Die Christengemeinschaft 03/2011

 

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Die Zeitschrift der Christengemeinschaft Ausgabe 03/2011

Popular Pages


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die christengemeinschaft zeitschrift zur religiösen erneuerung 3 2011 heft 5,­ abo 50,­ porto die theologie wird religiös ­ der ansatz zu religiöser erneuerung

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aufrichtig der ihrige christian morgenstern christian morgenstern christian morgensterns wechselvolles leben werke und briefe band viii seine häu gen umzüge und sanatoriumsaufenthalte erforderten einen umfangreichen briefwechsel mit dem er private und berufliche kontakte aufrechterhielt briefe kamen aber auch seiner neigung zur »kleinen« und oft kunstvollen form entgegen briefwechsel 1904 ­ 1908 ur achhaus er beeindruckt als scharfsichtiger kommentator der wilhelminischen Ära und des berliner literarischen und kulturellen lebens christian morgenstern werke und briefe band viii briefwechsel 1904 ­ 1908 stuttgarter ausgabe band viii hrsg von katharina breitner 1110 seiten mit ausführlichem kommentierten register leinen mit schutzumschlag 92,­ d bei bezug des einzelbandes 82,­ d bei bezug der gesamtausgabe isbn 978-3-87838-508-0 jetzt neu im buchhandel www.urachhaus.com aber auch als ein meister der freundschaften der sich alten und neuen briefpartnern mit gewohnter intensität widmet besonders hervorzuheben ist in diesem band die umfangreiche berufsbedingte korrespondenz mit bruno cassirer oder auch die mit robert walser den er als lektor betreut sowie im jahr 1908 die korrespondenz mit margareta gosebruch seiner späteren frau und die wiederaufnahme der verbindung zu seinem vater die edition umfasst alle heute bekannten briefe und ordnet sie chronologisch der text der briefe wird durch sorgfältige kommentierung und ein umfangreiches kommentiertes personenregister erschlossen 2 die christengemeinschaft 3 2011

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editorial liebe leserin lieber leser eines tages wird die theologie rudolf steiner danken dass sie durch seine hilfe wieder werden konnte was sie zu zeiten des paulus ganz selbstverständlich war eine lehre in der es im wesentlichen nicht um fakten ging sondern darum eine beziehung zu den göttlichen wesen anzuregen niemand hat uns in unserer zeit den gottessohn so nahe gebracht und so lebendig in unsere mitte gestellt wie er diese religiöse haltung war keine nebensache im wirken rudolf steiners er hat selbst darauf hingewiesen dass der tiefe sinn seiner geisteswissenschaftlichen lehre darin bestehe dazu beizutragen die sprache des christus zu erlernen um ihn den wir an unserer seite fühlen sollen in allen einzelheiten des lebens befragen zu können am 6 februar 1917 beendet er einen vortrag mit dem hinweis »der christus ist nicht nur ein menschen-herrscher er ist ein menschenbruder der befragt werden will für alle einzelheiten des lebens das kann nur dadurch geschehen dass wir seine sprache lernen warum befassen wir uns mit geisteswissenschaft wer sich bemüht über die welt denken zu lernen wie sich die geisteswissenschaft bemüht wer sich bemüht seinen kopf so anzustrengen dass er so wie die geisteswissenschaft es will in die weltengeheimnisse hineinsieht an den wird die christengemeinschaft 3 2011 aus dem düster-dunklen grunde der weltengeheimnisse die gestalt des christus jesus herantreten und ihm die starke kraft sein in der er leben wird brüderlich führend an seiner seite stehend auf dass er mit herz und seele stark und kräftig sein könne den aufgaben der zukünftigen menschheitsentwickelung gewachsen zu sein suchen wir daher nicht bloß als lehre suchen wir als eine sprache uns die geisteswissenschaft anzueignen und warten wir dann bis wir in dieser sprache die fragen finden die wir an den christus stellen dürfen er wird antworten ja er wird antworten!« gekürzte wiedergabe aus ga 175 dass er uns den weg zu einer lebendigen beziehung mit christus erschließt macht rudolf steiner so bedeutungsvoll für unsere bewegung in unserem religiösen streben sind wir ihm verbunden herzlich grüßt sie ihr 3

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inhalt die christengemeinschaft märz 2011 hingeschaut ende und neuanfang in Ägypten ulrich meier 5 warum ich ­ vielleicht ­ priester werden will jasmin-patricia hofmann kaori mogi 29 31 flashmobs ­ wie die tauben hildegard lohner künstlerporträt ricarda oehl 7 biografisches der fleißigste mann der bewegung rudolf f gädeke kultus und festeszeit evangelium und mein leben im hingehen auf die passionszeit engelbert fischer 32 34 7 8 12 14 isis und die goldene krone mathijs van alstein von der sprache im kultus kurt von wirstinghausen weltweit auf dem hintergrund des heiligen grals regula häckermann »lasset uns« edelgard vietor 36 mitten hindurch ­ eine faschingspredigt dietlinde romanitan erste schritte der christengemeinschaft in madrid 37 francisco coronado castillo thema abgrund zwischen den zeiten michael bruhn 15 19 22 »die nacht der zerstörung und das ringen um licht« gudrun stoewer 39 wissen und staunen cordelia böttcher bücher was uns in der bewegung des lebens erheben kann barbery christine berg majestät und anmut dorothee jacobi 41 austausch einladung zum austausch 24 fundierte historische informationen mit politischem engagement nürnberger 41 robin keppel jugend an wen ergeht der ruf julian rögge titelbild ricarda oehl auf bunter flur 40 x 40 cm acryl mischtechnik auf leinwand 27 das schwäbische götterkind v d borne lenz christoph führer 42 ich erinnere mich an priesterweihen ­ und hoffe auf revolution miguel mackern wolkenkuckuck 27 28 schäfchen am abend ulrich meier 43 mögen unsere gedicht arthur pissakov veranstaltungen 44 4 die christengemeinschaft 3 2011

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hingeschaut hingeschaut ende und neuanfang in Ägypten ulrich meier alte herrschaften und die sehnsucht nach selbstbestimmung w as sich seit ende januar in den arabischen ländern nordafrikas zeigt lässt den rest der welt den atem anhalten die menschen gehen nicht für das abschütteln einzelner despotischer herrscher sondern für ein neues selbstverständnis des menschen auf die straße die ankündigung vom rücktritt husni mubaraks am 11 februar wurde nicht nur in Ägypten selbst sondern letztlich weltweit als ein signal dafür verstanden dass es hier um eine prinzipielle wende in der frage der demokratischen selbstbestimmung geht systeme die aus angst vor der freiheit des menschen auf die vielfältigen mittel der fremdherrschaft setzen werden von der weltgemeinschaft als hoffnungslos veraltet angesehen und gehören auf den kehrichthaufen der geschichte es bleibt ungewiss ob sich das neue system gegenüber dem alten behaupten wird und wie viel von dem ersehnten in der nächsten zeit schon verwirklicht werden kann dennoch handeln die demonstrierenden aus der Überzeugung dass es kein zurück unter die alte zwangsherrschaft geben kann der philosoph dieter thomä erkennt das lange sterben der alten autoritären vaterfiguren das in europa seit dem beginn der aufklärung zu die christengemeinschaft 3 2011 beobachten ist als zeichen eines umfassenderen wandels dem niedergang der autokratisch regierenden landesväter und könige der in der zeit der französischen revolution längst begonnen hatte folgte der verfall der väter als familienpatriarchen das untergehen dieser »alten herrschaften« in familie und politik wiederum setzte nur fort was mit dem abfall vom glauben an den von außen herrschenden gott begonnen hat immer mehr gilt es seither den »stauraum« der unterdrückung oder den »leerraum« der abwesenheit autoritärer führung mit der milde eines inneren königtums zu erfüllen und die gemeinschaftsbelange in der gegenseitigen anerkennung dieser königskraft in jedem mitmenschen zu gestalten wird das bild des sich selbst bestimmenden menschen immer mehr wirklichkeit dann muss sich daraus konsequenterweise auch eine abkehr von einem gottesbild ergeben das in ihm einen einseitig aus dem jenseits menschlicher erfahrung wirkenden herrscher über welt und mensch sehen will die alte haltung des menschen der seinem göttlichen gegenüber gehorsam schuldete darf sich in die neue wandeln aus der die sohneskraft gottes im innern des freien menschen in der kraft der liebe erfahrbar wird 5 ulrich meier geboren 1960 pfarrer redakteur seminarleiter brahmsallee 16 20144 hamburg

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künstlerporträt 6 die christengemeinschaft 3 2011

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kultus und festeszeit evangelium und mein leben im hingehen auf die passionszeit engelbert fischer da mussten die versuchermächte von ihm weichen und er schaute die engel wie sie zu ihm traten und ihm dienten matthäus 4 icht in innerster einsamkeit nicht im heiligen tempel nicht auf bergeshöhen ist man sicher vor den versuchermächten sie finden auch dorthin und die schönsten wahrheiten und bibelzitate schützen nicht denn zitieren kann der versucher auch recht gescheit so ging es jesus nach der taufe im jordan sollte es mir etwa besser gehen von jesus musste damals dennoch des widersachers macht weichen warum weil er sich rückhaltlos zu dem bekannte und in das hineinstellte was durch den christus-geist in sein leben hereintrat dadurch aber wurde zum ersten mal offenbar der mensch kann etwas was allen anderen naturwesen in freiheit nicht möglich ist der mensch tut und kann das zwar noch durchaus nicht immer aber es ist ihm möglich geworden n ­ er kann sein brot teilen und dadurch vermehren ­ er kann auf besitztum verzichten ohne dadurch ärmer zu werden ­ er kann verantwortung übernehmen und muss nicht alles auf die umstände schieben und die rettung den engeln aufladen ­ warum erscheint mir denn das geteilte brot als mehr sogar nährender als das bloß vervielfältigte ­ warum habe ich denn ein krafterlebnis wenn ich einen verzicht geleistet habe ­ warum wird denn mein so gern anklagender mund so stille wenn einer sich in seine verantwortlichkeit stellt ­ weil da für augenblicke des widersachers macht genommen ist und weil der anwesend ist dem die engel dienen engelbert fischer geboren 1944 pfarrer messendorf berg 64 a-8042 graz Österreich künstlerporträt ricarda oehl ricarda oehl wurde 1944 in nürnberg geboren und absolvierte am dortigen meistersinger konversatorium ein musikstudium ihre künstlerische reifeprüfung legte sie im fach querflöte ab ricarda oehl war als freiberufliche solistin und in kammermusik-ensembles im in und ausland tätig 1981 begann sie mit malstudien und kursen bei verschiedenen künstlern sie unternahm malreisen nach lanzarote namibia italien und nahm an symposien in nürnberg dudenhofen altrip und bad windsheim teil ihre arbeiten waren bisher in vielen einzel und gruppenausstellungen zu sehen die in dieser ausgabe gezeigten bilder wurden inspiriert vom musizieren der »vier jahreszeiten« von joseph haydn »ich beschäftige mich mit der malerei seit den achtziger jahren erst sporadisch denn die musik hält mich >in atem nach und nach beginnt jedoch eine intensive >malzeit ­ angeregt durch kurse symposien und wunderbare menschenbegegnungen nun halten sich meine zwei >lieben die waage beides tue ich mit großer hingabe und freude.« linke seite ricarda oehl das strahlen der sonne 50 x 60 cm acryl mischtechnik auf leinwand die christengemeinschaft 3 2011 7

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kultus und festeszeit von der sprache im kultus das geheimnis des menschen wird offenbar kurt von wirstinghausen kurt von wirstinghausen 1901 ­ 1986 pfarrer b rechte seite ricarda oehl hell erglänzt der tag 50 x 60 cm acryl mischtechnik auf leinwand ei der teilnahme am kultusgottesdienst sind auf eine andächtige weise alle sinne beteiligt der mitfeiernde hört nicht nur zu er sieht den altar die lichter die farben bewegungen und gebärden doch auch der geruchsinn ­ durch den weihrauch ­ der geschmacksinn ­ bei der kommunion ­ und der tastsinn werden in das höhere geschehen einbezogen den hauptanteil hat dennoch das ohr durch die musik und vor allem das kultuswort die sprache ist der eigentliche träger der verkündigung und des gebetes aber eine sprache die nicht dem alltag und der nützlichkeit angehört sondern die sich »erhebt« wenn vom altar aus das evangelium verlesen wird wobei wir lernen im menschenworte das wort gottes zu vernehmen dann erhebt sich die gemeinde von den plätzen um es stehend anzuhören dieser vorgang ist ein zeichen dafür wie das evangelium aber auch das kultuswort im allgemeinen aufgenommen wird hier erklingt eine sprache die nicht »gewöhnlich« gesprochen und die nicht ohne erhöhte aufmerksamkeit angehört werden kann mancher neu herantretende teilnehmer an der weihehandlung hat schon zum ausdruck gebracht wie »ungewöhnlich« die sprache auf ihn wirke die im kultus gesprochen wird manche müssen sich an das »getragene« wort erst »gewöhnen« viele allerdings haben auch bekundet welch entscheidende neue erfahrung für sie sogleich die hier angestrebte das wort in seiner schönheit und reinheit bedeutsam emporhebende sprache geworden ist der zuhörende empfindet dann das »durchgeistigte« sprechen als eine wohltat und indem er das hohe edle wesen der sprache in sich aufnimmt wird ihm die eigene sprachfähigkeit mit der zeit geläutert und verwandelt schon dadurch bereitet er sich auf das gebet vor sein hinhörendes einstimmen hebt ihn der quelle des gotteswortes entgegen die sprache der heutigen zivilisation finden wir in einen offensichtlichen sündenfall verstrickt nicht nur durch ihren missbrauch zu lüge und halbwahrheit bis tief in die religiösen zusammenhänge in denen man dem »wort gottes« dienen will wird die würde der sprachlaute verkannt wird dem sprachgeiste und seiner weisheit hohngesprochen abgeschliffen und in den staub der gewohnheit gezogen wird die sprache selbst ihres hohen amtes kaum gewahr ­ einem religiösen pathos oder einer »feierlichen« monotonie soll hier beileibe nicht das wort geredet werden aber eben der hohen würde der sprache mit der sprache ist uns menschen in wahrheit eines der höchsten weltgeheimnisse anvertraut ehe wir ihn aussprechen haben wir einen gedanken dieser ist seinem wesen nach unsichtbar unhörbar untastbar er ist geistiger art und gibt uns anteil an der welt des geistes kleiden wir ihn aber in ein wort indem wir ihn aus der verborgenen innenwelt heraus aussprechen so führen wir ihn in die hörbarkeit und sichtbarkeit also in die physische welt über ergreift es uns nicht als ein immer neu zu bestaunendes wunder dass es uns menschen gegeben ist durch den atemstrom durch kehlkopf gaumen zunge und zähne ­ also mit hilfe körperlicher instrumente ­ eine rein innere welt physisch zu offenbaren und zwar nicht nur die unserer persönlichen seelenstimmungen wie es das tier durch seine laute auch vermag sondern eine solche objektiver geistiger tatbestände die völlig außerhalb des persönlich-seelischen interesses liegen können wie etwa ein mathematischer lehrsatz durch den menschlichen mund erfolgt eine art »leibwerdung« des gedankens in vokalen konsonanten betonungen und rhythmen durch das wort steigt der gedanke in die erdenwelt herab und er bleibt nicht am menschenmunde kleben von hier aus ergießt die christengemeinschaft 3 2011 8

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kultus und festeszeit die christengemeinschaft 3 2011 9

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kultus und festeszeit sich auf dem wege der Äußerung und mitteilung ein gewaltiger gedankenstrom in die umwelt des menschen die natur in kultur umwandelnd es entstehen sitten gesetze bücher kunstwerke bauten fabriken verkehrsanlagen ­ alles zuvor erdacht und dann mit hilfe der sprache durch verständigung mit den mitmenschen in die verwirklichung übergeführt der mensch ist somit durch seine sprache das tor durch das der unsichtbare geist sichtbar werden und hervortreten kann mehr noch die sprache offenbart das geheimnis des ganzen menschen ­ er selbst entstammt dem geiste hat sich aber durch seine geburt verleiblicht er selbst ist ein »wort« aber nicht ein menschliches wie wir es im munde führen sondern ein lebendiges geschöpf ein wort gottes damit rühren wir an den tiefen zusammenhang von sprache und religion und im besonderen von sprache und christentum christus wird verehrt als das göttliche wesen das leib angenommen hat und mensch geworden ist aus der lauteren welt des geistes so lautet die botschaft ist er herabgekommen und hat gottes wesen in der materiellen erdenwelt rein zur offenbarung gebracht er ist geradezu dadurch auch der wahre mensch sein geborenwerden leben leiden und sterben spricht reinere edlere höhere wahrheiten aus als menschen sie sonst herabbringen die tiefsten die es gibt die grundwahrheiten gottes des allumfassenden vaters daher nennt das johannesevangelium in seinem prolog christus das »wort« oder griechisch den »logos« gottes »das wort ist fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.« die menschliche sprache aber ist wie nichts anderes geeignet dieses wunder zu erfassen und zu preisen ­ da sie selbst wie wir sahen der leibwerdung des geistes dient und dadurch »auf den spuren des herrn« wandelt in der sprache des kultus wird die menschensprache sich dieses hohen dienstes und ihres christlichen wesens bewusst gleichzeitig lernt sie die tiefste bescheidenheit das menschliche sprechen ist bei aller hoheit der sprache nur ein schwacher abglanz der offenbarung göttlichen geistes die gottes-sprache selbst hat 10 noch weit größere worte so wie durch die lippen des menschen der menschlich fassbare gedanke materielle wirklichkeit wird ist unendlich gewaltiger die ganze schöpfung mit sonne mond sternen der erde und allen naturwesen aus einem »sprechen« gottes hervorgegangen so verkündet es die schöpfungsgeschichte »gott sprach es werde licht und es ward licht« gen 1,3 die kultussprache regt über den in ihr selbst liegenden erhabenen wort-inhalt hinaus an die stumm gewordene welt des kosmos und der erde als aus dem geiste entsprungen zu erfühlen und zu erkennen sie gleichsam als buchstaben einer himmelsschrift lesen als silben einer tatsachensprache vernehmen zu lernen um sie mit ihrem göttlichen ursprung zu verbinden dem geiste entgegenzuführen und dadurch zu verwandeln die besonderheit des kultuswortes gegenüber dem gewöhnlichen wurde in älteren zeiten unmittelbar erlebt es war den frommen menschen des altertums und mittelalters eine andere eine zweite sprache die nicht mit dem kopfe sondern mit dem herzen aufgenommen wurde man suchte nicht unbedingt sich klar zu verstehen sondern vor allem klang und rhythmus auf sich wirken zu lassen wie einen heilig-magischen gesang dessen tonhöhe nur um wenige töne wechselte diese art der intonierung des ritualwortes hatte zusammen mit der ergreifenden schönheit der chormusik zur folge dass die gläubigen gleichsam entrückt wurden aus raum und zeit sie tauchten mit der so angesprochenen seele unter in eine urvergangenheit da die menschheit ihrem schöpfer noch näher gestanden hatte zurück zu gott dem vater damit hängt es zusammen dass in jenen zeiten ­ und durch die tradition bis in die gegenwart ­ die kultussprache vielfach tatsächlich eine andere sprache neben der landessprache sein konnte Ältere kirchen halten an der sondersprache selbst dann fest wenn diese in der wirklichkeit des lebens gar nicht mehr gesprochen wird und als »tote sprache« gelten muss ja es wird auf die entfremdete sprache die christengemeinschaft 3 2011

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kultus und festeszeit für den kultus wert gelegt sie ist nämlich dennoch wirksam sie legt allerdings für den gläubigen menschen einen vorhang von heiligen klängen vor das geschehen am altar und spricht ihn nicht in seinem hellen bewusstsein sondern im unterbewussten an dass manche gemeindeglieder den text genau kennen oder ihm anhand einer gedruckten Übersetzung folgen ändert daran nicht viel wählen wir als beispiel den kultus der griechisch-orthodoxen kirche in großer inbrunst und in erhabener schönheit des wortklanges der gesänge der goldglänzenden priestergewänder wird er vielfach gefeiert in griechenland ist seine sprache statt des neugriechischen das altgriechische bzw ein abgewandeltes altgriechisch in den slawischen ländern das altslawische das sich beispielsweise zum russischen so verhält wie mittelhochdeutsch zum jetzigen hochdeutsch die römisch-katholische kirche verwendet bekanntlich als kultussprache das lateinische der griechisch-orthodoxe kultus vollzieht sich zwar für die gemeinde hörbar aber in wesentlichen seiner teile nicht sichtbar ­ nämlich hinter einer den altarraum als das allerheiligste abschirmenden wand von heiligenbildern der sogenannten ikonostase diese anordnung entspricht der geschilderten art der kultussprache ein teil des vorgangs bleibt für das bewusstsein der gläubigen »hinter dem vorhang« die schönheit und würde eines solchen kultus sind unbestritten seine frömmigkeit ist offensichtlich wo er mit echter hingabe vollzogen wird dieser stil des religiösen lebens entsprach bestimmten völkern und epochen auf den modernen menschen etwa mitteleuropas wirkt er allerdings wie eine gestalt gewordene erinnerung an frühere zeiten der unmittelbaren gegenwart mit ihren aufgaben und ihrem lebensstil rückt er fern oft wird zugunsten einer anwendung der fremdsprache im christlichen kultus angeführt dass dieser durch sie von den landesgrenzen und ebenso vom zeitlichen wechsel in der umgangssprache unabhängig sei und mit dem für alle länder gültigen gleichen wortlaut sämtliche die christengemeinschaft 3 2011 andreas laudert erfÜllte schrift das wort zwischen geist und materie urachhaus andreas laudert erfüllte schrift das wort zwischen geist und materie 160 seiten klappenbroschur 16,90 d isbn 978-3-8251-7644-0 das wort ­ in der zerreißprobe in einer zeit der inflationären verwendung von wörtern in medien und internet ist die frage nach dem ursprung des wortes völlig in den hintergrund getreten was geschieht eigentlich wenn wir worte sprechen schreiben hören oder lesen wie verkörpert sich geistiges so dass es zu sprache und schließlich zum >toten buchstaben wird und was vollzieht sich in uns wenn wir diesen wieder zum leben erwecken welchen prozess durchlebt ein schriftsteller wie zum beispiel franz kafka der das schreiben einmal als >lohn für teufelsdienst bezeichnete der schriftsteller und priester andreas laudert der mit dem literarischen wie dem sakralen wort gleichermaßen auf vertrautem fuße lebt geht diesen höchst aktuellen fragen in fesselnder weise nach und zeigt welchen chancen und gefahren das lebendige wort im spannungsfeld zwischen geist und materie heute ausgesetzt ist www.urachhaus.com 11

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kultus und festeszeit gläubigen umschließe solch eine umfassende wirkung ist allerdings dem kultus gemäß aber sie geschieht bereits durch die wie wir eingangs erwähnten so wichtigen stummen andachtsvorgänge die sprache selbst soll heute vom menschen der voll in der gegenwart steht mit klarem bewusstsein durchdrungen und innerlich wort für wort mitgesprochen werden können wenn er auch nie ausgeschöpft wird der kultus muss dem verstehen und erleben ohne »chorschranke« zugänglich sein die christengemeinschaft hat mit dem kultuswort neue wege beschritten die sprache ist wie wir hörten eine erhobene aber sie ist keine fremdsprache sie wird in ehrfurcht vor dem wort und seinen lauten gestaltet aber sie bringt den inhalt klar und unmittelbar zum bewusstsein ein solcher kultus hat einen nüchterneren und verhalteneren stil als ein aus jenen alten zeiten herüberwirkender jeder rausch der die seele wie von außen ergreift ist hier natürlich vermieden aber die weihehandlung weckt den menschen zur »geistesgegenwart« und führt ganz von innen her neu zur erfahrung der schönheit des wortes und zur begeisterung damit sind die gründe berührt aus denen in der christengemeinschaft weihehandlung und sakramente in der sprache des landes gegebenenfalls in zwei sprachen gefeiert werden die sich daraus immer neu ergebende große aufgabe der Übersetzung der weiheworte kann nicht davon abhalten das für unsere zeit richtige prinzip voll ins auge zu fassen und zum segen religiöser erneuerung durchzuführen 1 nachdruck aus heft 1/1961 aus anlass des 25 todestages von kurt von wistinghausen am 9 märz 2011 »lasset uns« edelgard vietor ie sprache trägt einen unendlichen reichtum in sich sie bildet die einzelnen wörter und ihre anwendung im zusammenhang mit anderen immer wieder können wir staunen welche vielfalt und weite sie in einzelne wörter legt für die wir plötzlich aufmerksam werden zu solchen besonderen wörtern gehört »lassen« wie oft benutzen wir es mit verschiedenen vorsilben und mit jeder bekommt es eine andere bedeutung es gibt nicht viele wörter die sich in ähnlich vielfältiger art mit fast jeder vorsilbe oder präposition ­ und im deutschen gibt es viele ­ verbinden können es lässt sich sozusagen selbst los für eine immer andere ausdrucksmöglichkeit die wurzel »led« im indogermanischen bedeutet »matt schlaff werden« ein nachlassen von kraft und aktivität manche vorsilben bestärken dieses motiv dass ich etwas loslasse das kann ich selbst wollen oder es passiert 12 d edelgard vietor geboren 1931 pfarrerin theresienstr 96 50931 köln mir ­ im Äußeren ebenso wie im seelischen in allen bereichen des lebens findet das »lassen« seine anwendung »lass mich los« ­ aus einem festen handgriff aus einer bevormundung und wenn ich den anderen loslasse und für sein eigenes leben freigebe dann ent-lasse ich ihn ­ jakob der die nacht über mit dem engel gerungen hat sagt am morgen zu ihm »ich lasse dich nicht du segnest mich denn« gen 32 27 jeder jugendliche muss aus den bindungen der familie entlassen werden ein häftling wird aus dem gefängnis entlassen viele berufstätige werden heute aus den betrieben entlassen und sind arbeitslos oft fühlen sie sich dann ver-lassen mit ihren nöten allein gelassen man kann auch selbst einen zusammenhang der einem nicht zusagt verlassen für jedes wort gibt es beide seiten dass etwas von außen geschieht oder dass ich es selbst tue die christengemeinschaft 3 2011

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kultus und festeszeit noch eine ganz andere bedeutung steckt in dem wort dass ich mich auf jemanden verlassen kann weil ich vertrauen zu ihm habe ich verlasse jemanden ­ ich verlasse mich auf jemanden d.h ich nehme mich selbst zurück wir finden als hauptmotiv des wortes »lassen« dass der eigene wille zurückgestellt wird und ich nicht eingreife so kann ich etwas liegen lassen oder anderes unter-lassen es sich selbst über-lassen ich kann es zu-lassen oder ich lasse mich selbst gehen wenn ich mich nicht beherrschen kann ein passives verhalten ist mit dem wort verbunden mit negativen folgen oder sich lösend und befreiend den eigenen willen zurücknehmen kann schwäche sein oder bewusst aktive hingabe als ge-lassenheit wird es eine positive Übung wenn ich versuche mich von emotionen zu befreien das lassen wird eine aktive qualität der seele und hat nichts mehr mit lahmheit oder lässigkeit zu tun dann kann mit dem wort eine hohe geistige fähigkeit verbunden sein indem ich den entschluss fasse größeres geschehen zu lassen und mich zur verfügung stelle mich darauf einlasse vielleicht sogar ver-an-lasse dass etwas geschieht ich verzichte auf meinen eigenen willen und verwandle ihn so dass seine kraft frei wird für größeres jede gemeinsame arbeit hat dieses lassen als voraussetzung die höchste form geistiger aktivität haben die götter uns vorgelebt »lasset uns den menschen schaffen« heißt es am sechsten schöpfungstage würden sie sagen »wir wollen« wäre jedes geistwesen direkt mit seinem eigenen beteiligt »lasset uns« dagegen zeigt eine große offenheit und freiheit für die anderen beteiligten »uns« eine gruppe göttlicher wesenheiten die sich in der schöpfermacht verbunden haben diese haltung »lasset uns« ist die grundlage für den zu schaffenden menschen er trägt sie als urkraft in sich als göttliche fähigkeit ­ dass sie auch in die negative passivität herabgesunken ist ist eine folge des sündenfalls »lasset« ist der impuls für das was in der zukunft geschehen soll vergangenes kann losgelassen werden gegenwärtiges können wir die christengemeinschaft 3 2011 zu-lassen für zukünftiges öffnen wir unseren willen lasset uns machen lasse werden lasse sein wir beleben die göttliche fähigkeit in uns so beginnen wir die menschenweihehandlung mit der bitte sie gemeinsam zu vollziehen wir veranlassen sie aus dem gemeinsamen impuls wenden wir uns dann konkret jeder einzelne an den christus dass er meinen lippen das göttliche wort entströmen lassen möge ich öffne mich seinem wesen ­ wenn es um die wandlung von brot und wein geht richten wir unser gebet an den vatergott er möge in dem christusopfer leib und blut leben lassen ­ und dann die direkte bitte für brot und wein »lasse sein« der vatergott soll leben lassen sein lassen d.h er ist freigelassen in seinem wirken wir können nur darum bitten eine besondere art uns an die göttliche welt zu wenden ist das gebet für andere menschen im sakrament so heißt es in der konfirmation »lasse strömen deinen segen« am deutlichsten erfahren wir die fürbitte für verstorbene »lasse ihn finden« »lasse ihn erfahren« und »lasse ihm werden die ruhe des seelenseins.« mit dem lassen wollen wir nie etwas direkt erreichen sondern wir nehmen uns selbst zurück und sind bereit für höheres es ist ein wort das durch alle bereiche des lebens das göttliche im menschen weckt wie es die götter veranlagt haben »lasset uns den menschen machen uns zum ebenbilde.« der mensch muss dieses ziel selbst verwirklichen denn auch die göttliche welt lässt frei im spielerischen umgehen mit dem wort können wir aus ihm ganze geschichten erfinden als ich mich herbeiließ ihm seine schulden zu erlassen konnte ich mich auf seine pläne einlassen ich verließ mich darauf dass er zuverlässig sei und nicht nachlässt mit seinen bemühungen ich unterließ es einzugreifen auch wenn er wichtiges auslässt ich konnte gelassen zulassen was er veranlassen würde oder was er belassen würde wie es ist so konnte ich ihn entlassen auch wenn er sich verlassen fühlte ich überließ ihn seinem tun dem er jetzt unablässig nachging 13

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kultus und festeszeit mitten hindurch ­ eine faschingspredigt dietlinde romanitan ind sie schon einmal einem durch begegnet das ist gar nicht so leicht denn meistens sehen wir durch es hindurch aber wir sehen es nicht selbst das durch doch gibt es situationen im leben da ist das vorhandensein eines durch existenziell notwendig denn was sollte ein kamel schon mit einem nadelöhr anfangen wenn es kein durch gäbe stellen wir uns doch einmal ein kamel vor einem nadelöhr vor eine erschütternd peinliche schicksalssituation das kann einem durch und durch gehen obwohl es ja gar nicht geht ­ oder gerade weil es nicht geht das durch manchmal stehen wir ja so da kurz vor dem durch aber eben vor und in dem augenblick da wir es vor uns haben da möchten wir am liebsten durch und zwar sofort sonst sind wir unten durch und das ist eigentlich ungültig denn »unten durch« ist kein wahres durch »augen zu und durch« gilt auch nicht weil wir damit nicht durchkommen eine dritte möglichkeit wäre das durch zu durchschauen durch das durch hindurchzuschauen doch damit kommen wir auch nicht weit es ist als würden wir versuchen durch ein nadelöhr hindurchzublicken man sieht da nicht sehr viel wer könnte schon behaupten auf diese weise den wahren durchblick erlangt zu haben so bleibt uns nur noch einzutreten und uns mitten in das durch hineinzustellen ohne zu wissen ob wir durchkommen da kann es geschehen dass wir uns mit einem mal vollkommen durchdrungen und durchschaut fühlen von dem wesen dieses alldurchdringenden durch es lässt nämlich dieses wesen nichts durchgehen außer uns selbst da gilt es alles was nicht existenziell zu uns gehört abzuwerfen allen reichtum zu verkaufen und das was er wert war zu verschenken es führt uns der weg zu dem wahren durch erst durch uns selbst ­ mitten hindurch die christengemeinschaft 3 2011 s ricarda oehl die morgenröte bricht hervor der himmel pranget in hellem azur 30 x 40 cm acryl mischtechnik auf leinwand dietlinde romanitan geboren 1958 pfarrerin waltherhartmann-straße 9 89522 heidenheim 14

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thema abgrund zwischen den zeiten michael bruhn a lles übrige was wir unabhängig von diesen evangelien über die geschichte und predigt jesu wissen lässt sich bequem auf eine quartseite schreiben so gering an umfang ist es.« dieses zitat des protestantischen theologen a v harnack 1851 ­ 1930 fasst wohl besser als vieles andere den ertrag der historisch-kritischen erforschung des neuen testamentes vor dem ersten weltkrieg zusammen außerhalb der evangelien gibt es keine verlässliche information und die evangelien selbst sind keine geschichtsbücher sondern verkündigungstexte in den ersten drei evangelien selbst glaubte man aber zu harnacks zeit wieder mehr historische substanz gefunden zu haben »vor sechzig jahren glaubte david friedrich strauß die geschichtlichkeit auch der drei ersten evangelien fast in jeder hinsicht aufgelöst zu haben es ist der historisch-kritischen arbeit zweier generationen gelungen sie in großem umfange wiederherzustellen.«1 albert schweitzer hatte schon 1906 mit seiner »geschichte der leben-jesu-forschung« im grunde deren scheitern beschrieben und selbst das bild eines uns ganz fernen und unbekannten jesus entworfen aber die historisch-kritische forschung glaubte doch durch das studium der gesetze mündlicher Überlieferung und durch vergleiche festgestellt zu haben was jeweils die intention der evangelisten und was ihre quellen gewesen seien dennoch kann es nicht einmal für die existenz des jesus von nazareth einen äußerlichen unzweifelhaften beweis geben in dieser tatsache liegt eine tiefe geistige notwendigkeit was auf golgatha geschehen ist und alles was darauf hinführt hat weltverwandelnde kraft aber diese kraft darf nicht den geringsten zwang ausüben von daher ist die sehnsucht nach »äußeren beweisen für den geist« lk 11,29 bis hin zu späteren beweisversuchen durch nicht selbst erdie christengemeinschaft 3 2011 lebte hellseherische schauungen zwar verständlich aber immer zum scheitern verurteilt wir sehnen uns nach solchen beweisen es muss aber in wirklichkeit völlig unerheblich sein ob jesus »rechts oder linksherum um den see genezareth ging« wie das sprichwort sagt nach dem evangelium selbst ist der einzig mögliche beweis das »zeichen des jona« lk 11,30 der weg in und durch das nichts nur was in jedem einzelnen aus diesem nichts neu geschaffen ist kann heute über den abgrund der zeiten hinweg als persönliche erfahrung wirkliche verwandlungskraft für unsere zeit neu entfalten in diesem sinne beginnt rudolf steiner seine vorträge »von jesus zu christus« mit dem anfangs genannten harnack-zitat und stimmt ihm in diesem punkt völlig zu nun erlebt jeder der evangelische theologie studiert eine merkwürdige diskrepanz zwischen den einzelnen »fächern« in die dort sowohl studium als auch forschung eingeteilt werden wenn wir kirchengeschichte und praktische theologie z b predigtlehre einmal auslassen stehen da auf der einen seite die »exegetischen fächer« altes und neues testament in denen mit »historisch-kritischen« methoden die biblischen texte als literatur analysiert werden die z.b im falle des neuen testamentes den urchristlichen gemeinden zur verkündigung und verbreitung ihres glaubens diente auf der anderen seite steht die »systematische theologie« mit ihren unterabteilungen »dogmatik« glaubenslehre und ethik nun könnte man fragen worauf sich denn eine glaubenslehre gründen soll wenn ihr die neutestamentliche forschung gerade bewiesen hat dass die bisher angenommene grundlage ihres glaubens sich überhaupt nicht beweisen lässt da sich meist verschiedene persönlichkeiten forschend mit den einzelnen »fächern« beschäftigen wird diese frage unter theologen erstaunlich wenig reflektiert der exegetiker 15 michael bruhn geboren 1959 pfarrer elvirasteig 30 14129 berlin

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