Julius Redel

 

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Gutachten Landesarchiv

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LANDESARCHIV GENERALLANDESARCHIV KARLSRUHE Generallandesarchiv Karlsruhe Nördl. Hildapromenade 3 76133 Karlsruhe Frau Oberbürgermeisterin Magret Mergen Rathaus, Marktplatz 2 76530 Baden-Baden Datum Bearbeiter/in Durchwahl E-Mail Aktenzeichen 29. April 2015 Herr Dr. Stingl (0721) 926-2243 martin.stingl@la-bw.de 7512–BAD, BMA (Bitte bei Antwort angeben) Prüfauftrag zur politischen Belastung Julius Redels in der Zeit des Nationalsozialismus Auf Bitten der Stadtverwaltung Baden-Baden hat das Generallandesarchiv Karlsruhe die Frage nach der politischen Belastung des Unternehmers Julius Redel in der Zeit des Nationalsozialismus auf der Basis der Stellungnahme des Stadtmuseums/-archivs vom 24. Februar 2015 zu dem Schreiben von Herrn Walter Metzler vom 04.02.2015 an Frau Oberbürgermeisterin Mergen untersucht. Hintergrund ist ein Antrag auf Umbenennung der Julius-RedelStraße in Haueneberstein. Das Generallandesarchiv Karlsruhe stützt sich in seiner Darstellung auf die zur Einsichtnahme überlassenen Materialien des Staatsarchivs Freiburg (StAF D 180/2 Nr. 27867) und des Stadtarchivs Baden-Baden (A 26/23-280 und A 26/36-9). Ergänzend wurden Recherchen in den Beständen des Generallandesarchivs Karlsruhe durchgeführt. Über Julius Redel gibt es in Karlsruhe ergänzendes Material in der Überlieferung der badischen NSDAP (GLA 465 c Nr. 1789 und vor allem 465 c Nr. 1129; aus der letztgenannten Akte liegen Kopien bei.). Darüber hinaus gehende Archivrecherchen wurden nicht durchgeführt und waren auch nicht Teil des Prüfauftrags. Auch die umfangreiche Überlieferung des Staatsarchivs Freiburg, das als zuständiges Staatsarchiv die Unterlagen zur französischen Besatzungszeit in Baden verwahrt, wurde – über die zitierten Akten hinaus – nicht ausgewertet. Nördliche Hildapromenade 3 76133 Karlsruhe Telefon (0721) 926-2206 Telefax (0721) 926-2231 glakarlsruhe@la-bw.de www.landesarchiv-bw.de/glak Straßenbahn-Haltestelle: Mühlburger Tor Öffnungszeiten des Lesesaals: Montag geschlossen, Dienstag–Donnerstag 8.30–17.30 Uhr, Freitag 8.30–19.00 Uhr

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-2- Die zentralen Inhalte der Spruchkammerakte Julius Redels aus dem Staatsarchiv Freiburg (D 180/2 Nr. 27867) sind in dem Schreiben des Stadtmuseums/-archivs Baden-Baden an Frau Oberbürgermeisterin Mergen vom 24.02.2015 zutreffend wiedergegeben worden: Redel trat 1932 der NSDAP bei und wurde im gleichen Jahr zum Stadtverordneten in Rastatt gewählt. Sein Eintritt in die Partei war somit nicht Teil der massenhaften Beitrittswelle in die NSDAP nach deren Machtübernahme im März 1933, sondern erfolgte bereits früher. Nach Redels eigener Aussage im Spruchkammerverfahren fühlte er sich seit 1930 von der NS-Ideologie überzeugt. Redel war Mitglied der SS. Er gehörte seit 1937 zu deren Stammabteilung, einer Untergliederung der SS für Männer ab 45 Jahren. Er hatte dort zuletzt, ab 1943, den Rang eines Scharführers, das war der zweitniedrigste Rang der Dienstgradgruppe der Unteroffiziere ohne Portepée. Als SS-Angehöriger gehörte Redel 1938/39 zum Wachpersonal der Konzentrationslager Dachau und Flossenbürg. Die Freiburger Spruchkammerakte ist verhältnismäßig umfangreich. Der Fall Redel hat die Spruchkammer Südbaden überdurchschnittlich stark beschäftigt und gehört nicht zu der Masse der stereotyp abgehandelten Entnazifizierungsfälle. Das ist als Indiz dafür zu werten, dass die Spruchkammer Südbaden und das Bad. Staatskommissariat für politische Säuberung dem Fall Julius Redel eine überdurchschnittliche politische Bedeutung beigemessen haben. Die Unterlagen aus dem Stadtarchiv Baden-Baden (A 26/23-280 und A 26/36-9) sind eine wichtige Ergänzung zu den Informationen der Spruchkammerakte. In der Akte des Stadtarchivs ist die aktive  Beteiligung  Redels  an  der  „Arisierung“  jüdischen  Vermögens  bzw. zumindest sein Wunsch, sich an geraubtem Vermögen zu bereichern, belegt. Dieses Faktum ergibt sich in seiner Eindeutigkeit nicht aus der Spruchkammerakte. Das belastende Material hat der Spruchkammer anscheinend nicht zur Verfügung gestanden. Redels Rolle als Angehöriger des Wachpersonals von Konzentrationslagern ist auch dokumentiert in der Akte 465 c Nr. 1789 des Generallandesarchivs Karlsruhe. Darin enthalten ist eine Namensliste mit Angehörigen des SS-Abschnitts XIX vom 27.12.1938, darunter auch Redel, die zur KZ-Bewachung eingesetzt waren und dafür belobigt wurden, indem sie ein Bild des  „Reichsführers  SS“  mit  dessen  Unterschrift überreicht bekamen. Die Konzentrationslager Dachau (gegründet 1933) und Flossenbürg (gegründet 1938), in denen Redel eingesetzt war, sind zwar nicht als Lager zum Massenmord von Juden konzipiert worden (wie z.B. später Auschwitz), waren aber zentrale Einrichtungen des NS-Unrechtsregimes zur Einschüchte-

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-3- rung, Internierung und Ausschaltung Oppositioneller und anderer Gruppen von Menschen, die dem NS-System aus ideologischen Gründen missliebig waren. Vor allem nach der Reichspogromnacht 1938 waren in diesen Lagern auch Juden inhaftiert sowie nach Beginn des Zweiten Weltkriegs Zwangsverschleppte aus ganz Europa. Das im Mai 1938 gegründete Lager Flossenbürg entstand in der Zeit des Übergangs von der Internierung und Schikanierung  zur  „Vernichtung  durch  Arbeit“.  Es steht eindeutig fest, dass Redel 1938 und erneut zu Kriegsbeginn 1939 an der Bewachung politisch verfolgter Menschen beteiligt war. Die Haftbedingungen in den Lagern, die Rolle der Wacheinheiten usw. sind hier nicht weiter auszuführen, entsprechende Informationen können leicht aus den einschlägigen Publikationen und Informationsmaterialien beschafft werden. (Aktive) Mitgliedschaft in Partei und SS, auch die öffentlich demonstrierte Nähe Redels zum NS-System ergeben sich eindeutig aus den Schriftstücken. Eigens sei nochmals besonders auf die Tatsache der politischen Aktivitäten Redels vor 1933 hingewiesen. Der im Hinblick auf die Frage der Straßenbenennung erteilte Prüfauftrag ist damit abgeschlossen. Ein weiter führendes Thema ist die Rolle Redels als  Unternehmer  in  der  Zeit  des  „Dritten   Reichs“. Diese Untersuchung könnte zusätzliche Klarheit bringen, weil frühere Geschäftspartner Redels als Belastungszeugen im Spruchkammerverfahren aufgetreten sind und sich somit die Frage stellt, in wie weit Redel als Unternehmer von seiner Nähe zur NSDAP profitiert hat: Die wirtschaftlichen und persönlichen Beziehungen zwischen Julius Redel und den Belastungszeugen in seinem Spruchkammerverfahren könnten näher untersucht werden, um deren Aussagen und die dahinter liegenden Motive besser verifizieren zu können (Eugen Fahlbusch, früherer Teilhaber an Redels Firma, sowie Else und Otto Rüdiger  Bieringer;;  Firmen  Corpus  Sanum  und  Ilon,  Präparat  „Frauengold“).  Es  geht   dabei um die Klärung der Frage, welche Rolle die wirtschaftliche Konkurrenz zwischen  diesen  Menschen  für  deren  Agieren  in  der  Zeit  des  „Dritten  Reichs“  und  während des Spruchkammerverfahrens gespielt hat, mit dem Ziel, die Zeugenaussagen wie auch Redels Gegenäußerungen zu objektivieren. Die Straßenbenennung in Haueneberstein 1987 wurde lt. Schreiben Metzler mit den wirtschaftlichen Verdiensten Redels begründet. Noch nicht aufgeklärt ist, auf welchem Weg diese wirtschaftlichen Erfolge zu Stande gekommen sind. Laut der Akte GLA 465 c Nr. 1129, die die Freiburger Spruchkammerakte ergänzt, wuchs Redels Betrieb von  4  „Gefolgschaftsmitgliedern“  im  Jahr  1933  auf  24  im  Jahr  1941  an.  Auch stiegen die Einkünfte Redels in diesen Jahren signifikant (Staatsarchiv Freiburg, F 202/32 Nr. 1086). Im Jahr 1941 war die Firma von einem Produktionsverbot bedroht, weil sie als

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-4- kriegswirtschaftlich unwichtig eingestuft wurde. Dieser Vorgang ist auch in der Freiburger Spruchkammerakte dokumentiert. In diesem Zusammenhang bemühte sich Redel, seinen Betrieb als nationalsozialistischen Musterbetrieb darzustellen (s. die anliegenden Schriftstücke aus der Akte GLA 465 c Nr. 1129). Ob das rhetorisch gemeint war, um die Betriebsstillegung zu vermeiden, oder ob es Redels politischen Überzeugungen entsprach, wie ein Vorwurf im Spruchkammerverfahren durch die vorgenannten Belastungszeugen lautete, lässt sich anhand der bis jetzt vorliegenden Unterlagen ebenso wenig klären wie die Frage, in wie weit das Wachstum von Redels Betrieb seine Ursache in dessen Engagement für die SS und die NSDAP gehabt hat. Aufgrund der vorliegenden Unterlagen können die Umstände der geplanten, aber offensichtlich nicht vollzogenen Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Julius Redel nicht geklärt werden; dies ist insofern von Interesse, als in diesem Kontext üblicherweise durch das Staatsministerium untersucht wird, ob eine politische Belastung aus der  Zeit  des  „Dritten   Reichs“  vorliegt. Die entsprechende Akte ist noch nicht an das Hauptstaatsarchiv Stuttgart abgegeben worden. Hier wäre unsere Empfehlung, dass sich bei Interesse die Stadt BadenBaden amtlich an das Staatsministerium mit der Bitte um Auskunft wendet. Karlsruhe, den 29. April 2015 Gez. Prof. Dr. Wolfgang Zimmermann Ltd. Archivdirektor

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