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Le Fond-de-Gras - Histoire(s) d'un lieu

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8 2015 S N O I T A T MU NIER I M SSIN A B S DU u: E e i V l I T d’un SPEC R ) E s P ( ire S ET o E t es: R t s I i r O H O es MÉM n as – rs i r e G -de nos jou e(n) d t n h o c chi nwar t Le F rigines à s e G o – ur Gege s Des a r e-G en bis z d d fäng Fon Der einen An Von s

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IMPRESSUM Editeur / Herausgeber Fondation Bassin Minier c/o 7, rue des Trois Glands, L-1629 Luxembourg www.fondationbassinminier.lu contact@fondationbassinminier.lu Conseil d’administration / Verwaltungsrat Massimo Malvetti (Président / Präsident) Antoinette Lorang (Vice-Président / Vizepräsident) Raymond Weber (Secrétaire / Sekretär) Antoinette Reuter (Trésorière / Kassenwartin) Membres / Mitglieder : Dan Biancalana, François Biltgen, Alex Bodry, Marcel Glesener, Pierre Gramegna, Jean-Marie Halsdorf, Jean-Claude Juncker, Joseph Kinsch, Cornel Meder, Claude Meisch Comité de lecture / Redationskomitee Guy Assa, Antoinette Lorang,Malvetti, Massimo Malvetti, Antoinette Reuter, Denis Scuto, Jürgen Antoinette Lorang, Massimo Antoinette Reuter, Jürgen Stoldt, Raymond Weber Stoldt Impression / Druck C.A.Press, L-4210 Esch/Alzette Couverture / Umschlag Abb. A: Die von Esch-Schifflingen im la Jahr 1913.du Blick auf bei einen Photo : Quai de départ deSchmelz la Minièresbunn en contrebas de terrasse « Café derHochofen. Giedel » B D A © Paul Hessé(Sammlung Amicale Schëfflenger Kolonien) / Abb. B: Der Bergmann Joseph Steffen in der Grube Montrouge, Anfang 1950. (Sammlung Joseph Steffen) / Abb. C: Bauern bei der Arbeit, 1924 auf dem C Scheuerberg. (Sammlung Luciano Pagliarini) / Abb. D: „Nicolas Roger Feller, né le 29 octobre 1919 à ISSN 2078-7634 Rumelange.“ (Sammlung Roger Feller) ISSN 2078-7634 Luxembourg, novembre 2015 / Luxemburg, November 2015 Luxembourg, juillet 2014 / Luxemburg, Juli 2014

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MUTATIONS MÉMOIRES ET PERSPECTIVES DU BASSIN MINIER 8|2015

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Le Fond-de-Gras – Histoire(s) d’un lieu : ­ Des origines à nos jours Der Fond-de-Gras – Geschichte(n) eines Ortes: Von seinen Anfängen bis zur Gegenwart 007 Pol Schock Einleitung: Le Fond-de-Gras – Geschichte(n) eines Ortes 009 René Klein Rund um den Fond-de-Gras. Über Herkunft und Aussprache des Namens 013 I : Von den ersten Zivilisationsspuren bis zur frühen Neuzeit 015 Catherine Gaeng & Jeannot Metzler Un demi-siècle de fouilles sur le Titelberg 029 Martin Uhrmacher Die Region Titelberg – Fond-de-Gras im Bild historischer Karten vom Beginn des 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts 047 II : Industrialisierung und Moderne 049 Norbert Franz Die frühe Eisenindustrie in Luxemburg: Industrie vor der Industrialisierung 055 Luciano Pagliarini Mines et mineurs au Fond-de-Gras... promenade sur les lieux 075 Luciano Pagliarini Le monde des mineurs au Fond-de-Gras 083 Albert Wolter Les installations minières le long de la ligne Pétange – Fond-de-Gras – Rodange – frontière française 095 III : Strukturwandel und Revitalisierung 097 Albert Wolter Le patrimoine ferroviaire du Train 1900 au Fond-de-Gras. 109 Paul Hessé La Minièresbunn, le train de la mine 117 Jean-Michel Muller Patrimoine historique et culturel en forêt 127 Nicolas Graf Le patrimoine écologique de la région du Fond-de-Gras : Perspective sur l’évolution écologique d’un espace post-industriel 133 Antoinette Reuter Quel musée pour le Fond-de-Gras ? 139 Autorenliste / Liste des auteurs

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Le Fond-de-Gras – Histoire(s) d’un lieu : Des origines à nos jours Pol Schock 6

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Einleitung Einleitung Le Fond-de-Gras – Geschichte(n) eines Ortes Pol Schock Als Const Arendt 1929 im Bahnhofs-Gebäude des heutigen Fond-de-Gras das Licht der Welt erblickte, war seinem Vater nicht sofort klar, in welcher Gemeinde er seinen neugeborenen Sohn anmelden musste. Da die Grenze der Gemeinden Differdingen und Petingen genau durch das Bahnhofsgebäude verlief und noch heute verläuft, musste er zur Anmeldung berücksichtigen, in welchem Zimmer sein Sohn geboren wurde. Das kleine Zimmer mit dem Fenster im ersten Stockwerk befand sich im Perimeter der Ortschaft Niederkorn, und so trat der Vater seinen Weg zum Rathaus nach Differdingen an… Diese kleine Anekdote, die der Publizist Emile Angel in einem Beitrag in der Warte von 1999 erzählt,1 kann sinnbildlich für die Geschichte des Fond-de-Gras stehen. Der Fond-deGras, der heute vor allem für sein touristisches Angebot bekannt sein dürfte, ist ein (europäischer) Grenzort. In einem engen Tal am Fuße des ehrwürdigen Titelbergs gelegen, befindet sich der Ort nicht nur an der Grenze zwischen zwei Gemeinden sondern im Dreiländereck von Frankreich, Belgien und Luxemburg entlang der Sprachbarriere des Deutsch-Französischen Kulturraums. Hier kam es immer wieder zu kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Überschneidungen und Verflechtungen. Darauf deutet bereits der Name des Ortes hin, der ein sprachliches Kuriosum des 19. Jahrhunderts ist. Tatsächlich soll sich der Begriff „Fond“ aus dem Französischen ableiten und bedeutet demnach so viel wie Grund, während „Gras“, nicht vom französischen Wort „grâce“ (= Gnade) oder von einem bestimmten Herrn Gras stammt (wie irrtümlich auf Wikipedia ange­ geben),2 sondern ganz einfach auf die prächtigen Weiden oberhalb des Grundes hindeuten soll. Es ist demnach ein deutsch-französischer Name auf luxemburgischem Terrain. (Siehe dazu den Beitrag von René Klein.) Die kulturelle Grenzposition findet sich auch an anderen Stellen in der Geschichte wieder. So wurden die Erzgruben im Fond-de-Gras Ende des 19. Jahrhunderts vor allem durch belgisches Kapital errichtet, und das Eisenerz zunächst über die nahegelegene Grenze ins belgische Athus gebracht. In der Frühen Neuzeit wurde der unbesiedelte Titelberg auf damaligen Karten eingetragen, da ihm im Grenzraum zwischen Bar, später Frankreich, und Luxemburg offenbar eine große Bedeutung als weithin sichtbare Landmarke zukam, wie Martin Uhrmacher in seinem Beitrag ausführt. Und wenn man so will, ist auch das keltische Oppidum oberhalb des Titelbergs, das im 1. Jahrhundert v. Chr. errichtet wurde, ein Sinnbild für einen kulturellen Grenzraum. Als wirtschaftliches, politisches und wahrscheinlich auch religiöses Zentrum der Treverer befand sich der Ort im Westen des Treverischen Herrschaftsraums an der Grenze zum Römischen Reich. Nach der römischen Eroberung verlor das Oppidum zunehmend an Bedeutung, während etwa zur gleichen Zeit die nur unweit von den Römern angelegte Stadt Augusta Treverorum (Trier) zum neuen Machtzentrum aufstieg. (Siehe zur archäologischen Erforschung des Titelbergs den Beitrag von Jeannot Metzler und Catherine Gaeng.) Bisher gibt es keine übergreifende Gesamtdarstellung, die die vielfältige(n) Geschichte(n) des Gebiets des heutigen Fond-de-Gras von der Kelten- und Römerzeit bis zur Gegenwart darstellt. Zwar gibt es eine Reihe sehr guter Einzelstudien von Archäologen und Lokalhistorikern, die sich intensiv mit dem Ort beschäftigten, jedoch ein aktuelles Überblickswerk 1 Angel, Emil, Et ass net méi, ewéi et war. De Fond-de-Gras lieft vun der Erënnerung un d’Minettszäit. In: Die Warte Nr. 3 / 1871 (21.01.1999). 2 „Ce nom vient d’un certain monsieur Gras qui exploitait ici du minerai de fer.“ Siehe dazu: Url: https://fr.wikipedia.org/wiki/Fond-de-Gras (Stand: 12.08.2015). 7

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Le Fond-de-Gras – Histoire(s) d’un lieu : Des origines à nos jours Pol Schock sucht man vergebens. Die Fondation Bassin Minier hat sich deshalb in Kooperation mit dem Kultur­ ministerium zum Ziel gesetzt, Experten des Fond-de-Gras und des Titelbergs zusammenzubringen, um mit dem achten Band der Schriften­ reihe Mutations diese Lücke zu schließen und eine fundierte Grundlage für Historiker, Archäologen, Mitarbeiter der verschiedenen Vereinigungen vor Ort und sonstige Interessierte zu liefern. Der vorliegende Band ist dabei das Resultat eines Werkstattgesprächs am 14. März 2015 im Hotel Le Presbytère in Lasauvage, an dem sich nahezu alle Autoren beteiligten. Heraus­ gekommen ist dabei keineswegs eine rein wissenschaftliche Publika­ tion für ein Fachpublikum, sondern vielmehr in der Tradition der bisher erschienenen Bände von Mutations eine spannende und informative Lektüre, gut illustriert und für ein interessiertes Breiten­ publikum. Das Ziel der Publikation ist es in erster Linie, dem Leser die historische Vielfältigkeit dieses Ortes zu erklären und auf die ­ besondere kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung für Luxemburg hinzuweisen. Da der Band die Geschichte(n) von den Anfängen bis zur Gegenwart erzählen will, haben wir uns dazu entschieden, die insgesamt 12 Beiträge chronologisch in drei Rubriken anzulegen. René Klein, Experte für mittelalterliche Geschichte und Heraldik, geht in seinem Beitrag zunächst auf die Begriffsgeschichte des Ortes ein und erklärt, warum das S beim Fond-de-Gras ausgesprochen wird. In einem ersten Kapitel machen wir dann einen großen zeitlichen Bogen von den ersten Zivilisationsspuren bis zur frühen Neuzeit. Die Archäologen Catherine Gaeng und Jeannot Metzler blicken ­ auf Jahrzehnte der wissenschaftlichen Ausgrabungen am Titelberg zurück und berichten über den aktuellen Stand der Forschung am Oppidum auf dem Titelberg. Martin Uhrmacher, Historiker der Universität Luxemburg, sucht nach Spuren dieses Ortes in frühneuzeitlichen Karten und führt uns gleichzeitig in die große Geschichte der Kartographie ein. Das nächste Unterkapitel ist dem industriellen Aufschwung und der Moderne gewidmet. In einem ersten Beitrag gibt der Privat­ dozent der Universität Trier und Mitherausgeber der historischen Zeitschrift Hémecht Norbert Franz zunächst einen Überblick der frühen Eisenindustrie in Luxemburg. Luciano Pagliarini, freischaffender Historiker und Experte der Industrie­ geschichte im luxemburgisch-lothring­ 8 ischen Erzbecken, nimmt den Leser in seinen beiden Beiträgen mit auf einen Spaziergang und lässt die Welt der Erzminen und Minenarbeiter wiederauferstehen. Der Mitbegründer und Präsident der „Association des Musée et Tourisme Ferroviaires“ Albert Wolter geht schließlich in seiner Beschreibung auf die Geschichte der unterschiedlichen Umlade-Stationen auf der Eisen­ bahnstrecke zwischen Petingen, dem Fond-de-Gras und der französischen ­ Grenze ein, die mittels einer Karte veranschaulicht werden. Das dritte Kapitel steht im Zeichen des Strukturwandels und der Revitalisierung des Ortes. Seit den 1980er Jahren wurde versucht, den Fond-de-Gras als nationales Kultur­ erbe und Tourismusstandort zu verankern. Die ersten Initiativen gingen dabei erstaunlicher­ weise nicht von staatlicher Seite aus, sondern auf einzelne Akteure zurück, wie Albert Wolter und der Historiker Paul Hessé erklären. Letzterer beschreibt zudem die Bedeutung der Minièresbunn. Nachdem die Arbeit in den Minen zum Erliegen kam, eroberte sich auch die Natur die brachliegenden Flächen als Lebensraum zurück. Der Geograf Nicolas Graf untersucht anhand eines Phasenmodells die ökologische Dimension des Fond-de-Gras und erklärt wie die Ökosysteme sich langsam regenerieren. Aus einer ganz anderen Perspektive erkundet JeanMichel Muller, Mitarbeiter der „Administration de la Nature et des Forêts“, die Wälder der südwestlichen Hänge des Titelbergs und stößt dabei auf zum Teil erstaunliche historische und kulturelle Überreste… Schließlich rekapituliert die Historikerin Antoinette Reuter die ­ Geschichte des Tourismusstandortes Fond-de-Gras und versucht einen Ausblick, wie der Ort in Zukunft zu einem „Living Museum“ erweitert werden und damit einem großen Publikum auf attraktive wie pädagogische Art und Weise zugänglich gemacht werden kann.

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Rund um den Fond-de-Gras. Über Herkunft und Aussprache des Namens Rund um den Fond-de-Gras. Über Herkunft und Aussprache des Namens René Klein Vor rund 50 Jahren war der Fond-de-Gras ein beschaulicher Ort, wo müde Wanderer im Café Bei der Giedel einkehrten, um ihren Durst zu löschen und ihren Hunger zu stillen. Heute ist er zum touristischen und kulturellen Knotenpunkt der Umgebung geworden. Lage Der Fond-de-Gras liegt zwischen der Südflanke des Titelbergs (Rollingen) und den bewaldeten Hängen des Grand Bois (Rodingen) und des Jongebësch (Niederkorn). Politisch gehört er zu den Gemeinden Petingen (Bänne von Rodingen und Rollingen) und Differdingen (Bann Niederkorn). Im Fond-de-Gras entspringt ein kleiner Bach, die Maragole, die auf weiten Strecken die Grenze zwischen Rodingen und Rollingen (lux. Rolleng, franz. Lamadelaine) bildet und in die Korn (franz. Chiers) mündet. Ein kleiner Nebenarm der Maragole war der Walleflaass, der auf dem Titelberg entsprang. Durch den Erzabbau ist die Quelle versiegt. Zur Römerzeit speiste er eine Thermalanlage, deren Reste ebenfalls durch den Abbau der Minette zerstört wurden.1 Die gebräuchlichsten Schreibweisen enthalten Bindestriche zwischen den einzelnen Wörtern oder auch nicht, wobei die Bindestriche erst später hinzugefügt wurden. Man könnte, wenn man will, darin zwei Nuancen ­ erkennen: die alte Schreibweise ohne Bindestriche nimmt eher Bezug auf die Flur, während die neuere Form eher an eine Ortschaft erinnert. Ich gebe zu bedenken, dass die ersten Bewohner sich erst im 19. Jahrhundert in Fond-de-Gras niederließen.2 In der Festbroschüre der Petinger Stadthauseinweihung von 1938 taucht eine eigenartige Schreibweise auf: Fond-de-Grâce (deutsch Gnadengrund, luxemburgisch Gnodegrond).3 Dadurch schien für manche, die Deutung des Namens einfacher zu werden. Eine andere kuriose Schreibweise fügte dem Fond ein S hinzu, obschon es sich hier nur um ein Tal handelt und Fond im Singular kein S besitzt. Das fehlerhafte Hinweisschild wurde in der Zwischenzeit berichtigt. Deutungsversuch In einem Brief an die Redaktion des Luxem­ burger Wort vom 30. Dezember 1989 hatte sich Dr. Hubert MEYERS für den Gnadengrund stark gemacht. Als Erklärung gab er an, dass die Rollinger und Rodinger, die bis 1769 zur Herrschaft Longwy im Herzogtum Lothringen-Bar gehörten, im Fond-de-Grâce hingerichtet wurden und daher dort auf einen Gnadenerlass der Obrigkeit warteten.4 Dem hatte ich in einem Brief vom 17. Januar 1990 widersprochen.5 Die Rollinger und ­ Rodinger als Untertanen von Longwy ­ wurden Aussprache und Schriftweise Bei richtiger Aussprache wird in Gras das A lang und das S scharf ausgesprochen wie beim luxemburgischen Wort Graass. Manche lassen das S stumm wie im Französischen oder betonen es (wie beim französischen Wort grasse), was bei den Einheimischen Kopfschütteln hervorruft. 1 Carte archéologique du Grand-Duché de Luxembourg, Feuille 24-Differdange, p. 62-63. 2 COLLETTE, Joseph, Bei der Giedel in Fond de Gras. In: Festbroschüre der Société Chorale Lamadelaine, 1994, S. 107ff. 3 Einweihung des Neuen Rathauses von Petingen am 15. Mai 1938, Programm der Festlichkeiten, S.16. 4 MEYERS, Hubert Dr., Gras und grâce. In: Luxemburger Wort, 30.12.1989. 5 KLEIN, René, Und doch Fond-de-Gras! In: Luxemburger Wort, Briefe an die Redaktion, 17.1.1990. 9

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Le Fond-de-Gras – Histoire(s) d’un lieu : Des origines à nos jours René Klein Ausschnitt aus der Ferraris-Karte (225 Soleuvre): der Pfeil zeigt das Tal der Maragole © Joseph Johann von Ferraris, Carte de Cabinet des Pays-Bas autrichiens et de la Principauté de Liège, Tielt 1777 dort am Galgen hingerichtet und nicht im Fondde-Gras. In der Tat sollte der Gehängte gut sichtbar sein, um als abschreckendes Beispiel zu dienen. Außerdem ist die Schreibweise Grâce statt Gras nirgends bezeugt außer in der Fest­ broschüre von 1938. Als zweites und wirklich starkes ­ Argument gegen Grâce steht die Tatsache, dass auf der Ferraris-Karte (um 1777) zwischen den bewaldeten Abhängen des Titelbergs und den Wäldern des Grand Bois und des Jongebësch eine Grasfläche eingezeichnet ist (siehe Karte). Im heutigen Kataster ist auf Rollinger Seite der Flurname a Gras vermerkt und auf Niederkorner Bann a Gras und op Gras. Ein im Kataster geführter Flurname Fond-de-Gras existiert nicht. Vor rund 50 Jahren sagten die alten Rodinger, wenn sie nach Fond-de-Gras wollten: «  Mer ginn a Graass.  » Auch die Maragole wurde 1809 eau de fontaine provenant de la valé de grasse und 1838 Graswasser genannt.6 1880 erbat Léonard Müllesch aus Differdingen die Erlaubnis im Ort genannt Gras ein Holzhaus erbauen zu dürfen. Es ist das heutige Café Bei der Giedel.7 Das Wort Gras stammt demnach zweifelsfrei vom luxemburgischen Graass und sollte auch so ausgesprochen werden. Es bezeichnet eine Wiesenfläche im Gegensatz zu den Äckern. Wie steht es nun mit dem ersten Teil des Namens? Fond ist eindeutig französisch und bedeutet Grund. Der Fond-de-Gras ist nichts anderes als der Talgrund der Grasfläche zwischen Titelberg und den bewaldeten Anhöhen gegenüber. Hier sieht man, dass die Bindestriche bei der ursprünglichen Bezeichnung keine Daseinsberechtigung hatten. 6 COLLETTE, Joseph, Les lavoirs de mine du val de la Maragole, entre Rodange-Bas et Fond-de-Gras, en 1844, Centenaire du chant choral à Rodange 1992, p. 196, remarque 1. 7 COLLETTE, Joseph, Bei der Giedel in Fond-de-Gras. In: Festbroschüre der Société Chorale Lamadelaine, 1994, S. 109. 10

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Rund um den Fond-de-Gras. Über Herkunft und Aussprache des Namens Die Sprachgrenze Wie kam es zu diesem halb luxemburgischen, halb französischen Namen? Man sollte wissen, dass früher die Sprachgrenze zwischen Rodingen und Rollingen verlief. Auf Rodinger Bann sind die meisten Flurnamen lothringischen Ursprungs (außer denjenigen, die an die Rollinger Banngrenze stoßen), während auf Rollinger Bann die Flurnamen aus dem Luxemburgischen stammen. Übrigens sagt man im Luxemburgischen Rodange und nicht Rodeng oder Réideng. Nur für den Ortsteil Nieder-Rodingen ­ existiert noch die luxemburgische Form Nidder-Réideng. Die Verschiedenheit der Sprache zwischen Rodingen und Rollingen kam in der Gemeinderatssitzung vom 9. Oktober 1859 zur Sprache.8 Es ging darum, vom Regierungspräsidenten die Errichtung einer staatlichen Pfarrei für Rollingen zu erbitten. Der Rollinger Vikar erhielt nämlich aus der Sektionskasse einen Zuschuss bis zur Höhe eines Pfarrergehalts. Der Gemeinderat fasste die Argumente für die Errichtung folgendermaßen zusammen: •   Rollingen wäre immerhin ein berühmtes Dorf, da bereits die Römer auf dem Titelberg gelagert hätten. •   Die Ortschaft läge drei Kilometer von jedem andern Ort entfernt. In Rodingen, wohin die Rollinger in den letzten Jahren zur Messe gehen mussten, wäre die Kirche zu klein. Außerdem sprächen die Rodinger eine unverständliche Sprache (parlant presque un langage jargon incompréhensible). •   Die finanzielle Lage der Sektionskasse ermögliche es nicht mehr, den Zuschuss an den Vikar zu zahlen. Die Kasse wäre durch den Schulneubau sowie die Reparaturen am Pfarrhaus und am Waschbrunnen leer. Eine Restauration der Kirche aber müsse dringend unternommen werden. Die Lösung dieser Probleme bestünde darin, die bischöfliche Pfarrei Rollingen in eine staatliche umzuwandeln und dem Pfarrer das Staatsgehalt von 800 Franken zu gewähren. Die Petinger hatten die Rechnung aber ohne den Distriktskommissar gemacht. Am 12. Dezember 1859 nahm er das Petinger Bittgesuch regelrecht auseinander.9 Rollingen würde 247 Einwohner zählen und wäre nur 1420 Meter von Rodingen und 2280 Meter von ­ Petingen entfernt. Keine Staatspfarrei besäße eine solch kleine Bevölkerung, der Durchschnitt läge nämlich bei 500 bis 1000 Seelen. Rodingen und Petingen wären ganz nahe, wenn man einer Stillmesse beiwohnen wollte. Außerdem hätte Rollingen ja jeden Sonntag ein Hochamt. Was nun das Römer­ lager auf dem Titelberg und die Sprache der Rodinger anbelange, so wären diese Argumente ohne Wert. Die Einnahmen der Sektionskasse betrügen 1600 bis 1700 Franken, die für alle Bedürfnisse ausreichen würden. Was die Armut der Rollinger anbelange, so lebten sie nicht besser und nicht schlechter vom Ertrag ihrer Ländereien als die andern Ortschaften auch. Wie nun der Regierungspräsident mit dem Bittgesuch verfahren würde, überließe er dessen Weisheit! Und so verlief das Ganze einstweilen im Sande. In alten Urkunden liest man noch die ursprüngliche französische Form für Rollingen: 1442 Roldenges, 1612 Roldange.10 Warum setzte diese sich nicht durch? In vier Lehns­ erklärungen der Herren von Nödlingen aus den Jahren 1599, 1612, 1628 und 1665 zählen diese ihre Barer Lehen auf, unter anderen auch im Ort genannt Rodange La Magdelaine. Die Identifizierung bereitet keine Schwierigkeiten, erklärt doch der Herzog von Lothringen und Bar am 19. Mai 1612, dass er den Herren von Nödlingen u.a. den Ort Roldange dict la Mag­ delaine zu Lehen aufgetragen habe.11 In beiden Fällen handelt es sich um die gleiche Ortschaft, nämlich um Rollingen alias Lamadelaine. Der Schreiber der Urkunde von 1599 hatte den Buchstaben L in Roldange vergessen und seine Nachfolger übernahmen diesen Fehler. Nun aber gehörten Rodange und Roldange zur Propstei Longwy im Herzogtum Bar. Beide 10 ANL A LIII, Festbroschüre 1985, S. 33. 11 Ebd. 8 Régistre des délibérations du conseil communal de la commune de Pétange no 2 ; KLEIN, René, Die Entstehung der Pfarrei Rollingen. In: Festbroschüre 125 Joer Poar, 50 Joer Kiirchegesank Rolleng, 1985, S. 19ff, hier S.70. 9 Archives Nationales Luxembourg (ANL) G 639/2, Festbroschüre 1985, S. 70-71. 11

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Le Fond-de-Gras – Histoire(s) d’un lieu : Des origines à nos jours René Klein Orte mussten Kriegssteuern an ihren Landesherrn zahlen. Man denke an die Französisch sprechenden Einnehmer von Longwy, die in ihren Konten Rodange und Roldange unterscheiden mussten. Wie leicht man sich irren konnte, hat man bereits oben gesehen. Man versteht nun, dass schon aus rein verwaltungstechnischen Gründen ein anderer Name für Rollingen gefunden werden musste. Warum wählte man den Namen der Schutzpatronin der Kapelle? War dies am einfachsten, da es bereits in Lothringen Lamadelaine-Orte gab? Fragen, auf die uns die Quellen keine Antworten geben. In den 1950er Jahren herrschte zwischen dem Pfarrer von Rollingen und der Gemeindeverwaltung Streit über die Schreibweise des Ortsnamen: Lamadeleine oder Lamadelaine. Hier einige Kostproben der Schreibweise im Laufe der Zeiten: 1599 La magdelaine, 1612 la Magdelaine, 1668 la madelaine, 1714 Ste Magdeleine, 1714 La Magdalene, 1737 La ­ Magdelene, 1753 La Madelaine, 1770 la Madeleine, 1772 magdeleine, 1809 la madelaine, 2015 Lamadelaine.12 Im alten Französischen war nämlich die Schreibweise für die Heilige Magdalena und daher für die Ortschaft nicht genau festgelegt. Dass aber Lamadelaine noch heutzutage zu verschiedenen Schreibweisen führen kann, ist unweigerlich; die kurioseste stand auf einem Briefumschlag, den ich vor einigen Jahren erhielt: Lama de Laine. Leider verschwindet der luxemburgische Name Rolleng immer mehr und ist nach und nach von den Zugezogenen durch Lamadelaine ersetzt worden. Auch die alten Einheimischen verwenden immer mehr den Ortsnamen Lamadelaine, um die Verwechslung ihres Dorfes mit andern Ortschaften gleichen Namens zu vermeiden. Allerdings reden sie unter sich noch immer von Rolleng. Fazit Der Name Fond-de-Gras ist ein Produkt der Sprachgrenze, die quer durch den Ort verlief (französischer Bann Rodingen, luxemburgischer Bann Rollingen und NiederkornLuxemburgisch). Politisch kamen die beiden Ortschaften Rodingen und Rollingen durch die Convention des Limites am 16. Mai 1769 zwischen Kaiserin Maria Theresia von Österreich und König Ludwig XV. von Frankreich an das Herzogtum Luxemburg.13 Dass die Rodinger teilweise ihren lothringischen Dialekt bis ins 19. Jahrhundert herüberretteten, kann man in der Petinger Festbroschüre von 1938 lesen.14 In: Hémecht 1964, S. 321-325. 14 Festbroschüre 1938, S. 62-63. 12 Festbroschüre 1985, S. 34. 13 MULLER, P.J., Tatsachen aus der Geschichte des Luxemburger Landes, 1963, S. 157 u. MARGUE, Paul, Wie unsere Südgrenze entstand. 12

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I Von den ersten Zivilisationsspuren bis zur frühen Neuzeit

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