Miriam Schwarz - Bachelorarbeit - "Ein Inklusives Kunstprojekt"

 

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Diie Bedeutung eines Kunstprojektes als Beitrag zur Inklusion, anhand eines praktischen Beispiels

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HOCHSCHULE FÜR ANGEWANDTE WISSENSCHAFTEN WÜRZBURG-SCHWEINFUHRT Thesis zur Erlangung des Bachelor of Arts (BA) im Studiengang Soziale Arbeit EIN INKLUSIVES KUNSTPROJEKT DIE BEDEUTUNG EINES KUNSTPROJEKTES ALS BEITRAG ZUR INKLUSION, ANHAND EINES PRAKTISCHEN BEISPIELS Name: Studiengang/Semester: Matrikelnummer: Abgabetermin: Erstprüfer: Zweitprüfer: Miriam Schwarz Soziale Arbeit; 6. Semester 5412038 01.09.2015/ Verlängerung bis 01.10.2015 Prof. Dr. Dieter Kulke Prof. Dr. Ralph-Christian Amthor

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ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS DSM-V Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen (Englischer Originaltitel: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) FiF GdB GG ICD-10 Frauen aus dem interkulturellen Frauencafé Grad der Behinderung Grundgesetz Internationale (Englischer Diseases) ICF Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Klassifikation psychischer Störungen of Originaltitel: International Classification Behinderung und Gesundheit (Englischer Originaltitel: International Classification of Impairments, Activities and Participation) IPbpR MmB SGB UN-BRK Internationaler Pakt über bürgerliche und politische Rechte Menschen mit Behinderung Sozialgesetzbuch UN-Behindertenrechtskonvention 1

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INHALTSVERZEICHNIS Abkürzungsverzeichnis ................................................................................................. 1 1 2 Einleitung ............................................................................................................... 5 Inklusion ................................................................................................................ 9 2.1 2.2 2.3 3 Eine Sichtweise auf den ‚Menschen mit Behinderung‘ .................................... 9 Inklusion - ein aktuelles Thema..................................................................... 17 Die Umsetzung der Inklusion im Alltag.......................................................... 24 Kunst ................................................................................................................... 29 3.1 3.2 3.3 Kunst, Kreativität und Behinderung ............................................................... 29 Zusammenspiel von Kunst und Pädagogik in der Behindertenhilfe ............... 34 Freizeitbeschäftigung und Inklusiver Möglichkeitsraum der Kunst ................ 40 4 Darstellung des Projekts ...................................................................................... 47 4.1 4.2 Darstellung der Einrichtung........................................................................... 47 Darstellung der Zielgruppe............................................................................ 48 Geistige Behinderung ............................................................................ 48 Teilnehmer des Kunstprojets ................................................................. 51 4.2.1 4.2.2 4.3 Inklusionsprojekt „Wer bin ich“ ...................................................................... 54 Erste Schritte ......................................................................................... 54 Themenwahl „Wer bin ich“ und Modelvorstellung des Projekts ....... 55 Ziele ............................................................................................... 57 Materialauswahl und Raumgestaltung ............................................ 58 Die Bedeutung des Anleiters .......................................................... 60 4.3.1 4.3.2 4.4 Wahl der Methoden für die Erhebung der Evaluation ............................. 62 Kunstprojekt - Durchführung am 09.06.2015................................................. 68 Aufbau ................................................................................................... 68 Ablauf .................................................................................................... 68 4.4.1 4.4.2 5 Auswertung und Analyse ..................................................................................... 71 5.1 Ausgangssituation der Teilnehmer ................................................................ 71 3

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5.1.1 Kenntnisse der Teilnehmer über Migranten oder Ausländer/ Menschen mit geistiger Behinderung .................................................................................... 72 5.1.2 5.1.3 5.2 Diskriminierung ...................................................................................... 73 Wünsche und Erwartungen.................................................................... 74 Auswertung des Projekts .............................................................................. 76 Umsetzung der Hypothesen .................................................................. 76 Hypothese: Um Inklusion zu erreichen, eignet sich besonders der künstlerische Kontakt (vgl. Kap. 2.1). Überprüfung anhand der drei Kontakthypothesen........................................................................................... 77 Hypothese: Kunstprojekte helfen, eine Sensibilität für neue Formen der Ausgrenzung und soziale Prozesse der Herstellung von Behinderung zu entdecken (vgl. Kap. 2.2).................................................................................. 85 Hypothese: Kunstprojekte sind Wegbereiter und Hilfestellung im Paradigmenwechsel der Inklusion (vgl. 2.3). .................................................... 86 Hypothese: Um Inklusion zu erreichen, muss nicht nur der Mensch mit Behinderung, sondern alle Menschen in der Gesellschaft gefördert werden (vgl. Kap.1). ...................................................................................................... 87 Hypothese: Um Inklusion zu erreichen, muss es zu einer „Politik der Wahrnehmung“ kommen (vgl. Kap. 2.1). .......................................................... 90 5.2.1 6 7 8 9 Fazit..................................................................................................................... 91 Abbildungsverzeichnis ......................................................................................... 97 Literaturverzeichnis .............................................................................................. 99 Selbstständigkeitserklärung ............................................................................... 109 Anhang 1: Materialliste ............................................................................................. 111 Anhang 2: Ablaufplan für den 09.06.2015 ................................................................. 112 Anhang 3: Beobachtungsprotokoll ............................................................................ 113 Anhang 4: Fragebogen für die Menschen mit Behinderung ...................................... 126 Anhang 5: Fragenbogen für die Frauen aus dem interkulturellen Frauencafé ........... 130 Anhang 6: Abschlussbemerkung der FiF .................................................................. 134 4

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1 EINLEITUNG „Jeder Mensch ist ein Künstler“ -Beuys zit. n. Stachelhaus 1987, S. 85 Die vielzitierte Aussage von Joseph Beuys meint weniger, dass jeder Mensch Kunstwerke schaffen kann. Viel mehr bezieht sich diese Aussage auf seinen ‚erweiterten Kunstbegriff‘ und meint damit: „Jedes Individuum kann sich gemäß seiner Fähigkeiten an der kreativen Gestaltung der Welt beteiligen“ (Wall 2015, S. 124). Beuys hat die Kunst nicht revolutioniert, aber er hat sie maßgeblich beeinflusst und steht deshalb stellvertretend für ein vielschichtiges Verständnis von Kunst. Auch wenn er die konventionellen Institutionen der Kunst nicht vollkommen verließ, steht er heute doch vor allem für Begriffe wie „erweiterter Kunstbegriff“ und „soziale Plastik“, die weniger Kunst als Erschaffung von Werken definieren, sondern mehr als grundsätzliche Auseinandersetzung (mit sich selbst) in der Gesellschaft, als schöpferisches Wirken in der Welt (vgl. Wall 2015, S. 120 ff.). Nicht abgetrennt von, sondern innerhalb der Wirklichkeit. „Kunst ist Wirklichkeitsgestaltung, ja mehr noch, Kunst wird die Wirklichkeit“ (Wall 2015, S. 22). Sie besteht in diesem Sinne im Wesentlichen aus „geistigem und rhetorischen Material“ (Gronau 2007, S. 43). Ein solches Kunstverständnis legitimiert rückwirkend Alice Salomons Verwendung des Begriffs Kunst in ihrem Lehrbuch ‚Soziale Diagnose‘ von 1927, dort spricht die Wegbereiterin der Sozialen Arbeit von einer „Kunst der Menschenbehandlung“ und der „Kunst zu helfen“ (Burgheim 1994 zit. n. Limbrunner 2004, S. 281-282). Man könnte noch viel über den ‚entgrenzten Kunstbegriff‘ von Joseph Beuys schreiben, dies würde aber den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Er wurde hier kurz umrissen, da er einer der Grundsteine dieser Arbeit ist. Erst eine solche Erweiterung des Grundverständnisses von Kunst hat die heutigen kunsttherapeutischen und -pädagogischen Ansätze ermöglicht. 5

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Der „Auftrag und das Selbstverständnis“ der Sozialen Arbeit/ Sozialpädagogik sei die Hilfe und Unterstützung schwächerer und benachteiligter Personen und Gruppen und die „Vermeidung und Bewältigung“ ihrer sozialen Probleme (vgl. Mühlum 2011, S. 773). Weiter führt Mühlum aus, dass durch die „Minderung sozialer Probleme und Förderung sozialer Teilhabe“ die „Leitidee der Sozialen Arbeit“, die „soziale Gerechtigkeit“ gefördert werde. Das bedeute „nicht nur ein Mindestmaß an Mitteln zur Bedürfnisbefriedigung, sondern angemessen Anteil an Gütern und Chancen für jede/n“ bereitzustellen (vgl. Mühlum 2011, S. 776). Damit geht Mühlum auch auf ein Grundanliegen der Inklusion ein, die soziale Gerechtigkeit. Doch was benötigt man genau bei der Umsetzung von Inklusion, der Vermeidung sowie Bewältigung sozialer Probleme und der Förderung sozialer Gerechtigkeit. Reicht es, wenn man Inklusion realisieren will, bei Randgruppen anzusetzen? Ist es nicht ebenso ein wesentlicher Teil, mit den Menschen zu arbeiten, die durch bewussten oder unbewussten Ausschluss zur Existenz von Randgruppen beitragen? Die erste Hypothese dieser Arbeit wäre, um eine erfolgreiche Inklusion zu erreichen, muss sowohl bei der Randgruppe in diesem Fall Menschen mit Behinderung - als auch in der Mitte der Gesellschaft angesetzt werden. Beuys Verständnis von Kunst liefert die Begründung dafür, dass in dieser Arbeit, als ein Mittel zur Umsetzung von Inklusion im obigen Sinne, auf Kunst zurückgegriffen wird. So sieht er Kunst auch als eine ‚Welttherapie‘, denn die zweifache Aufgabe lautet „Therapie des Menschen und Therapie der Welt.“ Damit ist gemeint, dass Kunst ein Verständnis über „anthropolo gische Verfasstheit“ geben und dieses Verständnis dazu genutzt werden soll, „die Welt zum Bessern [zu] gestalten“ (vgl. Wall 2015, S. 122). Zudem wird die Auffassung von Ganss geteilt, dass Kunst und ihre Wirkung zwangsläufig und seit jeher innerhalb der Gesellschaft verortet ist. „Kunst vollzieht sich immer in einem gesellschaftlichen Kontext und wirkt in diesem. Somit hatte Kunst, wenn auch in einem unterschiedlichen Verständnis, im Verlauf der Geschichte bis heute eine soziale Dimension“ (Ganss 2009, S. 69). Auch meine eigene Erfahrung, mit der Wirkung von Kunst, hat mich beeinflusst, diese als geeignetes Medium für mein Ziel der Inklusion zu wählen. In einem 6

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einjährigen Malprojekt mit einem 65-jährigen Mann habe ich gelernt, wie künstlerische Tätigkeit, die Entwicklung von Menschen mit Behinderung fördern kann. Dies sollte meinen Erfahrungen nach in ganz freilassender Weise geschehen, ohne ein rigides Ziel. Die Kraft künstlerischen Tuns wirken lassen, mit der vollen Akzeptanz des Menschen in seinem aktuellen Zustand. Durch die wöchentliche Förderung des Mannes, konnte ich miterleben, wie dieser durch die Kunst über sich hinaus wuchs, persönlich sowie künstlerisch. Zunächst fiel ihm der Einsatz von mehreren Farben auf einem Bild ohne Vorgaben schwer. Doch mit der Zeit lernte er einen spielerischen Umgang mit den drei Grundfarben. Mit dieser Entwicklung fing er auch an in seinem eigenen Leben Fortschritte zu machen, zum Beispiel erweiterten sich seine Kommunikationsformen und es verringerten sich seine Wutanfälle. Das erleichterte ihm soziale Kontakte aufzubauen und Beziehungen zu führen. Im Studium der Sozialen Arbeit lernt man verschiedene Teilbereiche kennen, die im ersten Moment wenig miteinander zu tun haben, wie Recht, Medizin und Psychologie. Mit der Zeit erkennt man, dass die eigene Person in der Funktion des Sozial Arbeiters die Verbindung der vielen einzelnen Teilgebiete ist. Man erhält einen Überblick über eine Vielzahl von Gebieten und hilft damit den Menschen, die diese Verknüpfungen nicht bewerkstelligen können. Genauso erscheint es auch, wenn man einen ersten Blick auf die vorliegende Arbeit wirft. Sie besteht zunächst einmal aus mehreren Teilgebieten, bei denen man nicht schnell den direkten Zusammenhang erkennt, nämlich Kunst in Verbindung mit Inklusion und Behinderung. Die Begriffe Behinderung und Inklusion zu kombinieren, wird den Meisten wahrscheinlich leicht fallen. Aber wie passt Kunst in diesen Zusammenhang? Durch die aktuellen Entwicklungen, in den verschiedenen Bereichen, die zeitlich noch nicht weit zurück liegen oder gerade sogar noch ganz aktuell sind, kann Kunst als „Möglichkeitsraum“ (Jäger und Kuckhermann 2004a, S. 53) für inklusive Begegnungen gesehen werden. Ein inklusives Kunstprojekt soll dazu beitragen, ein besseres Verständnis der Bedeutung von Inklusion in der Gesellschaft zu vermitteln, unter anderem durch das gemeinsame Praktizieren von Kunst und der Anerkennung durch die künstlerischen Ergebnisse. Zudem soll herausgearbeitet werden, warum und weshalb man Menschen durch inklusive Kunstprojekte helfen kann, sich von 7

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anerzogenen Vorurteilen zu lösen und wieso sowohl die Pädagogik, als auch die qualifizierte Anleitung hinter dem inklusiven Kunstprojekt dabei eine wichtige Rolle spielen. In dieser Arbeit verwende ich nicht die üblichen Begriffe Autor, Verfasser oder wir, wie es sonst angewandt wird, um eine Distanz zur Arbeit zu bekommen. Kunst und die Wahrnehmung von Kunst ist sehr subjektiv. Insbesondere die eigene Einstellung zu diesem Gebiet spielt eine große Rolle. Da ich in einigen Kapiteln meine Erfahrungen oder eigenen Handlungen beschreibe, möchte ich gern auf die distanzierenden Bezeichnungen verzichten. Im Theorieteil werde ich eine objektivere Schreibweise anstreben. Aus Gründen der Lesbarkeit werde ich außerdem nur von der männlichen Sprachform Gebrauch gemachen. Dies bezieht selbstverständlich die weibliche Form mit ein. 8

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2 INKLUSION 2.1 EINE SICHTWEISE AUF DEN ‚MENSCHEN MIT BEHINDERUNG1‘ „Nehmen Sie die Menschen, wie sie sind, andere gibt’s nicht.“ -Konrad Adenauer zit. n. Integrationsprojekte e.V. Als behindert gelten nach dem §2 (1) des neunten Sozialgesetzbuch (SGB IX) diejenigen Menschen, deren „körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist“ (Stascheit 2015, S. 1369). Dieser Paragraph ist Grundlage für die in dieser Arbeit definierte Personengruppe. Er beinhaltet sowohl medizinische (erster Teilsatz) als auch soziale (zweiter Teilsatz) Faktoren und Folgen. Generell wird bei medizinischen Definitionen eher der „körperliche oder geistige Defekt“ thematisi ert und infolge dessen „fehlende Funktionen oder Fehlfunktionen“. Die sozialen Definitionen sehen Behinderung eher als „gesellschaftlich hergestelltes Phänomen“ (vgl. Schillmeier 2007, S. 79). Um ein umfassenderes Bild von der Definition ‚Behinderung‘ zu bekommen, werden auch weitere Ansätze und Sichtweisen in Betracht gezogen. Die soziologisch-interaktionistische Sichtweise weist zusätzlich darauf hin, dass ein Mensch erst dann als behindert gilt, „wenn erstens eine unerwünschte Abweichung von wie auch immer definierten Erwartungen vorliegt und wenn zweitens deshalb die soziale Reaktion auf ihn negativ ist“ (Cloerkes 2007, S. 8). Damit werden die im Gesetzbuch knapp gefassten 1 Wenn in dieser Arbeit von Menschen mit Behinderung gesprochen wird, bezieht sich dies sowohl auf Menschen mit körperlicher als auch geistiger Behinderung. Auf Menschen mit seelischer Behinderung lässt sich vieles, aber nicht alles übertragen. Sollte sich eine Aussage nur auf eine explizite Form der Behinderung beziehen, wird an den entsprechenden Stellen darauf hingewiesen. 9

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sozialen Faktoren und Folgen differenzierter beschrieben. Auch Michl, Kannonier-Finster und Ziegler vertreten eine weiter gefasste Definitionen von Behinderung. Es würde oft vergessen werden, dass Behinderung ein kulturabhängiges, subjektives Konstrukt sei. Behinderung würde sich nur aus dem Mittelwert einer Gesellschaft ergeben. Nichtbehindert sei derjenige der den Mittelwert einer Gesellschaft erfülle, behindert derjenige der sich in den äußeren Gebieten der Normalkurve befinde (vgl. Michl 1999, S. 206–207; vgl. KannonierFinster und Ziegler 2010, S. 46). Das entspricht auch dem Bild, der im folgenden Kapitel diskutierten, UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK). „Lange Zeit wurde Behinderung als Problem des Einzelnen betrachtet. Die UN- Behindertenrechtskonvention etabliert einen veränderten Blick auf Behinderung: Nicht die Menschen mit Beeinträchtigungen sind behindert, sie werden – durch Barrieren in der Umwelt – behindert. Dieser neue Behinderungsbegriff setzt einen gesellschaftspolitischen Impuls, Behinderung anders zu denken und bei der zukünftigen Fortentwicklung des Rechts und in der gesellschaftlichen Praxis zu beachten“ (Hirschberg 2011, S. 1). Aus den zuletzt genannten Definitionen ergibt sich ein erweitertes Verständnis von Behinderung. Es werden soziale und umweltbezogene Faktoren berücksichtigt, aber nicht ohne weiterhin die grundlegende Beeinträchtigung als Ausgangspunkt zu nehmen (vgl. Wohlgensinger 2014, S. 67). Fasst man die Auffassungen über Behinderung zusammen, ergibt sich ein Verständnis von Behinderung als subjektives Konstrukt, das durch Barrieren in der Umwelt, aber auch durch direkte Erwartungshaltungen Einzelner oder der Gesamtgesellschaft entsteht. So wird schlussendlich die von Markowetz vorgeschlagene behindertensoziologische Arbeitsdefinition von geistiger Behinderung berücksichtigt: „Im soziologisch engeren und eigentlichen Sinne ist der Mensch erst dann behindert, wenn eine unerwünschte Abweichung vorliegt, die soziale Reaktion auf ihn entschieden negativ und deshalb seine Partizipationsmöglichkeiten am gesellschaftlichsozialen Leben nachhaltig beschränkt werden und desintegrative, aussondernde Maßnahmen die Institutionalisierung von Behinderung auf den Plan ruft“ (Markowetz 2006, S. 145). Bei all diesen Definitionsversuchen ist zu bemerken, dass „eine Kategorisierung und verstehende Annäherung an das ‚Phänomen geistige Behinderung‘ sowie den betreffenden Personenkreis von Menschen mit 10

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Behinderung [...] nur über eine sensible Erforschung des Subjektiven erfolgen“ kann (Schuppener 2005, S. 31). Schlussendlich kann keine Definition und Klassifikation dem Wesen von Menschen mit Behinderung gerecht werden. Die Behinderung ist ein Teil seines Wesens und seiner Lebenswirklichkeit (vgl. Fornefeld 2009, S. 116-117). Behinderung ist damit eine „Seinsform des Menschen“ (Fornefeld 2009, S. 118)! Aus dieser Definition ergibt sich, in Bezug auf die Inklusion von Menschen mit Behinderung für die Politik und die Gesellschaft ein Auftrag. Um Inklusion zu erreichen, muss die Behindertenpolitik eine „Politik der Wahrnehmung“ (Kannonier-Finster und Ziegler 2010, S. 46) einschließen. Also die Wahrnehmung von sichtbaren und unsichtbaren Barrieren, sowie von den geeigneten Hilfemaßnahmen und -stellungen und die Wahrnehmung der Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung um ihre Gleichberechtigung sicherzustellen. Zudem ist es aber auch wichtig, den ganzen Menschen wahrzunehmen. Auch wenn das utopische Ziel erreicht wäre und es keine Barrieren mehr gäbe, wäre der Mensch mit Behinderung dennoch ein Individuum mit Beeinträchtigungen, das Anerkennung und Wertschätzung erfahren will und nicht einfach nur Barrierefreiheit. Das Grundinteresse im Falle der Inklusion und der UN-BRK ist, allen Menschen, die gleichen Rechte zuzugestehen. Und obwohl dies in unserem deutschen Grundgesetz (GG) mit dem Artikel 32 festgeschrieben ist, ist es dennoch eine Tatsache, dass noch lange nicht alle Menschen mit dem gleichen Rechtsanspruch ihr Leben führen können. Gerade die Gruppe von Menschen mit Behinderung ist in der Umsetzung ihrer Menschenrechte besonders gefährdet (vgl. Wohlgensinger 2014, S. 14). So können Behinderung oder Behinderte als „soziales Problem“ (Cloerkes 2007, S. 18) gesehen werden, wenn sie durch negative Reaktionen und Abweichung von der Norm definiert werden. Die Feststellung das Menschen mit Behinderung ein soziales Problem seien, ist nach Cloerkes nicht abwertend gemeint, sondern 2 Art. 3 (1) GG „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“ (Stascheit 2015, S 16) . 11

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eine empirische Realität. Das wird zum Beispiel im sozialpolitischen Konzept klar, denn Sozialleistungen und Versorgungssysteme werden als Nachteilsausgleich für Menschen mit Behinderung bereitgestellt (vgl. Waldschmidt und Schneider 2007, S. 9). Allein das Wort ‚Nachteilsausgleich‘ weis darauf hin, dass Behinderung auf politischer Ebene als soziales Problem und nicht als Gegebenheit gesehen wird. Dabei geht es nicht darum, diese Versorgung in Frage zu stellen, sondern nur den Blickwinkel. Nicht nur die offiziellen Begriffe die sich auf ein Defizit der Menschen mit Behinderung beziehen - wie Nachteilsausgleich, Sonderpädagogik, Rehabilitation, etc. - sondern gerade auch die sich nach wie vor in der Umgangssprache hartnäckig haltenden Sätze und Schimpfwörter wie „das ist ja behindert“ oder „Spasti“, weisen darauf hin, dass Behinderung als soziale Problem in der Gesellschaft besteht. Für die erlernten, negativen Bewertungen eines Menschen mit Behinderung sind nach Cloerkes, drei Aspekte verantwortlich: 1) Sozialisationsinhalte: Durch sie wird die „kulturelle und soziale Wirklichkeit vermittelt“, und damit auch die Einstellung und Bewertung. Jedes Kind liebt Märchen, doch was sie unterschwellig suggerieren ist, dass schöne Menschen gut und hässliche böse sind. 2) Sozialisationspraktiken: Gesundheit wird in der Gesellschaft oft als Ideal etabliert. In der Erziehung wird Krankheit (Behinderung) immer wieder als Druckmittel eingesetzt. Dadurch wird eine Verbindung von Krankheit (Behinderung) als ‚Strafe‘ oder ‚Schuld‘ hergestellt. Angedroht. Zum Beispiel durch Sätze wie: „Du wirst dich noch erkälten, wenn du weiter barfuß herumläufst!“, „Wenn du soviele Bonbons ißt, fallen dir die Zähne aus!“ 3) Die ersten beiden Aspekte verinnerlichen sich in der frühen Kindheit und ein Verständnis von Behinderung „als [A]bweich[ung] von der Norm [wird] später kontinuierlich verstärkt“. Wirksam werden dabei gerade die Medien. In der W erbung findet man nur noch den ‚Idealmensch‘ und in Kinofilmen ist immer die missgestaltete Person der Böse. Das heißt, durch die Abweichung vom Schönheitsideal und eine unreflektierte Gleichstellung von Krankheit und Behinderung, kann so eine ablehnende ‚soziale 12

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Reaktion‘ auf Menschen mit Behinderung begünstigt werden (vgl. Cloerkes 2007, S. 114). Wie sich die negative Reaktion und Einstellung gegenüber Menschen mit Behinderung im Erwachsenenalter weiter verfestigt, wird durch das Modell von Cloerkes „Angst, Schuldgefühle und soziale Reaktion auf Behinderte“ erk lärt. Dies baut auf das, in der Kindheit erworbene, negative Bild von Menschen mit Behinderung auf und wird vor allem durch kurze unbeabsichtigte Begegnungen mit Menschen mit Behinderung im Alltag ausgelöst. Es zeigt, wie sich die negative Reaktion aufrechthält. Abbildung 1: „Angst, Schuldgefühle und soziale Reaktion auf Behinderte“ (Cloerkes 2007, S. 118) Tatsache der Behinderung Unsicherheit bzw. unspezifische Angst Ablehnende soziale Reaktion Vorübergehende Stabilisierung. Gleichzeitig aber Schuldgefühle und Schuldangst Versuch der Entlastung durch Projektion von Schuld auf den Behinderten Die durch die Tatsache der Behinderung entstandene Unsicherheit, äußert sich in einer ablehnenden sozialen Reaktion. Diese negative soziale Reaktion löst Schuldgefühle aus, die man versucht durch Projektion auf den Menschen mit Behinderung zu mindern, indem zum eigenen Selbstschutz auf Vorurteile zurückgegriffen wird. Allerdings löst die Projektion auf die Menschen mit Behinderung erneute Schuldgefühle aus, so dass sich Vorurteile durch eine Art Kreislauf immer weiter festsetzen (vgl. Cloerkes 2007, S. 117 ff.). Diese durch den Sozialisationsprozess erlernten Verhaltensmuster sind es, die uns daran hindern den Menschen mit Behinderung, ohne negative Emotionen wahrzunehmen. Cloerkes bestätigt dies: Das Verhalten gegenüber Menschen mit Behinderung sei vorgegeben, denn es entziehe sich je nach „verhaltensrelevanten Aspekten“ der rationalen Kontrolle (vgl. Cloerkes 2007, S. 107). Zudem wirken auf nichtbehinderte Menschen die Aspekte Auffälligkeit der Behinderung, funktionale Beeinträchtigung kommunikativer Fähigkeiten und 13

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zugeschriebene Verantwortung beeinflussend auf die Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung (vgl. Cloerkes 2007, S. 107). Die soziale Reaktion besteht also darin, dass wir bewerten und ohne dass wir es wollen, diskriminieren wir dadurch. Diese menschliche Eigenschaft, alles bewerten und eingliedern zu wollen, hält uns davon ab, Chancen und Möglichkeiten wahrzunehmen. So wird den Menschen mit Behinderung oftmals, schon durch diese erste Bewertung, ihre Leistung in der Gesellschaft abgesprochen. Zu Cloerkes Annahme, dass die soziale Reaktion emotionsgesteuert und individuell bedingt ist, lässt sich mit Waldschmidt und Schneider noch eine weitere Begründung, für die Abwertung von Menschen mit Behinderung anführen. Nach diesen wird ein ‚Abweichungstatbestand‘ benötigt, um im Gegensatz dazu ‚Normalität‘ herstellen zu können (vgl. Waldschmidt und Schneider 2007, S. 10). Diese Einordnung brauchen wir Menschen, um nicht von dem Gefühl überwältigt zu werden, unangenehm aufzufallen. Wie kann man nun also trotzdem die Sichtweise beziehungsweise die negative soziale Reaktion auf Menschen mit Behinderung ändern? Welche Möglichkeiten gibt es, sich von sozial erlernten Denkmustern loszulösen und die Menschen vorurteilsfrei zu begegnen, damit Inklusion überhaupt entstehen kann? Cloerkes erwähnt bei seinen Strategien zur Reduktion von Vorurteilen unter anderem den Kontakt (Cloerkes 2007, S. 136). Auch laut Wright und Wilhelm wird Kontakt zu Menschen mit Behinderung, als die wesentliche Komponente für die Qualität der Einstellung gegenüber von Nichtbehinderten gesehen (Wright, Beatrice Ann Posner 1983, S. 470ff). „Während wir mit [Menschen mit Behinderung] umgehen, revidieren und erweitern wir Vorurteile. Dieses bereichert uns, wenn nach einem phantasievollen Prozeß eine neue, überraschende Form entsteht, die aus der gemeinsamen Arbeit entstanden ist“ (Wilhelm 2004, S. 105). Wilhelm führt damit die Qualität von Kontakt einen Schritt weiter, indem er Kontakt als eine Begegnung mit dem Gegenüber sieht, die auf einer gemeinsamen (künstlerischen) Handlung basiert. Somit ergeben sich durch Kontakt, wie auch durch die Soziale Kulturarbeit nach Lützenkirchen, „Begegnungsmöglichkeiten[, die] Menschen zusammen [führen]“ (Lützenkirchen et al. 2011, S. 22). 14

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