Journal Juden in Sachsen - März 2008

 

Embed or link this publication

Description

Journal Juden in Sachsen - März 2008

Popular Pages


p. 1

JJIS (Journal Juden in Sachsen, März 2008) Inhaltsverzeichnis Gabriele Freitag: Nächstes Jahr in Moskau. Die Zuwanderung von Juden in die sowjetische Metropole 1917 - 1932 Steffen Zdun: Ablauf, Funktion und Prävention von Gewalt. Eine soziologische Analyse gewalttätiger Verhaltensweisen in Cliquen junger Russlanddeutscher Felix Hausdorff Leipziger Biographien 2 5 6 7 Impressum 10 1

[close]

p. 2

Neuaufnahmen des Webportals Rezensionen Gabriele Freitag: Nächstes Jahr in Moskau. Die Zuwanderung von Juden in die sowjetische Metropole 1917 - 1932, Vandenhoek & Ruprecht, 2004 Gegenstand des vorliegenden Buches ist die jüdische Massenzuwanderung aus dem Ansiedlungsrayon (pale of settlement) nach Moskau zwischen 1917 und 1932. Die Autorin, Gabriele Freitag, stellt das Modernisierungsfaktum Großstadtsozialisation in den Mittelpunkt einer detaillierten und theoretisch fundierten Analyse der Zuwanderung, Assimilation und Integration der jüdischen Bevölkerung Moskaus in den zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts. Damit eröffnet sich eine Perspektive auf das Phänomen, die sich von eindeutigen Kausalitätszuweisungen: Unterdrückung und Zwangsassimilation versus jüdisch dominierte sowjetische Machtelite, befreien möchte. Es gelingt ihr eine plausible Darstellung des fließenden Übergangs von Religiosität zur säkularen Aufrechterhaltung religiöser Traditionen und zur modernisierungsorientierten Akkulturation der sowjetischen Juden im Betrachtungszeitraum. Besonderes Augenmerk legt die Autorin auf den Nachweis, "dass Personengruppen mit einer (vermeintlich) gemeinsamen Vergangenheit, die in eine neue Umgebung übersiedeln, aufgrund ihrer Abstammung und kulturellen Bindung im Kontakt mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld neue Lebensstile, Identitäten und Bindungen entwickeln und dass Akkulturation und Assimilation nicht zwingend eine soziokulturelle Hierarchie zwischen autochthoner und zuwandernder Bevölkerung bedeuten" (S. 21). Aufgrund ihres hohen Bildungsgrades und ihrer sozialen Flexibilität entsprechen die jüdischen Zuwanderer jener Zeit dieser These in jeder Hinsicht. Die Weichen für die Massenabwanderung der Juden in die Großstädte Zentralrusslands wurden, so Freitag, bereits Ende des 19.Jahrhunderts durch die Transformationsprozesse im Ansiedlungsrayon (pale of settlement) gestellt. Pogrome und sozialer Niedergang der traditionellen Berufssparten setzten eine Massenauswanderung gen Westen in Gang, die sich nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs zu einer Binnenwanderung nach Zentralrussland wandelte. Krieg und Revolutionen spielten dabei die Funktion eines Katalysators. Das ist die Ausgangssituation, wie sie Freitag im ersten Kapitel ihres Buches schildert. Im zweiten Kapitel analysiert die Autorin die Sozialstruktur und die Siedlungsgewohnheiten der jüdischen Zuwanderer in Moskau in den zwanziger und dreißiger Jahren. Die größte Zuwanderung fand unmittelbar nach dem Bürgerkrieg und der Einführung der Neuen Ökonomischen Politik (NEP) statt. Der Anteil der jüdischen Bevölkerung betrug im Betrachtungszeitraum rund 6 Prozent der Stadtbevölkerung. Die Juden stellten die zweitgrößte Nationalität der Stadt, wobei Freitag nach der Oktoberrevolution zwei Zuwanderungswellen ausmacht. Die erste Welle brachte junge, gebildete, ambitionierte und zumeist an der sowjetisch2

[close]

p. 3

russischen Kultur orientierte Menschen nach Moskau. Ende der zwanziger Jahre flüchteten vor allem religiöse Juden und als Lischenzy verfemte jüdische Berufsgruppen, wie Händler und Privatunternehmer, aus der Peripherie nach Moskau. In Moskau siedelte mehr als die Hälfte der jüdischen Bevölkerung in den zentralen Stadtteilen innerhalb des Gartenrings (Mjasnickaja, Arbat, Malaja Bronnaja). Hier nahmen vor allem wohlhabende jüdische Kaufleute ihren Sitz. Die Handwerker verteilten sich dagegen über die ganze Stadt. Jiddisch betrachteten in Moskau und Leningrad vergleichsweise wenige Juden als ihre Muttersprache, 34 bzw. 31 Prozent, wobei der Anteil Jiddischsprachiger mit der Entfernung vom Stadtzentrum anstieg. Im dritten Kapitel geht es um die wirtschaftliche und soziale Etablierung der Juden in Moskau. Freitag deckt in ihrer Untersuchung eine Überschneidung ethnischer Herkunft und sozialer Schichtung auf, die letztlich die These vom Entstehen einer „Eth-Class“ bestätigen soll. Die jüdischen Zuwanderer in Moskau waren auf bestimmte Erwerbszweige konzentriert: im Handel, in den Handwerksberufen, im Bereich Beamte und Angestellte und hier wiederum in den anspruchsvollen Führungspositionen. Ebenso waren Juden in Partei- , Staatsapparat und in den Bildungsstätten überproportional vertreten (S. 157 - 164). Mit der Industrialisierung stieg zwar der Prozentsatz jüdischer Arbeiter und selbständiger Handwerker in Moskau. Ende der dreißiger Jahre zeigte sich aber, dass diese soziale Diversifizierung nur eine temporäre Erscheinung blieb. "Während der Anteil der Juden im Parteiapparat aufgrund der zunehmenden Russifizierung in den zwanziger Jahren kontinuierlich zurückging, konnten die jüdischen Erwerbstätigen in anderen Bereichen wie dem Verwaltungs-, Bildungs- und Gesundheitssektor ihre exponierte Stellung halten bzw. ausbauen", schreibt Freitag (S. 318). Die berufliche Konzentration der jüdischen Bevölkerung in einzelnen Berufsgruppen verbindet die Autorin mit der Frage, ob es im sowjetischen Kontext ein jüdisches Milieu gab (S. 165). Freitag führt dazu aus, "dass sich im Moskau der Zwischenkriegszeit jüdische Milieus als Schnittmenge innerhalb einer größeren gesellschaftlichen Umgebung entwickelten" und zwar auf der Basis der gemeinsamen kulturellen und geographischen Herkunft aus dem Ansiedlungsrayon und aufgrund des sozialen Hintergrunds. Ein gemeinsamer Erfahrungshorizont, ähnliche Wahrnehmung von Lebenssituationen, tradiertes religiöses Gedankengut als kulturelles Erbe, die Herausbildung eines spezifisch sowjetisch-jüdischen Wertekanons, Jiddisch, Lehnwörter, Anspielungen beschreiben das von Freitag identifizierte Milieu (S. 168). Das vierte und fünfte Kapitel beruhen auf der akribischen Aufarbeitung von Archivdokumenten und Materialen der Jüdischen Sektion der Kommunistischen Partei (KP). Die Darstellung der Arbeit der Jüdischen Sektion der KP verlangt einen Drahtseilakt. Freitag deutet im ersten Teil ihres Buches an, dass der furchtbarste Angriff auf das Jüdische aus den eigenen Reihen erfolgte. Hier beschreibt sie ausführlich die zwiespältige und instabile politische Position der Jüdischen Sektion, die sich in fehlgehenden Konzepten und interinstitutionellen Grabenkämpfen symptomatisch äußerte. 3

[close]

p. 4

Es zeigte sich sehr bald, dass "Jiddischisierung" und "Agrarisierung" an der Mehrheit der hochurbanisierten und gebildeten jüdischen Bevölkerung vorbeizielten. Zudem hatte die Arbeit sowjetisch-jüdischer Bildungseinrichtungen in Moskau "stets mit dem Widerspruch zu kämpfen, isoliert vom jiddischsprachigen Milieu Maßstäbe für jüdische Bildungsarbeit zu setzen." (S. 213). Freitag beleuchtet die Arbeit der Jüdischen Sektion detailliert und nach Zielgruppen gegliedert. Der "Masseneinfluss" der Jüdischen Sektion blieb bis zu ihrer Auflösung 1933 gering. Von den 1928/1929 150.000 in Moskau lebenden Juden erreichte die Arbeit der Jüdischen Sektion gerade einmal 3000 Arbeiter und 7000 Handwerker. Die Position der Sektion war bis zum Ende instabil. "Zum einen bestand ihre Aufgabe in der Mobilisierung der vornehmlich noch im Handwerk und Kleinhandel tätigen jüdischen Bevölkerungsschichten und deren Integration in die im Aufbau befindliche Gesellschaft. Zum zweiten musste sie ihr nichtjüdisches Umfeld von den "Gefahren" überzeugen, die diesem Projekt seitens regimefeindlicher jüdischer Kreise drohte. Zum dritten sah sie sich gezwungen, gegenüber anderen Institutionen...die Notwendigkeit des national ausgerichteten Klassenkampfes zu rechtfertigen (S. 200). Das sechste Kapitel widmet sich der Integration der jüdischen Bevölkerung und der Frage, ob die Juden weiterhin eine spezifische Gruppe in der Stadtbevölkerung bildeten. Freitag arbeitet deutlich heraus, dass die sowjetische Modernisierung, von der sich die Mehrheit der Juden mitreißen ließ, natürlich auch eine Russifizierung und Akkulturation mit sich brachte. Diese Prozesse wurden als Teil des gesellschaftlichen Umbruchs akzeptiert und forciert. Zudem verband sich mit der Zugehörigkeit zum sowjetischen Staat auch die Zugehörigkeit zur russischen Kultur (S. 285ff.). Freitag weist außerdem auf eine altersabhängige Ausdifferenzierung der jüdischen Bevölkerung nach ihrer Religiosität hin. Durch die zweite Zuwanderungswelle, darunter befanden sich viele Rabbiner, Schächter und Synagogendiener, entstanden ab Mitte der zwanziger Jahre in Moskau wieder eine Vielzahl von jüdischen Betstuben. Es stellte sich somit erneut die Frage der Religiosität. Der Zensus von 1937 gibt eine eindeutige Antwort: "Unter denjenigen Personen, die zum Zeitpunkt der Oktoberrevolution jünger als 30 gewesen waren, erklärten sich nur 6 Prozent als gläubig, unter denen die das Alter von 30 schon überschritten hatten, waren es 67 Prozent. Drei Viertel aller Juden, die sich als gläubig bezeichneten, waren zum Zeitpunkt der Zählung älter als 50 Jahre." (S. 296). Klassische Integrationsindikatoren wie beispielsweise die Zahl exogamer Eheschließungen sprechen für die These vom allmähliches Aufgehen der jüdischen Bevölkerung in der übrigen Bevölkerung der Sowjetunion. 1936 schlossen 40 Prozent der Juden Ehen mit nichtjüdischen Partnern. (S. 282). Den Mitte der zwanziger Jahre vom Geheimdienst und der kommunistischen Partei registrierten und diskutierten Antisemitismus unter der Moskauer Bevölkerung, nahmen die Juden nicht wahr bzw. sie relativierten ihn vor dem Hintergrund größeren Leids und staatlicher Preisgabe der jüdischen Bevölkerung im Zarismus. Die vielleicht wichtigste These des Buches ist Freitags Schlussfolgerung, dass die Tatsache, dass Großstadtjuden jenseits des Ansiedlungsrayons ein neues Sozialprofil entwickelten, das sie von der übrigen Stadtbevölkerung absetzte, für die Integration in die sowjetische Hauptstadt kein Hindernis darstellte. Vielmehr profitierte die gesellschaftliche Positionierung der Juden von der völligen Neudefinition der sozialen und politischen Strukturen. 4

[close]

p. 5

Zu Möglichkeiten und Grenzen der Integration der jüdischen Bevölkerung Moskaus lässt sich aus dem Buch herauslesen, dass sie für die Juden trotz allem nicht problemlos ablief, vor allem aber nicht folgenlos blieb. In welcher Hinsicht? In der frühen Sowjetunion und insbesondere in den Großstädten entschied nicht kulturelles Kapital über den gesellschaftlichen Aufstieg, sondern lediglich ein gewisser Grad an Bildung, Ambitioniertheit und Flexibilität. Die Etablierung der jüdischen Neuankömmlinge in der sowjetischen Metropole war eine rasche Modernisierung in einem sich langsamer modernisierenden Umfeld. Außerdem fügt die Autorin an, dass im gegebenen sowjetischen Kontext die Gefahr bestand, beruflichen und sozialen Aufstieg mit Kommunikation und sozialen Bindungen zu verwechseln. Abschließend hebt Freitag hervor, dass "die Schaffung neuer, wohltätiger und kultureller Einrichtungen als Plattform für gesellschaftliche Aktivität und Positionierung im jüdischen Umfeld" ausblieb, da die "starke Identifizierung mit der sowjetischen Gesellschaft" offensichtlich keinen Raum für andere Bezüge ließ (S. 323). Steffen Zdun: Ablauf, Funktion und Prävention von Gewalt. Eine soziologische Analyse gewalttätiger Verhaltensweisen in Cliquen junger Russlanddeutscher. Peter Lang. 2007 (Christian Böwe) Nach einer Einleitung, in der Zdun seine Beweggründe und den Aufbau der Arbeit kurz schildert, schließt der Autor ein umfangreiches Kapitel zur Geschichte der Russlanddeutschen an. In diesem geht er auch auf die sozialen Bedingungen ein, unter denen diese in Russland leben, sowie auf die aus diesen Bedingungen resultierenden Normen und Verhaltensweisen der Russlanddeutschen. Im zweiten Kapitel befasst sich Zdun mit den theoretischen Grundlagen seines Forschungsgegenstandes und der von ihm gewählten Methode. Leider kommt er seinem im ersten Absatz gemachten Versprechen Gewalt zu definieren nur unzureichend nach. Er stellt zwar die Theoriediskussion anschaulich dar und liefert manches, was über Gewalt und ihre Ursachen geschrieben wurde. Auch macht er klar, dass es ihm nicht um die Ursachen von Gewalt geht, sondern vielmehr darum"...Dynamik und Ablauf von Gewalt zu untersuchen..." (S. 54). Besonders möchte ich darauf hinweisen, dass Zdun ausführlich auf die Ambivalenz von Gewalt hinweist und sie nicht nur als negative, sondern auch als positive Kraft erkennt. Dennoch bleibt er letztlich eine eindeutige Aussage schuldig, was er im Verlauf der nachfolgenden Untersuchung unter dem Begriff Gewalt verstanden wissen möchte. Das ist ein Manko, welches mir vor allem auch im Lichte seiner bereits erwähnten guten Diskussion des Theoriediskurses, aber auch in Hinblick auf die sich anschließende, umfangreich Betrachtung seiner Arbeitsmethode, unverständlich bleibt. Er benennt zwar in einer Reihe von Fragen, die sich für die Untersuchung ergeben, als erstes "Wie definieren die jungen Zuwanderer Gewalt?" (S. 55), aber die Herausarbeitung des in der untersuchten Gruppe üblichen, umgangssprachlichen Gebrauchs eines Begriffs, kann die wissenschaftliche Normierung und damit die Erstellung eines Fachterminus nicht ersetzen. 5

[close]

p. 6

Hinsichtlich der im zweiten Teil dieses Kapitels gemachten Bemerkungen zur Auswahl der Stichprobe und Durchführung der Untersuchung lässt sich nur anmerken, dass diese Problem ebenso sinnvoll wie pragmatisch gelöst wurden. Zum Abschluss geht Zdun dann noch auf Möglichkeiten, Mängel und Probleme bei qualitativen Forschungsmethoden ein. Das dritte und vierte Kapitel stellen die eigentlichen Untersuchungen dar. Im dritten Kapitel werden neben dem Verständnis von Gewalt und Beleidigungen unter jungen Russlanddeutschen, vor allem die den Umgang mit diesen Phänomenen prägenden Verhaltensweisen herausgearbeitet. Im vierten Kapitel werden dann weiterführend die sozialen Normen hinsichtlich des Untersuchungsgegenstandes untersucht. Hier wird auch noch einmal auf die Entstehung dieser Normen, sowie anschließend auf ihren durch die Änderung der Umgebungsgesellschaft ausgelösten Wandel eingegangen. Im fünften und letzten Kapitel stellt Zdun dann "Konzept der Gewaltprävention bei jungen Russlanddeutschen" (S. 185) vor, um diese vor dem Hintergrund seiner Untersuchung zu beleuchten. Hier weist er auf die hohe Relevanz von Vertrauen, Respekt und Sprachkompetenz hin. Christian Böwe Neue Kurzbiographien Felix Hausdorff (1886 - 1942) von Dr. Keith Barlow Der Mathematiker und Schriftsteller Felix Hausdorff gehört zu einem der prominentesten Naturwissenschaftlern der Leipziger Universitätsgeschichte. Er wurde am 8.11.1868 in Breslau geboren. Sein Vater, der jüdische Kaufmann Louis Hausdorff (1843 - 1896), zog im Herbst 1870 mit seiner Ehefrau Hedwig (geb. Tietz) und mit seiner jungen Familie nach Leipzig um. 1878 bis 1887 besuchte der künftige Mathematiker die Nikolaischule in Leipzig. 1887 bis 1891 studierte Hausdorff Mathematik und Astronomie an der Universität Leipzig. Dort promovierte er 1891 mit der Arbeit "Zur Theorie der astronomischen Strahlenberechnung" über die Refraktion des Lichtes in der Atmosphäre. Mit einer Arbeit über die Extinktion des Lichtes in der Atmosphäre habilitierte er 1895 dort. Danach wurde er Privatdozent an der Universität Leipzig. Nach dem Tod des Vaters 1896 wurde er Teilhaber des Verlages Hausdorff & Co. 1899 heiratete Hausdorff Charlotte Goldschmidt, die Tochter des jüdischen Arztes Siegismund Goldschmidt. Er wurde Schwiegersohn des Rabbiners Abraham Meyer Goldschmidt (1812 - 1889) und der berühmten Frauenrechtlerin und Vorschulpädagogin Henriette Goldschmidt (1825 - 1920). Im Jahr 1900 brachte Charlotte Goldschmidt die Tochter Leonore zur Welt. Leonore Goldschmidt lebte später bis zur ihrem Tode 1991 in Bonn. 1901 bis 1910 war 6

[close]

p. 7

Hausdorff Professor an der Universität Leipzig, In der Fakultät gab es wegen seines mosaischen Glaubens Stimmen gegen die Ernennung zum Professor. Später wechselte Hausdorff nach Greifswald und dann nach Bonn. Am 31.März 1935, zwei Jahre nach der Nazi-Machtübernahme, folgte seine Zwangsemeritierung. Ein Wort des Dankes für 40 Jahre erfolgreiche Arbeit im deutschen Hochschulwesen fanden die damals Verantwortlichen nicht. 1938 erhielt Hausdorff Berufs- und Publikationsverbot. Trotzdem versuchte er, weiter wissenschaftlich zu arbeiten. Mitte 1941 wurde damit begonnen, die Bonner Juden in das Kloster "Zur ewigen Anbetung" in BonnEndenich zu verbringen, aus dem die Nonnen zuvor vertrieben worden waren. Von dort erfolgten die Transporte in die Vernichtungslager im Osten. Nachdem Hausdorff, seine Ehefrau sowie seine bei der Familie lebende Schwägerin Edith Pappenheim im Januar 1942 den Befehl erhalten hatten, in das Endenicher Lager überzusiedeln, wählten sie am 26.01.1942 den gemeinsamen Freitod. Ihre letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Friedhof in Bonn-Poppelsdorf. Heute gibt es in Bonn eine nach Hausdorff benannte Straße. Im Haus Nr. 61 hatte die Familie einst gelebt. Das Ende 2006 gegründete Exzellenzcluster für Mathematik an der Universität Bonn trägt den Namen "Hausdorff-Center for Mathematics". Literatur: Deutsche Biographische Enzyklopädie & Deutscher Biographischer Index, Saur, München, 2001. Riedel, Horst: Stadtlexikon von Leipzig von A bis Z, S. 226 Sächsisches Staatsarchiv. Polizeimeldebuch www.wikipedia.de Überblick über ausgewählte Leipziger Biographien in den Zeitungen Shmuel J. Agnon Das Logbuch der aktuellen Ausgabe des Leipziger Stadtmagazins Kreuzer veröffentlicht zwei Artikel zur Geschichte Leipzigs, unter anderem ein Kapitel aus dem noch unveröffentlichten Roman von Fritz Rudolf Fries "Genieße den Krieg". Das Kapitel spielt im Leipzig der Nachkriegszeit, zwischen April und Juli 1945, als sich amerikanische und russische Besatzung abwechselten. Maya Barzilai schreibt über die Leipziger Zeit des Literaturnobelpreisträgers Shmuel J. Agnon. Der Schriftsteller hielt sich zwischen 1917 und 1933 mehrmals in Leipzig auf. 1974, erst nach dem Tode Agnons, erschien sein Leipzig-Roman "Herrn Lublins Laden", der nach dem dem Ende des Ersten Weltkriegs in einem Handelshaus des Böttchergäßchen spielt. Im Böttchergäßchen befand sich das Pelzgeschäft, das Agnons Bruder und dessen Frau nach dem Ersten Weltkrieg in Leipzig eröffnet hatten (Logbuch, Kreuzer, März 2008, S. 12f.). 7

[close]

p. 8

Hedwig Burgheim Die Leipziger Volkszeitung berichtet über eine neue Veröffentlichung zum Leben der Pädagogin Hedwig Burgheim. Das im Passageverlag erschienene Buch "Hedwig Burgheim - Leben und Wirken" von Andrea Dilsner-Herfurth entstand mit Unterstützung von Rolf und Brigitte Kralovitz (Leipziger Volkszeitung, 27.02.2008, S. 26 und die Biographie Burgheims in unserer Rubrik Personen & Biographien). Chaim Eitingon Der Leipziger Historiker Steffen Held veröffentlicht aus Anlass des 75. Todestages Chaim Eitingons in der heutigen Ausgabe der

[close]

p. 9

Kunstverlage in Deutschland. Er realisierte E.A. Seemanns farbige Gemäldewiedergaben von Meisterwerken der klassischen und modernen Malerei. Nach dem Vorbild des Musikverlags F.C. Peters nutzte der Seemann Verlag unter der Leitung von Kirstein die innovativen Techniken der Massenproduktion. Er führte den günstigen Kunstfarbdruck ein. Neben den Einzelblättern zum Preis von einer Mark, stellte der Verlag Künstler-Mappen zusammen, die kurze Begleittexte enthielten. Kirstein legte die erstmals 1942 erschienene "Geschichte Friedrich des Großen" des Kunsthistorikers Frank Kugler mit 400 Illustrationen Menzels 1922 neu auf. 1919 erschien Kirsteins Monografie "Das Leben des Adolf Menzels" (Leipziger Volkszeitung, 08.02.2008, S. 9 und in einer vierseitige Beilage). Peter Ruta Aus Anlass der heutigen Vernissage zur Ausstellung des amerikanischen Malers Peter Ruta im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig "Peter Ruta - Künstler, Zeitzeuge, Kosmopolit" zeichnet Thomas Mayer in der Leipziger Volkszeitung das Leben des Künstlers nach. 1918 in Dresden geboren, verbrachte Ruta seine Kindheit in Leipzig. Der Sohn des Kabarettisten (Kabarett Dada in Leipzig) und Pelzhändlers Walther Franke ging mit seiner Familie 1923, im Jahr des Hitler-Putschversuchs, nach Italien. 1936 verhalf ihm sein Onkel, Gustav Kirstein, zur Flucht von Italien in die USA, wo Ruta in New York in der Niederlassung des Seemann Verlags eine erste Anstellung fand. Peter Ruta weilt seit letzter Woche in Leipzig und wird bei der Ausstellungseröffnung heute und beim Ausstellungsgespräch am 20.02. dabei sein (Leipziger Volkszeitung, 19.02.2008, S. 10). Meinhardt Michael informiert die Leser der Leipziger Volkszeitung sachkundig und umfassend über die retrospektiv angelegte Ausstellung des Malers Peter Ruta. Die Ausstellung "Peter Ruta - Künstler, Zeitzeuge, Kosmopolit" im Stadtgeschichtlichen Museum zeigt 70 Bilder des Künstlers, einen Ausschnitt der über 2000 von Ruta gemalten Bilder. Die Ausstellungsbesucher können sich dank der Gestaltung der Exposition einen Überblick über die verschiedenen Schaffensperioden des Künstlers und über das Reifen des fast durchgehend realistischen und gegenständlichen Malstils des New Yorkers verschaffen. Der Artikel von Michael enthält eine tabellarische Kurzbiografie Rutas (Leipziger Volkszeitung, 22.02.2008, S. 9). 9

[close]

p. 10

Impressum und Copyright Deutsch-Russisches Zentrum Sachsen e.V. www.juden-in-sachsen.de 10

[close]

Comments

no comments yet