Gegen Vergessen für Demokratie :: Mitgliederzeitschrift (87)

 

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Radikalisierung

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www.gegen-vergessen.de 87 / November 2015 FÜR DEMOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Gegen Vergessen FÜR DEMOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Gegen Vergessen Radikalisierung weitere Themen: ■ Antiziganismus in Ungarn ■ Das Rosenburg-Projekt

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Editorial Liebe Mitglieder von Gegen Vergessen – Für Demokratie, liebe Freundinnen und Freunde, in einer gemeinsamen Sitzung haben Vorstand und Beirat einstimmig der kommenden Mitgliederversammlung vorgeschlagen, Prof. Dr. Bernd Faulenbach zum Vorsitzenden unseres Vereins zu wählen. Gleichzeitig wurde der geschäftsführende Vorstand aufgefordert, Vorschläge für die dann gegebenenfalls erforderliche Neuwahl eines/einer stellvertretenden Vorsitzenden zu machen und dabei Überlegungen zu einer Verjüngung des Vorstandes einzubeziehen. Mit dem Beschluss folgten Beirat und Vorstand unserer Empfehlung. Vorausgegangen war dem ein umfangreicher und intensiver Prozess der Personalfindung. Die stellvertretenden Vorsitzenden hatten sich mehrmals als „Findungskommission“ zusammengefunden, die Regionalen Arbeitsgruppen wurden in den Prozess einbezogen, mit einzelnen Kandidaten wurden intensive, aber nicht erfolgreiche Gespräche geführt. Aus der Mitgliedschaft wurde bereits mit Beginn dieses Findungsprozesses Prof. Faulenbach wiederholt als Kandidat genannt. Aus Regionalen Arbeitsgruppen wurde angemerkt, dass eine Wahl von bekannten und politisch gut vernetzten Persönlichkeiten ohne eine vorherige besondere Verankerung in unserer Vereinigung nicht dem gewachsenen Selbstbewusstsein der Mitglieder von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. entspreche. Prof. Faulenbach stand einer Kandidatur zunächst ablehnend gegenüber. Wir sind dankbar, dass er sich dann doch von einer Kandidatur überzeugen ließ. Für den Vorschlag war insbesondere ausschlaggebend: Die inhaltliche Verbindung zu den Themen unserer Vereinigung soll im Vordergrund der Personalentscheidung stehen. Prof. Faulenbach hat wie kaum ein anderer die deutsche Erinnerungskultur in vielen Gremien, durch Gutachten, Bücher und Vorträge mitgestaltet. Nicht umsonst folgt der in Gedenkstätten mit NS- und auch NKWD-/Stasi-Geschichte praktizierte Umgang mit dieser doppelten Vergangenheit der sogenannten „Faulenbach‘schen Formel“: NS-Verbrechen nicht relativieren, kommunistisches Unrecht nicht bagatellisieren. Prof. Faulenbach hat aus dieser Arbeit und weiteren politischen Ämtern einen bevorzugten Zugang zu Entscheidungsträgern in Politik und Gesellschaft. Prof. Faulenbach hat entscheidend an der Weiterentwicklung der Arbeit unserer Vereinigung mitgewirkt. Mit den Themen „Entwicklung unserer Demokratie“, der Forderung nach einer „europäischen Erinnerungskultur“ und den besonderen Herausforderungen „historischer Verantwortung in einer Migrationsgesellschaft“ hat die Leipziger Mitgliederversammlung bereits weitere Akzente für unsere Arbeit gesetzt. Prof. Faulenbach wird das fortführen. Seit 2003 ist Prof. Faulenbach stellvertretender Vorsitzender unserer Vereinigung. Er kennt aus seiner Arbeit die Regionalen Arbeitsgruppen und viele Mitglieder, und sie kennen ihn. Wir möchten Sie hiermit über diesen Sachstand informieren und bitten um Unterstützung des Vorschlages auf der Mitgliederversammlung in Duisburg am 21. November. Mit freundlichen Grüßen Eberhard Diepgen stellvertretender Vorsitzender Dr. Irmgard Schwaetzer stellvertretende Vorsitzende IMPRESSUM Herausgegeben von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V., Stauffenbergstraße 13-14, 10785 Berlin Telefon (0 30) 26 39 78-3, Telefax (0 30) 26 39 78-40, info@gegen-vergessen.de, www.gegen-vergessen.de Bankkonto: Sparkasse KölnBonn, Konto-Nr. 85 51 707, BLZ 370 501 98 Redaktion: Liane Czeremin, Julia Wolrab, Dr. Dennis Riffel, Dr. Michael Parak (V.i.S.d.P.) Gestaltung: Atanassow-Grafikdesign, Dresden Druck: B&W MEDIA-SERVICE Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH Die Herausgabe dieser Zeitschrift wurde gefördert durch das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Der Bezugspreis ist im Mitgliedsbeitrag enthalten. Namentlich gezeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. ISSN 2364-0251 2 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 87 / November 2015

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Inhaltsverzeichnis Die Themen in dieser Ausgabe Themen Wenn junge Menschen sich im Internet radikalisieren Extremistisch, militant, radikalisiert? Ausgrenzung beschleunigt Radikalisierungsprozesse Best practice mit Politik, Engagement, Verständigung und Spaß Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Europa Antiziganismus in Ungarn Das Rosenburg-Projekt Hoher „Belastungsgrad“ Aktuelle Ansätze in der Gedenkstättenarbeit Aus unserer Arbeit Warum Ida Knop mein Vorbild ist Partnerschaften für Demokratie: Weiterbildungsangebot für lokale und regionale Akteure Geschichte wirkt vor Ort Präventionsnetzwerk gegen religiös begründeten Extremismus RAG Rhein-Main: „Mensch Nazi“ RAG Mittelrhein: Nur keinen Arzt – nur keinen Arzt RAG Rhein-Ruhr-West: In Duisburg werden Impulse gesetzt RAG Schleswig-Holstein stellt sich vor RAG Südhessen: Als die Angst die Seiten wechselte Namen und Nachrichten DDR-Museum Pforzheim neu eröffnet Ein „Türöffner“, der im Stillen klug und geduldig Schwerpunkte setzt Ein „Küchenkabinett“ für spontane Selbsthilfe Filmrezension: Der Staat gegen Fritz Bauer Rezensionen Ernst-Jürgen Walberg bespricht – eine Sammelrezension: Die schwarze Macht. Der „Islamische Staat“ und die Strategen des Terrors. Zum Töten bereit. Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen. Endstation Islamischer Staat? Staatsversagen und Religionskrieg in der arabischen Welt. Europa: Festung oder Sehnsuchtsort? Gehen, ging, gegangen. Über die unermüdliche Zeitzeugin Ingeborg Hecht Stacheln im Honig. Eine deutsch-israelische Familiengeschichte 41 36 37 38 39 24 26 27 29 30 31 32 34 35 4 7 10 13 14 15 18 18 21 45 46 Impressum 2 Vorstand und Beirat 47 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 87 / November 2015 3 Inhalt

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Thema Julia Wolrab und Martin Ziegenhagen Wenn junge Menschen sich im Internet radikalisieren Erfahrungen der Online-Beratung gegen Rechtsextremismus Wer gehört werden will, macht heute virtuell auf sich aufmerksam. Soziale Medien wie Twitter, Facebook, Youtube oder Tumblr bieten Menschen weltweit die Möglichkeit der schnellen, digitalen Interaktion. 94 Prozent der in Deutschland lebenden Jugendlichen nutzen mehrmals pro Woche das Internet als Teil der Freizeitgestaltung. Foto: Fotograf / Couragiert-Magazin Online beraten ist Teamarbeit. Auf dem Foto Liane Czeremin, Martin Ziegenhagen und Julia Wolrab (v.l.n.r.). Das wissen längst auch Rechtsextremisten und andere radikale Gruppierungen. Sie missbrauchen im Schutze der (vermeintlichen) Anonymität das Internet als Propagandainstrument: Das Prinzip, durch Hassrede (hate speech) im Netz in kurzer Zeit eine neue, überwiegend junge Zielgruppe zu erreichen, scheint aufzugehen. Doch wann fangen junge Menschen tatsächlich an, sich zu radikalisieren? Wie manifestiert sich das? Mit diesen und ähnlichen Fragen setzt sich die OnlineBeratung gegen Rechtsextremismus seit nunmehr sieben Jahren auseinander. Unsere Erfahrung: Allgemeingültige Antworten und Patentlösungen gibt es nicht. Wohl aber einige wiederkehrende Muster, die für viele Fälle aufschlussreich sein können. Suche nach Anerkennung Soziale Benachteiligung, Diskriminierungserfahrungen, die Suche nach Orientierung und familiäre Konflikte sind offenbar Faktoren, die eine Radikalisierung bei jungen Menschen begünstigen können. Erfahrungswerte der OnlineBeratung zeigen, dass viele der betroffenen Jugendlichen Anerkennungsdefizite beklagen. Unsere Beratungsarbeit mit Eltern rechtsextremer Jugendlicher eignet sich gut zur Veranschaulichung dieser Fälle. Hier zeigt sich, dass Eltern häufig schon länger kaum noch mit den Jugendlichen kommuniziert haben. Und wenn, dann konfrontativ und ablehnend, nicht wertschätzend und interessiert. Ebenfalls erfahren wir immer wieder, dass bereits vorher Familiendynamiken gewirkt haben, die für die Jugendlichen in der labilen Phase der Adoleszenz zusätzliche destabilisierende Effekte nach sich zogen. Der Grat ist schmal: Eltern sollen gleichzeitig Orientierung und Halt geben, Grenzen setzen und ihre Kinder auf dem Weg ins eigene Leben loslassen. Diese Aufgaben erfordern Geduld und Empathie, aber auch ein hohes Maß an Selbstreflexion. Damit sind viele Eltern irgendwann überfordert. Zumal es zu dieser Lebensphase gehört, dass Jugendliche neue Wege gehen und sich von den Eltern abgrenzen. Sie wenden sich beispielsweise jugendkulturellen Szenen zu. Für welche Szene oder Gruppierung sie sich dabei entscheiden, ist in den meisten Fällen vom Angebot vor Ort abhängig, und die Wahl erfolgt mehr oder minder zufällig. Viele Jugendszenen sind unproblematisch, doch leider ist etwa auch die rechtsextreme Szene für bestimmte Jugendliche attraktiv. Weil sie identitätsstiftende Angebote macht, weil sie Zugehörigkeit und Anerkennung suggeriert, weil sie den Jugendlichen das Gefühl gibt, an etwas Besonderem teilzuhaben, weil sie die Jugendlichen emotional erreicht. Sie ködert junge Menschen mit Musik, Videos, interaktiven Elementen und auf den ersten Blick gesamtgesellschaftlich anschlussfähigen Themen. Auch wenn Kinder und Jugendliche gar nicht nach 4 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 87 / November 2015

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Diese Strategie verfolgt etwa die sogenannte Identitäre Bewegung. Die Suche nach Identität ist ein Thema, das viele junge Menschen im Laufe des Erwachsenwerdens beschäftigt. Wer bin ich eigentlich? Wohin führt mein Weg? Was macht mich aus? Wo finde ich Halt? Die Bewegung liefert auf ihrer Website schnelle Antworten. Die „Identitären“ stellen das Zusammengehörigkeitsgefühl ihrer Mitglieder in den Vordergrund und werben für Gemeinschaft und Austausch mit Gleichgesinnten. Die rassistischen, muslimfeindlichen Inhalte der Seite werden erst beim Weiterklicken sichtbar. Eine Kontaktaufnahme erfolgt bei Interesse dann ganz einfach über EMail oder über die an den Webauftritt angegliederten Seiten der sozialen Netzwerke wie Facebook. „Pure hate“ unter BVB-Dortmund-Fans. Wie kommen junge Menschen dahin, sich zu radikalisieren? Prozess geschieht oft unbewusst Hat die muslimfeindliche Szene Jugendliche erst einmal in ihren Fängen, besteht bei ihr keinerlei Interesse, sie wieder loszulassen. Im Gegenteil, sie hat von vornherein das Ziel, junge Menschen für ihre menschenverachtenden Ziele zu instrumentalisieren und schrittweise gegen die demokratische Gesellschaft in Stellung zu bringen. Bis hin zu konkreten Gewalthandlungen im Namen dieser Ideologie. Die Jugendlichen radikalisieren sich oft, ohne dass sie das beabsichtigen und be- merken. Sie sind fasziniert von dem, was diese neue Welt bietet. Manche von ihnen bringen bestimmte Einstellungen schon mit, neigen zu gruppenbezogenen Vorurteilen, autoritärem Denken oder zu Gewaltaffinität. Aber das trifft nicht auf alle zu. Die Ideologie der Ungleichwertigkeit, das rechtsextreme Weltbild, der Rassismus, der Hass und die Gewalt werden in fast homöopathischen Dosen verabreicht. Anfangs verpackt über emotionale Gruppenerlebnisse wie Konzerte, wo Hass und Gewalt die Liedtexte dominieren und die Jugendlichen mitgerissen werden. Später dann über politi- » „Nachlass“ eines Aussteigers aus der rechtsextremen Szene. Viele Jugendliche gelangen über die Musik zur rechtsextremen Ideologie. Foto: Liane Czeremin Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 87 / November 2015 5 Foto: GVFD-Archiv rechtsextremen Inhalten suchen, können sie über Suchmaschinen, Videoplattformen oder soziale Netzwerke schnell auf deren Angebote stoßen. Modernästhetisch aufgemacht werden subtil rassistische Botschaften vermittelt, zum Beispiel über positiv besetzte Begriffe wie „Deutsch? Cool!“ oder „für Heimat, Freiheit und Tradition“. Thema

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Thema Wer auf rechtsextremen Demonstrationen mitläuft, ist häufig schon etwas länger in der Szene dabei. Die „Politik“ steht oft nicht am Anfang. » sche Schulungen, Demonstrationsveranstaltungen und Parteitage. Schwierige Aufgabe für Angehörige Die Jugendlichen geraten in eine Radikalisierungsspirale, von der eine große Kraft ausgeht. Angehörige, vor allem Eltern, deren Kinder in dieser Szene verstrickt sind, müssen sich damit auseinandersetzen, dass die Kinder dort gerne sind, sich dort wohlfühlen, dass es dort etwas gibt, was sie fasziniert. Ein großer Teil unserer Beratungsarbeit befasst sich damit, gemeinsam mit den Eltern in einem langsamen Prozess einen Umgang mit dieser Problematik zu finden. So, wie es Wege hinein in eine Radikalisierungsdynamik gibt, so gibt es meistens auch welche heraus. Häufig beginnt eine Lösung damit, dass Eltern den Jugendlichen ein neues, für sie ungewohntes Beziehungsangebot machen. Es geht dabei um Anerkennung, Wertschätzung, Interaktion und Kommunikation auf Augenhöhe. Es geht nicht um die Erhöhung des Kuschelfaktors. Im Gegenteil, genauso, wie das Ernstnehmen des Jugendlichen dazugehört, ist eine klare, nachvollziehbare Grenzsetzung gegenüber extremistischen, menschenverachtenden und demokratiefeindlichen Einstellungen erforderlich. Die zentrale Aufgabe von Eltern in dieser Zeit ist es, den Jugendlichen ein starkes Gegenüber zu sein, an dem sie sich sowohl orientieren als auch reiben können. Liebevoll und stärkend, aber eindeutig in der Haltung und der Werteorientierung. Das ist eine mühsame und anspruchsvolle Aufgabe. Auch Islamisten nutzen das Internet als Rekrutierungsplattform Ebenso wie rechtsextreme Gruppierungen setzen auch andere fundamentalistische oder extremistische Organisationen auf das Internet als Ort jugendlicher Sinnsuche. Nils Böckler und Andreas Zick haben in Bezug auf den religiös begründeten Extremismus die Verbindung zwischen Identitätssuche und extremistischen Bewegungen im Internet weiter verdeutlicht. Sie beschreiben den Gedanken einer „Parallelwelt“, in der man sich ein neues Leben mit neuen Freunden, Zielen und Idealen aufbauen kann. Diese Vorstellung wirkt gerade auf Menschen, die sich in ihrem realen Umfeld in krisenhaften Situationen befinden und/oder den Halt zu ihrem familiären und gesellschaftlichen Umfeld verloren haben. Islamistische Propagandisten nutzen dabei ähnliche Wege wie Rechtsextreme, um Jugendliche zu rekrutieren. Die Einstiegsprozesse und weiteren Verläufe ähneln sich jedenfalls stark. Sehr oft beginnt dieser Weg im Internet oder einzelne Radikalisierungsschritte erfolgen dort. Dementsprechend können bei der Entwicklung von Gegenstrategien die Erfahrungen hilfreich sein, die bei Ausstiegsprozessen von rechtsextremen Jugendlichen gemacht werden. Je früher das Umfeld sensibel reagiert und Veränderungen bewusst wahrnimmt, die ein Jugendlicher zeigt, der sich radikalisiert, umso eher sind Einflussnahmen noch möglich. Das Internet macht es Angehörigen zwar nicht leichter nachzuvollziehen, wo Jugendliche sich umtun. Aber das Interesse daran lohnt sich. Fast immer laufen erfolgreiche Handlungsstrategien über eine offene Kommunikation, die den betroffenen Jugendlichen ernst nimmt. ■ Julia Wolrab ist Historikerin und Islamwissenschaftlerin, wissenschaftliche Referentin bei Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. und verantwortet das „Präventionsnetzwerk gegen religiös begründeten Extremismus“ in Kooperation mit der Türkischen Gemeinde in Deutschland e. V., siehe Artikel Seite 29. Martin Ziegenhagen ist Diplom-Pädagoge und Projektleiter der Online-Beratung gegen Rechtsextremismus von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. 6 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 87 / November 2015 Foto: GVFD-Archiv

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Die Online-Beratung gegen Rechtsextremismus des Vereins Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. unterstützt Menschen, die von Rechtsextremismus betroffen sind. Dazu gehören Eltern rechtsextremer Jugendlicher und andere Angehörige ebenso wie zum Beispiel Lehrer, Studierende, Arbeitskollegen oder Vertreter von Kommunen und Sportvereinen. Seit 2008 hat das Team rund 1.250 E-Mail-Anfragen bearbeitet. Foto: Marian Spode-Lebenheim Michaela Glaser Extremistisch, militant, radikalisiert? Jugendliche und politische Gewalt: ein kritischer Blick auf aktuelle Begriffe und Konzepte Die überwiegende Mehrheit junger Menschen, die sich in politisch-weltanschaulich geprägten Gruppen, Jugendszenen und Milieus bewegen, ist gewaltfrei und demokratisch orientiert. Einige Jugendliche und junge Erwachsene wenden sich aber Strömungen zu, die durch ihre Gewaltbereitschaft die Sicherheitsbehörden alarmieren und gesellschaftlich in unterschiedlicher Weise Besorgnis auslösen. Seit den 1990er-Jahren sind es immer wieder gewalttätige Erscheinungsformen des Rechtsextremismus, die hier Anlass zur Sorge geben. Mit dem Erstarken des Islamischen Staates und der Ausreisewelle nach Syrien und in den Irak steht gegenwärtig zudem der internationale islamistische Terrorismus im Zentrum der öffentlichen und sicherheitspolitischen Problemwahrnehmung. Vor allem anlässlich bestimmter Protestereignisse wie dem 1. Mai, Naziaufmärschen oder der Mobilisierung zu globalisierungskritischen Aktionen („Blockupy“) kommt es aber auch zu Gewaltausbrüchen im Umfeld linksaktionistischer Bewegungen, die gesellschaftliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen. » Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 87 / November 2015 7 Thema

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Thema » Wie diese Phänomene einzuordnen sind und ob und inwiefern sie miteinander vergleichbar sind, ist allerdings nicht nur im politischen Diskurs, sondern auch in wissenschaftlichen Debatten überaus strittig. So sprechen die Sicherheitsbehörden und Teile der Politikwissenschaften hier gleichermaßen von rechtsextremer, linksextremer und islamistischer Gewalt und vom politischen bzw. weltanschaulichen Extremismus. Vor allem die Einordnung aktueller Gewalterscheinungen in linksaktionistischen Szenen bzw. dieser Szenen selbst als „extremistisch“ ist allerdings nicht nur im politischen Feld, sondern auch in wissenschaftlichen Kreisen sehr umstritten. Hinterfragt wird hier u.a., dass die von diesen Szenen bzw. ihren Mitgliedern vertretenen Ziele generell undemokratisch und verfassungsfeindlich seien. Ein weiteres Gegenargument lautet, dass sowohl im rechtsextremen als auch im islamistischen Extremismus ideologisch legitimiertes Gewalthandeln die kalkulierte Tötung von Menschen bis hin zu Terrorismus und Genozid mit einschließe. Dagegen richte sich Gewalt in aktuellen Manifestationen des „Linksextremismus“ überwiegend gegen Sachen oder trete in Konfrontationen mit politischen Gegnern (zum Beispiel bei Demonstrationen) auf und habe damit gegenwärtig eine deutlich andere Qualität. Uneinigkeit herrscht aber auch in der Frage, wie verschiedene Varianten des „Islamismus“ mit Blick auf ihr Gefahrenpotenzial einzuordnen sind. Vor allem im allgemeinen Sprachgebrauch, z. T. aber auch in wissenschaftlichen Veröffentlichungen werden „Islamismus“ und besonders die Teilströmung des „Salafismus“ häufig synonym mit gewaltbefürwortenden, terroristischen Strömungen gesetzt. Der Verfassungsschutz differenziert zwar zwischen „politischen“ (legalistischen) und „dschihadistischen“ (im Sinne von terroristischen Strömungen), ordnet diese jedoch gleichermaßen als „extremistisch“ ein, da sie in ihren Zielen gegen die Verfassung gerichtet seien. Diese Einteilung seitens der Sicherheitsbehörden wird vor allem von Forschenden aus den Reihen der Islam- und Sozialwissenschaften problematisiert. Sie argumentieren, dass manche islamistische Gruppen zwar politische Ziele verfolgen, dabei aber reformistisch orientiert und somit durchaus verfassungskonform seien. Zudem gebe es auch Strömungen im Islamismus, die aus- schließlich religiöse Ziele verfolgten und keine politischen Veränderungen anstrebten. Plädiert wird deshalb – gerade auch mit Blick auf verbreitete muslimfeindliche Tendenzen – für eine stärkere Differenzierung und genauere Verwendung von Bezeichnungen, um Stigmatisierungen gewaltfreier und demokratisch orientierter Muslime/Musliminnen nicht noch weiter Vorschub zu leisten. Radikalisierung: Fokus auf Entwicklungsverläufe Seit einigen Jahren werden diese Phänomene in der wissenschaftlichen sowie zunehmend auch der pädagogischen Fachdiskussion verstärkt unter dem Begriff der „Radikalisierung“ diskutiert. Dabei handelt es sich um einen Begriff, der den skizzierten Einordnungsschwierigkeiten und damit verbundenen Kontroversen auf den ersten Blick zu entgehen scheint. Denn anders als bei dem Begriff „Extremismus“ handelt es sich bei „Radikalisierung“ nicht primär um einen kategorisierenden Begriff zur (abgrenzenden) Einordnung von bestimmten Ausprägungen politischen Denkens und Handelns. Der Terminus bezieht sich vielmehr auf Prozesse, die durch bestimmte Dynamiken gekennzeichnet sind, im Grundsatz jedoch durchaus unterschiedliche Endpunkte haben können. Eingang in den bundesdeutschen Fachdiskurs fand der Begriff in den vergangenen Jahren vor allem im Zuge der Ausweitung der aktuellen Präventionsdebatte von Rechtsextremismus auf gewaltorientierten Islamismus. Aufgegriffen wird damit auch im deutschen Sprachraum eine Begrifflichkeit, die sich etwa seit dem Jahr 2004 in internationalen, sicherheitspolitischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit aktuellen Phänomenen des (vor allem islamistischen) Terrorismus etablierte. In den internationalen Diskursen steht der Begriff allerdings auch für einen Paradigmenwechsel, den der Terrorismusforscher John Horgan einmal auf die Formel „from the roots to the routes“ gebracht hat: Konzentrierte sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit terroristischen Phänomenen zuvor stärker auf deren gesellschaftliche und politische Ursachen („roots“), richtet sich das Forschungsinteresse seither verstärkt auf die konkreten Entwicklungswege („routes“) von Personen und Gruppen, die sich dem Terrorismus zuwenden. Unter diesem Fokus sind Forschungsarbeiten entstanden, die sich auf individuelle Entwicklungen und Wege in gewalttätige Gruppen sowie die Dynamiken innerhalb solcher Gruppen konzentrieren. Diese Perspektive betont, dass die Entwicklung gewaltorientierter politischer Positionen immer ein schrittweiser Prozess ist und Menschen nicht „über Nacht“ zu Terroristen werden. Andererseits lässt sie – so lautet zumindest eine Kritik – die gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge tendenziell unterbelichtet. Stärken und Grenzen der „Radikalisierungs“-Perspektive Für die Distanzierungs- und Deradikalisierungsarbeit ist eine solche Analyseperspektive insofern von Nutzen, als diese Arbeit vor allem an biografischen Erfahrungen und individuellen, im sozialen Umfeld bestehenden Problemkonstellationen erfolgversprechend ansetzen kann. Ein vertieftes Verständnis gerade dieser Faktoren kann wichtige Hinweise liefern, um in diesem Arbeitsfeld zielgerichtete Angebote entwickeln zu können. Zugleich zeigt sich gerade am Themenfeld „islamistische Radikalisierung“, dass diese Perspektiven alleine nicht ausreichend sind – sowohl für ein adäquates Verständnis von Radikalisierungsprozessen als auch in der pädagogischen Auseinandersetzung mit diesen Prozessen. So liefern verschiedene Studien Hinweise, dass für die Hinwendung zu gewaltorientierten islamistischen Strömungen auch gesamtgesellschaftliche Faktoren eine maßgebliche Rolle spielen. Dazu gehören ausgrenzende Debatten und benachteiligende Strukturen in den Einwanderungsgesellschaften, dazu gehören aber auch internationale Konflikte und ihre mediale Aufbereitung, vor deren Hintergrund derartige Erfahrungen gedeutet und von ideologischen Gruppen instrumentalisiert werden. Die große Bedeutung, die gesellschaftlichen Konfliktdynamiken für individuelle und kollektive Entwicklungen zukommt, zeigt sich aber auch anhand der Forschung zu linksmilitanten Szenen und Gewaltereignissen. Speziell zur Erklärung dieser Phänomene erscheinen Perspektiven, die das Wechselspiel zwischen gegnerischen gesellschaftlichen Gruppen in den Blick nehmen, insgesamt vielversprechender als die Fokussierung auf individuell-biografische „Risikofaktoren“ für eine Hinwendung zu diesen Szenen. 8 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 87 / November 2015

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Insofern ist es auch für die präventive und pädagogische Auseinandersetzung von Bedeutung, diese Faktoren mit in den Blick zu bekommen und darauf ausgerichtete, ergänzende Perspektiven zum Beispiel aus der Protest- und Bewegungsforschung in Erklärungsansätze mit einzubeziehen. Aus der Perspektive der pädagogischen Praxis ist dies schon deshalb erforderlich, um in den Augen der jugendlichen Zielgruppen glaubwürdig zu sein und sie mit entsprechenden Angeboten erreichen zu können. Problematische Nähe zum Terrorismus-Diskurs Die Hauptschwierigkeit, die das Konzept „Radikalisierung“ ebenso wie das Konzept des „politischen Extremismus“ aus jugendpolitischer und jugendpädagogischer Perspektive mit sich bringt, ergibt sich aus seiner gegenwärtig engen Verknüpfung mit wissenschaftlichen und sicherheitspolitischen Fachdiskursen der Terrorismusbekämpfung. So fasste der renommierte Terrorismusforscher Peter Neumann das gängige Verständnis von „Radikalisierung“ einmal mit den Worten zusammen: „Radicalization is what goes on before the bomb goes off.“ Diese Verknüpfung birgt auch eine Etikettierungsgefahr („ihr seid potenziell terroristisch“), die für die Arbeit mit jungen Menschen zu diesen Themen wenig hilfreich ist – und sich im ungünstigsten Fall auch kontraproduktiv auswirken kann. Sie kann bei jungen Muslimen genau jene Diskrimi- nierungswahrnehmungen befördern, die von der Forschung als ein Faktor für die Attraktivität gewaltorientierter islamistischer Gruppen benannt werden. Auch könnten dadurch deterministische und alarmistische Sichtweisen weiter befördert werden, wie sie in öffentlichen Debatten um politische Gewalt im Jugendalter bereits vielfach präsent sind. Perspektiven der Jugendforschung Diesen Sichtweisen gilt es in der Arbeit mit jungen Menschen auch mit Befunden und Erklärungsmodellen der Jugendforschung zu begegnen. Denn diese machen zum einen deutlich, dass in diesen Phänomenen vielfach Aspekte wie Abgrenzung von der Elterngeneration, verstärkte Sinn- und Identitätssuche oder auch Suche nach Abenteuer und Grenzerfahrungen eine Rolle spielen, die für die Jugendphase generell kennzeichnend sind. Damit können sie zu einem besseren Verständnis dieser Prozesse wie auch zu einer versachlichenden Einordnung ihres gesellschaftlichen „Gefahrenpotenzials“ beitragen. Zum anderen verweisen diese Perspektiven auf ein weiteres Spezifikum der Jugendphase, das in ihrer Offenheit besteht: Gruppenzugehörigkeiten sind in dieser Phase noch deutlich weniger stabil als in späteren Jahren und auch Wertorientierungen und politische Überzeugungen sind noch nicht endgültig festgelegt. Nicht zuletzt auf diese Einsicht stützt sich die Annahme oder auch die Hoffnung, den Gefährdungen durch gewaltorientierte, politisch extreme Strömungen, mit denen sich junge Menschen konfrontiert sehen, mit pädagogischen Bildungs- und Hilfsangeboten entgegenwirken zu können. Dabei gilt es in der pädagogischen Praxis eine schwierige Balance zu bewältigen: Der pädagogische Blick muss einerseits aufmerksam bleiben gegenüber beginnenden Weichenstellungen in Richtung einer Ausbildung bzw. Verfestigung von gewaltorientierten Einstellungs- und Handlungsmustern; andererseits muss er sensibel dafür sein, Stigmatisierungen junger Menschen (und damit verbundene Weichenstellungen) durch vorschnelle Einordnungen und Urteile zu vermeiden. ■ Michaela Glaser ist kommissarische Leiterin der Fachgruppe „Politische Sozialisation und Demokratieförderung“ und Projektleiterin der „Arbeits- und Forschungsstelle Rechtsextremismus und Radikalisierungsprävention“ des Deutschen Jugendinstituts (DJI). Dieser Artikel ist die gekürzte Fassung eines Beitrages in: DJI Impulse. Das Bulletin des Deutschen Jugendinstituts 1/2015, S. 4–7. Wir danken der Autorin sowie der gesamten Redaktion von DJI Impulse für die freundliche Genehmigung des Abdrucks. Anzeige Besuchen Sie das neu gestaltete Beratungsportal: www.online-beratung-gegen-rechtsextremismus.de 9 Thema

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Thema Ausgrenzung beschleunigt Radikalisierungsprozesse Erfahrungen aus dem Projekt „Ibrahim trifft Abraham“ Im Modellprojekt „Ibrahim trifft Abraham“ haben Jugendliche unterschiedlicher Herkunft Bildungsangebote für andere Jugendliche entwickelt. Ziel war es, interkulturelle Kompetenzen zu vermitteln und gegen extremistische Propaganda zu immunisieren. Projektleiter Samy Charchira gibt im Interview Auskünfte über seine Erfahrungen aus dem 2013 abgeschlossenen Projekt. Was war die Idee hinter dem Projekt „Ibrahim trifft Abraham“? Die Idee entsprang einer zentralen Beobachtung: Zum einen stellt das  Zusammenleben in einer wertepluralen Gesellschaft wie der unseren, junge Menschen vor viele Herausforderungen. Insbesondere junge Menschen mit Zuwanderungsgeschichte sind mit einer Reihe von auseinanderstrebenden Lebensentwürfen und unterschiedlichen Wertesystemen und Weltanschauungen konfrontiert, aus denen Fragen und Haltungen zur eigenen Identität und gesellschaftlichen Verortung entstehen, die beantwortet werden müssen. Zum anderen zeigen Beobachtungen zu den Wirkungsräumen von Jugendlichen, dass sich diese  für Eindeutigkeitsangebote extremistischer Gruppierungen sehr anfällig zeigen. Vor allem Jugendliche aus bildungsfernen Elternhäusern sind hier besonders gefährdet und durchblicken nicht immer die subtilen Werbeversuche und die Propaganda extremistischer Gruppierungen aller Couleurs.   Diesen Jugendlichen dabei zu helfen, sich adäquat mit Eindeutigkeitsangeboten auseinanderzusetzen, ihre Dialogkompetenz zu stärken und die Widerstandsfähigkeit zu erhöhen, waren einige der wichtigen Ideen und Zielsetzungen hinter dem Projekt „Ibrahim trifft Abraham“. Wen wollten Sie damit erreichen und warum? Für unser Projekt haben wir eine klare Zielgruppe definiert, die bestimmte Merkmale aufweist. Hauptsächlich richtet sich unser Projekt an Jungen im Alter von zwölf bis 16 Jahren. Im ersten Jahr bildeten sich die teilnehmenden Gruppen aus bestimmten Einzugsräumen in einiFoto: © Die AGB e. V.   Das Team um Samy Charchira (2.v.l.) mit Jugendlichen aus dem Projekt „Ibrahim trifft Abraham“. gen Stadtteilen Düsseldorfs. Im zweiten Jahr wurde die Teilnahme auf das ganze Gebiet der Stadt Düsseldorf ausgeweitet und im dritten Jahr sogar landesweit auf ganz Nordrhein-Westfalen. Zwar hatten wir Jugendliche aus bildungsfernen Elternhäusern im besonderen Fokus des Projekts, doch war es uns wichtig, Jugendliche nicht übermäßig zu „markieren“. Wir wollten die Projektteilnahme nicht auf bestimmte Merkmale wie Religion oder Migrationshintergrund reduzieren. Um die Projektziele zu erreichen, war es von großer Bedeutung, dass sich die Gruppen der teilnehmenden Jugendlichen aus den unterschiedlichsten Herkünften, Religionen und Milieus bilden.   Sehen Sie persönlich einen Zusammenhang zwischen Diskriminierungserfahrungen und etwaigen Radikalisierungsprozessen?   Die Radikalisierung von Jugendlichen setzt eine gewisse Verkettung unter- schiedlicher Faktoren persönlicher, familiärer und gesellschaftlicher Art voraus, um greifen zu können. Diskriminierungserfahrungen, Perspektivlosigkeit und Muslimfeindlichkeit sind einige der wichtigsten „gesellschaftlichen Beschleuniger“ von Radikalisierungsversuchen extremistischer Gruppierungen. Etliche Studien belegen, dass die Teilhabe an gesellschaftlichen Ressourcen wie Arbeit, Wohnung und Freizeit gerade unter migrantischen und muslimischen Jugendlichen massiv beschnitten wird. Migranten und Muslime werden noch in der dritten und vierten Generation in Deutschland aufgrund ihres Namens, Aussehens, sozialen Zugehörigkeit und anderen persönlichen Faktoren benachteiligt und ausgegrenzt. Das macht es extremistischen Gruppierungen leichter, separierende Narrative zu setzen und die gesellschaftliche Abkapselung der Jugendlichen als Einstieg in eine fatale soziale Aufteilung von „Wir“ und „die Anderen“ zu unterstützen.   10 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 87 / November 2015

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Die Marginalisierung junger Menschen unterstützt Räume am Rande der Gesellschaft, in denen Radikalisierungsversuche ungestört stattfinden und die Jugendlichen vor dem Einfluss von radikalisierenden Gruppen nicht geschützt werden können.   Wie muss man sich die konkrete Projektarbeit vorstellen? Welche Aktivitäten haben Sie mit den Jungs unternommen?   Jugendliche sollten im Rahmen des Projekts interkulturelle und interreligiöse Dialogkompetenzen erwerben. Sie erlebten durch das Projekt Gemeinschaft und Gemeinsamkeit in der Vielfalt. Hierbei ging es auch um die Auseinandersetzung mit Eindeutigkeitsangeboten, die zum Beispiel islamistische Ideologien aufweisen. Die Jugendlichen haben gelernt, diese zu identifizieren, zu hinterfragen und letztlich als leere Phrasen zu  entlarven. Des Weiteren wurde den Jugendlichen aufgezeigt, welche Möglichkeiten sie haben, an der Gesellschaft adäquat teilzuhaben. Von Bedeutung war dabei das Erkennen und das positive Erleben von Pluralismus und demokratischen Verfahrensweisen. Interreligiöse Dialogkompetenz beim gemeinsamen Kochen erlernen: Jugendliche im Projekt „Ibrahim trifft Abraham“. Das dreijährige Modellprojekt war als ein attraktiver „Jugendwettbewerb“ mit hohen Sachpreisen konzipiert. Hier wurden neue Formate  der  auf Partizipation  basierten interkulturellen Bildungs- und Dialogarbeit erprobt und miteinander verschränkt. Jungen aus bildungsfernen Milieus haben attraktive Bildungsangebo- te für Jugendliche der gleichen Altersgruppe in professionell moderierten Gruppen entworfen und durchgeführt. Im Zentrum der Konzeption standen drei Veranstaltungswochen, die im Jahresrhythmus an repräsentativen Orten durchgeführt wurden. Die Veranstaltungskonzeptionen wurden in moderierten Dialoggruppen zu » Teilnehmer des Projekts „Ibrahim trifft Abraham“ freuen sich über ihren Gewinn. Foto: © Die AGB e. V.   Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 87 / November 2015 Foto: © Die AGB e. V.   11 Thema

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Thema Bildungs- und Begegnungsarbeit in der Moschee im Projekt „Ibrahim trifft Abraham“. » einem vorgegebenen Motto von den Teilnehmern in einem Zeitraum von jeweils drei Monaten erstellt. Dabei wurden zum Beispiel Konzerte, Flashmobs, Exkursionen, sportliche Aktivitäten und Turniere in die Planung einbezogen. Gearbeitet wurde nachmittags und an Wochenenden. Jedes Jahr wurde das beste Konzept von einer Jury, die aus Kooperationspartnern und Experten bestand, ausgewählt. Die Dialoggruppen, die  diesen Wettbewerb gewonnen haben, wurden an der Umsetzung des Veranstaltungskonzepts weitgehend beteiligt.   Was haben Sie persönlich von diesem Projekt mitgenommen?   Sich auf Jugendliche einzulassen bedeutet auch von Jugendlichen zu lernen. Die Lebenswelten der heutigen Jugendlichen  sind in einem erheblichen Maße einem ständigen Wandlungsprozess unterzogen, die sowohl in realen als auch in virtuellen Räumen verlaufen und von einer erhöhten Medienkompetenz der Jugendlichen gestaltet und organisiert werden. Die professionelle Jugendhilfe ist aufgefordert, ihre Handlungskompetenzen den Lebenswirklichkeiten der Jugendlichen von heute anzupassen, um so ihre Zugänge zu ihnen aufrechtzuerhalten. Auch gestaltet sich die Begegnung mit Jugendlichen erfolgreich, wenn sie auf Augenhöhe erfolgt. Mit dem partizipativen Charakter des Projektes (Jugendliche entwerfen Konzepte für gleichaltrige Jugendliche) haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht, die wir allen Akteuren der Jugendhilfe sehr empfehlen.   Stehen Sie weiterhin mit Teilnehmern des Projekts in Kontakt? Wenn ja, wie beurteilen diese das Projekt rückblickend?   Mit einigen Schülerinnen und Schülern aus dem Projekt besteht noch bis heute Kontakt. Einige Schüler besuchen weiterhin unsere Einrichtung, mal um „Guten Tag“ zu sagen oder aber auch, weil sie Unterstützung und Beratung beispielsweise bei ihrer Suche nach einem Ausbildungsplatz suchen.   Rückblickend war das Projekt „Ibrahim trifft Abraham“ nicht nur sehr erfolgreich, sondern auch ein Projekt, in dem nicht nur die Jugendlichen viel gelernt und ihre Fähigkeiten ausgebaut haben. Auch die Erwachsenen im Projekt konnten Lebensrhythmen von Jugendlichen hautnah miterleben. Sie können diese nun viel besser verstehen und eine Kluft zwischen ihnen und den Jugendlichen deutlich reduzieren. Der partizipative Charakter des Projektes bleibt weiterhin entscheidend für den Erfolg. Angenommen, es gäbe eine Neuauflage von „Ibrahim trifft Abraham“. Was würden Sie diesmal anders machen?   Ich würde die Beteiligung der Jugendlichen noch stärker in den Vordergrund stellen  und zwar  durch den Einsatz von Jugendlichen als Multiplikatoren (z. B. auf Honorarbasis). Auch würde ich das Projekt unbedingt in die Regelfinanzierung überführen wollen, da wo es hingehört und wo es sich dauerhaft und nachhaltig entfalten kann. ■ Das Interview führte Ramzi Ghandour. Samy Charchira ist Diplom-Sozialpädagoge und unter anderem Sachverständiger in der Deutschen Islamkonferenz zum Thema „Islamische Wohlfahrtspflege“ sowie Gründungsmitglied des „Zukunftsforum Islam“ der Bundeszentrale für politische Bildung. 12 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 87 / November 2015 Foto: © Die AGB e. V.

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Muslimische Jugendcommunity Osnabrücker Land: Best practice mit Politik, Engagement, Verständigung und Spaß Im Zusammenhang mit salafistischer Propaganda wird häufig gefordert, muslimische Verbände und Vereine sollten selbst Strategien entwickeln, um der Radikalisierung von Jugendlichen entgegenzuwirken. In Osnabrück kann man sehen, wie das funktionieren kann. Dort gibt es schon seit drei Jahren den Verein Mujos e. V. Der Name Die Vorsitzende Du’A Zeitun organisiert den Kontakt der Mitglieder über eine WhatsApp-Gruppe. Die Mitglieder haben schon einige beeindruckende Projekte auf die Beine gestellt. Gemeinsame Veranstaltungen mit der Jüdischen Gemeinde Osnabrück und Fahrten etwa in den Hannoveraner Landtag stehen neben reinen Freizeitangeboten wie Erlebniscamps oder Fahrten in den Freizeitpark. Ein Konzept, das Jugendliche verbindet. Im Rahmen der Antirassismuswoche haben zum Beispiel Jugendliche von Mujos steht für „Muslimische Jugendcommunity Osnabrücker Land“ und hat sich auf die Fahnen geschrieben, politische Bildung, Engagement gegen Rassismus und interreligiösen Austausch mit attraktiven Freizeitangeboten für die Teilnehmer zu verknüpfen. und junge Mitglieder der Jüdischen Gemeinde von Osnabrück gemeinsam einen Workshop veranstaltet. Dabei ging es um Erfahrungen mit Diskriminierung, aber auch darum, etwas über die jeweils andere Religion zu lernen. Die Vereinsvorsitzende Du’A Zeitun sagt: „Wir haben das Treffen extra in Zusammenarbeit mit der örtlichen Polizeistation organisiert. Da ist für die Jugendlichen nicht nur der Austausch interessant, sondern auch, mal in einem Polizeiwagen zu sitzen und sich die Haftzellen ansehen zu dürfen.“ Die Mädchen und Jungen fanden schnell gemeinsame Themen. Da sie aus derselben Stadt kamen, konnten sie sich über gemeinsame Bekannte oder die Schulen in Osnabrück unterhalten. Auch die Essensregeln im Islam und im Judentum boten viel Anlass zur Diskussion. Es dauerte nicht lange, bis anfängliche Berührungsängste verschwanden und die Jungen und Mädchen offen über ihre eigenen Erfahrungen und Wünsche im Zusammenhang mit Diskriminierung und Rassismus sprachen. » Gemeinsamer Workshop bei der Polizei: Mitglieder der muslimischen Jugendcommunity Osnabrücker Land und der Jüdischen Gemeinde Osnabrück. Foto: Liane Czeremin Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 87 / November 2015 13 Thema

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Thema » Eine muslimische Teilnehmerin hatte zuvor gezögert, ob sie gemeinsam mit Juden eine Veranstaltung besuchen solle. Du’A Zeitun sagt: „Allein dafür, dass das Mädchen doch gekommen ist, hat sich die Veranstaltung schon gelohnt.“ Zeitun ist Tochter eines Imams und als inoffizielle ehrenamtliche Sozialarbeiterin der Gemeinde von vielen Jugendlichen vor Ort akzeptiert und geschätzt. Den Verein hat sie explizit als unabhängig von allen muslimischen Gemeinden oder Dachverbänden mitgegründet – er wird auch von den Gemeinden vor Ort akzeptiert. Sie beschäftigt sich stark mit Ausgrenzungserfahrungen der Jugendlichen und ist auf der anderen Seite über ihre ehrenamtliche Arbeit zu einer anerkannten und gefragten Expertin in der Prävention von islamisch begründetem Extremismus geworden. Die überregionale Presse hat schon über sie berichtet, als Referentin wird sie zu dem Thema gern gebucht. Als der salafistische Demagoge Pierre Vogel in der Nähe einen Auftritt hatte, fuhr Zeitun mit einigen „ihrer“ Jugendlichen dorthin, diskutierte während und nach der Veranstaltung lange mit den Jugendlichen über den Auftritt und widerlegte Vogels Ansätze. Im April neu gestartet ist die „LichtPaten“-Aktion zugunsten von Flücht- lingskindern in Osnabrück. Dabei wurde ein altes Projekt der Osnabrücker Universität neu aufgelegt. Studentinnen und Studenten übernehmen die Patenschaft für ein Kind, unternehmen einmal pro Woche etwas mit ihm und helfen bei alltäglichen Schwierigkeiten. Viele der studentischen Teilnehmer sprechen arabisch und können so einen wichtigen Beitrag dafür leisten, dass die Flüchtlingsfamilien zurechtkommen. Die Projekte laufen alle über Ehrenamt, regelmäßige öffentliche Förderung gibt es keine. Dadurch kommen die Vorhaben auch an ihre Grenzen. Doch die Erfolge von Mujos wirken umso beeindruckender. ■ Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Europa Wie geht es den Nachbarn – ein Blick über den Tellerrand In allen europäischen Gesellschaften sind feindselige Einstellungen gegenüber bestimmten Gruppen verankert. In vielen Staaten gewinnen derzeit auch rechtspopulistische Bewegungen an Zulauf. Alle müssen sich mit der Frage auseinandersetzen, wie ein Europa in Vielfalt gestaltet und gesichert werden kann. Doch der Umgang mit abwertenden Einstellungen in der Bevölkerung, mit Rassismus, Rechtspopulismus und -extremismus, ist oft unterschiedlich. Genauso wie das gesellschaftliche Klima und der allgemeine Grad der Akzeptanz der sogenannten „anderen“. Dementsprechend variieren die jeweiligen Bedingungen, unter denen sich nicht staatliche Organisationen für eine Gesellschaft in Vielfalt einsetzen. In einer Serie richtet Gegen Vergessen – Für Demokratie e.  V. den Blick über den deutschen Tellerrand und veröffentlicht in loser Folge Berichte aus verschiedenen europäischen Ländern – in dieser Ausgabe informiert die Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky über Antiziganismus in Ungarn. ■ Die rechtsradikale ungarische Partei Jobbik vertritt offen eine Blut- und Bodenpolitik. 14 Foto: Leigh Phillips / flickr Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 87 / November 2015

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Magdalena Marsovszky Antiziganismus in Ungarn Der Antiziganismus in Ungarn erreicht derzeit kollektive Ausmaße. Fast 80 Prozent der Bevölkerung sind antiziganistisch eingestellt. Antiziganistische Volksverhetzungen und immer heftiger werdende Ausgrenzungen treffen vor allem die Minderheit der Romnja und Roma, aber die Ressentiments gegen Arme und Obdachlose zeigen Geschichte des Antiziganismus in Ungarn Das Phänomen Antiziganismus reicht im Vielvölkerstaat Ungarn mindestens bis ins 15. Jahrhundert zurück, wobei die als „Zigeuner“ titulierten Menschen damals vor allem als „keine richtigen Christen“ oder aber als „Türkenspione“ verunglimpft, zur Strafe für vogelfrei erklärt und fortan ohne weiteren Grund getötet werden konnten. Nach der Durchsetzung der Aufklärung sollten die „Zigeuner“ im Sinne der bürgerlichen Gesellschaft erzogen und assimiliert werden. Unter Maria Theresia und Joseph II. wurden „Zigeunerkinder“ ihren Eltern weggenommen, Zwangsumsiedlungen waren an der Tagesordnung. Im 19. Jahrhundert wurde mit biologischen und sozialhygienischen Begriffen zur Bekämpfung der „Zigeunerplage“ und der „Asozialen“ aufgerufen. Ihren Höhepunkt erreichte die jahrhundertelange Verfolgung von „Zigeunern“ die gleichen Strukturmerkmale. Wenn aktuell der Flüchtlingsstrom in Ungarn als „Plage“ oder „Belagerung“ bezeichnet wird, dann haben wir es mit ähnlichen Hassstrukturen zu tun. Ein kurzer historischer Abriss soll die Entwicklung dahin skizzieren. im Holocaust. Die Forschung geht derzeit davon aus, dass circa 5.000 Romnja und Roma in der Endphase des Kriegs in Ungarn umgebracht wurden. Im realsozialistischen Ungarn wurden nur wenige Überlebende entschädigt. Es galt Vollbeschäftigung und Schulpflicht, was zunächst auch den Romnja und Roma zugutekam. Doch unter Integration wurde Zwangsassimilation ohne Rücksicht auf kulturelle Unterschiede verstanden. Man wollte, dass „die Zigeuner im Magyarentum aufgehen“. Traditionelle Berufe wurden verboten und Romnja und Roma als ungelernte Kräfte in realsozialistische Industrieanlagen gezwungen, wo sie extrem schwere körperliche Arbeiten für weniger Lohn als die Mehrheitsbevölkerung verrichten mussten. Ihnen wurden Sozialwohnungen von minderer Qualität zugewiesen. Bis 1985 gehörten Zwangsumsiedlungen sowie „zivilisatorische Erziehungsmaßnahmen“ mit „Zwangswa- schungen“, menschenunwürdigen Leibesvisitationen, Desinfektions- und Entlausungsaktionen in Roma-Siedlungen zum Alltag. Mitte der 1970er-Jahre waren circa 75 Prozent der Bevölkerung Ungarns antiziganistisch eingestellt. Ende der 1980er Jahre wurde von RomaIntellektuellen die emanzipatorische Bürgerrechtsbewegung und 1991 das RomaParlament gegründet, das sich in den folgenden Jahrzehnten zum wichtigsten soziokulturellen Zentrum entwickelte. Doch die mit ihr verknüpften Hoffnungen wurden auch nach der Wende 1990 nicht erfüllt. Obwohl das neue Minderheitengesetz die Anerkennung des Minderheitenstatus von Romnja und Roma deklarierte, wurde es stattdessen zum Schutz der Rechte der magyarischen Minderheiten in den benachbarten Ländern eingesetzt. Die Minderheitenpolitik Ungarns wurde nach der Wende zur Volkstumspolitik im Interesse der Magyaren. » Foto: fr-online.de Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 87 / November 2015 15 Thema

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