Mensch und Mund 3_2015

 

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Zahnerosionen

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4. Jahrgang · Ausgabe 3/2015 Mensch & Mund Ganzheitliche ZahnMedizin für interessierte Patienten Erosionen: Wenn der Zahnschmelz dünner wird 1 Bildquelle: Wikipedia, Vajolettürme in den Dolomiten von Westen Foto: Svíčková

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Mensch & Mund Zahnerosion: Wenn der Zahnschmelz dünner wird Dass Süßigkeiten riskant für die Zahngesundheit sind, ist allgemein bekannt. Aber dass gerade auch gesundes Essen – Obst, Salate, Säfte – ein Risiko für den Zahnschmelz darstellt, mag auf den ersten Blick überraschen. Umso wichtiger: gesundes Essen und richtige Zahnpflege sinnvoll kombinieren. W 2 er auf seine Gesundheit achtet, achtet auf gesunde Ernährung. Doch vieles, was dem Körper insgesamt nützt, kann den Zahnschmelz belasten. Der Knackpunkt sind Säuren, die z. B. in Obst, Säften oder Salatdressings enthalten sind. Aber auch körpereigene Säuren können in bestimmten Situationen den Zahnschmelz schädigen. Dann spricht man von Zahnerosion. Zahnerosion beschreibt einen Angriff von Säuren auf den Zahnschmelz. Im Anfangsstadium bleiben Zahnerosionen meistens unbemerkt – erst wenn der Zahnschmelz schon stärker geschädigt ist, wird die Lage auffällig: Dann können Zähne temperaturempfindlich werden, und wenn der Zahnschmelz erst so dünn geworden ist, dass das Zahnbein durchschimmert, scheint sich der Zahn zu verfärben. Ein Problem für Gesundheitsbewusste Ausgerechnet Menschen, die sich bewusst um ihre Gesundheit kümmern, haben ein erhöhtes Risiko von Zahnerosion. Denn zum gesunden Essen gehören bekanntermaßen viel Obst, Fruchtsäfte, Salate mit Essig und Öl oder auch isotonische Getränke beim Sport. Diese Lebensmittel enthalten aber relativ viel Säure – und die greift den Zahnschmelz an. Systemische Orale Medizin · 4. Jahrgang 3/2015 Bildquelle: Wikipedia

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Mensch Mensch & & Mund Mund Häufiger, als man meint Eine Schweizer Studie aus dem Jahr 1991 zeigte, dass dort rund ein Drittel der 26bis 30-Jährigen und fast die Hälfte der 45- bis 50-Jährigen von Zahnerosionen betroffen war. Eine weitere Studie aus dem Jahr 2004 zeigte, dass alle (!) untersuchten Kinder zwischen 5 und 9 Jahren Erosionen am Milchgebiss aufwiesen – 14% sogar an den bleibenden Zähnen. Das sind hohe Werte, die zeigen, wie wichtig es ist, dieser Situation bewusst zu begegnen. Die gute Nachricht: Sie können Zahnerosion vermeiden! Zum Glück können Sie in vier wichtigen Bereichen selbst viel tun, damit es gar nicht erst so weit kommt. Das ist einfach – und manchmal überraschend. Risikofaktoren für Zahnerosion Säuren von außen:  Säurehaltige Getränke: Cola/Softdrinks, Säfte, isotonische Getränke, Früchtetee, Eistee, Wein  Säurehaltige Nahrungsmittel: Obst (vor allem Zitronen, Orangen, Grapefruit), Salatsaucen mit Essig, saure Süßigkeiten  Arznei- und Nahrungsergänzungsmittel: Acetylsalicylsäure (Aspirin), Vitamin C, Eisenpräparate. Körpereigene Säuren:  Magensäure: Refluxkrankheit (Sodbrennen)  Chronisches Erbrechen (Nebenwirkung von Medikamenten, Bulimie, Magersucht)  Alkoholkrankheit Speichelmangel:  Bei regelmäßiger Medikamenteneinnahme (Psychopharmaka, Anticholinergika, Antihistaminika, Antiemetika, Parkinsonpräparate)  Sjögren-Syndrom  Bestrahlungen im Kopf-HalsBereich Zähneputzen: bitte nicht im falschen Moment Wenn Sie Ihre Zähne gerne und oft putzen, weil Sie wissen, dass das eine gute Vorsorge gegen Karies ist, haben Sie recht. Machen Sie bitte unbedingt weiter! Aber achten Sie bitte auch darauf, dass Sie Ihre Zähne nicht ausgerechnet dann putzen, wenn Sie vorher säurehaltiges Essen oder Trinken zu sich genommen haben. Das heißt: Nach einem Glas Orangensaft oder trockenem Weißwein bitte eine halbe Stunde keine Zahnbürste benutzen. Erst recht gilt das nach Erbrechen – der Zahnschmelz wird durch die Magensäure angegriffen, und sofortiges Bürsten kann dazu führen, dass er abgetragen wird. Das sollten Sie unbedingt vermeiden – ebenso wie abrasive Zahncremes (für besonders weiße Zähne). Außerdem ist es ratsam, einmal in der Woche eine stark fluorhaltige Zahncreme oder -gel zu verwenden. Am besten besprechen Sie mit Ihrer Zahnärztin oder Ihrem Zahnarzt, welche Zahnputztechniken und -gelegenheiten am besten zu Ihrem Lebensstil und Ernährungsverhalten passen. Wie kommt die Säure an den Zahn? Grundsätzlich können die Säuren im Mund von außen zugeführt oder endogen (körpereigen) sein. Verschärft wird die Lage, wenn obendrein zu wenig Speichel vorhanden ist – denn der Speichel hat u. a. die positive Eigenschaft, aus dem Zahnschmelz bereits herausgelöste Mineralien (z. B. Kalzium und Phosphat) wieder in den Zahnschmelz einzubetten. Damit diese sogenannte Remineralisierung gut funktioniert, braucht es ausreichend Speichelfluss – und der kann bei bestimmten Krankheitsbildern oder als Nebenwirkung einiger Medikamente gestört sein. Dann können die Säuren ungehindert angreifen. Zahnerosion ist keine Karies Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Zahnerosionen und Karies, denn Karies entsteht aufgrund von Bakterien, die den Zahnschmelz schädigen, sich auf der Zahnoberfläche ansiedeln und die Zahnhygiene zusätzlich erschweren. In der Folge entstehen Löcher im Zahn (Läsionen). Die Zahnerosion wird demgegenüber durch Säuren hervorgerufen, die den gesamten Zahnschmelz angreifen, indem sie die Mineralien herauslösen. Ohne Gegenmaßnahmen wird der Zahnschmelz immer dünner – und ist er einmal ganz weg, lässt er sich auch nicht wieder aufbauen. Ernährung: Säuren lassen sich neutralisieren Je weniger Säuren an den Zahnschmelz gelangen, umso besser für Ihre Zähne. Also entweder die Zufuhr von Säuren reduzieren oder die Säuren mit basischen Lebensmitteln abpuffern. Das heißt z. B., dass im Hinblick auf die Zahngesundheit eine große Obstmahl- zeit pro Tag besser ist als mehrere kleine, und Obst mit Joghurt ist besser als Obst pur (das Kalzium im Joghurt wirkt der Obstsäure entgegen). Verzichten Sie auf säurehaltige Limonaden und trinken Sie weniger isotonische Getränke oder Fruchtsäfte. Grüner und vor allem schwarzer Tee sind auch in Sachen Säurepuffer eine sehr gute Alternative. Weintrinker wird es übrigens freuen zu hören, dass Käse zum Wein die Weinsäure abschwächt. Aber selbst den Mund mit Wasser oder Milch auszuspülen hilft schon. Für unterwegs sind extra zahnfreundliche Kaugummis eine gute Methode, die Säure im Mund unter Kontrolle zu halten. Systemische Orale Medizin · 4. Jahrgang 3/2015 3

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Mensch & Mund Speichel: vielfältige Schutzwirkung für Ihre Zähne Wenn Sie oft einen trockenen Mund haben, versuchen Sie, Ihren Speichelfluss zu stimulieren. Das ist wichtig, weil Speichel Säuren im Mundraum neutralisieren und verdünnen kann; außerdem kann er bereits angegriffenem Zahnschmelz die säurebedingt verlorengegangenen Mineralien in begrenztem Umfang wiedergeben. Jeder Mensch hat eine individuelle Speichelmenge und Speichelzusammensetzung. Auch hier lohnt es sich, mit Ihrer Zahnärztin oder Ihrem Zahnarzt zu sprechen, damit Sie wissen, ob Sie hierauf besonders achten sollten und was Sie gegen Mundtrockenheit tun können. Essstörungen: Behandeln Sie die eigentlichen Ursachen Menschen mit Magen-Darm-Erkrankungen oder Essstörungen tragen ein besonders hohes Risiko für Zahnerosionen. Wenn Sie sich oft übergeben, gelangt die hoch aggressive Magensäure an Ihre Zähne und kann dort den Zahnschmelz schädigen. Auch wenn Sie dann das Bedürfnis haben, sich gleich anschließend die Zähne zu putzen – tun Sie es Ihrem Zahnschmelz zuliebe nicht. Spülen Sie stattdessen Ihren Mund mit einer fluoridhaltigen Zahnspülung oder einfach mit Wasser aus. Haben Sie bitte keine Scheu, darüber auch mit Ihrer Zahnärztin oder Ihrem Zahnarzt zu sprechen; sie oder er können Ihnen auch hoch wirksame FluoridProdukte empfehlen, die Ihre Zähne widerstandsfähig machen. Darüber hinaus werden Sie sicher von geeigneten Therapieangeboten oder Selbsthilfegruppen profitieren. Prävention lohnt sich! Zusammenfassend lässt sich sagen: Sie selbst haben optimale Möglichkeiten, durch richtiges Verhalten und angemessene Lebensführung erfolgreich und wirksam Vorsorge gegen Zahnerosionen zu betreiben. Und wann immer Sie Fragen haben oder mehr zu diesem Thema wissen möchten, sprechen Sie mit Ihrer Zahnärztin oder Ihrem Zahnarzt. Ihre Zähne werden es Ihnen danken. GZM – Sicherheit durch gezielte Qualitätsorientierung Die Internationale Gesellschaft für Ganzheitliche ZahnMedizin (GZM) fördert die Kooperation zwischen ZahnMedizin und Medizin und setzt sich stark für die Realisierung regionaler Netzwerke ein. Dazu organisiert und veranstaltet die GZM regelmäßig internationale Symposien und Kongresse. Die GZM fördert intensiv die Erforschung ergänzender Diagnose- und Therapiekonzepte und arbeitet aktiv daran mit. Qualifizierte Mitglieder der GZM haben eine umfangreiche Weiterbildung in verschiedenen Diagnose- und Therapieverfahren absolviert und sich einer Prüfung unterzogen. Eine Liste der Qualifizierten GZM-Mitglieder nach PLZ-Bereichen finden Sie im Internet unter www.gzm.org Wenn Sie 2,80 € in Briefmarken an die Geschäftsstelle schicken, erhalten Sie die Liste gerne auch per Post zugesandt. Dort sind auch weitere Broschüren zu verschiedenen Themen sowie Infopakete erhältlich. Bitte schreiben Sie an: Internationale Gesellschaft für Ganzheitliche ZahnMedizin e.V. Kloppenheimer Str. 10 68239 Mannheim Tel.: +49 (0)621 48179730 Fax: +49 (0)621 473949 E-Mail: gzm@gzm.org www.gzm.org 4 Systemische Orale Medizin · 4. Jahrgang 3/2015

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MenschBuchtipp & Mund Silvia Bovenschen Fischer, Taschenbuch ISBN 978-3-596-17532-1 Preis: € 8,95 Älter werden Lesen, aufschauen, nachdenken „Bitte nicht in Stöckelschuhen in das Alter stolpern!“ Mit diesem Appell hat einst der Nestor der deutschen Homöopathie, Willbald Gawlik, seinen letzten Vortrag überschrieben. Es war die Rede eines Achtzigjährigen, in der er manchmal den Finger hob – und mahnte. Nicht ungewöhnlich, wenn Ältere Jüngeren erklären, was sie im Alter erwartet. Dies eingedenk, schlägt man Bücher, die sich übers Älterwerden verbreiten, eher gar nicht oder zumindest gelangweilt, jedenfalls nicht selten skeptisch auf. Man weiß schon, was drin steht – warum also lesen? Und außerdem ist sowieso klar: Alt werden wollen sie alle, aber alt sein nicht. Vor einiger Zeit nun hatte eine Frau den Plan, Essays über das Älterwerden zu schreiben. Das Werk sollte „Einst“ heißen. Dieses Buch ist seit einiger Zeit da. Jedoch: Essays sind es erfreulicherweise nicht geworden, sondern ungezählte Notate, und „einst“ steht nur manchmal in den Texten oder sie beginnen damit. Wer der Autorin das vorwerfen will, soll es tun – immerhin hat er, wenn‘s ihm auffällt, schon mal ein über die Maßen gutes Buch vor sich. Und ja! Eines über das Älterwerden! Und ich wette, dass er‘s häufiger in die Hand nimmt als einen Roman. Womöglich sehr viel häufiger, weil Silvia Bovenschen (Jahrgang 1946) Dinge aufgeschrieben hat, die ihr widerfahren sind. Begebenheiten, an die sie sich erinnert. Weil sie über Lebensabschnitte und Menschen nachdenkt, die ihr zu entgleiten drohen, und sie wissen will, warum das so ist. Weil sie Sachen sagt, die uns alle angehen. Egal, wann wir anfangen, älter zu werden – und es bemerken. „Was tue ich hier?“ fragt sie im Klappentext. „Geht es um die Rettung meines alt gewordenen Ichs? Was habe ich mit dem Lügengespinst meiner erinnerten Ich-Legende zu tun? Bin ich dies und nur das?“ Wenn wir uns denn überhaupt erinnern (wollen), wie unser Leben bisher verlaufen ist, was es ausgemacht hat, und uns fragen (bänglich oder gespannt), wie es wohl weiter gehen wird – die Antworten stehen in diesem schmalen Band. Und ich beneide Frau Bovenschen um die Fähigkeit, die Dinge auszudrücken, wie es sich schickt – nämlich so, dass ich hinhöre, nachlese, aufschaue und bedenke. Und indem ich vom Text weg in mein eigenes Leben sehe, merke ich, dass ich vor einem wohlwollenden Spiegel stehe. Und mir gefällt, dass ich dort keinen dräuenden Zeigefinger wahrnehme, sondern eine weisende, führende (manchmal aber auch ratlose) Hand. Also: Dies ist kein beckmesserndes, wissend-kopfschüttelndes, bedenklich dem Alter entgegen schwadronierendes – auch kein schulterklopfend verbrüderndes Ich-weiß-was-los-ist-Buch. Sondern eines mit 100 Fragen und Unsicherheiten, Ideen, Einsichten, gelebten Irrtümern und Gewissheiten. Also ein irgendwie weises Buch. Willy Kolkhorst Systemische Orale Medizin · 4. Jahrgang 3/2015 5

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Mensch & Mund Arsen belastet häufig Reis Patienten, die etwa aufgrund einer Zöliakie oder einer anderen Erkrankung auf Weizen, Roggen und Gerste verzichten, sollten ihren Speiseplan nicht allein auf der Basis von Reis gestalten. Dies empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungsund Stoffwechselkrankheiten (DGVS) angesichts hoher Arsenwerte in Reis. D as Halbmetall Arsen gilt als krebsauslösend und kann bereits in geringen Mengen zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen und Schädigungen führen. Kürzlich berichtete das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) über die Belastung von Reis mit Arsenverbindungen. Demnach könne Reis ernährungsabhängig „erheblich zur Gesamtaufnahme anorganischer Arsenverbindungen beitragen“. „Es ist wahrscheinlich, dass Menschen, die Arsen-belasteten Reis regelmäßig als Grundnahrungsmittel essen, ein erhöhtes Risiko für bestimmte Krebserkrankungen, wie etwa Lungenkrebs, haben “, sagt DGVS-Sprecher Professor Dr. med. Christian Trautwein von der Uniklinik RWTH Aachen. In Deutschland betreffe dies möglicherweise Patienten, die aufgrund einer Zöliakie, einer Weizenallergie oder Weizen- sensitivität die üblichen Getreidesorten wie Weizen, Gerste oder Roggen nicht essen dürfen. Statt die glutenfreie Diät vornehmlich auf Reis auszurichten, empfiehlt die DGVS den Speiseplan zu variieren. Glücklicherweise gebe es jede Menge Alternativen wie etwa Kartoffeln, Mais, Hirse, Buchweizen, Quinoa, Amaranth oder auch Kichererbsen, so Trautwein. Reis könne – in Maßen konsumiert – Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung bleiben, sollte jedoch nicht die alleinige Basis einer Diät sein. Wer gerne Reis isst, sollte sich – soweit möglich – mit Testberichten auf dem Laufenden halten und auf wenig belastete Produkte zurückgreifen. Denn der Arsengehalt ist sowohl von der Reissorte als auch vom Anbaugebiet abhängig und schwankt stark zwischen den einzelnen Produkten. Zudem sollten Eltern darauf achten, dass ihre Kinder Reisprodukte wie Reiswaffeln, -flocken oder -milch nur in Maßen zu sich nehmen. „Ausgerechnet in diesen Produkten kommen besonders hohe Konzentrationen von anorganischen Arsenverbindungen vor“, so Trautwein. Aufgrund ihres geringen Körpergewichts ist die Belastung für Kinder schon bei der Aufnahme kleinerer Mengen vergleichsweise hoch. Außerdem empfehlen die Experten den Reis so zuzubereiten, dass das Kochwasser anschließend weggegossen wird. „Die Arsenverbindungen gehen auch in die Flüssigkeit über, in der der Reis gekocht wird“, erklärt Trautwein. „Bei Milchreis oder Risottogerichten bleiben diese im Topf “. Symbol der Alchemisten für das Arsen 6 Systemische Orale Medizin · 4. Jahrgang 3/2015 Bildquelle: wikipedia

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Mensch Mensch & & Mund Mund Zellen im Takt – Menschliche Zellen verändern sich im Tagesverlauf Leben unterliegt natürlichen Rhythmen wie beispielsweise dem Tag- Nacht-Rhythmus oder jahreszeitlichen Temperaturschwankungen. Forscher haben nun gezeigt, dass sich auch menschliche Zellmembranen je nach Tageszeit anders zusammensetzen. D Zusammensetzung der Fettsäuren verändert sich mit der Tageszeit Die Forscher untersuchten ein Jahr lang die Mundschleimhautzellen von 20 Testpersonen. Die Analyse der Zellmembranen zeigte klare tageszeitabhängige Rhythmen bei elf verschiedenen Fettsäuren. Einige Fettsäuren waren nachts in höheren Mengen vorhanden, andere eher tagsüber. „Die zellulären Veränderungen haben eines gemeinsam, sie fanden bei allen Personen immer ungefähr zur gleiSystemische Orale Medizin · r e m u s t e r. Bei etwa der Hälfte der Testpersonen gab es zwar jahresperiodische Rhythmen, sie verliefen aber nicht synchron. Bei manchen Testpersonen gab es einen Gipfel im Frühjahr oder Sommer, bei anderen war die gleiche Fettsäure im Herbst oder Winter erhöht. „In westlichen Ländern nimmt der Einfluss der Jahreszeiten auf den Körper tendenziell ab. Grund dafür sind künstliches Licht, das die Tage verlängert und lange Heizperioden, die Temperaturschwankungen mildern. Jahresrhythmen existieren zwar, werden aber nicht mehr mit der Jahreszeit synchronisiert“, so Ruf. 4. Jahrgang 3/2015 7 Bildquelle: © Marie-Lan Nguyen / Wikimedia Commons / CC-BY 2.5 iese zyklischen Veränderungen in den Zellmembranen könnten Gesundheit und Krankheit wesentlich mit beeinflussen. Fettsäuren sind wichtige Bestandteile von Zellmembranen. Sie leiten Signale in die Zelle weiter und steuern Stoffwechselvorgänge im gesamten Körper. Thomas Ruf und Walter Arnold von der Vetmeduni Vienna sind diesen zyklischen Schwankungen bei menschlichen Zellen nachgegangen. „Nahezu alle physiologischen Vorgänge bei Mensch und Tier, wie Körpertemperatur oder Herzfrequenz, unterliegen tagesperiodischen Rhythmen, viele von ihnen zeigen auch jahresperiodische Schwankungen. Wir wollten herausfinden, ob diese Rhythmen mit Veränderungen von Zellmembranen zusammenhängen können“, erzählt der Erstautor Ruf. chen Tageszeit statt. Es ist also ein klarer Rhythmus sichtbar“, erklärt Ruf. Anders als bei Wildtieren zeigte sich bei den Testpersonen kein klarer Jahresrhythmus im Fettsäu- Bestimmte Krankheiten treten jahresperiodisch auf Die von den Wissenschaftern entdeckte Umstrukturierung der menschlichen Zellmembranen könnte von medizinischer Bedeutung sein. Es ist bekannt, dass bestimmte Fettsäuren wie beispielsweise die Omega-3-Fettsäuren vor bestimmten Erkrankungen schützen, während andere, wenn sie im Übermaß aufgenommen werden, ungünstig sein können. Die Zusammensetzung der Fettsäuren in den Membranen könnte also verschiedenste gesundheitliche Auswirkungen haben. „Möglicherweise erklärt sich daraus auch, warum bestimmte Krankheiten und Todesfälle tageszeitabhängig auftreten. Morgens kommt es statistisch gesehen häufiger zu Herzinfarkten als abends. Auch der Blutdruck zeigt normalerweise vormittags einen Anstieg. Derzeit wissen wir nicht genau, was die Veränderungen in der Zusammensetzung der Zellmembran hervorruft. Die Art und Zeit der Nahrungsaufnahme könnte dabei eventuell auch eine Rolle spielen. Diese Fragen gilt es noch zu erforschen“, betont Ruf. Möglicherweise ist es nicht nur wichtig gesundheitsfördernde Omega-3-Fettsäuren in Fischöl oder Ölsäure in Olivenöl in ausreichenden Mengen zu sich zu nehmen, sondern auch den richtigen Zeitpunkt zu wählen. Ob dies tatsächlich der Fall ist, wollen die Forscher in Zukunft herausfinden. Quelle: idw

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Mensch & Mund Wie die Darmflora Allergien verhindert Der Körper jedes Menschen beherbergt eine einzigartige Kombination von Milliarden unterschiedlichster symbiotischer Bakterien, die Mikrobiota. Ein Verlust dieser bakteriellen Symbionten begünstigt die Entstehung von Allergien. Bildquelle: Wikipedia: E. coli bacteria, 10.000fach vergrößert W issenschaftler konnten dieses Phänomen aufklären und zeigen, wie die Mikrobiota auf das Gleichgewicht des Immunsystems wirkt: Die Anwesenheit der Mikroben blockiert spezifisch jene Immunzellen, die für das Auslösen von Allergien verantwortlich sind. Der sogenannten Hygienehypothese zufolge besteht ein Zusammenhang zwischen der Abnahme von Infektionskrankheiten und der Zunahme von Allergien in industrialisierten Ländern. Verbesserte Hygiene-Standards führen demnach zwangsläufig zu weniger Kontakt mit Mikroben, was mit einem erhöhten Auftreten von allergischen Erkrankungen und Autoimmunkrankheiten wie Typ1-Diabetes einhergeht. Epidemiologische Studien haben diese Hypothese unterstrichen: Kinder entwickeln während ihres Lebens weniger Allergien, wenn sie in Kontakt mit Bauernhof-Tieren stehen – und dadurch auch mehr Kontakt mit Mikroben haben. Zudem zeigten experimentelle Studien mit Mäusen, dass der Einsatz von Antibiotika in den ersten Lebenstagen zum Verlust einer intakten Mikrobiota und daraufhin zu einem vermehrten Auftreten von Allergien führt. Allerdings waren die Mechanismen, die diesem Phänomen zugrunde liegen, bisher noch nicht geklärt. Darmflora entscheidend für die Verhinderung von Allergien Eine in der Zeitschrift Science publizierte Studie zeigt, dass symbiotische Darmbakterien das Immunsystem beeinflussen und dadurch allergische Reaktionen blockieren. Um den Organismus zu verteidigen, können verschiedene Immunantworten hervorgerufen werden. Die Anwesenheit von Bakterien oder Pilzen verursacht eine Antwort von sogenannten Typ-3-Zellen des Immunsystems. Diese Immunzellen koordinieren dann die Phagozytose und das Abtöten der Mikroben. Ist ein Erreger aber zu groß, um von den Typ-3-Zellen bekämpft zu werden – wie zum Beispiel parasitische Würmer und bestimmte allergieauslösende Stoffe – ist eine andere Gruppe von Zellen für die Beseitigung verantwortlich: die Typ2-Zellen. Diese speziellen Immunzellen sind aber auch für allergische Reaktionen verantwortlich. In der Studie zeigten die Wissenschaftler, dass Typ-3-Zellen, die bei einem mikrobiellen Kontakt aktiviert werden, direkt auf Typ-2-Zellen einwirken und ihre Aktivität blockieren. Somit sind die Typ-2-Zellen nicht mehr in der Lage, allergische Immunantworten auszulösen. Durch ihren Einfluss auf die Typ-3-Zellen blockiert die Mikrobiota also indirekt die Typ-2-Immunantwort, so die Forscher. Die Ergebnisse erklären, wie ein Ungleichgewicht in der Mikrobiota eine überschießende Typ-2-Immunantwort auslöst, die normalerweise für die Abwehr großer Parasiten eingesetzt wird – aber eben auch zu allergischen Antworten führen kann. „Die Studie stellt einen wichtigen Meilenstein dar, um das Gleichgewicht unserer unterschiedlichen Abwehrmechanismen besser zu verstehen“ ordnet Erstautor Caspar Ohnmacht die Ergebnisse ein. „Ein bisher noch unerforschter therapeutischer Ansatz für die Behandlung von Allergien und anderen Typ 2 assoziierten Erkrankungen könnte darin bestehen, ein mikrobielles Antigen nachzuahmen, um dadurch Typ-3-Zellen zu aktivieren und so auch die allergieauslösenden Typ-2-Zellen zu blockieren.“ 8 Systemische Orale Medizin · 4. Jahrgang 3/2015

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