche Beirat, der KandidatInnen mit herausragenden Leistungen auswählt. Unter anderem werden dazu deren Einbindung in Projekte und bisherige internationale Publikationen herangezogen. Dieses Förderprogramm für internationale Kommunikation deckt Ausgaben ab, die andere Institutionen oft nicht tragen. Seit Beginn ihrer Förderaktivitäten hat die ÖFG bereits Tausende NachwuchswissenschafterInnen unterstützt. Vier von ihnen stellen wir hier vor. Teresa Kovacs.  Die Germanistin war an der University of MichiganDearborn Jörg Paetzold.  Der Volkswirtschafter geht an die University of California Berkeley näher zu betrachten“, erklärt Kovacs, die an der Universität Wien Germanistik, Theater-, Film- und Medienwissenschaft studiert hat. „Damit hat die Autorin einerseits auf eine bestimmte Inszenierungspraxis reagiert, aber auch selbst auf künftige Inszenierungspraktiken eingewirkt.“ Ende März konnte Kovacs ihre bisherigen Forschungsergebnisse mithilfe einer ÖFG-Reiseförderung bei der Tagung der Austrian Studies Association „Grenzen überqueren – Grenzen verwischen“ an der University of Michigan-Dearborn (USA) vorstellen. Die erste Teilnahme an einer größeren Konferenz außerhalb Europas war für die junge Universitätsassistentin, die an der „Forschungsplattform Elfriede Jelinek“ beschäftigt ist, eine wertvolle Erfahrung: „Ich habe viel über den Ablauf solcher Veranstaltungen erfahren und auch neue Formen der Präsentation wissenschaftlicher Erkenntnisse kennengelernt“, resümiert sie. „Außerdem konnte ich mich mit Wissenschafterinnen und Wissenschaftern aus den USA, Kanada, Südamerika und Europa vernetzen und wichtige Kontakte aufbauen.“ Jörg Paetzold, 32, Fachbereich für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Universität Salzburg Lohn- und Einkommensteuer tragen in den meisten Ländern erheblich zu den Einnahmen des öffentlichen Haushalts bei. Aber was ist, wenn etwa eine hohe Belastung des Faktors Arbeit mangelnde Arbeitsanreize bietet und damit – wie unter anderem kritisiert wird – besonders die Arbeitslosigkeit im Niedriglohnsektor verstärkt? Wie hängen Arbeitsentscheidungen und Arbeitsangebot mit Besteuerungssystemen zusammen? Welche Wechselwirkung besteht mit Steuerhinterziehung? Jörg Paetzold befasst sich damit, zu messen und zu evaluieren, ob und inwiefern Steuern die Handlungen der Menschen beeinflussen. „Das ist ein zentraler Parameter volkswirtschaftlicher Forschung“, erklärt der Post-Doc an der Uni Salzburg. „Schließlich möchte der Staat seine Umverteilungs- und Steuerungsziele erreichen, ohne auf negative Weise auf das Verhalten der Bevölkerung ein- M e s s e n , i n w i e f e r n St e u e r n d i e H a n d lungen von Menschen beeinflussen Teresa Kovacs, 27, Forschungsplattform Elfriede Jelinek, Universität Wien Teresa Kovacs’ Dissertation im Fach Germanistik setzt sich mit den „Sekundärdramen“ Elfriede Jelineks auseinander. Einer Gattung, die Österreichs einzige Nobelpreisträgerin selbst kreiert hat und die – auf unterschiedliche Weise – immer als Begleitdrama eines Hauptdramas gedacht ist. „Ein Sekundärdrama eignet sich nicht nur dazu, Gattungs- und Epochengrenzen zu diskutieren, sondern auch, um die Grenze bzw. das Verhältnis zwischen Text und Bühne Fotos: Privat

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ö f g   m a g a z i n 2 0 1 5    5 zuwirken.“ Seine Arbeit zielt darauf ab, neue Erkenntnisse über Steuerausweichreaktionen zu gewinnen. Von September bis Ende Dezember wird er an einem Forschungsprojekt der UC Berkeley (USA) teilnehmen, das sich die Einführung eines sehr hohen Eingangssteuersatzes in Österreich 2005 (38,33 Prozent) zunutze macht, um erste Evidenz über Verhaltensanpassungen von Beschäftigten im Niedriglohnbereich zu erbringen. „Die Schätzung der Anpassungsreaktionen für diese Einkommensgruppe bei Beachtung einer Steuertarifreform ist in der wissenschaftlichen Literatur – und auch für Österreich – neuartig“, so der Ökonom. Der USA-Aufenthalt wurde von der ÖFG gefördert. Julia Nicolussi, 27, Institut für Zivil- und Unternehmensrecht, Wirtschaftsuniversität Wien Das Hamburger Max-Planck-Institut (MPI) für ausländisches und internationales Privatrecht ist eine herausragende europäische Forschungsstätte für Gesellschafts- und Kapitalmarktrecht. Das wiederum ist Julia Nicolussis Forschungsschwerpunkt. Die Universitätsassistentin, die ihr Studium der Rechtswissenschaften 2010 abgeschlossen hat, verfasst ihre Dissertation im Bereich des Aktienrechts. „Dank der Förderung der ÖFG konnte ich den Februar dort als Gastwissenschafterin verbringen“, berichtet sie. „Davon habe ich sehr profitiert, denn das MPI ist sowohl in Julia Nicolussi.  Sie forscht am Max-PlanckInstitut in Hamburg rin ganz wesentlich, die deutsche Rechtslage zu kennen und im Auge zu behalten“, erklärt Nicolussi, die auch schon im Vorjahr am MPI ­ zu Gast war. „Nun konnte ich noch weiter in die deutsche Diskussion eindringen und diese letztlich für Österreich fruchtbar machen.“ Um ihre Forschung weiter voranzutreiben, wurde ihr am MPI ein eigener Arbeitsbereich zur Verfügung gestellt. Christof Strabler, 29, Institut für Allgemeine, Anorganische und Theoretische Chemie, Zentrum für Chemie und Biomedizin, Universität Innsbruck Mit den Energieproblemen der Zukunft oder vielmehr deren Lösung beschäftigt sich Christof Strabler. Die Forschungsarbeit des ­ Chemikers, der seine Doktorarbeit im nächsten Jahr abschließen wird, dreht sich um die künstliche Photosynthese. „Hier sind die Ziele hoch gesteckt“, sagt er. „Denn mit dieser Technik möchte man künftig erneuerbare Treibstoffe aus Licht gewinnen.“ Gelingt es, mithilfe von Sonnenlicht und einem geeigneten Katalysatorsystem Wasser in seine Bestandteile zu spalten, könnte man den Wasserstoff etwa in Brennstoffzellen zur CO2-freien und schadstofffreien Stromerzeugung nutzen oder in der chemischen Industrie verwenden. Die Vorgänge hinter dieser komplexen Materie sollen photochemische Messungen besser verstehbar machen. „Die machen wir an Kooperationsuniversitäten mit entsprechenden Messgeräten, bekommen dann aber normalerweise nur die Ergebnisse bzw. deren direkte Interpretation“, so Strabler. „Ich wollte diese Untersuchungen unbedingt einmal hautnah miterleben und meine Komplexverbindungen selbst analysieren.“ Ein ÖFG-geförderter Aufenthalt an der Universität Strasbourg (F) ermöglichte ihm das vor Kurzem. „Das war unglaublich spannend“, erzählt der junge Wissenschafter begeistert. „Der Austausch mit Experten war auch sehr nützlich für meine Tätigkeit in Österreich und für die weitere Zusammen­ arbeit konnte ich mir ein kleines Netzwerk aufbauen.“ Christof Strabler. Er baute sich an der Universität Strasbourg ein wissenschaftliches Netzwerk auf künftig erneuerbare Treibstoffe aus L i c ht g e w i n n e n rechtsdogmatischer als auch in rechtspolitischer Hinsicht eine maßgebliche Stimme auf dem Gebiet des Aktienrechts.“ Abgesehen von der Freude, die ihr die Arbeit in der exzellent sortierten Bibliothek und der Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen vor Ort bereitet haben, war der Aufenthalt auch eine wissenschaftliche Notwendigkeit für sie. „Da das österreichische und das deutsche Aktienrecht eine gemeinsame historische Entwicklung haben, ist es für mich als österreichische Aktienrechtle- Fotos: Privat

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6    ö f g   m ag a z i n 2 015 Ein österreichisches Tenure-Track-System Im Gespräch über seine Wissenschaftspolitik erwähnt Vizekanzler R e i n h o l d M i t t e r l e h n e r auch neue Formen der wissenschaftlichen Karriere Interview: Christian Zillner Herr Vizekanzler, wie laufen die Verhandlungen über die universitären Leistungsvereinbarungen? Reinhold Mitterlehner: Im Rahmen der budgetären Möglichkeiten laufen die Gespräche mit allen Universitäten sehr positiv. Seitens des Ressorts haben wir die Schwerpunkte vor allem auf die Bereiche Profilbildung, Internationalisierung und Kooperation gelegt. Zudem wollen wir Schnittstellen, etwa mit der Wirtschaft oder anderen Bildungsinstitutionen, besser nutzen und bestehende Stärkefelder ausbauen. Dafür haben wir 615 Millionen Euro an zusätzlichen Mitteln für die Universitäten im Budgetrahmen vereinbart. Trotzdem werden alle Beteiligten auch Maßnahmen für eine noch bessere Mittelverwendung setzen müssen. Sie wollen den Wissensstandort Österreich weiter attraktivieren. Was heißt das konkret? Mitterlehner: Im Studium geht es darum, die Studienströme noch besser zu verteilen, um eine bessere Betreuungsrelation zu schaffen. Das haben wir mit der Verlängerung der bestehenden Zugangsregelungen bis 2021 geschafft. Dadurch sind die Qualität der Lehre und die Verbindlichkeit des Studiums gestiegen, während die Zahl der Drop-outs gesunken ist. Neben den Studienbedingungen schaffen wir vor allem für den wissenschaftlichen Nachwuchs mehr Entfaltungs- und Karrieremöglichkeiten. In Zukunft sollen bereits Doktoratsstudierende als Jungforschende etabliert werden. Die bisherigen Kettenver- Professorinnen durch ein vereinfachtes Berufungsverfahren auf Basis internationaler Qualitätsstandards in die Kurie der ordentlichen Professoren berufen werden. Wir gehen hier in Richtung eines österreichischen Tenure-Track-Systems, von der Assistentenbis zur Professorenstelle. In Summe könnten von der Neuregelung rund 3.300 Personen profitieren. Reinhold Mitterlehner, verantwortlicher Minister für Wissenschaft und Forschung Es gibt einen Forschungsaktionsplan, der schrittweise umgesetzt werden soll. Welche Schritte stehen als Nächstes an? Mitterlehner: Wir haben mehrere Maßnahmen, die parallel angegangen werden. Der eine Bereich betrifft die angesprochene Verbesserung der wissenschaftlichen Karriere. Parallel arbeiten wir intensiv daran, Österreich in die Gruppe der Innovation Leader zu bringen. Der Vergleich mit Ländern wie Dänemark und Schweden zeigt, dass wir unsere Struktur noch effizienter ausrichten müssen. Nachholbedarf haben wir etwa bei der privaten Finanzierung, dem Einsatz von Venture Capital oder der Umwandlung universitärer Erkenntnisse in Patente und Firmengründungen. Zudem wollen wir die Arbeit unserer Wissenschafterinnen und Wissenschafter sichtbarer machen und die Bevölkerung stärker für diesen Bereich begeistern. Dem dient unter anderem das heurige Jahr der Forschung. Was soll die Forschungsgesetznovelle bringen? Mitterlehner: Der Aufsichtsrat des FWF konnte bisher nur in geringem Ausmaß die Aufgaben eines klassischen Kontrollorgans ausüben. Bei der Ausgestaltung haben wir uns stärker am Public-Corporate-Governance-Kodex orientiert. Zudem werden mit der Umwandlung der Präsidentenfunktion in eine hauptamtliche Tätigkeit und durch die Einsetzung eines kaufmännischen Vizepräsidenten die Führungsgremien aufgewertet und klare Kompetenzen festgelegt. Auch die Universitäten und Forschungseinrichtungen erhalten mehr Mitsprache. Darüber hinaus ermöglichen wir mit der Novelle schnellere Entscheidungsprozesse, installieren ein zeitgemäßes Finanzcontrolling und schaffen klare Vorgaben zur Nutzung von Forschungsinfrastruktur. Die bisherigen Kettenverträge werden flexibler träge werden flexibler. Gleichzeitig haben wir im Zuge der Steuerreform auch eine Zuzugsprämie für ausländische Forschende eingeführt, um zusätzliche Anreize für wissenschaftliche Karrieren in Österreich zu schaffen. Wird es in Österreich etwas dem Tenure Track Vergleichbares geben? Mitterlehner: Im Zentrum stehen die Qualität und die Qualifikation der Personen. Künftig können außerordentliche und assoziierte Foto: Hans Ringhofer

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ö f g   m a g a z i n 2 0 1 5    7 Welche Möglichkeiten der Verbesserung der Kommunikation und Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft sehen Sie? Mitterlehner: Die Kooperation läuft gut, es gibt aber noch viel Potenzial, etwa bei der Verwertung von Forschungsergebnissen. An der israelischen Technion werden an die 100 Patente pro Jahr angemeldet. Die Absolventen sind für die Gründung von etwa 70 Prozent der israelischen Hightech-Firmen verantwortlich. Um schneller von der Innovation zum Produkt zu kommen, haben wir vier Wissenstransferzentren eingerichtet. Zudem fördern wir Patente und universitäre Firmengründungen. In der gemeinsamen Forschung von Wirtschaft und Wissenschaft haben wir Best-Practice-Modelle wie die Christian-Doppler-Labors und die COMETZentren, an denen international renommierte Spitzenforschung stattfindet. Es geht darum, dass beide Seiten aufeinander zugehen und gemeinsames Potenzial heben. Wie effizient müssen aus Ihrer Sicht die Ausbildungsstätten werden? Mitterlehner: In Zeiten angespannter Budgets ist es wichtig, die vorhandenen Mittel effizient und mit größtmöglicher Hebelwirkung einzusetzen und bestehende Synergien bestmöglich zu nützen. Daher wird die Kooperation immer wichtiger. Das hat sich in der Praxis bewährt, etwa beim Vienna Scientific Cluster, Österreichs leistungsstärkstem Supercomputer. Im Sinne der Profilbildung wird es aber auch darum gehen, Schwerpunkte zu setzen und auszubauen. Sehen Sie da einen Vorsprung bei den FHs? Mitterlehner: Aufgrund der unterschiedlichen Finanzierungs- und Zugangsstruktur fällt ein genereller Vergleich zwischen den beiden Systemen schwer. Die Eigentümerstruktur und Größe der Fachhochschulen Vier Wissenstransferzentren sollen uns schneller zu Produkten bringen kann eine effiziente Ressourcennutzung unterstützen, das ist aber kein Automatismus. Ein Vorteil gegenüber den Universitäten liegt in der Planbarkeit. Fachhochschulen können sich ihre Studierenden durch Aufnahmeprüfungen aussuchen. Zudem haben sie die Möglichkeit, Studienbeiträge einzuheben. Für die Universitäten sollen vor allem die 2007 eingeführten Leistungsvereinbarungen und die Verlängerung der Zugangsregelungen eine langfristige Planungserleichterung für die betroffenen Hochschulen bringen. Es gibt die Idee des Crowdfunding als zusätzliche Einnahmequelle. Wie soll das funktionieren? Mitterlehner: Bei privater Finanzierung im Hochschulbereich liegt Österreich deutlich unter dem OECD- und EU-Schnitt. Wir sehen im internationalen Vergleich, dass es hier viele Möglichkeiten und Ansätze gibt. An der Universität St. Gallen gibt es etwa eigene Crowdfunding-Plattformen, im angloamerikanischen Raum werden kampagnenartige Fundraising-Projekte aufgesetzt, und auch die Betreuung von erfolgreichen Alumni und Stiftungen hat einen ganz anderen Stellenwert als bei uns. Daher wollen wir auch gemeinnützige Stiftungen durch entsprechende Anreize motivieren, stärker als bisher in Wissenschaft und Forschung zu investieren. Neben modernen rechtlichen Rahmenbedingungen braucht es aber auch die entsprechende Mentalität in der Bevölkerung. Es muss den Menschen klar sein, wenn ich etwas Gutes für die Gesellschaft tun will, bin ich mit Investitionen in Wissenschaft und Forschung richtig. Kann das Ministerium Start-ups Hilfestellung leisten? Mitterlehner: Entscheidend ist, dass wir das Umfeld für Gründerinnen und Gründer kontinuierlich verbessern, Innovationen fördern, den Zugang zu Finanzierungen unterstützen und den Unternehmergeist im Land stärken. Konkret ist der Venture-Capital-Bereich in Österreich eher unterentwickelt. Hier haben wir mit den gesetzlichen Erleichterungen für Crowdfunding bereits konkrete Maßnahmen erarbeitet. Zudem entwickeln wir unser Förderprogramm laufend weiter und konzentrieren uns auf neue Ansätze, etwa auf Start-up-Inkubatoren und auf Förderungen, die privates Kapital nicht ersetzen, sondern hebeln. Foto: Jakob Glaser

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8    ö f g   m ag a z i n 2 015 Warum Bundesländer Forschung fördern Die für Wissenschaft und Forschung verantwortlichen Politikerinnen und Politiker erklären ihre Gründe für L a n d e s f ö r d e r u n g e n in diesem Bereich von Dieter Hönig  issenschaft und Forschung bedeuten W heute mehr denn je die Zukunft eines Landes – in guten wie in schlechten wirtschaftlichen Zeiten. Darin sind sich Österreichs Wissenschaftsbeauftragte einig. So konnten manche Bundesländer in den vergangenen Jahren ihre Budgetmittel für Wissenschaft und Forschung allen Wirtschafts- einige Bundesländer erhöhen ihre wissenschaftsbudgets trotz krise krisen zum Trotz zum Teil verdreifachen. schungsquote von derzeit ca. 3 bis 2020 auf 4 Prozent erhöhen. Führend im Bundesländer-Ranking ist die Steiermark mit einer F&E-Quote von 4,81 Prozent. In NÖ werden jährlich mehr als 11.000 Arbeitsplätze durch den wissenschaftlichen Betrieb und Umwegrentabilität geschaffen oder gesichert, wie Landeshauptmann Erwin Pröll berichtet. In der Steiermark sind es immerhin 10.000 Menschen. Auch in Vorarlberg finden hochqualifizierte Wissenschafterinnen und Wissenschafter interessante Arbeitsplätze. In Wien, das zu den Topregionen in der EU zählt, sind gegenwärtig mehr als 170 Unternehmen im Life-Science-Sektor tätig. Mit 20 Universitäten, Privatuniversitäten und Fachhochschulen sowie 190.000 Studierenden ist Wien die größte Universitätsstadt im deutschsprachigen Raum. Die Strategie der Stadt Wien: die besten wissenschaftlichen Köpfe fördern In Wien, das 2013 zur Innovationsstadt Nr. 1 in Europa erklärt wurde und 2015 den internationalen „Most Admired Knowledge Cities Award“ in der Kategorie „Knowledge CityRegion“ gewonnen hat, erreichen Wissen­ schaft und Forschung eine bisher nie dagewesene Akzeptanz in der Bevölkerung. „Da in der Wissenschaft, angesichts einer immer schärfer werdenden internationalen Konkurrenz, nur absolute Spitzenleistungen zählen, fördert Wien mit seinem breiten Spektrum an Möglichkeiten vorrangig die besten Köpfe. Und das nach Kriterien wie Interna- Oberösterreich will mit seinem Forschungsprogramm „Innovatives OÖ 2020“ die For- tionalität und Interdisziplinarität“, erklärt Wiens Wissenschafts- und Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny. Zwischen 1997 und 2011 wurden sechs Fonds zur Förderung von Wissenschaft und Forschung gegründet: Jubiläumsfonds für die Österreichische Akademie der Wissenschaften (1997), die WU Wien (1998) und die BOKU (2011), ein Viktor Frankl-Fonds (1999), ein Fonds für innovative interdisziplinäre Krebsforschung (2000) und der aus Erträgen der Privatstiftung zur Verwaltung der Anteilsrechte der Bank Austria dotierte Wiener Wissenschafts-, Forschungsund Technologiefonds WWTF (2002). Mit dem „Forschung, Technologie, Innovation“-Prozess verfolgt Wien eine eigene FTI-Strategie zur Standortbestimmung und Entwicklungsplanung für Wissenschaft und Forschung. Sie wird schrittweise umgesetzt werden. Mit einer Forschungsquote von 3,4 Prozent zählt Wien zu den Topregionen der EU. So setzen auch internationale Konzerne auf den Forschungs- und Wirtschaftsstandort. „Mehr als 170 Wiener Unternehmen sind gegenwärtig im Life-ScienceSektor tätig, deren Struktur internationalen Standards entspricht. Mit Innovationsbereitschaft und Offenheit wird auch Neugründern ermöglicht, mit ihren Ideen anzudocken“, sagt Mailath-Pokorny. Niederösterreich will die Zahl der Wissenschaftstreibenden verdoppeln Bildung und Wissenschaft sind die Zukunftsthemen für eine Region. „Unser Ziel ist, in den kommenden zehn Jahren die Zahl der Wissenschafterinnen und Wissenschafter zu verdoppeln. Dafür wollen wir die entsprechenden Voraussetzungen schaffen. So haben wir vor dem Sommer ein neues Budget im Landtag beschließen lassen: In diesem sind keine Kürzungen im Bereich Wissenschaft und Forschung vorgesehen. Vielmehr kommt es, auch auf Grund unseres neuen Forschungs-, Technologie- und Innovations-Programms, zu einer Budgetsteigerung für Wissenschaft und Forschung“, erklärt Landeshauptmann Erwin Pröll. Dieses FTI-­ Programm soll den Wissenschaftsstandort Niederösterreich bis 2020 nachhaltig prägen, auch budgetär. „Allein in einem ersten Schritt werden wir dafür rund 40 Millionen Euro zur Verfügung stellen, Andreas MailathPokorny,  Stadtrat für Wissenschaft in Wien Erwin Pröll,  Landeshauptmann von Niederösterreich Fotos: Sabine Hauswirth, NLK

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ö f g   m a g a z i n 2 0 1 5    9 womit 25 hochwertige Forschungsprojekte finanziert werden können.“ Die Budgetmittel Niederösterreichs für Wissenschaft und Forschung stiegen seit 2005 von 13 Millionen Euro auf über 50 Millionen. Dazu wurden während der letzten Jahre über 600 Millionen Euro in die Infrastruktur investiert. Dadurch konnte sich eine nachhaltige Wissenschaftslandschaft etablieren: Die Studierendenanzahl erhöhte sich von 3.900 zur Jahrtausendwende auf über 20.000 im Win- Illustration: Gerald Hartwig tersemester 2014/15. Eine Wissenschaftsachse von Krems über Tulln bis Klosterneuburg und Wiener Neustadt hat sich etabliert. Dezentral liegende Forschungseinrichtungen wurden stetig aufgewertet. „Auch der Wirtschaftssektor profitierte von Investitionen in Wissenschaft und Forschung: 11.500 Arbeitsplätze in allen Wirtschaftsbereichen werden durch den laufenden wissenschaftlichen BeFortsetzung nächste Seite

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1 0    ö f g   m ag a z i n 2 015 Fortsetzung von Seite 9 trieb, die Konsumeffekte der Beschäftigten und Studierenden sowie durch Bauinvestitionen des Landes Niederösterreich jährlich geschaffen und gesichert“, sagt Erwin Pröll. Oberösterreich will sein Forschungs­ budget bis 2020 verdreifachen Das Land Oberösterreich hat 2010 mit dem Ausbau seines Forschungsbudgets begonnen. Bis 2020 soll dieses verdreifacht und so eine Forschungsquote von 4 Prozent erreicht werden. Mit einer F&E-Quote von 3,17 Prozent liegt Oberösterreich schon heute europaweit im Spitzenfeld. Um die Zukunftsfähigkeit des Forschungsund Wirtschaftsstandorts sicherzustellen, wurde das Wirtschafts- und Forschungsprogramm „Innovatives OÖ 2020“ ausgearbeitet. Dieses Programm orientiert sich an der Innovation Chain Bildung-Forschung-Wirtschaft innerhalb der fünf Aktionsfelder Industrielle Produktionsprozesse, Energie, Gesundheit/ Alternde Gesellschaft, Lebensmittel/Ernährung und Mobilität/Logistik. Sie sollen eine wissenschaftliche Spezialisierung in der Region ermöglichen. Als Teil der Umsetzung wurden 2015 die beiden Calls „Produktions­ standort 2050 – Industrie 4.0“ und „Medizintechnik (Gesundheitswesen, alternde Gesellschaft)“ mit einer Fördersumme von insgesamt 4,5 Millionen Euro abgewickelt. „Die oberösterreichische Forschungslandschaft ist insbesondere in Technologien wie Mechatronik, IKT und Werkstoffe von exzellenten Institutionen und Forschungseinrichtungen geprägt“, sagt Landeshauptmann-Stellvertreter und Wissenschaftslandesrat Thomas Stelzer. „Diese Kompetenzen gilt es auch in Zukunft zu stärken, weiter auszubauen und interdisziplinär zu verknüpfen.“ Bestehende Einrichtungen sollen unter besonderer Be- Thomas Stelzer,  LandeshauptmannStellvertreter in OÖ Christoph Drexler   Landesrat für Wissenschaft in der Steiermark Die Steiermark führt mit einer ­F & E - Q u o t e v o n 4 , 8 1 P r o z e n t rücksichtigung der Bedürfnisse der oberösterreichischen Wirtschaft und mit Fokus auf interdisziplinäre Forschung ausgebaut und vernetzt werden. Und die Ansiedlung internationaler Exzellenz wird ebenso forciert wie die Etablierung von Forschungsheadquartern internationaler Unternehmen. Schließlich setzt das Land auf eine Reihe von Förderprogrammen für den Nachwuchs sowie für herausragende Studierende und Lehrende ausländischer Hochschulen und Universitäten. Steiermark ist stolz auf die höchste F&E-Quote aller Bundesländer Hier liegt die F&E-Quote mit 4,81 Prozent nach neuester Berechnung (2013) an der Spitze der Bundesländer. Der größte Teil kommt aus dem Unternehmenssektor (75 Prozent). Im Forschungsportfolio überwiegen der technische und der naturwissenschaftliche Bereich. „Obwohl die Forschungsförderung österreichweit in den letzten Jahren mit knapper werdenden öffentlichen Haushalten konfrontiert war, ist es uns in der Steirermark gelungen, trotz des empfindlichen Budgetkonsolidierungskurses den Bereich Wissenschaft und Forschung, von moderaten Änderungen abgesehen, stabil zu halten“, sagt Landesrat Christoph Drexler. Kein leichtes Unterfangen, zumal sich nahezu jede bundesweite Kürzung in der jeweiligen Region niederschlägt. Denn Förderwerber, die auf Bundesebene keine oder weniger Mittel erhalten, wenden sich an das Land. „In der steirischen Forschungs- und Entwicklungslandschaft sind knapp 10.000 Personen vollzeitbeschäftigt. Zwei bis drei Prozent der Steirerinnen und Steirer finden hochqualifizierte Arbeit in diesem Zukunftssektor.“ Der Bereich F&E gewinnt zunehmend an Bedeutung. Was dem Wirtschaftsstandort Steiermark zugutekommt: Denn Forschung und Entwicklung bestimmen auch Wohlstand und Arbeit. „Unsere Forschungsstrategie wird mit der regionalen Wirtschaftsstrategie abgestimmt, um steirisches Know-how auf die Wertschöpfungskette zu fokussieren und damit auch interdisziplinäre Ansätze zu bieten. So gibt es Kooperationen zwischen Fachdisziplinen, Universitäten, aber auch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft sowie länderübergreifende Vernetzungen. Etwa gemeinsame Schwerpunktsetzungen wie ROBOTICS in Kärnten mit dem JOANNEUM RESEARCH Institut unter Kärntner Kapitalbeteiligung.“ Salzburgs Wissenschafts- und Innovationsstrategie lautet WISS 2025 Trotz schwieriger budgetärer Verhältnisse des Landes Salzburg konnte das Fördervolumen in den letzten Jahren weitgehend beibehalten werden. Seit 2013 wurden etwa Gender-spezifische Förderungen konsequent ausgebaut. „Wir beteiligen uns am MatchingFunds-Projekt des FWF, fördern die FrauenSommer-Universität ditact, vergeben ein Habilstipendium für Frauen an der ParisLodron-Universität und unterstützen die Gender-Medizin-Thematik an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität PMU“, sagt Fotos: Land OÖ, Teresa Rothwangl

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ö f g   m a g a z i n 2 0 1 5    1 1 Landesrätin Martina Berthold. Nach einer Phase intensiver Investitionen in nachhaltige Strukturen, wie etwa die Förderung von 3 Stiftungsprofessuren im Bereich der Biowissenschaften an der Paris-Lodron-Universität sowie an der PMU, wurde gemeinsam mit der für anwendungsorientierte Forschung zuständigen Wirtschaftsabteilung eine Wissenschafts- und Innovationsstrategie erarbeitet: WISS 2025. Sie strebt die Fokussierung der Fördervergabe auf wenige Stärkefelder an und ist stark standortbezogen ausgerichtet. Künftig sollen die Fördermittel vor allem in die Bereiche Life Sciences, IKT (Smart Data and Services), Smart Materials, Intelligentes Bauen sowie Creative Industries fließen. Grundlagenforschung ist Bundesaufgabe. Daher fördert das Land Salzburg in diesem Bereich komplementär, wobei spezifische Landesinteressen berücksichtigt werden. Forschungsmittel erhalten u. a. das Krebsforschungslabor an den Landeskliniken, ein Forschungsfonds an der PMU, die ParisLodron-Universität, die Pädagogische Hochschule Stefan Zweig sowie Einrichtungen, die gemeinsam mit der Stadt Salzburg gefördert werden und international sichtbar sind. Also das Salzburger Literaturarchiv mit Nachlässen herausragender Autorinnen und Autoren sowie das Stefan-Zweig-Center. Tirol verstärkt die tertiäre Bildung für seine peripheren Regionen Tirol setzt auch in wirtschaftlich schweren Zeiten auf die Förderung von Wissenschaft und Forschung. „Es gibt sogar steigende Budgets, da sowohl Landeshauptmann ­ Günther Platter als auch ich der Meinung sind, dass Investitionen in Wissenschaft und Forschung, ein wichtiger Schritt in eine erfolgreiche Zukunft eines Landes sind“, erklärt Wissenschaftslandesrat Bernhard Tilg. So wurde im Jahr 2014 der Tiroler Fonds zur Förderung der Wissenschaftlichen Forschung gegründet und mit jährlich 3 Millionen Euro dotiert. Da dieser Fonds in Kooperation mit dem FWF als Matching Fund besteht, kann das Land ­ Tirol noch von der Co-Finanzierung der Österreichischen Nationalstiftung profitieren. Daneben bleibt der Tiroler Wissenschaftsfonds mit rund einer Million Euro jährlich dotiert. Mit der Co-Finanzierung durch die Nationalstiftung des Bundes stehen bis zu 7 Millionen Euro an Fördergeldern für die Tiroler Nachwuchsforschung zur Verfügung. Tirol finanziert mehrere Stiftungsprofessuren an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck mit rund 700.000 Euro pro Jahr. Seit 2014 besteht in Landeck durch eine Kooperation mit der Leopold-Franzens- Martina Berthold,  Landesrätin für Wissenschaft in Salzburg Universität und der Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik in Hall ein Bachelorstudium für Gesundheit, Sport, Touristik und Wirtschaft. 71 Studierende haben dort im ersten Jahr begonnen, heuer sind bereits 85 Studierende inskribiert. Ab 2016 wird es in Kooperation mit den beiden Institutionen ein Bachelorstudium für Mechatronik in Lienz geben. „Das soll auch peripheren Regionen ermöglichen, tertiäre Bildung anzubieten. Sie hilft dabei, die Regionen zu entwickeln und die regionale Wirtschaft mit hochqualifizierten ArbeitnehmerInnen zu unterstützen“, sagt Tilg. Vorarlberg hat sein Wissenschaftsbudget mehr als verdoppelt In Vorarlberg wurden in den letzten Jahren die Förderungen für Wissenschaft und Weiterbildung kontinuierlich erhöht. Und das trotz Wirtschaftskrise! 2010 waren es 16 Millionen, 2014 schon fast 22 Millionen Euro. „Vorarlberg verfügt über innovative und bestens vernetzte Einrichtungen im Wissenschafts- und Forschungsbereich, die sich einen ausgezeichneten Ruf über die Landesgrenzen hinaus erworben haben“, erklärt Landesrätin Bernadette Mennel. „Hier werden nicht nur Wissenschaft und Forschung auf höchstem Niveau betrieben, sondern auch Arbeitsplätze für Wissenschafterinnen und Wissenschafter geschaffen.“ Das Land Vorarlberg stellt für Wissenschaft und Forschung verschiedene Förderungen zur Verfügung. Etwa für Diplomarbeiten und Dissertationen, wissenschaftliche Publikationen sowie Projekte oder Veranstaltungen mit Relevanz für Vorarlberg. Dadurch wird die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Land gefördert und Vorarlberger Wissenschafterinnen und Wissenschaftern zu Beginn ihrer Karriere eine finanzielle Hilfestellung gewährt. Das Budget hiefür wurde mehr als verdoppelt: von über 2,2 Millionen Euro 2010 auf über sechs Millionen Euro 2014. Mit diesen Förderungen konnten Forschungsprojekte an Vorarlberger Einrichtungen wie dem Institut für Textilchemie und Textilphysik in Dornbirn oder am Forschungsinstitut VIVIT in Feldkirch sowie an anderen wissenschaftlichen Institutionen finanziell unterstützt werden. „Das sind wichtige Impulse zur Weiterentwicklung von Wissenschaft und Forschung im Land“, sagt Mennel. „Eine bedeutende Rolle spielt die Fachhochschule Vorarlberg, die Studienangebote sowie Forschung in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgebaut hat.“ Bernhard Tilg,  Landesrat für Wissenschaft in Tirol Bernadette Mennel, ­ ­ Landesrätin für Wissenschaft in Vorarlberg ­ Fotos: Land Salzburg, Land Tirol / Berger, Arno Meusburger

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1 2    ö f g   m aga z i n 2 0 1 5 Wem werden Bildungsbemühungen gerecht? Ist B i l d u n g s g e r e c h t i g k e i t ein erfüllbarer Anspruch in unserer auf Wettbewerb ausgerichteten Gesellschaft? ­ von Dieter Hönig   ie ARGE Bildung und Ausbildung der D ÖFG veranstaltete im Juni 2015 den Workshop „Bildungsgerechtigkeit – ein er- füllbarer Anspruch?“. Marius Busemeyer, Professor für Politikwissenschaften an der Uni Konstanz, und Jürgen Maes, Professor für Pädagogische Psychologie in München, hielten Vorträge im Rahmen des Workshops. Wir sprachen mit den beiden am Rande der Veranstaltung über die Entwicklungen im Bildungsbereich. Herr Maes, Sie sagten jüngst: Alle wollen Gerechtigkeit, alle reden darüber, aber jeder meint damit was anderes. Was meinen Sie damit? Jürgen Maes: Als Psychologe interessiere ich mich weniger für objektive Kriterien von Gerechtigkeit als für die subjektiven Wahrnehmungen von Individuen. Sie sind von Person zu Person sehr unterschiedlich: Die einen finden es gerecht, wenn nach individueller Leistung verteilt wird. Die anderen fordern absolute Gleichheit. Und wieder andere finden es gerecht, wenn die Bedürftigkeit von Personen berücksichtigt wird. Den einen kommt es auf die Ergebnisse einer Verteilung an. Den anderen eher darauf, wie sie von anderen behandelt werden und ob die Verfahren fair sind, die zu bestimmten Verteilungen führen. Vielleicht kann man sagen: Es ist wünschenswert, wenn möglichst viele das Gefühl haben, Marius Busemeyer,  Politologe an der Universität Konstanz Ungerechtigkeiten zu beseitigen. So stellen sie häufig Gerechtigkeit nur in ihren Köpfen her, indem sie sich zu überzeugen versuchen, dass eigentlich gar keine Ungerechtigkeiten existieren. Und die Opfer von Ungerechtigkeiten ihr Schicksal selbst verursacht haben. Das Paradox besteht darin, dass gerade der starke Wunsch nach Gerechtigkeit dazu führen kann, dass Ungerechtigkeiten geleugnet und bestehende Ungerechtigkeiten eher zementiert als beseitigt werden. Herr Busemeyer, man sagt, es müsse Bildungsgerechtigkeit geben, da sonst dem Sozialstaat enorme Kosten entstehen würden. Sollte also der Staat Ihrer Meinung nach die Bildungsausgaben steigern? Marius Busemeyer: Natürlich sind mehr Investitionen in Bildung sinnvoll. Und in den meisten europäischen Ländern auch weiterhin notwendig. Es geht aber nicht nur darum, pauschal die Ausgaben zu steigern. Man muss auch darauf achten, dass die Gelder sinnvoll eingesetzt werden. Die Forschung zeigt, dass es keinen einfachen Zusammenhang zwischen der Höhe der Bildungsausgaben und den erzielten Ergebnissen gibt. Es kommt ganz wesentlich auch auf die institutionelle Ausgestaltung des Bildungssystems an. Eine Studie aus dem Jahr 2013 besagt, dass gerade in Österreich die Wahl der Bildung und damit auch die Chance auf sozialen Aufstieg sehr von der sozialen Herkunft bestimmt wird. Sind soziale Benachteiligungen vererbbar? Busemeyer: Zwischen sozialer Ungleichheit einerseits und Bildungsgerechtigkeit andererseits bestehen komplexe Wechselwirkungen. Ein hohes Maß an sozialer Ungleichheit beeinflusst sicherlich auch herkunftsbedingte Unterschiede im Zugang zu Bildung. Umgekehrt beeinflusst die Bildungsgerechtigkeit die spätere Verteilung von Einkommen auf dem Arbeitsmarkt, also soziale Ungleichheit. Diese Wechselwirkungen können in erheblichem Maße tatsächlich zur Vererbung von Benachteiligungen über Generationen hinweg beitragen. Maes: Auch aus psychologischer Sicht bestehen hier vielerlei Wechselwirkungen. Sowohl soziale Ungleichheit als auch schlechtere Bildungschancen gehen mit erlebter Hilf- Was wir dringend brauchen, ist eine u m fa s s e n d e P e r s p e k t i v e gerecht behandelt zu werden. Und wenn über die divergierenden Vorstellungen konstruktive Diskurse geführt werden können. Sie verwendeten den Begriff Gerechtigkeitsparadox: Der Wunsch nach Gerechtigkeit führe oft gerade zu Ungerechtigkeit. Was genau meinen Sie damit? Maes: Viele sozialpsychologische Studien zeigen, dass Menschen ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Gerechtigkeit haben. Sie streben danach, in einer gerechten Welt zu leben. Aber sie wären hoffnungslos überfordert, alle Missstände in der Welt und alle vorhandenen Foto: University of Konstanz

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ö f g   m aga z i n 2 0 1 5    1 3 losigkeit und geringer Wahrnehmung von Handlungsoptionen einher. Sie können sich gegenseitig stabilisieren. Hat sich in Deutschland an dieser Ungleichheit in den letzten Jahren etwas zum Positiven verändert? Busemeyer: Herkunftsbedingte Unterschiede in der Bildungsbeteiligung sind hartnäckig. Sie können bestenfalls langfristig abgebaut werden. Ein wesentlicher Antrieb sind hier die Bildungsaspirationen der Benachteiligten, die Zugang zu höherer Bildung einfordern. Das heißt, der Prozess der Bildungsexpansion, der bereits seit Jahrzehnten anhält, setzt sich weiter fort. Die Entwicklungen in Deutschland in den letzten Jahren haben aber auch gezeigt, dass eine voranschreitende Bildungsexpansion nicht automatisch zu weniger sozialer Ungleichheit auf dem Arbeitsmarkt beiträgt. Letztere ist in den letzten zehn Jahren in Deutschland im internationalen Vergleich stark angestiegen. Könnte die Gesamtschule einen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit leisten? Busemeyer: Die empirische Bildungsforschung zeigt, dass die herkunftsbedingten Ungleichheiten tendenziell in Ländern mit Gesamtschulen niedriger sind. Aber die Schulstruktur ist nicht der einzige Faktor, der hier wichtig ist. Hinzu kommen Fragen wie die Einfachheit der Übergänge zwischen beruflicher Bildung und Hochschulbildung. Ö s t e r r e i c h h at m i t d e r L e h r e m i t M at u r a F o r t s c h r i t t e g e m a c h t Hier hat Österreich mit der Lehre mit Matura im Vergleich zu Deutschland schon wesentliche Fortschritte gemacht. Auch die Einführung der Neuen Mittelschule geht aus meiner Sicht in die richtige Richtung. Welchen Stellenwert messen Sie der Förderung im frühkindlichen Alter bei? Busemeyer: Die frühkindliche Bildung kann insbesondere für Kinder aus bildungsfernen Schichten wesentlich dazu beitragen, sozial bedingte Benachteiligungen auszugleichen. Die Forschung zeigt aber auch, dass in Ländern, in denen frühkindliche Bildung noch Jürgen Maes,   Professor für Pädagogische Psychologie in München nicht flächendeckend ausgebaut ist, diese Bildungsmöglichkeiten vor allem von Angehörigen der Mittelschichten genutzt werden. Dies könnte dann tatsächlich zu einer Verschärfung von Ungleichheiten beitragen. Insofern sollte aus einer bildungspolitischen Perspektive Priorität darauf gelegt werden, die frühkindliche Bildung weiter und engagierter auszubauen. Maes: Dem kann ich nur zustimmen. Wichtig ist auch, wie überhaupt frühkindliche Bildung konzipiert wird, d. h. ob sie überwiegend kognitive Aspekte fokussiert oder auch motivationale und sozial-integrative. Bildung wird in unserer Gesellschaft zunehmend unter dem Aspekt der ökonomischen Verwertbarkeit gesehen … Maes: Das ist ein Trend, den ich für bedenklich halte. Wirtschafts- und Sozialwissenschafter haben in den letzten Jahrzehnten zunehmend das Menschenbild des Homo oeconomicus propagiert. Sie gehen von einem Menschen aus, der nüchtern und marktorientiert seinen Nutzen kalkuliert. Unter verschiedenen Handlungsoptionen wählt er ganz rational immer diejenige, die seinem Eigeninteresse am meisten dient. Zunehmend mehr Lebensbereiche werden von diesem Menschenbild durchdrungen, so auch der Bildungssektor. Der reale Mensch aber ist anders. Seine Motive und Wertvorstellungen sind komplexer. Gerade Bildung beinhaltet doch auch die Möglichkeit, individuelle Wertvorstellungen zu entwickeln und aktiv an der Gestaltung der Gesellschaft mitzuwirken. In Ihrem Vortrag sprachen Sie über empfundene Bildungsungerechtigkeit. Was empfehlen Sie Schülern und Eltern gegen Ungerechtigkeiten? Maes: Das ist ein weites Feld. Zentral kommt es auf die Vermittlung von Sensibilität und Kompetenzen an. Sensibilität für die unterschiedlichen Ziele, Werte und Motive der Beteiligten. Und Kompetenzen zum konstruktiven Dialog und zur Beilegung von Konflikten. Strukturell kann das in Schulen durch die Etablierung von Mediationsangeboten, den Einsatz von Peer-Mediatoren u. ä. unterstützt werden. Fortsetzung nächste Seite Foto: Privat

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1 4    ö f g   m aga z i n 2 0 1 5 Moderatorinnen und Vortragende: ­ Barbara ­ Schober, Johannes Giesinger (oben rechts), ­ Marius Busemeyer und Ulrike Greiner Fortsetzung von Seite 12 Pädagogen seien stärker belastet als Ärzte oder Polizisten. Was muss man für die Lehrenden tun? Maes: Lehrkräfte unterliegen einer Vielzahl eigener und externer Erwartungen und Ansprüche an ihre Tätigkeit. Wenn sie das Gefühl haben, dem trotz aller Bemühungen nicht vollends gerecht werden zu können, sind problematische Entwicklungen möglich. Unterstützt werden können sie durch verstärkte Information, Hilfen zur Selbstklärung und zur Kommunikation der erlebten Diskrepanzen. Busemeyer: Inwiefern die subjektiv gefühlte Arbeitsbelastung der Lehrenden tatsächlich Lehrende könnte man durch unterstützendes Personal entlasten der objektiven entspricht, lässt sich nicht abschließend beurteilen. Im internationalen Vergleich liegen die Lehrverpflichtungen der österreichischen Lehrkräfte eher unter dem Durchschnitt. Die vermeintlich hohe Arbeitsbelastung kann aber auch daraus resultieren, dass dem Lehrpersonal neben der eigentlichen Lehrtätigkeit auch viele andere Aufgaben zugemutet werden, die in anderen Ländern von unterstützendem Personal wie Sozialpsychologen, Sozialpädagogen, aber auch administrativem Personal und ähnli- chem übernommen werden. Insofern könnten die Lehrenden in Österreich dadurch entlastet werden, dass mehr unterstützendes Personal eingestellt wird. Wir haben in manchen Ländern Europas schon längere Zeit eine ganz enorme Jugendarbeitslosigkeit. Schnell sind wir mit der Erklärung zur Hand, dies betreffe nur die schlecht Ausgebildeten … Maes: Das ist ein typisches Beispiel für das schon angesprochene Gerechtigkeitsparadox. Menschen ertragen wahrgenommene Ungerechtigkeiten nur sehr schwer und versuchen diese zu korrigieren, wenn das in ihrer Macht steht. Wenn sie sich aber selbst nicht in der Lage sehen, aktiv etwas gegen vorhandene Ungerechtigkeiten zu unternehmen, steigt die Wahrscheinlichkeit, den Opfern eine Selbstverschuldung ihrer Notlage zu attestieren und so die Gerechtigkeit wenigstens im eigenen Kopf wiederherzustellen. In der Literatur ist dieses Phänomen auch als „blaming the victim“ bekannt geworden. Busemeyer: Natürlich hängen Bildungsleistungen und -abschlüsse ganz wesentlich mit dem Risiko der Arbeitslosigkeit zusammen. Insofern ist es wichtig darauf zu achten, dass Jugendliche, die eine schlechtere schulische Vorbildung haben, trotzdem Zugang zu Ausbildung und Beschäftigung haben. Im internationalen Vergleich schneidet Österreich Fotos: ÖFG

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ö f g   m aga z i n 2 0 1 5    1 5 Das Publikum beim Workshop ­ erwartet Antworten auf die Frage, wie Bildungsgerechtigkeit wirklich hergestellt werden kann in diesem Punkt wegen des dualen Ausbildungssystems deutlich besser ab als andere Länder. Wir leben in einer Erfolgsgesellschaft. Wie gerecht kann das sein? Busemeyer: Bildung kann nur dann zur Verminderung sozialer Ungleichheit beitragen, wenn sichergestellt ist, dass der Zugang zu attraktiven Jobs und Posten auch wirklich von der Bildungsleistung und nicht von anderen Kriterien wie Beziehungen oder Netzwerken abhängt. Insofern sollte das meritokratische Prinzip – also die Förderung der Besten – gelten. Allerdings nicht ohne Einschränkungen. Denn auch eine Leistungsgesellschaft sollte Frage ist aber auch: Was wird als Erfolg gesehen? sich denen widmen, die nicht in gleicher Weise leistungsfähig wie andere sind. Maes: Bildungsteilhabe soll Aufstieg und gesellschaftlichen Erfolg ermöglichen. Die Frage ist aber auch: Was wird als Erfolg gesehen? Ist es nur die Möglichkeit, besser als andere zu sein, sie notfalls auch auszubooten und abzuhängen, im Sinne von survival of the fittest zu bestehen? Das Menschenbild des Homo oeconomicus legt das zumindest nahe. Wäre es nicht auch ein schöner Erfolg, etwas für andere zu tun, zu einer menschli- cheren Gesellschaft beizutragen? Letztlich müssen wir uns immer fragen: Wo wollen wir als Gesellschaft hin? Heute investieren vorausschauende Unternehmen in die Aus- und Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden. Könnte es sein, dass sich die Bildungsdebatte in zehn bis 15 Jahren um Fragen der Gerechtigkeit am Sektor Aus- und Weiterbildung dreht? Busemeyer: Darüber sprechen wir ja heute schon. Natürlich werden in Zukunft Weiterbildung und Lifelong Learning nochmals an Bedeutung gewinnen. Aus der Gerechtigkeits­ perspektive betrachtet besteht hier Gefahr, dass vor allem diejenigen, die ohnehin gut ausgebildet sind und sich auf dem Arbeitsmarkt gut etabliert haben, in den Genuss von Weiterbildung kommen, diejenigen aber, die schon in früheren Phasen keinen Zugang zu guter Bildung bekommen haben, weiter benachteiligt werden. Abhilfe könnte eine gesetzliche Verankerung eines umfassenden Rechts auf Weiterbildung schaffen. Was wir dringend brauchen, ist eine umfassende Perspektive. Und zwar eine Perspektive, die sowohl die Auswirkungen von Reformen untersucht als auch die politischen und institutionellen Faktoren, die ihr Zustandekommen erklären. Es macht ja keinen Sinn, Reformen am akademischen Reißbrett zu entwerfen, die politisch nicht umsetzbar sind.

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