Der Friedhof - Kulturgut oder Kostenfaktor

 

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Broschüre zur Friedhofsentwicklung für die verantwortlichen Träger

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„ Ein Zukunftsmodell? Der Friedhof – Kulturgut oder Kostenfaktor Denkanstöße für die Träger von Friedhöfen, um den Wandel der Trauerkultur in unserer Gesellschaft zu bestehen. 1

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Das Imageproblem des traditionellen Friedhofes Der Wandel der gesellschaftlichen Bedürfnisse und die persönlichen Wünsche unserer Bürger müssen unsere Friedhofskonzepte verändern. „ Trauer und Gedenken sind Seelentröster und Hoffnungsträger - wichtiger als viele denken. Unsere Friedhofskultur ist ein hoher Wert in unserer Gesellschaft. Sie ist im Laufe von Jahrtausenden entstanden und ist daher bewahrenswert. Die P ege von Kulturgütern – egal welcher Art – gibt es nicht zum Nulltarif. Hier sind dauernde Leistungen der Gesellschaft nötig. Allerdings ist Friedhofskultur nichts statisches, sondern sie entwickelt sich entsprechend den aktuellen Erfordernissen der Gesellschaft weiter. Friedhöfe sind wichtige Orte der Trauerbewältigung. Blumen geben den Trauernden Trost. Blumenschmuck zur Trauerfeier, auf dem Sarg oder auf dem Grab sind Trostspender für die Trauernden. Entsprechende Angebote sollten vor Ort vorhanden sein. Menschen in der Situation, einen geliebten Angehörigen verloren zu haben, brauchen den Friedhof als Ort der Erinnerung. Die Angehörigen sind eine wichtige Nutzergruppe der Friedhöfe, die es bei der Friedhofsgestaltung zu berücksichtigen gilt. Viele Angehörige von Verstorbenen suchen nach Möglichkeiten einer würdigen Bestattung, auch wenn Sie sich selbst aufgrund großer Entfernungen nicht kümmern können. Die Friedhofsträger sind aufgefordert, hier Lösungen anzubieten. Aber die Angehörigen sind nicht die einzigen Nutzer des Friedhofes. Letztlich ist der Friedhof auch Ort der kollektiven Erinnerung einer Gemeinde. Und damit kann er auch Rahmen für weitere kulturelle Veranstaltungen sein. Der Friedhof als Oase der Ruhe mit einem gärtnerisch gestalteten grünen Rahmen kann auch Ort der Erholung für andere Anwohner sein. Zudem stellt er einen Lebensraum für die heimische Flora und Fauna dar. Lassen Sie uns alle der Erhaltung und Entwicklung dieser wertvollen Orte mehr Zuwendung widmen. Unser Friedhof stirbt. 2 „ 3

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„ 80% Sargbestattung im Jahr 1990, 50% Sargbestattung im Jahr 2012.* Was passiert in Zukunft? Friedhöfe im Wandel Geringere Auslastung, höherer Pflegeaufwand, steigende Kosten was tun, um Wirtschaftlichkeit zu erhalten und Attraktivität zu gewinnen? Unsere Gesellschaft wird zusehends mobiler. Die traditionelle Familie am Wohn- und Geburtsort ndet nicht mehr statt: Nach der Schule entscheidet man sich für einen weitentfernten Studienplatz und arbeitet später im Ausland. Die Entfernungen zu den Gräbern der Familie sind sehr weit, Besuche nden, wenn überhaupt, nur wenige Male im Jahr statt. Verständlicherweise kommen die Menschen ins Überlegen, ob für diese Situation ein Familiengrab die richtige Lösung ist, oder ob es nicht alternative Bestattungsformen gibt, die weniger aufwändig in der P ege sind und weniger Kosten verursachen. Zudem werden immer häu ger Gräber nach Ablauf der Mindestruhefristen aufgegeben. Auf der einen Seite haben wir in Deutschland durch unsere Welto enheit und Toleranz eine Vielfalt von Religionsgemeinschaften, auf der anderen Seite nimmt die Zahl bekenntnisloser Menschen immer mehr zu. Die aus der christlichen Tradition heraus bestehende Präferenz für die Erdbestattung nimmt durch diese Entwicklungen ebenfalls ab. Das alles hat dazu geführt, dass die Zahl der Einäscherungen zugenommen hat – 2011 erstmals mehr als Hälfte der Verstorbenen. Der geringere Flächenbedarf von Urnengräbern, Urnenwänden oder Kolumbarien führt zu Leer ächen auf den Friedhöfen, die von den Friedhofsträgern gep egt werden müssen. Zu den gestiegenen P egekosten verstärken für die Friedhofsbetreiber Gebühreneinbußen durch den Gräberleerstand. Natürlich entstehen durch einzelne aufgegebene Grabstellen zunächst keine zusammenhängenden Flächen, die einer sinnvollen Nutzung zugeführt werden können. Erst nach langen Jahren oder Jahrzehnten kann ein freiwerdendes Gräberfeld aufgegeben und eine neue Nutzung erhalten. Hier sind Interimslösungen gefragt. Eine weitere gestalterische Herausforderung entsteht durch die alternativen Bestattungsformen, wie Urnenwände, Urnengräber, Gemeinschaftsgräber oder Kolumbarien. Das übliche Raster der Reihengräber kann nicht eingehalten werden und die oft au älligen, baulichen Anlagen lassen sich gestalterisch auf kleinen Landfriedhöfen meist nur ungenügend einbinden. Eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung ist die immer stärkere Di erenzierung zwischen Arm und Reich. Das drückt sich auch in der steigenden Zahl der Sozialbestattungen und ordnungsrechtlichen Bestattungen aus. Die Kosten müssen hier von den Kommunen übernommen werden. Trotz deren angespannter Finanzsituation muss auch bei solchen Beisetzungen die Würde des Menschen über den Tod hinaus gewahrt bleiben. Nicht nur die nanziellen Mittel fehlen oft sind es die fehlenden Konzepte die eine Friedhofsentwicklung verhindern. Unsere Friedhöfe führen häu g ein Schattendasein. In der Regel wird der Friedhof als Raum für die Toten gesehen. Lediglich wenige Familienmitglieder, Freunde, Verwandte oder Durchreisende besuchen die verstorbenen Angehörigen. Der Rest der Bevölkerung möchte sich mit dem ema Tod nur dann beschäftigen, wenn es unausweichlich ist. Durch diese Verdrängung des emas Tod werden die oft ruhigen, grünen Oasen zu wenig wahrgenommen. Ein leerer Friedhof ist teuer. Überhangflächen und steigende Kosten für die Pflege sind die Folge. „ Unsere Gesellschaft ist im Wandel - auch was das Bestattungswesen angeht. Das ist auch auf unseren Friedhöfen sichtbar. Die althergebrachten Grabformen werden nur noch zum Teil nachgefragt, dafür gewinnen Urnenwände oder anonyme Sammelgräber an Bedeutung. Nach Ablauf der Nutzungsdauer werden viele Gräber aufgegeben. Der Flächenbedarf der alternativen Grabformen ist geringer: Gebühreneinbußen, Nutzung Es herrscht der große Unentschlossenheit**: Erdbestattung**: Es › 51% herrscht Urnengrab ein hohes oderMaß an Erdbestattungen, Unentschlossenheit. › wünschen Urnengrab oder Erdbestattung, ›51% 16% moderne › 16% wollen moderne Bestattungsformen Bestattungsformen, (Baumbestattung, Urnenaufbewahrung, etc.) › wollen eine anonyme Bestattung ›9% 9% anonyme Bestattungen **Aeternitas/Emnid 2007 Im Jahr 2013 waren in München von 256.000 Grabstätten 48,5% nicht genutzt. 4 * in Deutschland 5

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„ Ein Volk wird so beurteilt, wie es seine Toten bestattet. Perikles (490 – 429 v. Chr.) Friedhöfe – Räume für Lebende und Tote Das Kulturgut Friedhof ist fester Bestandteil unserer Geschichte und ein heiliger Ort. Ein Besinnen auf diese Tatsachen hilft für die Zukunft. In unserem Kulturkreis konnte sich die Praxis der Erdbestattung durchsetzen. Über Jahrhunderte hat unsere christlich geprägte Kultur die Erdbestattung des Leichnams bewahrt. Mittlerweile halten sich deutschlandweit Erd- und Feuerbestattung die Waage. Neben den sozial-ökonomischen Gegebenheiten hat sich auch die Einstellung zu Sterben und Tod gewandelt; die Unfähigkeit, mit Schmerz und Trauer umzugehen ist gewachsen; mehr und mehr nden Beisetzungen der Verstorbenen in aller Stille und unter Ausschluss der Ö entlichkeit statt. Dabei vermögen die Feier der Beerdigung, die anwesende Gemeinde und das rituelle Handeln den Trauernden in einer menschlich häu g nur schwer zu ertragenden Abschiedssituation Halt zu geben. Sie können ihnen helfen, mit ihren Emotionen umzugehen, und so ihre Angst vor dem Alleinsein und dem eigenen Tod mindern. Trauer und Klage haben an der Begräbnisstätte ihren konkreten Ort. Es ist gesellschaftlicher Konsens, dass Menschen eine würdevolle Bestattung zukommt. Der Friedhof kann für die Lebenden zum Verweilraum der Selbst ndung werden, zum Ort der Meditation und des Nachdenkens, zum Ort der Ermutigung zum bewussten Leben im Angesicht des Todes. Kränze am Grab sind mit ihrer Ringform ein Symbol für die Unendlichkeit des Seins und die Gemeinschaft aller Trauernden. Die schwere Trauerarbeit wird leichter. Friedhofskultur beinhaltet auch eine gute Erreichbarkeit, gerade für ältere Mitbürgerinnen und Mitbürger und Menschen mit eingeschrämkter Mobilitätt, um ihnen den Abschied von ihren Angehörigen sowie die notwendige Trauerarbeit zu ermöglichen. Auf dem Friedhof können Hinterbliebene ihre Trauer leben, sich von ihren Lieben verabschieden, auch über einen längeren Zeitraum hinweg das Andenken p egen und ihre Verbundenheit mit ihnen zum Ausdruck bringen. Dabei ist der Friedhof ein wichtiger Begegnungsort. Auf dem Friedhof tre en sich Alt und Jung, Alteingesessene und Neubürger und zunehmend Menschen mit Migrationshintergrund. So wird der Friedhof zunehmend auch ein Ort der Begegnung von Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen. Doch man tri t nicht nur Angehörige der Verstorbenen auf Friedhöfen an, sondern auch andere, die die Ruhe und das grüne Umfeld schätzen. Historische Bauten auf dem Friedhof stellen ein wertvolles Erbe dar, das es zu erhalten gilt. Auch gute architektonische Schöpfungen unserer Zeit werden diese Funktion einmal erfüllen. Die durchdachte Gestaltung der Friedhöfe, um all diese Funktionen zu erfüllen, kostet Geld. Es ist Aufgabe unserer Gesellschaft und damit der Friedhofsträger, diese Werte des Friedhofs zu erkennen und zu erhalten. Bestatter, Gestalter von Grabmälern, Gärtner, Floristen und lokale Handwerker tragen auf ihre Weise mit dazu bei, dass Friedhöfe besondere Orte in unseren Siedlungen darstellen - Orte der Kultur. Zeit für Besinnung. „ „Friedhöfe erfüllen in unseren Städten und Gemeinden vielfältige Funktionen. Vor allem aber sind Sie Ausdruck unserer Trauer-, Erinnerungs- und Bestattungskultur, die über Jahrtausende entstanden ist. Sie zeigen, dass die Würde des Menschen nicht mit dem Tod endet und geben den Hinterbliebenen den erforderlichen Trauerraum. Die Erhaltung und Gestaltung dieses Kulturgutes erfordert die finanzielle Unterstützung der Gesellschaft.“ Berühmte Persönlichkeiten auf bayerischen Friedhöfen: Albrecht Dürer, Ludwig Erhard, Karl Valentin, uvm. Sie wecken das Interesse der Besucher, den Friedhof als Stätte der Kultur wahrzunehmen. Biotop Friedhof: Auf Friedhöfen mit alten Bäumen wohnen viele Tiere: Fledermäuse, Haus- und Gartenrotschwanz, uvm. Diese Artenvielfalt ndet man in städtischen Bereichen andernorts sehr selten. 6 7

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„ Der Kunde ist König. Das Bedürfnis ist vorhanden Alle Leistungen auf dem Friedhof orientieren sich an den Bedürfnissen der Trauernden. Bürger, Träger und Gewerbetreibende arbeiten gemeinsam am Thema, mit dem Ziel, es in der Öffentlichkeit positiv zu besetzen. Die Attraktivität des Friedhofs mit seinen vielfältigen Funktionen gilt es zu erhalten. Der Friedhof ist zu allererst Ort der Trauer. Hier ist der Trauernde dem Toten ganz nahe. Dieser Ort sollte für den Trauernden attraktiv gestaltet sein. Über Grabp ege und Grabverschönerung, zum Beispiel mit Kranz oder Blütenherz, kann der Trauernde ein positives Umfeld für die Trauerarbeit scha en und damit den Verstorbenen ehren. Die Trauernden wollen an den Verstorbenen denken, gemeinsame Erlebnisse ins Gedächtnis rufen. Da es häu g ältere Angehörige sind, sollte es viele Sitzgelegenheiten auf dem Friedhof geben. Die Möglichkeit bei einem Spaziergang auf dem Friedhof die Gedanken schweifen zu lassen, sollte es ebenso geben. Das Blätterdach der Bäume spendet Schatten und Geborgenheit. Da es immer wieder Probleme mit Herbstlaub auf den Gräbern gibt, sollten große Bäume außerhalb von Grabfeldern stehen. Mit der Grabgestaltung sollte Wert auf den Bezug zur verstorbenen Person gelegt werden, wie beispielsweise bei der Gestaltung der Grabmale. Die P anzen sollten unter Berücksichtigung ihrer althergebrachten Symbolik eingeplant werden. So steht zum Beispiel „Vergissmeinnicht“ für „Abschied in Liebe“ und „Erdbeere, Gänseblümchen, Ginster, Heide, Kiefer, Veilchen“ für „Bescheidenheit“. Auch hierdurch kann die Trauerarbeit der Angehörigen unterstützt werden und die Erinnerung an den Verstorbenen wach gehalten werden. Gräber für verstorbene Kinder und ungeborenes Leben sollten ebenfalls in die Planung ein ießen und verlangen nach einer besonders sensiblen Gestaltung. Neben der P anzensymbolik werden oft Spielgeräte der Kinder in die Grabgestaltung integriert. In Bezug auf die Grabmalgestaltung sollte darauf geachtet werden, dass die Friedhofssatzungen vielfältige und individuelle Möglichkeiten für das gesamte Erscheinungsbild der Grabanlage erö nen. Bei den Abmessungen der Grabzeichen sollte nach Flächenmaß der Ansichts ächen gerechnet werden, damit keine Normung durch starre Höhenbegrenzungen erfolgt. Das bedeutet ein breites Grabmal muss niedriger sein, ein schmales darf auch höher ausgeführt werden. Bei der Materialwahl sollten Europäische Natursteinsorten aus heimischer Produktion bevorzugt verwendet werden. Aufgrund der gestiegenen Mobilität, kann die Grabp ege zum Teil nicht mehr von den Angehörigen selbst erbracht werden. Hier sind individuelle und exible Angebote gefragt. Hilfreich ist die enge Zusammenarbeit mit allen Gewerken, die am Friedhof tätig sind. Vor Ort ansässige Bestatter, Steinmetze, Friedhofsgärtner und Floristen sollten mit den Friedhofsträgern Angebote ausarbeiten, um die Bedürfnisse der Trauernden zu befriedigen. Dienstleistungsangebote der verschiedenen Gewerke, wie zum Beispiel der Friedhofsgärtner liegen vor und sollten publik gemacht werden. Die vorhandenen Friedhofssatzungen sollten durchforstet werden, um den aktuellen Anforderungen genügend Raum zu bieten. Attraktivität ist planbar. „ Bedürfnisorientiert: Barrierefreiheit Sitzmöglichkeiten Grabpflegeangebot Trauerunterstützung: Grabmalauswahl Bepflanzung Floristik Friedhofssatzung: einfühlsam nachvollziehbar flexibel 8 9

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Perspektive 1 Perspektive 2 Perspektive 3 Perspektive 4 Die Sehnsucht nach Natur Die Nachfrage privatwirtschaftlicher Bestattungswälder zeigt deutlich, dass viele Menschen ein Begräbnis in der ‚Natur‘ bevorzugen und die starren Gräberfelder des örtlichen Friedhofes meiden. In Zeiten einer zunehmenden Sehnsucht nach Natur können auf Wald- und Parkfriedhöfen neue naturnahe bzw. landschaftlich gestaltete Erinnerungsorte gescha en werden, die gleichzeitig auch Orte der Besinnung, des Tre ens oder der Naturbeobachtung sein können. Der Friedhof behält hierdurch seine existentielle Bedeutung als Ort der Bestattung, der Trauer sowie des Gedenkens und kann die für den Erhalt der Friedhöfe zwingende Bestattungsnachfrage sichern. Alles ist möglich, aber nicht überall Schon aus Gründen der Wettbewerbsfähigkeit werden die Akteure im Friedhofswesen, wie Friedhofsverwaltungen, Seelsorger, Bestatter, Friedhofsgärtner, und Steinmetze auf die Tendenzen der Individualisierung und Liberalisierung im Bestattungswesen reagieren müssen. Nach wie vor sind vielerorts antiquiert wirkende Gestaltungssatzungen in Kraft und die Nutzer fordern zu Recht mehr Gestaltungsfreiheit. Hier wird in Zukunft von allen Beteiligten sicher ein hohes Maß an O enheit, Toleranz und Flexibilität gefordert sein. Das heißt jedoch nicht, dass jeder individuelle Nutzerwunsch erfüllt werden muss, da hierdurch die Qualität des Friedhofes beeinträchtigt würde. Um den Wert des Friedhofes als spirituellen und auch räumlich hochwertigen Ort erhalten zu können, werden auch weiterhin Gestaltungsregeln notwendig sein. Die mit der Aktualisierung der Gestaltungsregeln einhergehende Leitbild- und Wertediskussion könnte unter folgendem Motto stehen: Alles ist möglich, aber nicht überall. Der multifunktionale Friedhof Der Nutzungsdruck auf ö entliche Grün ächen in Ballungszentren erhöht sich zunehmend, sodass auch Friedhöfe zunehmend für Erholungs- und Freizeitaktivitäten genutzt werden. In der seit Jahrzehnten expandierenden Stadt München ist dies bereits der Fall, wobei auch Kon ikte zwischen Trauernden und Erholungssuchenden festzustellen sind. Die zunehmende multifunktionale Nutzung der Friedhöfe beinhaltet neben Nutzungskon ikten aber auch die Chance, den Friedhof als hochwertigen naturnahen Freiraum wie auch als kulturell bedeutenden Ort für die Zukunft zu sichern: Schließlich hat vor allem die Zunahme der Feuerbestattung dazu geführt, dass umfassende Frei ächen inmitten der Grabfelder entstehen, die sogenannten Friedhofsüberhang ächen, für die neue Nutzungen gefunden werden müssen. Hier stellt sich die Frage, ob peripher gelegene und freie Friedhofsächen nicht gezielt für ruhige Erholungsnutzungen bereitgestellt werden können. Der gemeinschaftliche Friedhof Der Friedhof als Ort für die Gemeinschaft der Lebenden und der Toten muss neu interpretiert werden, wenn er sich als letzte Ruhestätte für alle Menschen unserer längst bestehenden heterogenen, multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft anbieten soll. Dies muss als Chance erkannt werden und die gesellschaftliche Gemeinschaft befördert werden. Die Lage und die Infrastruktur der Friedhöfe befördern den Gedanken der Gemeinschaft schon heute. Im Gegensatz zu Bestattungswäldern liegen Friedhöfe meist siedlungsnah, sie sind gut erschlossen und dadurch für jedermann gut erreichbar. Durch eine barrierefreie Erschließung, ein di erenziertes Angebot von Aufenthaltsbereichen und sanitären Anlagen kann die sichere und komfortable Nutzung eines Friedhofs für alle Bevölkerungsgruppen garantiert werden. Gesellschaftlich relevante emen wie ‚Inklusion‘ und ‚Integration‘ sollten bei der Gestaltung und Organisation eines zeitgemäßen Friedhofs berücksichtigt werden. So sollten vor allem die Friedhöfe in kommunaler Trägerschaft den verschiedenden Glaubensrichtungen Raum geben, ihre eigene Bestattungs-, Trauer- und Gedenkkultur leben zu können. Jedem Menschen sollte die vollständige und gleichberechtigte Friedhofsnutzung ermöglicht werden. Die Friedhofs- und Bestattungskultur in Deutschland verändert sich aktuell in einer historisch noch nie da gewesenen Art und Weise. Die seit ca. 150 Jahren bestehende bürgerliche Friedhofs- und Bestattungskultur mit ihren Regeln und Gestaltungsvorschriften gerät in unserer postindustriellen Zeit ins Wanken. Vertrautes geht verloren – Neues entwickelt sich. Dieser Umbruch, der eine Individualisierung und Liberalisierung des Bestattungswesens beinhaltet, birgt jedoch nicht nur Verlust und Verunsicherung, sondern auch Chancen, den Friedhof als Spiegel der Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts neu zu definieren. Autoren: Prof. Birgit Schmidt, Fakultät Landschaftsarchitektur, Hochschule Weihenstephan - Triesdorf Dr.-Ing. Martin Venne, Fachbereich Architektur - Stadtplanung - Landschaftsplanung, Universität Kassel 10 11

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„ Ohne Kunden keine Einnahme. Betriebswirtschaftliche Erfordernisse Die Herausforderung an Kommunen und Träger unserer Friedhöfe wächst stetig. Nur wer alle Leistungen und Funktionen, die der Friedhof erfüllen, den Kosten gegenüberstellt, kann auf Dauer wirtschaftlich arbeiten. Zur Steuerung der Angebots- und Gebührenpolitik bedarf es einer ausgefeilten Gebührenkalkulation auf der Grundlage einer umfassenden Kosten- und Leistungsrechnung, die die unterschiedlichen Aufwendungen erkennen lässt. Aus den vorgenannten Gründen ist es wichtig, folgende betriebswirtschaftlichen Instrumente in den Friedhofsverwaltungen zu implementieren: › eine leistungsfähige Kosten- und Leistungsrechnung, › eine moderne Investitionsrechnung, › ein aussagekräftiges Berichtswesen. Darüber hinaus müssen alle Wohlfahrtswirkungen der Friedhöfe für die Allgemeinheit in die Rechnung einbezogen werden. Wer soll das bezahlen? „ Moderne und leistungsfähige Friedhofsverwaltungen müssen deshalb vermehrt über betriebswirtschaftlichen Sachverstand verfügen, um z. B. › Leistungen richtig zu kalkulieren, › Investitionen kostentechnisch richtig zu planen, › Kosten und erbrachte Leistungen im Nachhinein eingehend analysieren zu können, › negative Kostenentwicklungen frühzeitig erkennen und ihnen entgegenwirken zu können. Friedhöfe sind nicht nur Bestattungsorte: Sie sind Orte der Kultur, der Erinnerung, des Gedächtnisses der Ortschaft, der Einkehr, der Trauer, der Begegnung, der Entspannung, der Natur und der öffentlichen Hygiene. 12 Die Finanzierung sollte daher ähnlich gehandhabt werden, wie bei: › Öffentlichen Grünflächen › eatern › Museen › Sportflächen › Schwimmbädern 13

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Praxis Beispiel 1 Praxis Beispiel 2 Praxis Beispiel 3 Praxis Beispiel 4 Bergfriedhof Lindenberg Dieser Friedhof ist ganz auf die Landschaft ausgerichtet. Er liegt oberhalb der Stadt – nahe am Himmel. Die Gestaltung ist bewusst zurückhaltend, wenige Materialien, die aus der Umgebung stammen. Im Vordergrund steht die Landschaft, die Gräber sollen sich unau ällig einfügen. Daher gibt es auch in der Friedhofssatzung viele Ge- und Verbote, die die individuelle Gestaltungsfreiheit einschränken, getreu dem Motto, das bei der Gestaltung des Friedhofes zugrunde lag: „ Alles, was im Leben wichtig war – wichtig schien – verliert seine Bedeutung. Alles Irdische bleibt zurück.“ (Helmut Schöner-Fedrigotti) Friedhof Harrling Träger ist die Katholische Kirchenstiftung Harrling. Der grüne Friedhof in Harrling hat Vorbildcharakter über den Landkreis Cham hinaus. Herausragend sind seine durchgängig bep anzten Grabbeete, die wohl einzigartig in ganz Bayern sind. Durch die harmonische, einheitliche Bep anzung der Grabreihen soll, nach Pfarrer Berndl, die Gemeinschaft der Gläubigen zum Ausdruck kommen. Eine individuelle Grabbep anzung mit Einfassungen entfällt somit. Überzeugend sind auch die ausgewählten hellen Grabsteine, die mit ihrer großen Aussagekraft und mit ihren christlichen Botschaften den Angehörigen und Besuchern des Friedhofs Ho nung und Trost spenden. Bei der Auswahl und Gestaltung der Grabsteine mit ihrer christlichen Symbolik wurde im Zusammenwirken von Pfarrer Berndl mit den Angehörigen auf das Leben des Verstorbenen besonderer Bezug genommen. Die Grünstreifen zwischen den Grabfeldern und die ortstypische Friedhofsmauer runden das harmonische Gesamtensemble ab. Der Rosenfriedhof Dietkirchen Dieser Friedhof ist in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes. Besucht man Ihn zur Rosenblüte wird man von einem roten Blütenmeer empfangen. Allein schon diese über den ganzen Friedhof verteilte und einheitliche Blüte weckt Freude oder Glaube und Ho nung auf die Auferstehung. Bei der Gestaltung dieses Friedhofes war dem Pfarrer Johannes Baptist Weis der österliche Charakter des Friedhofes besonders wichtig und er beschränkte sich in der Gestaltung bewusst auf nur wenige Mittel. Als Grabzeichen sind ausschließlich handgeschmiedete Grabkreuze verwendet und auch die Einfassung der Gräber besteht aus Kalkstein, wie er in der Gegend vorkommt. Diese Beschränkung in den Materialien bringt Ruhe für das Auge und geringen P ege- und Gestaltungsbedarf für die Angehörigen mit sich. Ebenso wird klar: Vor Gott sind wir alle gleich. Die Eindringlichkeit der verwendeten Materialien und P anzen wird durch die Ausschließlichkeit und die Wiederholung stark gesteigert. Die Individualität der Verstorbenen und Ihrer Bedeutung im Leben tritt dadurch allerdings in den Hintergrund. Hauptfriedhof Würzburg Auch in einer mittelgroßen Stadt wie Würzburg sind die allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen, wie gestiegene Mobilität und geringere Verbundenheit mit der Heimatstadt zu spüren. Das drückt sich auch auf dem Friedhof aus, z. B. durch die Zunahme der Urnenbestattungen und in der Folge die Frage von Angehörigen nach Urnenwänden oder Grabstellen ohne eigene P ege. Dazu kommen steigende Zahlen von Grabau ösungen und mehr ungep egte Grabstellen in bestehenden Grabfeldern. Es besteht also Nachfrage nach neuen Bestattungsformen, allerdings ist keine größere zusammenhängende Fläche vorhanden, um hierfür einen Bereich zu gestalten. Die Antwort auf diese Ausgangslage war in Würzburg die Erö nung von sogenannten „Urnengärten“ seit Ende 2010. Das sind Gemeinschaftsgrabanlagen, die in Zusammenarbeit mit einer Arbeitsgemeinschaft der Friedhofsgärtner und einer Interessengemeinschaft der Steinmetze entwickelt wurden. Diese Anlagen sind im Bau und langjährigen Unterhalt kostengünstiger als Urnenwände. Die Gebühren sind ein Paket aus Grabgebühren sowie der Kosten für die Bep anzung und P ege des Grabes. Für die Grabsteine und –platten werden Festpreise verlangt. Die gesamte Abwicklung läuft über die Friedhofsverwaltung, nur einem Ansprechpartner für die Angehörigen. Die hier genannten Beispiele sind in bestimmten Aspekten nachahmenswert. Sie lassen sich sicher nicht überallhin übertragen, sondern sind aus der jeweiligen räumlichen und sozialen Situation entstanden . Aber manchmal steckt auch ein Gestaltungselement dahinter, das sich auch in anderer Weise ausführen lässt. Betrachten Sie die Beispiele als Denkanstöße. 1 1 2 3 4 4 14 15

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Impressum Herausgeber: Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau Bayerische Gartenakademie An der Steige 15 97209 Veitshöchheim poststelle@lwg.bayern.de, www.lwg.bayern.de In enger Zusammenarbeit mit: Bayerische Gartenakademie an der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG), Veitshöchheim, bay.gartenakademie@lwg.bayern.de Bayerischer Landesverband für Gartenbau und Landesp ege e. V., München, info@gartenbauvereine.org Bayerischer Gemeindetag, München, Claudia.drescher@bay-gemeindetag.de Bezirksverband Mittelfranken für Gartenbau und Landesp ege e. V., Dittenheim, Gerhard-Durst@t-online.de BESTATTERVERBAND BAYERN e. V., München, toni.hanrieder@hanrieder.de Bdla Bayern, Freising, landshut@wartner-zeitzler.de Evangelische-Lutherische Kirche in Bayern, Umweltberatung, München, umwelt@elkb.de Eigenheimerverband Bayern e. V., München, info@eigenheimerverband.de Fachverband Deutscher Floristen LV Bayern e. V., Grundel ngen, mail@ oristenverband-bayern.de Gartenbauzentrum Bayern Mitte am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Fürth, herbert.grunwald@aelf-fu.bayern.de Gartenbauzentrum Bayern-Nord am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Kitzingen, joachim.lukas@aelf-kt.bayern.de Gartenbauzentrum Bayern-Südwest am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Augsburg, heresia.Fugger-Gloett@aelf-au.bayern.de Gartenbauzentrum Bayern-Südost am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Landshut, Stephan.schmoeger@aelf-la.bayern.de Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, Freising, amrei.mosbauer@hswt.de, dieter.neumaier@hswt.de, birgit.schmidt@hswt.de Katholische Kirche, Katholisches Büro Bayern, München, info-kbb@kb-bayern.de Landesverband Bayerischer Steinmetze, Frankfurt/Main, info@liv-steinmetz.de, hermann@steinmetz-rudolph.de Landesverband Bayerischer Kleingärtner e. V., München, Martin.Rist@L-B-K.de Landratsamt Roth, Kreisfachberatung, felicia.laue@landratsamt-roth.de Landratsamt Rosenheim, Kreisfachberatung, josef.stein@lra-rosenheim.de Landratsamt Kitzingen, Kreisfachberatung, mechthild.engert@kitzingen.de Verband der Kreisfachberater für Gartenbau und Landesp ege in Bayern, Neumarkt, kraus.franz@landkreis-neumarkt.de Verband Wohneigentum – Landesverband Bayern e. V., Weiden, dorle.engels@gmx.de Treuhandgesellschaft bayerischer Friedhofsgärtner mbH, München, info@dauergrabp ege-bayern.de Gestaltung: DLKM agentur für konzeptionelles design Bildquellennachweis: Treuhandgesellschaft bayerischer Friedhofsgärtner mbH, Stadt Lindenberg im Allgäu, Franz Kraus, Birgit Schmidt, Renate Mühlbauer, Friedhofsverwaltung Würzburg:, Landesverband bayerischer Steinmetze 1. Au age 2013 16

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