Gegen Vergessen für Demokratie :: Mitgliederzeitschrift (85)

 

Embed or link this publication

Description

Erinnern in Europa, Gedenken für sowjetische Kriegsopfer, Zum Umgang mit Pegida

Popular Pages


p. 1

www.gegen-vergessen.de 85 / Juni 2015 FÜR DEMOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Gegen Vergessen FÜR DEMOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Gegen Vergessen Erinnern in Europa weitere Themen: ■ Gedenken für sowjetische Kriegsopfer ■ Zum Umgang mit Pegida

[close]

p. 2

Editorial Liebe Mitglieder von Gegen Vergessen – Für Demokratie, liebe Freundinnen und Freunde, Den europäischen Zusammenhang mitzudenken haben wir uns bei der Mitgliederversammlung in Leipzig vorgenommen und dies auch bei den neuen Schwerpunktsetzungen festgeschrieben. In diesem Heft unserer Zeitschrift greifen wir das Thema auf. Die verschiedenen Konflikte, die vor allem über die europäische Finanzpolitik aufgebrochen sind, haben die Frage nach integrativen Faktoren für die Europäische Union und nicht zuletzt die nach einer gemeinsamen Erinnerungskultur entstehen lassen. Allerdings birgt das Projekt einer europäischen Erinnerungskultur offensichtlich Probleme. Sind es nicht besonders die Erinnerungen, die trennen und selbst bei der Artikulation gegenwärtiger Gegensätze eine Rolle spielen? Jedenfalls ist zu fragen, welche Erinnerungen die Europäer verbinden. Andererseits aber gibt es vielfältige Ansätze transnationalen Gedenkens und Erinnerns. Auch darüber wird in diesem Heft gehandelt. Zu den Problemen, mit denen die Europäische Union derzeit zu kämpfen hat, gehören rechtspopulistische Bewegungen, die meist eine antieuropäische Stoßrichtung haben. Bislang gibt es dieses Phänomen in Deutschland zwar nicht in vergleichbarer Weise wie in den Nachbarländern. Doch könnte sich dies ändern, wie die Pegida-Demonstrationen gezeigt haben. Zweifellos ist Pegida ein Thema für unsere Vereinigung; zwei Artikel fragen nach angemessenen und sinnvollen Antworten auf dieses Phänomen. Ein weiteres europäisches Thema ist das Schicksal der Flüchtlinge, die aus dem Nahen Osten und Afrika nach Europa streben und deren Aufnahme zu Problemen führt. Dies ist auch in Deutschland der Fall. Die verschiedenen politischen Ebenen müssen die Probleme gemeinsam angehen. Auch die Zivilgesellschaft ist gefordert, in der sich neben Ängsten und teilweise aggressiven Abwehrhaltungen eine ganze Menge Hilfsbereitschaft zeigt, die über Jahre gebraucht werden wird und deshalb von uns zu fördern ist. Zuletzt noch eine Bemerkung in eigener Sache. Inzwischen hat den geschäftsführenden Vorstand von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. eine ganze Reihe von Personalvorschlägen für die Funktion des Vorsitzenden erreicht. Die Findungskommission setzt sich mit diesen Empfehlungen auseinander und wird einen konsensfähigen Vorschlag erarbeiten. Auf der Mitgliederversammlung am 21. November 2015 in Duisburg werden wir dann definitiv einen neuen Vorsitzenden oder eine neue Vorsitzende zu wählen haben. Mit den besten Grüßen Prof. Dr. Bernd Faulenbach stellvertretender Vorsitzender „Europa immer mitdenken“ ist ein Leitspruch, der auf der Mitgliederversammlung am 22. November 2014 in Leipzig als einer von drei Schwerpunkten in der „Akzentsetzung auf aktuelle und zukünftige Fragestellungen“ eine besondere Rolle spielte. Zu dem Thema wurden sowohl die aktuellen Schwierigkeiten in den europäischen Beziehungen diskutiert als auch die Bedeutung, die europäische Zusammenhänge in der praktischen Arbeit von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. bereits haben oder in Zukunft erlangen sollten. Das umseitige Titelbild stellt eine Reisestation der „EuropaKreuze“ vor dem Berliner Reichstag dar. Mit den wandernden Kreuzen wurde im vergangenen Jahr an den Beginn des Ersten Weltkrieges erinnert. Ein Projekt, das Menschen in grenzüberschreitendem Gedenken verband. Der Kunstfotograf Manos Meisen begleitete die Reise der EuropaKreuze und genehmigte Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. freundlicherweise den Abdruck einiger seiner Bilder. Lesen Sie mehr zu dem Thema ab Seite 9. 2 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 85 / Juni 2015

[close]

p. 3

Inhaltsverzeichnis Die Themen in dieser Ausgabe Themen Trennende und gemeinsame Erinnerungen in Europa Auf dem Weg zu einer „Europäischen Erinnerungskultur“? Geschichte gemeinsam betrachten Sowjetische Kriegsgefangene: raus aus dem „Erinnerungsschatten“ Initiative: Gedenkort für die Opfer der NS-Lebensraumpolitik Ein sichtbares Zeichen setzen Pegida – Eine Bewegung wirft Fragen auf Der Versuch, die Demokratie zu untergraben Bemerkenswerte Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen Aus unserer Arbeit „Sie öffnen den Menschen die Herzen.“ Demokratie ist wichtig. Punkt! Muslimische Jugendkulturen zwischen Islam und Islamismus RAG Südhessen: Jugendbegegnung des Deutschen Bundestags 2015 RAG Baden-Württemberg, Sektion Südbaden: „Wiedersehen mit Brundibar“ im Kommunalen Kino RAG Östliches Ruhrgebiet: Ursprung, Auswirkungen und Fortwirkung der christlichen Judenfeindlichkeit RAG Nordhessen-Südniedersachsen: Aufruf des Wolfhager Landes zum Frieden im Miteinander gegen Hass, Gewalt und Terror RAG Rhein-Main: Vom Dschinn der Tobsucht beherrscht Sektion Allgäu-Oberschwaben stellt sich vor Namen und Nachrichten Topographien der Menschlichkeit Vorstandsmitglied Kurt Nemitz gestorben Feliks Tych zum Gedenken Nachruf auf Karl Saulheimer Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge  diskutiert über neues Leitbild Mit Leidenschaft und Haltung Rezensionen Ernst-Jürgen Walberg bespricht – eine Sammelrezension: „Als an Tagen Jahre vergingen ...“ „Solange die Welt steht, ist soviel Blut nicht geflossen“. Feldpostbriefe […] 1914 bis 1918. 43 46 37 38 39 41 42 42 22 24 25 27 29 31 32 33 35 4 6 9 12 12 14 17 19 20 Impressum 36 Vorstand und Beirat 47 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 85 / Juni 2015 3 Inhalt

[close]

p. 4

Thema Bernd Faulenbach Trennende und gemeinsame Erinnerungen in Europa Gegenwärtig stellen sich eine Reihe von Fragen zur Erinnerungskultur: Wie weit sind wir von einer europäischen Erinnerungskultur entfernt? Wie ließe sich transnationale Erinnerungsarbeit fördern? Was kann und soll Politik I Auch in der Gegenwart sind Erinnerungen und Erinnerungskulturen durchweg national geprägt und es sieht auch nicht so aus, als ob sich dies in absehbarer Zeit grundsätzlich ändern würde. In vielen Ländern war der Nationalstaatsbildungsprozess mit der Herausbildung nationaler Mythen und Geschichtsbilder verbunden. Doch ist auch die Geschichte des 20. Jahrhunderts sehr unterschiedlich erlebt worden – zum einen waren die geschichtlichen Verläufe unterschiedlich, zum anderen ihre Verarbeitung. Andererseits aber intensiviert sich die transnationale Kommunikation, sodass auch die unterschiedlichen Erinnerungskulturen in Europa einander näher rücken und zum Teil auch wechselseitig zur Kenntnis genommen werden, zumal sie zum Teil um die gleichen historischen Geschehnisse kreisen, die freilich aus unterschiedlicher Perspektive in den Blick kommen. Eine hermetische Isolierung der – tendenziell trennenden – nationalen Erinnerungskulturen ist jedenfalls im heutigen Europa unrealistisch. In dieser Konstellation wäre eine ganze Menge erreicht, wenn wir in Europa lernen würden, mit der Unterschiedlichkeit historischer Erfahrungen und Erinnerungen umzugehen, das heißt uns – anders als in der Vergangenheit – gegenseitig respektieren würden. Ein weiterer Schritt könnte sein, die Erinnerungskulturen wechselseitig zueinander zu öffnen – wie dies im vergangenen Jahr zum Ersten Weltkrieg mit Frankreich geschah – und anzufangen, sich „dialogisch“ zu erinnern, das heißt die Erinnerungen auszutauschen, darüber in Gespräche mit Erinnerung dazu beitragen? Und was eine zivilgesellschaftliche Organisation wie Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V.? Dazu einige Beobachtungen und Überlegungen. von Interesse sein können, nicht nur, aber auch in Grenzregionen, etwa zur Sozialgeschichte, Parteiengeschichte, Kirchenoder Kulturgeschichte. Über Nationen hinaus gehen Geschichtsregionen, deren historische Entwicklungen sowohl Gemeinsamkeiten als auch Gegensätze und Konflikte implizieren können. Geschichtsregionen sind etwa die Iberische Halbinsel, Westeuropa, Westmitteleuropa, Ostmitteleuropa, Osteuropa, Südeuropa und Nordamerika. Die Deutschen liegen in Mitteleuropa und haben mit vielen Nachbarn, auch mehreren Geschichtsregionen zu tun, was vielfältige Aufgaben der Kommunikation über Erinnerungen zur Konsequenz hat. III Die Frage nach gemeineuropäischen Erinnerungen ist schwer zu beantworten. Manches spricht dafür, dass sie – jedenfalls teilweise – erst zu erarbeiten und bewusst zu machen sind. einzutreten, gemeinsame Projekte zur Aufarbeitung von Geschichte zu realisieren. Nicht nur mit Frankreich, sondern auch mit Polen gibt es dafür vielfältige Beispiele, die von Treffen und Reden der Präsidenten zu historischen Anlässen, über die Kriegsgräberpflege, die Arbeit von Schulbuchkommissionen, der Schaffung von Orten der Begegnung wie Kreisau und der Gedenkstätten bis hin zur gemeinsamen Erarbeitung von Ortsgeschichten gehen, bei denen die Orte die Staatszugehörigkeit gewechselt haben. Vieles ist längst Praxis, doch lässt sich zweifellos noch mehr tun. II In diesem Kontext ist daran zu erinnern, dass es auch unterhalb und oberhalb der nationalen Ebene Auseinandersetzungen mit Erinnerungen gibt. Die jeweiligen nationalen Erinnerungen sind meist uneinheitlich. In unseren pluralistischen Gesellschaften gibt es eine Vielzahl von Erinnerungsnarrativen, die übernational Auch das Europäische Parlament in Straßburg tut sich schwer, eine gemeinsame europäische Perspektive auf die Geschichte auszuloten. Fotos: Wikicommons 4 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 85 / Juni 2015

[close]

p. 5

Zu den europäischen Erinnerungen zählt der Holocaust, der ein – von Deutschland ausgehendes, aber nicht auf Deutschland begrenztes – europäisches Geschehen war, das manche gar zum europäischen Gründungsmythos erheben wollen, was jedoch die Gefahr der Instrumentalisierung dieser Menschheitserfahrung für einen konkreten Zweck implizieren würde. Insbesondere aus Ostmitteleuropa wird gegenwärtig nachdrücklich die Forderung erhoben, auch die Erfahrungen mit dem Sowjetkommunismus, insbesondere auch den Archipel Gulag als europäische Erinnerung zu betrachten. Überpointierend ist davon gesprochen worden, dass dem auf den Holocaust bezogenen Gedächtnis im Westen ein um den Gulag kreisendes Gedächtnis im Osten gegenüberstehe. Wir haben es jedoch nicht mit einer Alternative zu tun. So diagnostiziert der Politikwissenschaftler Claus Leggewie sieben Kreise der europäischen Erinnerung: den „Holocaust als negativen Gründungsmythos Europas“, den Sowjetkommunismus, „Vertreibungen als gesamteuropäisches Trauma“, „Kriegs- und Krisenerinnerungen als Motor Europas“, den Kolonialismus, Europa als Einwanderungskontinent sowie Europas Erfolgsgeschichte seit 1945. Natürlich sind andere Kataloge möglich. Vermutlich wird man die europäischen „Erinnerungen“ nicht ausschließlich negativ fassen können, in dem Sinne, dass das heutige Europa die Überwindung der Geschichte der entgrenzten Gewalt der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist. Jedenfalls brauchen wir darüber breitere Diskurse, in denen Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. eine Aufgabe sehen könnte. IV Unverkennbar sind die europäischen Erinnerungen Gegenstand der Politik des EUParlaments und auch der EU-Kommission geworden; man kann von Ansätzen zu einer europäischen Erinnerungspolitik sprechen, zu der sich auch Organisationen wie Gegen Vergessen – Für Demokratie verhalten müssen. Das EU-Parlament hat seit 2004 Resolutionen zum Umgang mit Geschichte, mit Gedenktagen und -komplexen verabschiedet, im Jahre 2009 sogar ein Positionspapier zum gegenwärtigen historischen Selbstverständnis Europas. Europa definiert sich darin in der Ablehnung der NS-Gewaltpolitik und des Faschismus, des Sowjetkommunismus, aller totalitärer Herrschaft, auch von Diktaturen jeder Provenienz, von Rassismus, Antisemitismus und extremem Nationalismus. Europa will die Erinnerung an die Opfer bewahren, denen ein Gedenktag – der 23. August, der Tag des Abschlusses des Hitler-Stalin-Paktes – gewidmet werden soll. Die Festlegung eines kumulativen Gedenktages ist im Westen, auch in Deutschland, auf Kritik gestoßen. Die verschiedenen Opfergruppen beharren auf eigenen Gedenktagen und der Aufgabe, die Unrechtstatbestände jeweils gesondert aufzuarbeiten. Aus deutscher Sicht wird man – ungeachtet des gewiss nicht zu eskamotierenden Hitler-Stalin-Paktes und seines Zusatzabkommens – doch fragen müssen, ob der 23. August nicht die Gefahr impliziert, die deutsche Verantwortlichkeit für den Eroberungs- und Vernichtungskrieg im Osten (einschließlich der Sowjetunion) zu verwischen. Wird in der Resolution von 2009 Europa gleichsam ex negativo definiert, so gehen manche europäische Politiker noch weiter: Sie wollen – angesichts der europäischen Krise – über eine forcierte Erinnerungs- oder Geschichtspolitik Identität von oben stiften. Es ist eher zweifelhaft, ob dies – falls man es will – tatsächlich gelingen kann oder ob es nicht kontraproduktiv wirken würde. Das vom Europäischen Parlament beschlossene Haus der europäischen Geschichte, das 2016 eröffnet werden soll, wird – entgegen den Hoffnungen mancher und den Befürchtungen anderer – diese Identitätsstiftung durch Geschichte nicht leisten, nach dem Willen der verantwortlichen Museumsmacher auch nicht anstreben. Gleichwohl fragt das Konzept für dieses Museum schon nach Mythen und Ideen Europas, nach dem Aufstieg Europas im 19. Jahrhundert, nach den Katastrophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und nach der Entstehung und Entwicklung europäischer Gemeinschaften. Wie diese Themen auf begrenzter Fläche – vorbei an den nationalstaatlichen Interessen – realisiert werden können, darauf kann man gespannt sein. Vielleicht kann das Haus ein Katalysator für europäische Erinnerungsdiskurse sein. Der Verein Gegen Vergessen – Für Demokratie wird sich sicherlich mit diesem Projekt noch beschäftigen. ✱ Keine Frage: Eine Weiterentwicklung der nationalen, transnationalen und europäischen Erinnerungsdiskurse ist möglich, wenn Politik dafür Rahmenbedingungen schafft, doch die Inhalte nicht selbst glaubt dezidiert festlegen zu können. Wenn es Organisationen wie Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. nicht gäbe, man müsste sie für derartige Aufgaben gründen. Allerdings bedarf es zu den vielfältigen erinnerungskulturellen Bemühungen, die immer selektiv sind, auch des Korrektivs von kritischer Wissenschaft, die nach Zusammenhängen, Strukturen und Prozessen fragt, die über die Subjektivität von Erinnerungen hinausgehen. ■ Prof. Dr. Bernd Faulenbach ist Historiker und stellvertretender Vorsitzender von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 85 / Juni 2015 5 Thema

[close]

p. 6

Thema Arnd Bauerkämper Auf dem Weg zu einer „Europäischen Erinnerungskultur“? Politisch-gesellschaftliche Debatten und geschichtswissenschaftliche Befunde Angesichts der europapolitischen Entwicklungen der vergangenen Jahre, die sowohl von mehreren Erweiterungsrunden als auch von einer tiefgehenden Finanz- und Währungskrise geprägt waren, wurden zunehmend Rufe nach einem gemeinsamen Blick auf die europäische Geschichte laut, um besonders die Geschichte der Diktaturen, von Völkermorden – besonders des Holocaust – und des Zweiten Weltkriegs aufzuarbeiten. Einzelne Politiker, Journalisten und Wissenschaftler haben ausdrücklich eine gemeinsame Die Europäer, die unter der nationalsozialistischen Besatzungsherrschaft gelitten hatten, einte in den ersten Jahren nach 1945 die Abgrenzung vom Nachkriegsdeutschland. Auch die verschiedenen Erinnerungsschichten in den einzelnen Ländern waren keineswegs vollständig voneinander getrennt. Vielmehr setzte bereits in den 1950er-Jahren ein partieller grenzüberschreitender Austausch zwischen den europäischen Gesellschaften Europas ein. Dieser beschränkte sich Erinnerungskultur gefordert, die eine kollektive europäische Identität begründen soll. Vereinzelt ist sogar gefordert worden, einen Beitritt zur EU an einen kritischen Umgang mit der eigenen Geschichte zu koppeln, so in den Verhandlungen mit der Türkei, deren Regierung den Völkermord an den Armeniern im Jahr 1915 auch gegenwärtig nicht als „Genozid“ anerkennt. Dahinter steht der Gedanke, dass eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit eine Voraussetzung für demokratisches Handeln darstellt. Kulturvereinigungen reichte. Durch europäische Städtepartnerschaften wurden – oft schon in den ersten Nachkriegsjahren, als offizielle staatliche Beziehungen noch ausgeschlossen waren – informelle Kontakte zwischen Angehörigen zuvor verfeindeter Staaten möglich. Seit dem Beginn der Entspannungspolitik vollzog sich die Auseinandersetzung mit der jüngsten Geschichte auch über die Grenze der OstWest-Konfrontation hinweg. Trotz dieser vielfältigen grenzüberschreitenden Aktivitäten sind die Erinnerungen der Europäer aber uneinheitlich und vielfältig geblieben. Schon auf den ersten Blick ist der Gegensatz zwischen den westeuropäischen Ländern und den mittel- und osteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten unübersehbar. Letztere sind sowohl von der nationalsozialistischen Besatzungsherrschaft im Zweiten Weltkrieg als auch nachhaltig von der sowjetischen Hegemonie und den kommunistischen Diktaturen in den vier Jahrzehnten danach geprägt worden. Hier wird das Kriegsende nicht nur als Befreiung, sondern auch als Beginn einer neuen Phase der Okkupation und Repression erinnert. Diese unterschiedlichen Deutungen der Geschichte haben zu Spannungen zwischen dem heutigen Russland und den bis 1989–91 von der Sowjetunion beherrschten Staaten geführt. Während in der russischen Erinnerungskultur seit den 1990er-Jahren eine Aufwertung der nicht auf diplomatische Beziehungen zwischen den Regierungen und bi- bzw. multilaterale politische Verhandlungen, so zur Entschädigung von Opfern. Vielmehr bildete sich schon bis zu den 1970er-Jahren in Westeuropa ein breites Spektrum transnationaler Interaktionen heraus, das von kirchlichen Initiativen zur Versöhnung und wissenschaftlichen Kooperationen bis zum Austausch zwischen zivilgesellschaftlichen Organisationen wie Sportvereinen, Veteranenverbänden und Figurengruppe in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, 1957 entworfen von Fritz Cremer zu Ehren des Widerstandskampfes im Lager. Foto: Wikicommons 6 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 85 / Juni 2015

[close]

p. 7

kommunistischen Diktatur – mitunter sogar der Terrorherrschaft Stalins – unübersehbar ist, haben die mittel- und osteuropäischen Regierungen auf die erneute Unterdrückung durch die UdSSR hingewiesen und eine Anerkennung der kommunistischen Verbrechen gefordert. Darüber hinaus weisen nationale Erinnerungskulturen in den einzelnen europäischen Staaten eine beträchtliche Beharrungskraft auf. So beklagten die meisten europäischen Gesellschaften, darunter auch die beiden deutschen Staaten und Österreich, vornehmlich ihre eigenen Opfer. Zugleich wurde in vielen Staaten eine heroische Erinnerungskultur gepflegt, die auf den heldenhaften nationalen Widerstand gegen die deutsche Besatzung abhob. Die politischen Eliten in Italien und Frankreich stellten somit die Resistenza bzw. Résistance in den Mittelpunkt, während Formen der Kollaboration oder der Anpassung an die Besatzungsherrschaft des „Dritten Reiches“ ausgeblendet wurden. Ähnlich stilisierten norwegische Politiker die abweisende Einstellung gegenüber der deutschen Okkupation zum holdningskamp (Haltungskampf), verdrängten aber die Zusammenarbeit mit den Deutschen. Diese Formen europäischer Kollaboration können aber nicht von dem übergeordneten Rahmen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik ablenken, die in der Bundesrepublik bis zu den 1960er-Jahren mit der Abgrenzung von den „totalitären“ Diktaturen und in der DDR im Zeichen des „Antifaschismus“ geleugnet oder verharmlost wurden. Auch innerhalb der europäischen Nationalstaaten unterschied sich die Geschichtspolitik der Regierungen und Eliten von den Erinnerungen einzelner Bürger und gesellschaftlicher Gruppen, besonders deutlich in den kommunistischen Diktaturen Mittel- und Osteuropas. Hier waren die offiziellen Vorgaben zur Erinnerung und Tabuisierung so erdrückend und einseitig, dass sie den kollektiven Erinnerungen kleinerer Gruppen (vor allem Familien) oft eklatant widersprachen. Aber auch in den europäischen Demokratien traf die jeweilige Gedächtnispolitik der Eliten vielfach auf ein konträres kommunikatives Gedächtnis. So blendete die Gegenüberstellung von Kollaboration und Widerstand Formen der alltäglichen Zusammenarbeit mit den deutschen Be- Stellvertretendes Katyn-Denkmal in Cannock Chase, Großbritannien, von 1979. Die Erinnerung an die Opfer des Massakers von Katyn war in Polen bis 1988 verboten, da es das sowjetische Geschichtsbild diskreditierte. satzern und die vielerorts vorherrschenden Arrangements mit ihnen ebenso aus wie enge persönliche Beziehungen zwischen deutschen Besatzern und Einheimischen. Auch das in den Schulen vermittelte Wissen widersprach zum Teil den Erinnerungen der eigenen Eltern und Großeltern. Bis in die 1970er-Jahre wurde zudem der Mord an den europäischen Juden, die Shoah, sowohl in Europa als auch weltweit kaum thematisiert. Inzwischen sind vor allem in West- und Mitteleuropa die nationalheroischen Motive zusehends von opferzentrierten Erinnerungsnarrativen überlagert worden, die auf universelle Normen – vor allem die Menschenrechte – abgehoben haben. Allerdings hat sich dieser Wandel keineswegs kontinuierlich und überall vollzogen. Vielmehr finden auch heute innerhalb der einzelnen Länder Auseinandersetzungen um die Geschichte statt, in denen unterschiedliche Personen und Gruppen um Zuschreibungen, Deutungen und Sinngebungen streiten. Geschichte wird dabei zu einem Argument für politische Legitimität, und sie soll Ansprüche auf gesellschaftliche Partizipation begründen. Das Gedächtnis ist in Europa also weiterhin von vielfältigen Konflikten geprägt, sowohl auf zwischenstaatlicher Ebene als auch innerhalb der nationalen Gesellschaften. Diese Auseinandersetzungen spiegeln sich in Beschlüssen europäischer Institutionen in kompromisshaften Formulierungen wider. So wurde der Entwurf einer Resolution des Europäischen Parlaments in Brüssel 2004/05 von polnischen Par- lamentariern heftig kritisiert, weil Auschwitz in der Erklärung unzutreffend als „polnisches Konzentrationslager“ bezeichnet wurde. Zugleich wandten sich deutsche Abgeordnete gegen eine Identifizierung ihres Landes mit dem Konzentrationslager. Letztlich verabschiedete das Parlament anlässlich des HolocaustGedenktages am 27. Januar 2005 eine Resolution, in der Auschwitz-Birkenau als „Todeslager“ bezeichnet wurde, „das von Nazi-Deutschland errichtet wurde“. Ein Projekt, das zur Überwindung dieser Konflikte beitragen soll, ist das geplante „Haus der Europäischen Geschichte“ in Brüssel. Eine inhaltliche „Europäisierung“ der Erinnerungen ist jedoch selbst in den Institutionen der EU umstritten, wie der Streit zwischen der Europäischen Kommission und dem Europäischen Rat über das Museum zeigt. So ist Hans-Gert Pöttering, dem damaligen Parlamentspräsidenten und anderen Initiatoren des Projekts die Absicht zugeschrieben worden, eine einheitliche Deutung der Geschichte Europas zu begründen und durchzusetzen. Kritiker haben demgegenüber ein dezentrales Konzept von Europa-Museen vorgeschlagen, die jeweils spezifische lokale, regionale oder nationale Geschichten erzählen. So sollen Ambivalenzen oder sogar Widersprüche europäischer Erinnerungsorte deutlich gemacht werden. Die Konzeption der Dauerausstellung, die demnächst eröffnet werden soll, hat in einzelnen Mitgliedsstaaten Irritationen ausgelöst. So bemängelten polnische Europa-Abgeordnete eine ihrer Ansicht nach unzureichende Berücksichtigung der eigenen Nationalgeschichte. » Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 85 / Juni 2015 7 Foto: Wikicommons Thema

[close]

p. 8

Thema » Vor dem Hintergrund dieser Konflikte erscheint allenfalls eine Gedächtnispolitik der EU sinnvoll, die eine kritische zivilgesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte der Diktaturen, Völkermorde und des Zweiten Weltkrieges in Europa von unten initiiert und fördert. Ein offener, räumlich nicht vorab festgelegter und wenig institutionalisierter grenzüberschreitender Austausch unterschiedlicher und teilweise sogar gegensätzlicher Erinnerungen kann auch zu einer kritischen Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit beitragen. Es wird abzuwarten sein, inwieweit das „Haus der Europäischen Geschichte“ diesen Prozess der (selbst-) kritischen, transnationalen Auseinandersetzung mit der von Gewalt, Diktaturen und Kriegen gezeichneten, aber auch von der Integration und Versöhnung geprägten Geschichte des Kontinents fördern wird. ■ Das Eastman-Gebäude in Brüssel, in dem das Haus der Europäischen Geschichte demnächst entstehen soll. Prof. Dr. Arnd Bauerkämper ist Professor für die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Freien Universität Berlin und Autor des Buches „Das umstrittene Gedächtnis“. ■ Buchinformation: Arnd Bauerkämper Das umstrittene Gedächtnis. Die Erinnerung an Nationalsozialismus, Faschismus und Krieg in Europa seit 1945. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2012 Gebundene Ausgabe, 560 Seiten ISBN: 978-3-506-77549-8 · 58,00 € Anzeige Besuchen Sie das neu gestaltete Beratungsportal: www.online-beratung-gegen-rechtsextremismus.de 8 Foto: Wikicommons

[close]

p. 9

Geschichte gemeinsam betrachten Der ehemalige deutsche Diplomat Guy Féaux de la Croix hat im vergangenen Jahr ein länderübergreifendes Gedenkprojekt zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkrieges geleitet: die EuropaKreuze. Mit ihm sprach Markus Bauer. Mit 170 bemalten EuropaKreuzen und zusammen mit Schülern, Eltern und Lehrern des Klostergymnasiums Steinfeld (Eifel) sind Sie im Frühjahr vergangenen Jahres an die ehemalige Westfront gefahren. Ein ungewöhnlicher Schulausflug. Aber ein sehr nötiger. Wir wollten der Opfer des Ersten Weltkriegs gedenken und ein Signal an unsere Regierungen setzen: Ein gemeinsames europäisches Gedenken ist doch möglich. Mit bunten Kreuzen? Ja. Unsere Aktion setzt das Lebenswerk des befreundeten Künstlers Bernd Schwarzer fort. Er stellt Zeitgeschichte als christliche Passion dar. Als Kunststudent hat er die ehemaligen Schlachtfelder von Verdun besucht und war so ergriffen, dass er die Schrecken und Leiden des Ersten Weltkriegs in zahlreiche große Werke umsetzte, in Weltkriegsbilder. Und was hat das mit Ihrer Aktion zu tun? In der Eifel, genauer in Urft und Steinfeld, suchten Eltern und Lehrer nach Möglichkeiten, mit den Schülern des Ersten Weltkriegs zu gedenken. Wir kamen auf die Idee, Holzkreuze, wie sie einst auf die Soldatengräber gepflanzt wurden, individuell zu gestalten – inspiriert durch Schwarzers Kunstwerke. Deutscher Soldatenfriedhof am Kloster Steinfeld / Eifel Sie haben auch mit benachteiligten Kindern gearbeitet. Ja, die Jugendlichen des Urfter HermannJosef-Hauses für Jugend- und Familienhilfe haben die Holzkreuze gezimmert. 170 Stück! Zusammen mit den Gymnasiasten haben sie sie anschließend bemalt, beklebt und beschriftet. Auch einige Eltern, Lehrer, der Künstler Bernd Schwarzer und ich selbst haben EuropaKreuze gestaltet. Was hat das bei den Schülern bewirkt? Jedes Kreuz war Ausdruck einer individuellen Auseinandersetzung mit dem Krieg. Manche haben sich an Erzählungen der Eltern und Großeltern erinnert. Andere haben eigene Erinnerungen oder Gedanken eingebracht. Die Kreuze sind höchst unterschiedlich geworden. Das Besondere war, dass hier Erinnerung nicht über Wissen transportiert wurde, sondern über eine persönliche Annäherung. Ausdruck fand das schließlich auch in einer Projektwoche der Schule. Die jungen Leute haben Lieder aus der Zeit gesungen und Gedichte vorgetragen. Das kam bei den Schülern gut an? Ja, das hat etwas mit ihnen angestellt. Es war ein künstlerischer Prozess, der sich über mehrere Wochen hingezogen hat. Die Schüler haben konzentriert über die Leiden des Ersten Weltkriegs nachgedacht. Sie haben sie nachempfunden. Mit den Mitteln der Kunst. Das ist eine andere Auseinandersetzung, als ein Buch zu lesen. Und dann sind Sie mit den EuropaKreuzen an die ehemalige Westfront gefahren. Wir wollten den Belgiern zeigen, dass wir uns nun endlich an die schrecklichen Taten erinnern, die deutsche Soldaten in Belgien begangen haben. Welche zum Beispiel? In Dinant zum Beispiel, das war unsere erste Station. Als die Deutschen im Sommer » In Dinant wurden gleich im August 1914 zur „Vergeltung“ 674 Zivilisten ermordet. Fotos: © Manos Meisen Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 85 / Juni 2015 9 Thema

[close]

p. 10

Thema » 1914 das Städtchen an der Maas überrannten, glaubten sie, wohl zu Unrecht, von belgischen Heckenschützen, sogenannten Franc-tireurs, beschossen worden zu sein. Die Bevölkerung musste herhalten: 674 Zivilisten, darunter auch Frauen und Kinder, wurden am 23. August 1914 füsiliert. Belgien ist voller Orte, wo in den ersten Wochen des Krieges unschuldige Menschen zur Vergeltung ermordet wurden. Der Erste Weltkrieg begann mit deutschen Kriegsverbrechen. Wie dann später der Zweite, in Polen. Aber 1914 geschah das im neutralen Belgien. Europakreuze vor dem wieder aufgebauten Rathaus von Dendermonde, das 1914 zerstört worden war. tig, dass wir da waren. Auch für uns. In Warschau waren wir dann mit unseren Kreuzen am Grab des seliggesprochenen Pallotiner-Paters Joseph Stanek, 1944 von den deutschen Besatzern wegen Widerstandes ermordet. Nach Dinant besuchten sie weitere elf Stationen der ehemaligen Westfront. Wie waren dort die Erfahrungen? Unsere Westfront-Reise verlief durchweg positiv. Ob in Dendermonde, auf den Feldern bei Ypern, dann in Sedan und auf einem deutschen Soldatenfriedhof bei Verdun – überall durften wir unsere Kreuze aufstellen und wurden freundlich empfangen. Im November ging die Reise noch nach Polen und Berlin. Ja, Polen in der ersten Novemberwoche. Zuerst fuhren wir nach Kreisau, um dort Helmuth von Moltke zu ehren. Außerdem reisten zwei von uns ins Städtchen Wielun. Denn das weiß heute auch kaum noch jemand: Dort begann der Überfall Hitlers auf Polen, mit einem Flächenbombardement, einem Kriegsverbrechen der deutschen Luftwaffe. Der Volkstrauertag in Berlin muss für Sie ein besonderes Erlebnis gewesen sein. Wir waren im Reichstag eingeladen, hätten gerne unsere EuropaKreuze mitgenommen. Das erwies sich dann als schwierig, aus Brandschutzgründen, wie es hieß. Wir haben stattdessen alle Kreuze aus der Herz-Jesu-Kirche am Prenzlauer Berg in einer Prozession zu Unter den Linden getragen. Wie waren die Reaktionen? In seinen bisherigen Formen ist der Volkstrauertag ein befremdliches Staatszeremoniell. Ein Staats-Volkstrauertag. Alles wird rund um die Neue Wache abgesperrt, das gemeine Volk hinter Zäunen auf großem Abstand gehalten. Dann fahren die Staatsspitzen in ihren großen Karossen vor, marschieren rein, legen die Kränze nieder und sind so schnell weg, wie sie gekommen waren. Wir haben unsere Kreuze dort anschließend installiert und uns sehr über die Reaktionen von Tausenden von Passanten gefreut. Die wollten alle wissen, was das zu bedeuten habe, diese EuropaKreuze. Und haben Tausende Fotos geschossen. Was wir wollen, ist ein Volks-Volkstrauertag. An der flandrischen „Westfront“. Was in Deutschland kaum jemand weiß. Das ist das Problem. 100 Jahre lang ist kein hoher deutscher Staatsgast in Dinant gewesen. Da hat sich einfach keiner drum gekümmert. Es gab zwar irgendwann mal einen Prozess, um dem Versailler Vertrag gerecht zu werden. Aber die hohen Generale wurden nicht angeklagt, die kleinen Chargen freigesprochen. Den Belgiern ist das alles geläufig. Das steckt in ihrem Bewusstsein. Auf das Unrecht der Tat ist das Unrecht der Gleichgültigkeit gefolgt. Wie wurden Sie in Belgien aufgenommen? Mit offenen Armen. Am Palmsonntag hat uns die Kirchengemeinde von Dinant in den Gottesdienst integriert. Mit Palmen und den Kreuzen zogen wir in die Kathedrale ein. Die Belgier hatten Tränen in den Augen. Auch wir waren total ergriffen. Für viele Menschen war es wich- 30.000 Europäer fielen dem Kampf um die Vogesenhöhe zum Opfer. 10 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 85 / Juni 2015 Fotos: © Manos Meisen

[close]

p. 11

Der Kunstfotograf Manos Meisen hat Guy Féaux de la Croix auf seinen Reisen mit den EuropaKreuzen begleitet. Die Fotodokumentation wurde im KunstForumEifel in Gemünd in einer Ausstellung gezeigt. Wir bedanken uns für die freundliche Genehmigung des Abdrucks. Mehr Informationen: www.manosmeisen.de Das Interesse der Menschen scheint – nach allem, was Sie erzählen – größer gewesen zu sein als das der Bundesregierung. Was soll ich dazu sagen, als ehemaliger Beauftragter dieser Regierung? Genau genommen, der vorherigen Regierung. Ich, und nicht nur ich alleine, bedauere es, heute noch. Immerhin trafen sich die Regierungschefs auf den ehemaligen Schlachtfeldern von Flandern, es gab Dutzende Ausstellungen – auch im Deutschen Historischen Museum. Das war doch alles sehr pflichtgemäß. Ein internationales gemeinsames Gedenken hat dagegen nicht stattgefunden. Die Staaten lassen bis heute den Willen vermissen, 100 Jahre nach dem Ersten WeltFotos: © Manos Meisen Der Zweite Weltkrieg begann mit einem Kriegsverbrechen der deutschen Luftwaffe im polnischen Wielun. bisheriger Auffassungen, was zum Ersten Weltkrieg geführt hat. Da hätte europäische Gemeinsamkeit nur gestört. Sie denken an Christopher Clark und sein Buch „Die Schlafwandler“? Ja. Er war der anglo-australische Kronzeuge für eine ganze Riege von deutschen Historikern, die meinten, das überkommene Bild der Kriegsursachen revidieren zu müssen. Der Cambridge-Professor Clark  ist herumgereicht worden wie kein anderer Historiker in den vergangenen 100 Jahren zuvor. Ich habe ihm eines meiner EuropaKreuze gewidmet. Ein en, historisch zu entlasten für eine neue deutsche Hauptrolle auf der Weltbühne.   Hat es funktioniert? Jedenfalls ist es gelungen, gewissermaßen generalstabsmäßig das Geschichtsbild  zu revidieren. Diesen Leuten zufolge hatte das Deutsche Reich noch nicht einmal eine Hauptmitschuld.  Welche Lehren können wir heute aus dem Ersten Weltkrieg ziehen? Dass wir die Gelder für den europäischen Jugendaustausch verdoppeln sollten. Dass wir ein Europäisches Jugendwerk schaffen, dass wir die Partnerschaft mit unseren belgischen Nachbarn stärken und dass wir versuchen sollten, Geschichte gemeinsam zu betrachten. Dass wir dafür ein Europäisches Institut für vergleichende Geschichtswissenschaften und Pädagogik schaffen sollten. Es gibt viel zu tun. Nicht um der Vergangenheit willen, sondern für die Zukunft. Wir sehen doch, wie viel Geschichtsgift die Völker noch immer gegeneinanderhetzt. Sie holen im Ruhestand nach, was Sie vorher nicht durften? Ja, die EuropaKreuze sind das Kunstprodukt eines Scheiterns im Amte. Die Fortsetzung von Politik mit den Mitteln der Kunst. In der Pallotinerkirche in Warschau am Grab des Paters Josef Stanek, 1944 wegen Widerstands hingerichtet. krieg die Konsequenzen daraus zu ziehen. Die Chance, der europäischen Idee aus der gemeinsamen Erinnerung heraus eine neue Motivation zu verleihen, ist leichtfertig vertan worden. Woran liegt das? Gewollt war ein neues Geschichtsbild, das war wichtiger – nämlich die Revision sehr netter Gentleman im Übrigen, wohl weniger Bösewicht als ein Missbrauchter. Seine deutschen Unterstützer hingegen hatten erklärtermaßen eine Revisionsagenda: Das heutige Deutschland von seinen Vergangenheitsfesseln zu befrei- Wie geht es weiter? Wir wollen in diesem Jahr insgesamt 1.700 Kreuze fabrizieren – zusammen mit Schulen in Belgien und Polen. Das große Ziel sind 17.000 Kreuze. Mal sehen, wie weit wir kommen, mit einer gemeinsamen Erinnerungskultur in Europa. ■ Markus Bauer ist Historiker, Redenschreiber im Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur sowie ehemaliger Journalist. Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 85 / Juni 2015 11 Thema

[close]

p. 12

Thema Sowjetische Kriegsgefangene: raus aus dem „Erinnerungsschatten“ Eine Debatte 70 Jahre nach Kriegsende Es war sicher nicht die längste, aber vielleicht die erinnerungspolitisch wichtigste Rede, die in den Tagen um den 8. Mai zum 70. Jahrestag des Kriegsendes in Deutschland gehalten wurde: Bundespräsident Joachim Gauck gedachte am 6. Mai 2015 vor dem Schloss Holte-Stukenbrock, wenige Hundert Meter vom ehemaligen Kriegsgefangenenlager „Stalag 326 Senne“ entfernt, der über drei Millionen Soldaten der Roten Armee, die in deutscher Kriegsgefangenschaft während des Zweiten Weltkrieges starben. „Sie gingen an Krankheiten elendig zugrunde, sie verhungerten, sie wurden ermordet“, sagte Gauck. Anders als in vielen anderen Reden von Politikern zum 8. Mai kam der Bundespräsident nicht auf die gelungene bundesdeutsche Aufarbeitung der NSDiktatur zu sprechen, sondern fand deutliche Worte für ein erinnerungspolitisches Defizit: „Aus mancherlei Gründen ist dieses grauenhafte Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen in Deutschland nie angemessen ins Bewusstsein gekommen – es liegt bis heute in einem Erinnerungsschatten.“ Gegen Vergessen – Für Demokratie e.  V. hat in den vergangenen Jahren verstärkt daran gearbeitet, die sowjetischen Kriegsgefangenen und andere Opfer des deutschen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion aus diesem „Erinnerungsschatten“ hervorzuholen. So wurde zum Beispiel der Dokumentarfilm „Keine Kameraden“ von Beate Lehr-Metzger über das Massensterben sowjetischer Kriegsgefangener im Winter 1941/42 von mehreren Regionalen Arbeitsgruppen gezeigt. Gemeinsam mit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.  V., dem Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst, der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft und der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas führte Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. von 2011 bis 2014 in Berlin die Veranstaltungsreihe „Opfer des deutschen Vernichtungskrieges im Osten“ durch. Wie aber kann es langfristig gelingen, an diese „vergessenen“ Opfer zu erinnern? Brauchen wir ein weiteres Denkmal im Tiergarten oder ist es sinnvoller, bestehende Erinnerungsorte wie etwa Massengräber sowjetischer Kriegsgefangener dem Vergessen zu entreißen? Diesen Fragen stellen sich im folgenden Daniel Ziemer von der Initiative Gedenkort für die Opfer der NS-Lebensraumpolitik und Jörg Morré, Direktor des DeutschRussischen Museums Berlin-Karlshorst. ■ Daniel Ziemer Initiative: Gedenkort für die Opfer der NS-Lebensraumpolitik 70 Jahre nach dem 8. Mai 1945 klafft im politischen Zentrum Berlins noch immer eine Lücke. Am Großen Tiergarten zeigen vier Gedenkorte für die Opfer nationalsozialistischer Verbrechen, dass sich die Bundesrepublik DeutschEs fehlt jedoch der Hinweis auf eine andere große Opfergruppe, die bisher auch im öffentlichen Bewusstsein kaum präsent ist. In Mittel- und Osteuropa wurden zwischen 1939 und 1945 Millionen Männer, Frauen und Kinder mit dem Ziel ermordet, „deutschen Lebensraum im Osten“ zu schaffen. Die nationalsozialistische Ideologie hatte die Einwohner Polens und der damaligen Sowjetunion zu „rassisch minderwertigen Slawen“ erklärt, die millionenfach nach Osten vertrieben oder getötet werden sollten. land zur deutschen Verantwortung bekennt. Sie erinnern an die ermordeten Juden Europas, an die ermordeten Sinti und Roma, an die verfolgten Homosexuellen sowie an die Opfer der „Euthanasie“-Morde. allem die sowjetischen Kriegsgefangenen einer beispiellosen Hungermord-Strategie zum Opfer. Von den rund drei Millionen Soldaten der Roten Armee, die 1941 in deutsche Gefangenschaft geraten waren, überlebte bis Mai 1942 nur eine Million. Die große Mehrheit verhungerte in zahlreichen Lagern von der Ukraine bis in den Westen des Deutschen Reiches. Später zunehmend als Zwangsarbeiter genutzt und etwas besser versorgt, kam bis 1945 etwa eine weitere Million sowjetischer Kriegsgefangener ums Leben. Bereits nach Kriegsbeginn ab September 1939 ermordeten deutsche SS- und Polizeigruppen Zehntausende ethnische Polen vor allem höherer Bildungsschichten, mit dem Ziel der Zerstörung einer eigenen polnischen Identität. Die NS-Kriegsplanung gegen die Sowjetunion 1941 sah vor, dass „zig Millionen Menschen“ zu verhungern hätten, um die deutsche Bevölkerung zu ernähren und die slawische Bevölkerung zu dezimieren. Dieser Planung folgend, fielen zuerst vor 12 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 85 / Juni 2015

[close]

p. 13

Auch die Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten litt unter der geplanten NSHungerpolitik. Ihre genauen Dimensionen sind bis heute nicht genau erforscht, allein in der Stadt Charkow verhungerten bis Ende 1942 etwa 14.000 Menschen. Besonders deutlich zeigte sich die Hungerpolitik am Schicksal der Einwohner Leningrads. Während der Blockade durch die deutsche Wehrmacht verhungerten mindestens 800.000 Menschen der Stadt, unter ihnen vor allem Frauen und Kinder. In ländlichen Gebieten der Sowjetunion und Polens nutzten die deutschen Besatzungstruppen den Widerstand von Partisanen zum Vorwand für flächendeckende Mordaktionen gegenüber der Zivilbevölkerung. Tausende Dörfer wurden niedergebrannt, in Hunderten dazu auch die Einwohner ermordet. Auf ihrem Rückzug ab 1943 erklärte die Wehrmacht die „verbrannte Erde“ zur Strategie. Millionen Einwohner der Rückzugsgebiete wurden deportiert, nicht Arbeitsfähige in Internierungslagern unversorgt zurückgelassen. Allein in einem Lager bei Osaritschi in Belarus starben in wenigen Tagen über 9.000 Menschen. Der Warschauer Aufstand im August 1944 schließlich führte zu einem Massaker an der unbewaffneten Zivilbevölkerung mit mehr als 60.000 zivilen Opfern. Nach der Niederschlagung des Aufstandes erlebten mindestens 350.000 Überlebende ihre Deportation in Konzentrationslager oder zur Zwangsarbeit. Die Opfer dieser nationalsozialistischen Verbrechen spielten seit dem Neubeginn einer eigenen gesellschaftlichen und juristischen Aufarbeitung in der Bundesrepublik ab den 1960er-Jahren kaum eine Rolle. Die Verbrechen wurden als Nebenwirkungen eines harten und grausamen Krieges relativiert. Zusätzlich erschwerte die Konfrontation des Kalten Krieges eine offene Debatte. Der wissenschaftliche Kenntnisstand über die nationalsozialistische Kriegs- und Besatzungspolitik hat sich seit den 1980er-Jahren verbessert. Mit dem 1995 eröffneten Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst entstand eine öffentlich präsente Institution, die sich auf die Erinnerung an den deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion konzentriert. In ehemaligen Lagern für sowjetische Kriegsgefangene entstanden Gedenkstätten. Wesentliche Impulse für eine kritische Diskussion über die Verbrechen der deutschen Kriegsführung im Osten gaben die Wehrmachtsausstellungen 1995 und 2001. Gleichwohl werden verhungerte sowjetische Kriegsgefangene, werden ermordete polnische Intellektuelle, werden verbrannte weißrussische Dorfbewohner im kollek- Porträt von Wanda Jaskewitsch (1924–1943), aufgewachsen im weißrussischen Dorf Chatyn. SS und deutsche Polizei verbrannten oder erschossen sie zusammen mit über 100 Dorfbewohnern in einer Scheune. tiven Gedächtnis der Deutschen bis heute nur am Rande wahrgenommen. Warum ist dies so? Keineswegs fehlt es an Erkenntnissen über die Verbrechen. Es fehlt aber an einem starken Symbol, an einem prominenten Ort, der ausdrücklich dem Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen „Lebensraum“-Politik gewidmet ist. Ein eigenes Denkmal im Zentrum der Bundeshauptstadt, unweit der anderen Gedenkorte für die NS-Opfer, kann ein solches wichtiges Symbol gegen das Vergessen sein. Die Bundesrepublik Deutschland würde damit nach außen und innen zeigen, dass wir Deutschen unsere historische Verantwortung auch gegenüber diesen Opfern ernst nehmen, dass uns die Erinnerung an sie auch 70 Jahre später wichtig ist. » Plakataktion gegenüber dem Sowjetischen Ehrenmal am Tiergarten „Den vergessenen Opfern des Vernichtungskrieges ein Gesicht geben“. Fotos: Initiative Gedenkort Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 85 / Juni 2015 13 Thema

[close]

p. 14

Thema » Die von manchen gehegte Befürchtung, dass jeweils eigene Denkmäler für die verschiedenen NS-Opfergruppen das Gedenken insgesamt entwerten würden, hat sich längst als falsch erwiesen. Vielmehr tragen die auf Beschlüsse des Bundestages hin errichteten Gedenkorte dazu bei, die kollektive Erinnerung zu differenzieren und zu schärfen. Sprecher der Gedenklesung „Den vergessenen Opfern des Vernichtungskrieges eine Stimme geben“: Jutta Weduwen (Geschäftsführerin der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste), Ulrike Trautwein (Evangelische Generalsuperintendentin), Schauspieler Ulrich Matthes, Publizistin Lea Rosh (v. l. n. r.) Porträt des polnischen Geistlichen Piotr Sosnowski (1899–1939), als „Vergeltungsmaßnahme“ für eine angebliche Brandstiftung im Oktober 1939 ermordet. Deshalb tritt die Initiative Gedenkort für die Opfer der NS-Lebensraumpolitik seit 2013 mit Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungen für einen Erinnerungsort im Berliner Zentrum an die Opfer der deutschen Vernichtungspolitik in Polen und der Sowjetunion ein. Gründer der Initiative ist Peter Jahn, ehemals langjähriger Leiter des Deutsch-Russischen Museums. In diesem Jahr veranstaltet die Initiative unter anderem eine wissenschaftliche Vortragsreihe in Berlin zur NS-Mordpraxis im Namen der „Lebensraum“-Politik und ihrer Opfergruppen. Das Ziel eines Denkmals für die Opfer der nationalsozialistischen „Lebensraum“- Politik unterstützen zahlreiche prominente Unterzeichner eines Aufrufs. Im Dezember 2014 haben zudem die NSGedenkstätten in Berlin und Brandenburg eine Resolution beschlossen: „[...] Auch gegenüber diesen Opfern hat die Bundesrepublik Deutschland eine historische Verantwortung, an sie zu erinnern – ihrer zu gedenken. Der Arbeitskreis der Berliner und Brandenburgischen Gedenkstätten fordert die politisch Verantwortlichen auf, auch für sie im Berliner Tiergarten einen Ort des Gedenkens zu schaffen.“ ■ Mehr Informationen: www.gedenkort-lebensraumpolitik.de Daniel Ziemer ist Mitarbeiter der Initiative Gedenkort für die Opfer der NS-Lebensraumpolitik. Jörg Morré Ein sichtbares Zeichen setzen In deutscher Kriegsgefangenschaft starben rund 3,3 Millionen Soldaten der Roten Armee. Sie starben, weil die Wehrmacht ihnen Nahrung, Kleidung, Unterkunft und medizinische Versorgung verweigerte. Unter Bruch sämtlicher Regeln des Völkerrechts plante die Wehrmachtsführung den Tod sowjetischer Kriegsgefangener. Sie übernahm damit die nationalsozialistische Rassenideologie, die den Menschen in der Sowjetunion – und somit auch denen in der Roten Armee – generell das Recht auf Leben absprach. Sie galten als minderwertige Menschen, als „slawische Untermenschen“, die dem vermeintlich höherwertigen deutschen Volk Platz für einen „Lebensraum im Osten“ machen sollten. Mit diesem Ziel vor Augen beutete die deutsche Kriegswirtschaft seit dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 die besetzten Gebiete systematisch aus, um die Wehrmacht zu ernähren und die Wirtschaft im Deutschen Reich mit Rohstoffen zu versorgen. In dieser Logik tat sich für sowjetische Kriegsgefangene nur dann eine Chance auf Überleben auf, wenn sie sich zu Arbeitseinsätzen heranziehen ließen. Der für das Kriegsgefangenenwesen der Wehrmacht zuständige Generalquartiermeister Wagner brachte das im Oktober 1941 auf die Formel: „Nichtarbeitende Kriegsgefangene in den Gefangenenlagern haben zu verhungern“. Angesichts dieser brutalen Vernichtungspolitik fällt es schwer zu begreifen, warum das Schicksal sowjetischer Kriegsgefangener bis heute nicht angemessen 14 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 85 / Juni 2015 Fotos: Initiative Gedenkort

[close]

p. 15

wahrgenommen wird; warum in den Debatten um Entschädigung für Zwangsarbeit die Überlebenden unter den ehemaligen Kriegsgefangenen nie berücksichtigt wurden. Der Verein „kontakte-kontakty“ wurde bereits 1991 mit dem Anliegen geründet, dieser Opfergruppe Gehör zu verschaffen. Und anlässlich des 2011 begangenen 70. Jahrestages des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion fand sich auf Initiative von Peter Jahn ein großer Kreis von Wissenschaftlern, Gedenkstätten- und Museumsmitarbeitern zusammen, die gemeinsam darüber nachdachten, wie das Schicksal der „vergessenen Opfer des Vernichtungskrieges“ besser ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden könne. Es ging darum, ein sichtbares Zeichen zu setzen. Vier Jahre lang bot ein Konsortium, bestehend aus der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft, der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, der Aktion Sühnezeichen, dem Verein Gegen Vergessen – für Demokratie und dem Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst, Vorträge und Veranstaltungen an, durch die das Thema öffentlich gemacht werden sollte. Nun Der Rotarmist Dmitrij Lewinski im Sommer 1940. gibt es die Initiative „Gedenkort für die Opfer der NS-Lebensraumpolitik“, die das gleiche Ziel verfolgt, aber mit anderen Mitteln: Im Zentrum der deutschen Hauptstadt soll ein Denkmal gebaut werden, damit alle von dem Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen erfahren. Die Konzentration darauf, im Berliner Tiergarten, am besten gegenüber dem sowjetischen Ehrenmal, den sowjetischen Kriegsgefangenen als Opfer deutscher Vernichtungspolitik ein Denkmal zu setzen, folgt den etablierten Formen öffentlicher Erinnerung. Nachdem vor zehn Jahren im Zentrum Berlins das Mahnmal zur Erinnerung an die ermordeten Juden Europas eröffnet worden war, folgten weitere Opfergruppen, die mit Denkmalen und Informationstafeln gewürdigt wurden oder gewürdigt werden sollen. Der Erfolg, das Leiden bestimmter Opfergruppen öffentlich zu machen, wird zunehmend daran gemessen, ob es gelingt, im Tiergarten ein sichtbares Zeichen zu errichten. Häufig sind die entstanden Denkmale Informations- und Gedenkort in einem, denn Gedenken ohne Wissen funktioniert nicht, ansonsten wäre es ein hohles Ritual. Dem Gedenken der Opfer unter den sowjetischen Kriegsgefangenen ist das nicht zu wünschen. Zwar ist der Begriff „Vernichtungskrieg“ seit den 1990er-Jahren dank der „Wehrmachtausstellung“ des Hamburger Instituts für Sozialforschung ein feststehender Begriff geworden, um die systematischen Verbrechen der Wehr- » Rückseite des sowjetischen Ehrenmals in Berlin-Pankow mit einer Würdigung des Leidens sowjetischer Kriegsgefangener. Fotos: Deutsch-Russisches Museum Karlshorst Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 85 / Juni 2015 15 Thema

[close]

Comments

no comments yet