Wallerfischen im Frühjahr

 

Embed or link this publication

Description

Profitipps von Stefan Seuss

Popular Pages


p. 1



[close]

p. 2

32 Taktik im Frühjahr Bild und Text Stefan Seuß Mit den ersten Sonnenstrahlen erwacht die Natur aus ihrem eisigen Schlaf zu neuem Leben. Triste Kälte und schattige Tage wandeln sich in eine angenehme und lebensfrohe Jahreszeit, wenn die ersten Knospen an den Bäumen den Frühling ankündigen. Auch für uns Angler beginnt jetzt eine neue Saison mit neuen Herausforderungen.

[close]

p. 3

33 Taktik 243 cm bei 94,5 Kilo. Solche Fische lockt der Frühling aus ihren Löchern. Neuer PB für Mark. A nfang Februar startete ich zur ersten Tour nach Italien an den Po. Ich war ausgeruht und voller Tatendrang, mein Winterurlaub auf einem anderen Kontinent hat mir Ruhe und Kraft gebracht und die Akkus waren bis zum Anschlag voll. Ich war gespannt auf den Großen Fluss und auf sein neues Bild nach dem Mega-Hochwasser im Winter 2014. Das Frühjahr war immer eine heiße Zeit und ich konnte in den vergangenen Jahren mehrere Fische der 100-Kilo-Klasse auf Ansage fangen. Besonders der Zeitraum, wenn die Wassertemperatur die 10-Grad-Marke überschritt, war ein Garant für die wahren Giganten. Doch die Natur hat ihre eigenen Aktives Angeln bringt dann Fisch, wenn die Räuber träge am Boden liegen. Regeln und besonders der Februar 2015 wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Die Nächte waren eisig, Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt ließen nachts unsere Angelplätze zu einer Eiswüste werden und die steil zum Himmel aufgestellten Ruten standen stumm an ihrem Platz. Ganze drei Tage bekam ich keinerlei Aktion, nicht mal eine Schuppe an meinen Köderfischen hatte gefehlt. Stundenlange Drifttouren durch dichten Nebel blieben erfolglos und meine innere Stärke und Zuversicht baute sich mit jeder Stunde ohne Biss immer mehr ab. Tägliches Kopfzerbrechen, hunderte Platz- und Montagewechsel und Nächte mit Kopfkino wirkten unermüdlich auf mein Gemüt. Alles war anders, der Fluss hatte neue Regeln, bisher erfolgreiche Montagen brachten keine Bisse mehr und die Fische schienen schlauer und vorsichtiger denn je. Über den Grund der anfänglichen Erfolglosigkeit habe ich mir sehr lange den Kopf zerbro-

[close]

p. 4

34 Taktik Bei meinen »topwater«-Rigs wird das Blei fest um den Bewegungsradius des Köders einzuschränken. chen und kam nur zu einer für mich plausiblen Erklärung. Kurzzeitig kam es in der Po-Ebene zu heftigem Schneefall, welcher mit enormen Mengen an Streusalz bekämpft wurde. Kurz darauf stand die Mittagssonne wieder hoch am Himmel und brachte tagsüber Plusgrade. Die schmelzenden Schneemassen ergossen sich in den Fluss und führten sogar zu einem kurzen Pegelanstieg. Ich vermute hier einen enormen Salzeintrag, der zu einer Änderung des pH-Wertes des Wassers führte und die Welse inaktiv werden ließ. Ein kleiner Beweis für meine These war der erste 2-m-Plus-Fisch bei meinem Partner Benni in diesem Tourzeitraum. Der Köder lag über 48 Stunden an einem der tiefsten Flussbereiche die wir finden konnten (14m), das Vorfach war vier Meter lang und wurde ohne Unterwasserpose eingesetzt. Die Montage wurde in dem gesamten Zeitraum nicht einmal kontrolliert, damit totale Ruhe am Spot war. Nach zwei Tagen zur Mittagszeit kommt plötzlich, wie aus dem Nichts, ein Biss und der erste 2-m-Plus-Kracher war im Drill… Diese Beobachtung zeigte mir ganz deutlich, dass die Fische regungslos am Boden klebten und nur sehr geringe Zeitfenster hatten, in denen sie sich einen Happen einsaugten, wenn er direkt vor dem Maul über sehr lange Zeit und komplett auf Grund präsentiert war. Die Tage wurden immer wärmer und das Wasser immer klarer. Die eisig, kalten Nächte aber ließen ein Ansteigen der Wassertemperatur nicht zu. Die Fischerei war nach wie vor undankbar, hier und dort kam ein Fisch aber große Zeitfenster waren aktionslos. Ich pokerte und kehrte den tiefen Flussbereichen den Rücken und suchte mir langsame Uferregionen mit vielen Hindernissen. Genau in die Bäume rein, direkt in das Hindernis gesetzt, präsentierte ich meine Köder an der freien Leine. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass ich ein Blei auf das Vorfach zog und den Köder nicht am Grund mit einem Stein ablegte, sondern meine Hauptschnur über dem Wasser ins Holz spannte und meinen Köder als »top-water-bait« präsentierte. Das kleine Blei (je nach Strömung 10 bis 40 Gramm) auf dem Vorfach sorgte für eine perfekte Tiefeneinstellung der Montage und für eine Einschränkung des Bewegungsradius meiner Köder. Die Nacht war eisig und in den frühen Morgenstunden klapperte es am laufenden Band. Die Black Cat Godzilla, eine Top-Rute für das erbarmungslose Fischen direkt im Hindernis, neigte sich langsam nach vorne und ein heftiger Drill folgte. Als der erste Urian in greifbare Nähe kam, schoss die zweite Rute los und es kam zu einem Doppeldrill. Als beide Fische versorgt waren, folgte innerhalb kürzester Zeit der dritte Biss. Drei Fische von über zwei Meter Länge innerhalb von 40 Minuten und plötzlich ist man wieder mitten im Geschehen. Genau solche Momente machen das Angeln spannend und unvorhersehbar. Das Umlenken von Schnüren gehört heute zu den Grundvoraussetzungen, um erfolgreich zu sein.

[close]

p. 5

35 Taktik FESTE UMLENKER BRINGEN SPANNUNG AUF ENTFERNUNG E nde Februar reise ich für vier Tage nach Deutschland zurück um die neuen Ruten-Prototypen in Empfang zu nehmen und mein Büro auf Vordermann zu bringen. Eh ich mich versehe, stehe ich wieder am Po-Ufer, diesmal im T-Shirt und die Sonne brennt bei gefühlten 20 °C auf mich herab. Das Wasser ist zwei Meter über Normal, der Pegel sinkt. Noch am selben Tag packe ich meine Ausrüstung und fahre am späten Nachmittag auf den Fluss raus. Die Wassertemperatur liegt noch immer hartnäckig bei 8 °C. Eine überflutete Buhne mit reichlich Astwerk ist mein Spot für diese Nacht. Ich verankere »Battle Cat« im Uferbereich und organisiere meine Ausrüstung für eine Nacht Bootsangeln. Mit der Dämmerung sind die Ruten scharf, alle Köder sind an der freien Leine mit Blei kurz über dem Köder, nahe der Oberfläche präsentiert. Das Wasser fällt schnell und das Rauschen über dem Steinwall im Fluss wird merklich lauter. Nur kurze Zeit später zieht mich ein guter Fisch mit dem Schlauchboot durch das leer laufende Überschwemmungsgebiet und ich genieße meine Einsamkeit in der Dunkelheit. Die folgenden Tage laufen sehr durchwachsen, zwar erhöht sich die Bissfrequenz, die wirklichen Giganten fehlen aber komplett auf der Showbühne. Der Wasserstand fällt täglich weiter aber die Wassertemperatur erhöht sich nur mühselig. Große Sandbänke bilden sich am Flussufer und der Frühling kündigt sich an mit Tagestemperaturen im zweistelligen Bereich.Wir Angler haben im Frühjahr zwei Möglichkeiten der Vorgehensweise am Fluss. Entweder versuchen wir aktive Fische in flachen Gefilden (Sandbänke, seichte Naturufer oder flache Abrisskanten mitten im Fluss) zu beangeln oder wir präsentieren unsere Köder auf den Ruheplätzen (tiefe Löcher, Außenkurven, Fuß der Steinpackung) dem Waller direkt vor ihrem Maul. In der Regel merkt man sehr schnell, welche Vorgehensweise den meisten Erfolg bringt und man kann sich täglich auf einen neuen Plan versteifen. Bei der Märzsession brachten kleine, unscheinbare Plätze, wie zum Beispiel Wasserdreher am Ufer, Wechsel von Steinpackung auf Naturufer und stehende Bereiche im Flusslauf die meisten Bisse. Oftmals war es nur eine Rute an einem bestimmten Platz, die mehrfach Fisch brachte, während andere Montagen kaum Beachtung fanden. Besonders auffallend aber war, dass in der Regel die Rute Fische ans Band brachte, deren Köder am Weitesten vom Angelplatz ausgelegt war und auf dem Weg zum Köder keine Schnur die Wasseroberfläche durchbrach. Die Nächte im Februar waren von Frost geprägt. Um auf weiten Entfernungen meine Köder ohne großen Schnurdruck präsentieren zu können, nutze ich feste Umlenker, durch die ich meine Hauptschnur nach dem Auslegen des Köders führe. Unterhalb des Umlenkers sitzt ein Schwimmer fest fixiert auf der Hauptschnur, der eine erhöhte Spannung hin zur Rute ermöglicht aber auf die Schnur hin zum Köder keinen Druck zulässt. Auf diese Art und Weise kann ich meinen Köder auf weiten Entfernung gegen die Strömung und mit der Strömung anbieten. Nach dem Biss kann der Wels durch den Umlenker Schnur nehmen und der Angler hat die Möglichkeit durch genügend Druck den Die Erfolgsmontagen. Links leichte U-Pose am langen Monovorfach, rechts »topwater«-Rig mit Blei kurz über dem Haken. Der Feste Umlenker. Über die U-Pose oder die »topwater«-Montage wird nach dem Auslegen ein zur Rute.

[close]

p. 6

36 Taktik Ein starkes Triple von 2-m-plus-Fischen, gefangen innerhalb von 40 Minuten. Fisch im Areal der Anbiss-Stelle zu halten. Während dem Drill nähert man sich langsam mit dem Boot unter stetigem Druck dem Umlenker und klinkt dann vor Ort den Karabiner aus, um den Fisch frei drillen zu können. KARIBIK FEELING IM MÄRZ D ie Sonne steht hoch und bereits am frühen Vormittag setzen wir unsere Montagen aus. Ich versuche die Köder auf einem großen Areal flussaufwärts und flussabwärts gut zu streuen und die markantesten Kanten und Ecken mit einer Falle zu versehen. Vier Ruten reichen in der Regel aus, um ein Flussgebiet von 500 Metern Länge komplett abzudecken. Eine Rute ziehe ich durch Geäst, um eine Uferkante herum und setze den Köder an der freien Leine dicht an Land und knapp unter die Wasseroberfläche. Schon beim Auslegen des Köders erkenne ich Weißfischaktivität im flachen Wasser. In den flachen Gefilden wirken die Sonnenstrahlen besonders schnell und bringen Wärme ins Wasser. Die Rute ist komplett durch gespannt und steht wie ein Flitzebogen Köderpräsentation mitten im Hindernis Eiszeit am Po. brachte die meisten Aktionen.

[close]

p. 7

37 Taktik Viele Angler verschenken tagsüber ihre Zeit, obwohl im Frühjahr gerade die Mittagszeit gute Fische bringt. Selbst bei schnell, fallendem Wasser sind die Waller aktiv. im Rutenhalter. Die Äste der Bäume am Ufer auf denen die Hauptschnur aufliegt verhindern ein Vibrieren der Schnur durch Wind auf dieser Angelentfernung. Es ist noch keine Stunde dunkel und urplötzlich steht die Freestyle senkrecht… nur ein einziger Pieper des Bissanzeigers hat die Rutenbewegung verkündet. Wir eilen ins Beiboot, üben aber noch keinen Druck auf den Fisch aus. André holt die, in sich zusammengefallene Schnur ein, während ich das Boot in Richtung Anbissstelle manövriere. Als wir circa noch 50 Meter vom Spot entfernt sind und einen geraden Schnurweg zum Fisch haben, setzt André den ersten Anhieb und erfährt sofort einen hammerharten Gegenschlag. Wir drillen uns über den Fisch und kurzzeitig vermute ich einen Hänger, da keinerlei Aktion in der zum Bersten gebogenen Rute zu erkennen ist. Beim Blick ans Ufer erkenne ich aber, dass wir uns ganz langsam stromauf bewegen. Der Fisch steht stur in der Tiefe und zieht langsam das 320-cm-Schlauchboot mit zwei Passagieren hinter sich her. Solch ein Verhalten legen nur große Fische an den Tag und ich sollte mit meiner Vermutung Recht behalten. In den nächsten 20 Minuten erlebten wir ein wahres Tauziehen, ein Meter war gewonnen und in der nächsten Sekunde wieder verloren. Endlich kamen Luftblasen an die Wasseroberfläche, ein Zeichen dafür, dass der Fisch einen Druckausgleich vollzieht und Luft ausbläst und langsam an Ausdauer verliert. Als erstes durchbrach kurzzeitig eine gewaltige Schwanzflosse die Wasseroberfläche, der Fisch versuchte noch immer mit dem Kopf voran in die Tiefe zu flüchten. Dann tauchte langsam und ehrfürchtig ein gewaltiger Schädel neben dem Schlauchboot auf und gleich bei der ersten Möglichkeit griff ich beherzt zu. Der Fisch explodierte an der Oberfläche und mit jedem Kopfschlag versuchte ich noch besseren Halt in dem riesigen Maul zu finden. Schließlich bekam ich den Koloss unter Kontrolle und hievte den massiven Fischkörper ins viel zu klein erscheinende Schlauchboot. André verschlug es komplett die Sprache. Zuerst stotterte er und dann konnte er langsam seine Aufregung unter Kontrolle bringen und stieß einen heftigen Freudenschrei in die Dunkelheit aus. 245 cm und ein Gewicht von über 200 Pfund waren die Fakten des ersten Frühjahresbullen der neuen Saison. Von jetzt an ging es Schlag auf Schlag. Die Wassertemperatur lag kurz vor der Zehn-Grad-Marke und man bemerkte richtig wie der Fluss plötzlich aus seinem Winterschlaf erwachte. In den folgenden Tagen konnte wir mehrere Fische der 2-m-plus-Marke landen und zum Ende der Tour hin ging für meinen Freund Mark ein lange ersehnter Traum in Erfüllung, denn er konnte endlich seinen persönlichen Traumfisch auf seinen Armen halten, 243 cm bei 94 Kilogramm. Die Erfahrung der Vergangenheit lässt uns die Zukunft gestalten (Ruiner Johann) Stefan Seuß www.team-black-cat.com

[close]

Comments

no comments yet