Die stärkste Frau der Welt

 

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eine spannende Geschichte für die 5./6. Klasse

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Margarete Schebesch Die stärkste Frau der Welt

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Kapitel 1 Es war einmal ein großer, dichter, dunkler Wald. In der Mitte des Waldes befand sich ein hoher Berg, der ebenfalls von Wald bedeckt war. Der Berg hatte keinen spitzen Gipfel, sondern ganz oben brach der Berg plötzlich ab. Die Bewohner der Dörfer rings um den großen Wald nannten ihn den Drachenwald und den Berg in seiner Mitte den Feuerberg. Das war nämlich der Grund dafür, dass der Berg ganz oben plötzlich abbrach: Der Berg war durch einen Vulkan entstanden. Deshalb hatte er dort oben keine Spitze, sondern einen Krater. Es war ein schöner Krater mit hohen Wänden, welche das Innere vor starken Winden schützten. Weil die Erdkruste in dem Krater dünner war als anderswo, war es auf dem Boden des Kraters auch angenehm warm. Deshalb gab es in dem Krater nur sehr milde Winter, obwohl in dem Wald und auf dem Berg im Winter oft hoher Schnee lag. Weil es so warm war, wuchsen in dem Krater auch viele Pflanzen und Bäume mit süßen, saftigen Früchten. Drache_Frau_MS_DA www.lehrmittelperlen.net 1

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Diesen Krater hatte ein Drache ausgewählt, um sein Nest darin zu bauen. Eigentlich war es eine Drachenmutter mit grünen leuchtenden Augen und Schuppen, die in allen Farben funkelten. Die Menschen aus den umliegenden Dörfern sahen sie manchmal, wenn sie über den Wald flog und jagte und erzählten einander, wie schön sie sei. Einige Männer aus den Dörfern waren schon einmal durch den Drachenwald zum Feuerberg gewandert und bis hinauf zum Rand des Kraters gestiegen. Aber die Drachenmutter schien zu fühlen, wenn jemand sich ihrem Nest näherte. Dann kam sie schnell zurück geflogen und spuckte Feuer über den Rand des Kraters, so dass die Menschen gleich voller Angst wieder den Berg hinunter purzelten. Die Mütter in den Dörfern lachten die Männer aus, wenn sie zurückkamen und von dem feuerspuckenden Drachen erzählten und sagten: "Recht geschieht es euch! Die Drachenmutter beschützt ihr Nest. Eure Neugierde kann euch teuer zu stehen kommen, wenn ihr sie nicht in Ruhe lasst." Die Mütter in den Dörfern wussten genau, dass die Drachenmutter ihr Nest so streng verteidigte, weil sie Eier gelegt hatte. Dies sagten sie jedoch den Männern nicht, weil sie wussten, dass die Männer keine Ruhe geben würden wenn bekannt wurde, dass sich Dracheneier in dem Nest befanden. Drache_Frau_MS_DA www.lehrmittelperlen.net 2

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Das Ei eines Drachens war bei den reichen Kaufleuten viel Gold wert, welches eine Familie lange Zeit versorgen konnte. Die Frauen wussten aber auch, dass eine Mutter niemals ihr Kind aufgeben würde, ganz gleich ob es eine menschliche oder eine Drachenmutter war. Und es war bekannt, dass die Rache eines Drachen furchtbar sein konnte. Deshalb schwiegen sie. Die Mütter in den Dörfern hatten Recht. Die Drachenmutter hatte drei Eier gelegt, aus denen bald drei kleine Drachen schlüpfen würden. Der König, welcher weit entfernt von dem Drachenwald wohnte, hörte von dem schönen Drachen und wurde neugierig. Zu gern hätte er einmal das Nest gesehen. Deshalb reiste er mit sechs seiner stärksten Männer zu dem Wald und bat die Menschen in den Dörfern um einen Führer, der die Gruppe durch den Wald zu dem Berg geleiten sollte. Die Männer, welche es schon einmal versucht hatten, wollten ihr Glück nicht nochmals herausfordern. Sie sagten dem König, dass die Drachenmutter ihr Nest beschütze und es sehr gefährlich sei, sich ihm zu nähern. Die Neugierde des Königs wurde jedoch immer größer. Er versprach eine hohe Belohnung für denjenigen, der den Mut hatte, ihn bis zum Rande des Kraters zu führen. Drache_Frau_MS_DA www.lehrmittelperlen.net 3

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Nun gab es in einem Dorf einen armen Bauer mit Namen Friedelf. Seine Frau war gestorben und es gab niemanden, der ihn warnen konnte, wie es die Frauen der anderen Männer getan hatten. Als sie starb, hinterließ ihm seine Frau ein kleines Mädchen, das sie Anji genannt hatte. Friedelf hatte das Mädchen sehr lieb und trug es zu jeder Stunde in einem Korb, den er aus Weidenruten geflochten hatte, auf dem Rücken. Das Mädchen war auf weiches Heu und ein paar Lumpen gebettet und der Vater hatte ihm ein breites Band um den Leib gebunden, welches so an dem Korb befestigt war, dass das Mädchen nicht herausfallen konnte. Der Bauer Friedelf hörte also von dem Angebot des Königs und ging zu dem Gasthaus, wo der König auf seiner Reise wohnte. Er bot sich an, den König und seine Männer zu dem Krater zu führen. Er war zwar noch nie bei dem Krater gewesen, aber den Drachenwald und den Berg kannte er recht gut. Deshalb glaubte er, dass er den Krater schon finden würde. Der König war einverstanden. Er war auch von dem Mut des Mannes beeindruckt, dass dieser, obwohl er ein kleines Töchterchen zu versorgen hatte, dennoch die Reise durch den Drachenwald wagen wollte. Das Körbchen, in dem das kleine Mädchen Anji lag, gefiel ihm ebenfalls, denn er hatte zu Hause einen kleinen Sohn, der etwa im gleichen Alter war wie das Mädchen. Er beschloss, für seinen Sohn ein ähnliches Körbchen flechten zu lassen, damit er ihn mit auf die Jagd nehmen könne. Drache_Frau_MS_DA www.lehrmittelperlen.net 4

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So zog die kleine Gruppe also am nächsten Morgen los. Voran der Bauer Friedelf aus dem Dorf mit dem König und danach die sechs starken Männer des Königs. Der Bauer hatte ihnen erklärt, dass sie ihre Pferde im Dorf lassen müssten, weil der Feuerberg zu steil war. Sie konnten die Pferde auch nicht allein unten im Wald lassen, während sie auf den Berg stiegen, weil im Wald viele wilde Tiere lebten, die für die Pferde gefährlich werden konnten. Deshalb gingen sie alle zu Fuß. Ab und zu gab Friedelf seinem Töchterchen, das er im Körbchen mit sich trug, ein Stück von einer trockenen Frucht oder ein paar Beeren, die er am Weg pflückte, zu essen. Das Mädchen Anji war fröhlich und guter Dinge und unterhielt die starken Männer des Königs unterwegs mit seinen niedlichen Lauten. Als der Tag schon bald zu Ende ging, kamen sie am Fuß des Berges an. Friedelf schlug vor, dort zu rasten und am nächsten Morgen auf den Berg zu steigen. So bereiteten sie das Lager für die Nacht. Der Bauer holte sein Töchterchen aus dem Korb und gab ihm süße Früchte und gegorene Ziegenmilch zu essen, welche er für sie mitgenommen hatte. Danach legte er sie auf seine Brust und deckte sie mit seiner Jacke zu, und so schliefen alle am Fuß des Feuerberges. Drache_Frau_MS_DA www.lehrmittelperlen.net 5

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Am Morgen wurden sie von einem lauten Schrei geweckt, der plötzlich vom Himmel gellte. Die Männer blickten nach oben und sahen die Drachenmutter, welche gerade von dem Krater aufgeflogen war. Sie entfernte sich rasch in Richtung der aufgehenden Sonne. Als der König das sah, wurde er sehr ungeduldig. "Jetzt ist der Augenblick," sagte er, "jetzt müssen wir schnell hinaufsteigen! Wenn sie jetzt jagt, wird sie nicht merken, wenn wir uns ihrem Nest nähern." Die Männer brachen schnell das Lager ab und machten sich an den Aufstieg. Der Berg war tatsächlich sehr steil und der König freute sich darüber, dass er zu Hause jeden Tag seine Körperübungen durchgeführt hatte, sonst hätte er schon bald aufgeben müssen. Auch Friedelf aus dem Dorf kam gut voran, obwohl er immer noch sein Töchterchen Anji im Korb auf dem Rücken trug. Zu Mittag erreichten die Männer mit dem König den Rand des Kraters. Der Drache war nirgends zu sehen. Aber unten, auf dem Boden des Kraters, lag das riesige Nest des Drachens, und darin saßen zwei frisch geschlüpfte Drachenjunge neben einem weiteren Ei. "Ich will dieses Ei haben!", sagte der König. "Wir gehen alle hinunter und holen es." Drache_Frau_MS_DA www.lehrmittelperlen.net 6

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Sie ließen einen der starken Männer am Rand des Kraters, der Wache halten und die anderen warnen sollte, wenn der Drache auftauchte. Sie stiegen hinab in den Krater und näherten sich dem Nest. Die kleinen Drachenkinder drängten sich ängstlich aneinander, aber die Männer taten ihnen nichts. Der König hob das Ei aus dem Nest und alsbald stiegen sie wieder hinauf. Als sie gerade die Hälfte des Anstiegs zum Rand des Kraters hinter sich hatten, rief der starke Mann von oben: "Beeilt euch, mein König, die Drachenmutter kommt! Sie ist schon sehr nahe!" Die Männer beschleunigten ihren Aufstieg, aber als sie den Rand des Kraters erreichten, war die Drachenmutter da. Sie kam aus der Richtung der Sonne und der wachhabende Mann hatte sie zu spät gesehen. Mit wütenden Schreien stieß sie Feuer spuckend auf die fliehenden Männer herab. Die Männer liefen so schnell sie konnten den Berg hinunter. Der Drache war dicht hinter ihnen und sein Feuer brannte eine Schneise durch den Wald, als die Bäume innerhalb von Augenblicken verkohlt umstürzten. Plötzlich stolperte der König, der das Ei trug. Er schlug hin und rollte den Berg hinunter. Das Ei fiel zu Boden und brach entzwei. Friedelf hatte das Ei fallen sehen und wollte es aufheben. Wie groß war sein Entsetzen, als er das Ei brechen sah und der Körper des dritten Drachenkindes über ihn hinweg geschleudert wurde. Er drehte sich um und lief abwärts, um nach dem Drachenkind zu sehen. Als er es erreichte, regte es sich jedoch nicht mehr. Drache_Frau_MS_DA www.lehrmittelperlen.net 7

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Nun hörte Friedelf das grauenvolle Schreien der Drachenmutter hinter sich, die schnell näher kam. Friedelf war wegen des Eies etwas hinter den anderen Männern zurück geblieben. Plötzlich wurde ihm auch bewusst, das Anji in dem Korb auf seinem Rücken weinte und schrie und er setzte sich wieder in Bewegung. Doch die Hitze des Drachenfeuers kam immer näher und er hörte die verbrannten Bäume neben und hinter sich umstürzen. Schon fühlte er, wie die Glut seine Haare versengte und lief, ohne auf Hindernisse zu achten, von Grauen ergriffen, den Berg hinunter. Die Männer des Königs riefen ihm zu und fragten, ob er einen Unterschlupf kenne. "Lauft mir nach!", rief Friedelf, denn er kannte eine enge Schlucht in dem Wald und er hoffte, dass die Drachenmutter sie nicht dorthin verfolgen könne. Der Drache flog immer noch Feuer spuckend hinter ihnen her, aber in dem dichten Wald konnte sie die Menschen nicht mehr gut erkennen und blieb deshalb immer weiter zurück. Als Friedelf die Schlucht erreichte, kletterte er schnell an einer langen Ranke hinunter und versteckte sich in den Büschen, die auf dem Boden der Schlucht wuchsen. Der König und seine Männer taten es ihm nach und bald waren alle so gut verborgen, dass die Drachenmutter ihre Spur verlor. Drache_Frau_MS_DA www.lehrmittelperlen.net 8

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Als die Männer die Schreie der Drachenmutter nicht mehr hören konnten, traten sie aus den Büschen hervor, wo sie sich versteckt hatten. Sie schauten sich gegenseitig an und stellten fest, dass einige von ihnen Verbrennungen erlitten hatten, andere waren durch spitze Äste und Zweige verletzt worden und einer hatte sich beim Stolpern von dem steilen Berg den Fuß verstaucht. Doch plötzlich wurde es ganz still in der Gruppe und die Männer, die um Friedelf herum standen, schauten in mit verstörten, entsetzen Gesichtern an. Da wurde auch Friedelf bewusst, dass es so still war. Er konnte das Weinen seiner Tochter Anji nicht mehr hören. Sofort holte er den Korb von seinem Rücken und sah mit Schrecken, was die anderen Männer so verstört hatte. Von dem Korb war nur noch ein Rest verkohlter Weidenruten übrig und Anji war verschwunden. Friedelf begann zu weinen, stürzte zur steilen Wand der Schlucht und wollte seine Tochter suchen. Aber der König und seine Männer hielten ihn zurück. "Bleib hier", sagten sie. "Wenn du jetzt hinauf gehst, wird dich der Drache zu Asche verbrennen. Die Mutter ist wütend, weil wir ihr Ei gestohlen haben und sie wird niemanden auch nur in die Nähe des Berges lassen. Deine Tochter ist verbrannt, so wie der Rest des Korbes. Du musst froh sein, dass du mit dem Leben davon gekommen bist." Drache_Frau_MS_DA www.lehrmittelperlen.net 9

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Friedelf war untröstlich. Die Männer zogen ihn mit und halfen ihm, der jeden Augenblick zusammenzubrechen drohte, die steile Wand der Schlucht wieder hinaufzuklettern. Als sie oben waren, warf sich Friedelf auf den Boden und sagte, er wolle dort sitzen bleiben, bis er sterbe, denn ohne seine Tochter habe er keine Freude mehr am Leben. Der König hatte Mitleid mit ihm und bot ihm an, mit auf sein Schloss zu kommen. Der Bauer wusste sich sonst keinen Rat und es war ihm auch einerlei, was mit ihm geschah. Der Gram über den Verlust seiner Tochter hatte sein Herz gebrochen. Löse die Aufgaben 1 bis 7 im Arbeitsheft. Drache_Frau_MS_DA www.lehrmittelperlen.net 10

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Kapitel 2 Als die Drachenmutter die Spur der Menschen verloren hatte, flog sie zurück zum Feuerberg. Sie landete dort, wo ihr Feuer eine Schneise durch den Wald gebrannt hatte, und suchte ihr Junges. Sie fand es leblos am Fuße eines Baumes liegen, gegen den es im Flug geprallt war. Sie stieß einen traurigen, schaurigen Schrei aus, nahm den Körper ihres Jungen in ihr Maul und wollte zu ihrem Nest fliegen. Als sie gerade ihre Flügel ausbreitete, hörte sie plötzlich ein leises Wimmern. Verdutzt legte sie ihre Flügel wieder an und schaute sich um. Das Wimmern kam aus einem Brombeergebüsch, einige Schritte weit von dem Baum, wo sie ihr Junges gefunden hatte. Sie ging dorthin und fand ein kleines Bündel aus getrocknetem Gras und bunten Lappen, aus dem ein kleines, weißes Ärmchen herausragte. Das Ärmchen war von blutigen Kratzern übersät, welche ihm die Dornen der Brombeerhecke zugefügt hatten, und der Geruch des Blutes stieg der Drachenmutter in die Nüstern. Gierig streckte sie den Hals aus und wollte das Bündel verschlingen. Doch sie schreckte zurück, als das Bündel plötzlich anfing, zu zappeln und ein ohrenzerreißendes Weinen die Stille im Wald zerriss. Neugierig betrachtete die Drachenmutter das Bündel, bis es zu zappeln aufhörte und sich ein kleines, verkratztes Gesicht daraus erhob. Winzige blaue Augen schauten sie an - und schlossen sich sofort wieder, als das Bündel abermals laut zu schreien begann. Drache_Frau_MS_DA www.lehrmittelperlen.net 11

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Die Drachenmutter schaute verwirrt zu ihrem leblosen Jungen hinüber, welchen sie wieder abgelegt hatte, bevor sie den Brombeerbusch untersuchte. Eine Weile ging ihr Blick zwischen ihrem Kind und dem zerzausten Bündel hin und her, dann traf sie ihre Entscheidung. Sie streckte den Hals aus und nahm das Bündel vorsichtig in ihr Maul. Sie trug es zu dem Körper ihres Jungen und legte es auf die Erde. Neben ihrem toten Drachenkind grub sie mit ihren Krallen ein Loch im Waldboden. Dann legte sie seinen Körper in die Mulde und bedeckte ihn mit Erde und Blättern. Dann hob sie das Bündel wieder auf und flog damit hinauf zum Rand des Kraters und dann zu ihrem Nest. Als die Drachenmutter mit dem Bündel zu ihrem Nest kam, warteten die beiden anderen Drachenjungen schon ungeduldig darauf, dass sie etwas zu fressen bekamen. Sie sahen das Bündel, welches ihre Mutter mitbrachte, rochen ebenfalls das Blut und begannen, mit ihren noch zahnlosen Mäulern an den Ärmchen und Beinchen zu zerren. Doch die Drachenmutter fauchte sie an und sie verkrochen sich verdrossen im tiefsten Winkel des Nestes. Dann versuchte sie, den kleinen Körper mit ihren Zähnen vorsichtig von den blutverklebten bunten Lappen und dem getrockneten Gras zu befreien. Dabei musste sie immer wieder ihre beiden Jungen anfauchen, die sich wieder nähern wollten. Als sie fertig war, betrachtete sie ihren Fund lange, drehte den Körper mit ihrem Maul hin und her und untersuchte ihn. Dann stimmte sie ein letztes Klagelied für ihr totes Junges an und begann, den Körper des kleinen Mädchens Anji abzulecken, als ob es ihr eigenes, gerade geschlüpftes Junges sei. Drache_Frau_MS_DA www.lehrmittelperlen.net 12

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Als die Drachenmutter das Blut von Anjis Körper geleckt hatte, trocknete der Drachenspeichel auf der Haut des Mädchens und verschloss ihre Wunden. Dann rief die Drachenmutter ihre beiden anderen Jungen hervor und sagte zu ihnen: "Ihr habt heute einen Bruder verloren und eine Schwester gefunden. Wir wollen dieses Menschenkind bei uns behalten und es behandeln, als wäre es eines von uns." Die Drachenkinder schauten ihre Mutter verwirrt an, denn sie konnten nicht verstehen, was sie sagte. Auch die Drachenmutter war erstaunt, denn noch niemals vorher hatte sie gesprochen. Sie schaute das Menschlein an, dann verstand sie: "Es war das Blut", sagte sie. "Ich habe ihr Blut abgeleckt und verschluckt und dadurch kann ich jetzt sprechen wie die Menschen. Mit meinen eigenen Kindern muss ich aber sprechen wie die Drachen, sonst verstehen sie mich nicht." Sie war eine kluge Drachenmutter und wusste, was sie zu tun hatte. Weil sie ihren Jungen kein Fleisch zu fressen geben konnte und weil sie wusste, dass kleine Menschenkinder noch kein Fleisch essen konnten, ging die Drachenmutter zu den Bäumen, die auf dem Boden des Kraters wuchsen und spießte einige Früchte mit ihren Krallen auf. Sie gab einige ihren Jungen zu fressen und ließ auch Anji mit ihren paar Zähnchen von einer Frucht knabbern. So kam es, dass das Mädchen Anji, welches aus dem versengten Korb auf dem Rücken ihres Vaters gefallen war, überlebte und von der Drachenmutter zusammen mit ihren beiden eigenen Kindern aufgezogen wurde. Löse die Aufgaben 8 bis 13 im Arbeitsheft. Drache_Frau_MS_DA www.lehrmittelperlen.net 13

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Kapitel 3 Der Bauer Friedelf zog an den Hof des Königs. Der König wusste, wie traurig Friedelf war und konnte seinen Schmerz nachvollziehen. Er fühlte sich für den Verlust, den der Bauer erlitten hatte, verantwortlich und tat deshalb alles, um dem Bauer zu helfen, wieder Freude am Leben zu haben. Nach und nach konnte die Zeit Friedelfs große Trauer ein wenig mildern und er begann, sich an dem Leben am Hof des Königs zu beteiligen. Als er den König kennen lernte, war er noch ein junger Mann, der durch die harte Arbeit auf seinen Feldern kräftig geworden war. Der König nahm ihn auf seine Ausritte mit und lehrte ihn, mit Pfeil und Bogen umzugehen. Auch den Kampf mit dem Schwert erlernte Friedelf schnell und wurde bald ein guter Übungsgegner für den König. Nach einigen Jahren ging er in sein Dorf zurück und verkaufte seine Felder. Nun zog ihn nichts mehr in seine Heimat am Rande des Drachenwaldes. Auch der Sohn des Königs wuchs heran. Er trug den Namen Balidur und hatte wie seine Mutter, die Königin, schwarze Haare und dunkle Augen. Der König hatte ein Körbchen nach dem Muster dessen anfertigen lassen, welches Friedelf für seine Tochter gehabt hatte, und von da an konnte der König seinen Sohn überall hin mitnehmen. Drache_Frau_MS_DA www.lehrmittelperlen.net 14

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