Gegen Vergessen für Demokratie :: Mitgliederzeitschrift (84)

 

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Migration, Widerstand in vielen Facetten, Positiv erinnern

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www.gegen-vergessen.de 84 / Februar 2015 FÜR DEMOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Gegen Vergessen Afrodeutsche • Aufnahmegesellschaft • Ausländer • Migrationshintergrund • derer • Migrant • Biodeutsche • deutsche Staatsangehörigkeit • Herkunftsdeuts • Diverskulturelle • Mehrheimische • Zuwanderer • Drittstaatenangehörige • As werber • Arbeitsmigranten • Einbürgerung • Doppelte Staatsbürgerschaft • Meh gesellschaft • People of Color • Rassismus-Debatte • Roma • Spätaussiedler • Ve bene • Binnenmigration • Integration • Flüchtlinge • Fremdenfeindlichkeit • Mus • Islamophobie • Abschiebung • Ausweisung • Bleiberecht • Duldung • Afrodeuts Aufnahmegesellschaft • Ausländer • Migrationshintergrund • Einwanderer • M • Biodeutsche • deutsche Staatsangehörigkeit • Herkunftsdeutsche • Diverskult le • Mehrheimische • Zuwanderer • Drittstaatenangehörige • Asylbewerber • Ar migranten • Einbürgerung • Doppelte Staatsbürgerschaft • Mehrheitsgesellsch People of Color • Rassismus-Debatte • Roma • Spätaussiedler • Vertriebene • Binn gration • Integration • Flüchtlinge • Fremdenfeindlichkeit • Muslime • Islamoph Abschiebung • Ausweisung • Bleiberecht • Duldung • Afrodeutsche • Aufnahmeg schaft • Ausländer • Migrationshintergrund • Einwanderer • Migrant • Biodeut deutsche Staatsangehörigkeit • Herkunftsdeutsche • Diverskulturelle • Mehrhe • Zuwanderer • Drittstaatenangehörige • Asylbewerber • Arbeitsmigranten • Ei gerung • Doppelte Staatsbürgerschaft • Mehrheitsgesellschaft • People of Colo Rassismus-Debatte • Roma • Spätaussiedler • Vertriebene • Binnenmigration • Int on • Flüchtlinge • Fremdenfeindlichkeit • Muslime • Islamophobie • Abschiebung weisung • Bleiberecht • Duldung • Afrodeutsche • Aufnahmegesellschaft • Ausl • Migrationshintergrund • Einwanderer • Migrant • Biodeutsche • deutsche Staa gehörigkeit • Herkunftsdeutsche • Diverskulturelle • Mehrheimische • Zuwande Gegen Vergessen• Einbürgerung • D Drittstaatenangehörige • Asylbewerber • Arbeitsmigranten te Staatsbürgerschaft • Mehrheitsgesellschaft • People of Color • Rassismus-D • Roma • Spätaussiedler • Vertriebene • Binnenmigration • Integration • Flüchtli Fremdenfeindlichkeit • Muslime • Islamophobie • Abschiebung • Ausweisung • Bl recht • Duldung • Afrodeutsche • Aufnahmegesellschaft • Ausländer • Migrati hintergrund • Einwanderer • Migrant • Biodeutsche • deutsche Staatsangehöri • Herkunftsdeutsche • Diverskulturelle • Mehrheimische • Zuwanderer • Drittst tenangehörige • Asylbewerber • Arbeitsmigranten • Einbürgerung • Doppelte St bürgerschaft • Mehrheitsgesellschaft • People of Color • Rassismus-Debatte • R Spätaussiedler • Vertriebene • Binnenmigration • Integration • Flüchtlinge • Fre feindlichkeit • Muslime • Islamophobie • Abschiebung • Ausweisung • Bleiberecht dung • Afrodeutsche • Aufnahmegesellschaft • Auslander • Migrationshinterg • Einwanderer • Migrant • Biodeutsche • deutsche Staatsangehörigkeit • Herkun deutsche • Diverskulturelle • Mehrheimische • Zuwanderer • Drittstaatenangeh • Asylbewerber • Arbeitsmigranten • Einbürgerung • Doppelte Staatsbürgerscha People of Color • Rassismus-Debatte • Roma • Spätaussi Mehrheitsgesellschaft weitere•Themen: • Vertriebene • Binnenmigration • Integration • Flüchtlinge • Fremdenfeindlichk ■ Widerstand in vielen•Facetten • Abschiebung Ausweisung • Bleiberecht • Duldung ■ Muslime • Islamophobie FÜR DEMOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Migration ■ Positiv erinnern

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Editorial Liebe Mitglieder von Gegen Vergessen – Für Demokratie! Aktuelle Phänomene wie Rechtspopulismus, Islamismus oder auch Verdruss über die Arbeit unserer Demokratie sind für Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. Herausforderungen. Die Aufnahme und Integration einer großen Zahl von Fremden, die gegenwärtig nach Deutschland einwandern, ist ein weiteres Problem unserer Tage, das uns tangiert. Das Gleiche gilt für die NS-Vergangenheit in der aktuellen europäischen Debatte. Wir werden wirklich gebraucht. Auf unserer Mitgliederversammlung im November des letzten Jahres haben wir unsere Arbeit bilanziert und partiell neu akzentuiert. Wir sind mit unseren Schwerpunkten und Projekten gut aufgestellt. In den Regionalen Arbeitsgruppen wie auch in Berlin wird mit Elan gearbeitet. Für unsere Vereinigung überraschend hat unser Vorsitzender Wolfgang Tiefensee kurz nach unserer Mitgliederversammlung, auf der er mit großer Mehrheit wiedergewählt worden war, sein Amt als Vorsitzender niedergelegt, weil er in die thüringische Landesregierung eintrat und aus seiner Sicht die beiden Ämter inkompatibel sind. In der Tat ist eine in der parteipolitischen Auseinandersetzung exponierte Rolle mit den Aufgaben unserer Vereinigung schwer vereinbar. Für die Arbeit unserer Vereinigung bedauern wir die Entwicklung. Wolfgang Tiefensee hat in den zweieinhalb Jahren, in denen er an der Spitze stand, unsere Arbeit wesentlich vorangebracht, wofür wir ihm namens aller Mitglieder herzlich danken. Wir sind sicher, dass er auch in seinem Thüringer Amt die Anliegen und Ziele unseres Vereins nicht aus dem Blick verlieren wird. Entsprechung unserer Satzung ist die Führung des Vereins auf die stellvertretenden Vorsitzenden übergegangen. Spätestens in unserer nächsten Mitgliederversammlung muss ein(e) neue(r) Vorsitzende(r) gewählt werden. Über die weiteren Schritte werden wir Regionale Arbeitsgruppen und Mitglieder zeitnah informieren. Selbstverständlich werden Vorstand, Geschäftsführer und Geschäftsstelle bis zur Wahl die vereinbarten Arbeitsvorhaben und Projekte in bewährter Zusammenarbeit mit den Regionalen Arbeitsgruppen weiterführen und – wenn nötig – neue Fragen aufgreifen. Mit den besten Grüßen Eberhard Diepgen Prof. Dr. Bernd Faulenbach Dr. Irmgard Schwaetzer Das Thema Migration war eines von drei Themen, das auf der Mitgliederversammlung am 22. November 2014 in Leipzig unter dem Tagesordnungspunkt „Akzentsetzung auf aktuelle und zukünftige Fragestellungen“ lebhaft diskutiert wurde. Nach einem Input von Cornelia Schmalz-Jacobsen beschäftigten sich die Mitglieder besonders mit der aktuellen Flüchtlingsproblematik und der Frage, was eine Vereinigung wie Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. praktisch tun könne, um Ängsten in der Bevölkerung entgegen zu wirken. Die Begriffe rund um das Thema Einwanderung und Migration, die in der Grafik auf der Titelseite verwendet wurden, sind dem „Glossar der Neuen deutschen Medienmacher. Formulierungshilfen für die Berichterstattung im Einwanderungsland“ entliehen. Auf Initiative der Neuen deutschen Medienmacher e. V. trafen sich 2013 bundesweite Vertreterinnen und Vertreter von Medien, Wissenschaft und Verwaltung und haben Begriffe diskutiert und Definitionen abgeglichen. Das Glossar bietet wissenschaftlich fundierte Erklärungen, warum bestimmte Bezeichnungen nicht und andere wiederum häufiger verwendet werden sollten. Das Glossar kann unter www.neuemedienmacher.de/wp-content/uploads/2014/12/Glossar_A5_online.pdf kostenlos heruntergeladen werden. 2 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 84 / Februar 2015

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Inhaltsverzeichnis Die Themen in dieser Ausgabe Themen Verstaubt, exotisierend oder identitätsstiftend? Heldenkult – Diskriminierung – Potenziale Parlamentarier mit Migrationshintergrund Nicht schwarz und weiß und weiß und schwarz Toleranz und Identität Widerstand in vielen Facetten Positiv erinnern! „Vergiss deinen Namen nicht“ – Die Kinder von Auschwitz Aus unserer Arbeit Vom Versuch, normal zu bleiben Mitgliederversammlung 2014 Ein herzliches Dankeschön für Ihre Unterstützung! RAG Baden-Württemberg, Sektion Nordbaden: Migration als thematische Klammer RAG Baden-Württemberg, Sektion Südbaden: Ein absurder Kriegsschauplatz RAG Baden-Württemberg, Böblingen-Herrenberg-Tübingen: Es herrschte großer Hunger: „Man träumte von Essensbergen“ RAG Rhein-Ruhr West: ... einen Nerv getroffen RAG Baden-Württemberg: Königsbronn-Symposium 2014: „Zivilcourage in schwerer Zeit“ RAG Rhein-Main: Rücksichten – Die dritte Generation blickt auf ihre Großeltern im Nationalsozialismus RAG Rhein-Main: Immer Lauter: Die Stimme eines Unangepassten Namen und Nachrichten Max Mannheimer: Zum 95. Geburtstag DDR-Museumskonzeption bekommt Preis KZ-Gedenkstätte Hailfingen/Tailfingen: Neues Buch erschienen Rezensionen Ernst-Jürgen Walberg bespricht – eine Sammelrezension: Der Deutsche. Erinnerungen und Betrachtungen eines Kriegsgefangenen. Der Bombenkrieg. Europa 1939–1945. Zerbrochene Welt. Drei Wochen 1944 Wir kommen wieder! Plauen 89. Eine Stadt demonstriert sich nach Deutschland. Ehre, wem Ehre gebührt! Täter, Widerständler und Retter 1939–1945. 42 40 41 41 21 22 25 26 27 28 30 32 35 37 4 7 10 12 13 15 18 20 45 46 Impressum 40 Vorstand und Beirat 47 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 84 / Februar 2015 3 Inhalt

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Thema Verstaubt, exotisierend oder identitätsstiftend? Einwanderergeschichte in deutschen Museen Ein Interview mit der bündnisgrünen Bundestagsabgeordneten Ekin Deligöz und Dietmar Osses, dem Leiter des LWLIndustriemuseums Zeche Hannover in Bochum. Das Interview führte Dr. Jacqueline Boysen. Fotos: Ruth Wunnicke Trafen sich im Dezember 2014 in Berlin (v.l.n.r.): Dr. Jaqueline Boysen, Ekin Deligöz und Dietmar Osses. Frau Deligöz, Sie kamen 1979 als Schülerin nach Deutschland – haben Sie mit der Schule oder mit ihrer Familie in der Türkei oder dann später hier in Deutschland historische Museen besucht? Woran können Sie sich erinnern? Deligöz: Meiner Erfahrung nach war es in der Türkei mehr historisch im Sinne von Ausstellungsstücken wie der größte Diamant, die Waffen, die osmanische Kultur. Es gibt sehr schöne kulturhistorische Museen, z.B. in Ankara. Wenn mir etwas aufgefallen ist in den deutschen Museen, gerade in Bonn im Haus der Geschichte der Bundesrepublik, dann, dass ich immer das Gefühl hatte, meine Generation findet hier nicht statt. Hier wurde die gesamte Migrationsgeneration reduziert auf die Übergabe eines Mopeds an den millionsten Gastarbeiter, Herr Rodriguez. Herr Osses, ist das aus Ihrer Sicht eine typische Beobachtung für den migrantischen Teil der Bevölkerung, der die eigene Geschichte in Museen hierzulande nur in dieser Weise wiederfindet – oder eben gerade nicht wiederfindet? Osses: Ich glaube schon, dass es eine deutliche Leerstelle ist. Das ist der größte Makel, den wir feststellen können, gerade in Dauerausstellungen. Es hat sich im Bereich der Sonderausstellungen in den letzten 10-15 Jahren eine große Menge getan. Aber wenn man selber Migrationserfahrungen hat, muss man in Dauerausstellungen angestrengt suchen, um sich wiederzufinden. Das leisten die Museen im Moment noch nicht zufriedenstellend und die großen Häuser der Deutschen Geschichte eigentlich gar nicht. Jetzt begreifen wir uns in Deutschland inzwischen als Einwanderergesellschaft. Das Land will sich Einwanderern gegenüber öffnen und Zuwanderer willkommenheissen. Welche Rolle fällt in der Einwanderungsgesellschaft Museen, insbesondere historischen Museen zu? Osses: In Museen läuft der Diskurs darüber schon deutlich länger. Wir haben schon in den 90er Jahren einen sehr deutlichen Impuls gehabt, diesen Teil der Geschichte erzählen zu können. „Wir Museumsleute erleben jetzt aufgrund der Anerkennung, dass die Republik ein Einwanderungsland ist, etwas mehr Rückenwind und mehr Offenheit von den Trägern.“ Wir können uns diesem Teil der Geschichte mehr zuwenden. Im Deutschen Museumsbund haben wir einen Arbeitskreis Mi- 4 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 84 / Februar 2015

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gration im Museum. Wir merken, dass es Anfragen von Kolleginnen und Kollegen gibt, die jetzt einen politischen Auftrag erteilt bekommen das Thema Migration zu zeigen, vor allem vor dem Hintergrund der Jubiläen der Anwerbeabkommen. Das ist für viele Museen schwierig. Als Museum arbeiten wir in der Regel mit Objekten, und das heißt wir brauchen eine langfristig angelegte Sammlung. Wenn plötzlich die politische Idee da ist, innerhalb von wenigen Jahren eine Ausstellung zu einem Thema zu machen, zu dem noch nicht gesammelt worden ist, dann gibt es tatsächlich Probleme, die wir angehen müssen. Frau Deligöz, wenn man die Willkommensund Anerkennungskultur in Deutschland nicht nur im Munde führen, sondern auch sichtbar leben will, was müsste dann in historischen Museen gezeigt werden? Haben Sie eine Vorstellung davon, welchen Beitrag diese zur vielbeschworenen Willkommenskultur leisten könnten? Deligöz: Die Migrationsgeschichte ist ein Teil der deutschen Geschichte. Die Menschen sind nach Deutschland gekommen, ihre Kinder wachsen hier auf, ihre Enkelkinder fühlen sich deutsch. Sie sind ein Teil der deutschen Geschichte. Natürlich kann man das sichtbar machen. res Aufstieges. Oder die Gewerkschaften. Ein Arbeitnehmer konnte automatisch mitwählen, egal ob er Deutscher, Türke, Italiener oder Russe war. Das waren die ersten demokratischen Teilhabemöglichkeiten, die Menschen mit Migrationshintergrund hatten. Osses: Und bleiben auch die einzigen. Deligöz: Ja, weitläufig immer noch die einzigen. Aber kein Wunder, dass am ersten Mai sehr viele Türken mitmarschieren. Das ist der Hintergrund, warum sie sich heute noch damit identifizieren. Es war die einzige Form der Teilhabe. Die Beschreibung der Migration birgt allerdings das Risiko, dass Einwanderer – insbesondere jene nicht-deutscher Herkunft – exotisiert werden und wieder das Trennende und weniger das Verbindende dargestellt wird, also ein der Graben zwischen „ihnen“ und „uns“ erneut aufgerissen wird. Deligöz: Ja, exotisch waren sie damals als sie kamen. Daran werden wir in der Geschichtserzählung nichts verändern, dürfen wir auch nichts verändern. Aber die Generation, die jetzt aufwächst, die arbeitet gegen die Exotisierung. Wir müssen Entwicklungen aufzeigen. Um die Entwicklungen darzustellen, muss gefragt werden: Woher kommen die Menschen? Wo haben sie sich hin entwickelt? Welchen sozialen Aufstieg gab es? Wir sehen ja die Einwanderergesellschaft immer sehr defizitorientiert. Es gibt aber auch massenweise Gegenbeispiele. Heute Morgen habe ich z.B. ein Interview mit dem Top-Anwalt von Tuğçe Albayrak gehört. Es gibt viele Einwanderer, die aus einfachsten Verhältnissen kamen und einen beachtlichen sozialen Aufstieg hingelegt haben. Das macht Mut. Herr Osses, wie kann ein Museum diese Entwicklungen nachzeichnen und verständlich machen, ohne der Gefahr zu „Noch gibt es viele Objekte. Aber sie werden uns verloren gehen, wenn wir sie nicht rechtzeitig sammeln und archivieren.“ Noch gibt es die sogenannte Gastarbeitergeneration, die das erlebt hat und darüber erzählen kann. Es gibt die Mitbringsel, die sie aus der Türkei mitgebracht haben, aber das wird mit den Generationen verschwinden. Ich gebe ihnen mal ein Beispiel. In München gab es Siemensheime, wo nur Frauen unter sich waren, und ihre größten Wünsche damals waren die AMC-Töpfe. Diese Töpfe waren sehr teuer. Also haben die Frauen ein ganzes Jahr gearbeitet, um sich so ein Topfset zu kaufen. Sie haben es zurück in die Türkei mitgenommen, um festzustellen, dass diese Töpfe auf dem Kohleofen gar nicht funktionieren, weil sie für Elektroherde gemacht waren. Aber das ist ein Teil ihrer Geschichte und die Töpfe sind Symbol ih- erliegen, Zuwanderer zu exotisieren? Osses: Wenn man auf ein Phänomen aufmerksam machen will, dann muss man es zeigen. Und gerade im Museum macht man das eben verkürzend mit Herausstellen, mit Exponieren. Da ist immer die prinzipielle Gefahr der Exotisierung eines jeden Themas gegeben. Doch der Hinweis darauf, eine Entwicklung aufzuzeigen, ist sehr richtig und wichtig. Ich glaube es ist wichtig, noch tiefer zu kontextualisieren. Gerade dafür ist die Geschichte gut und reichhaltig, einen längeren Bogen zu spannen und nicht zu verkürzen auf „Gastarbeitergeschichte“. Ein Beispiel: Die ersten Anwerbeabkommen waren ja nicht für einfache Arbeiter gedacht. Es waren Facharbeiterkontrakte, die geschlossen wurden. Das hat nicht sehr gut funktioniert. Dabei stellte man fest, dass man ein Reservoir an sehr billigen Arbeitskräften eröffnen kann… Und genau das ist unsere Gefahr heute: Wir verkürzen im Kopf und meinen, die Gastarbeiter, das waren alles ungebildete, billige Menschen. Hier müssen von Museen tiefere Zusammenhänge hergestellt werden, um genau diese Vorurteile auszuräumen. Außerdem sollte es in Museen auf keinen Fall nur darum gehen, Migration oder Migranten zu erklären, sondern auch das Gegenüber. Nämlich die Deutschen. Also ihr Deutschen, was habt ihr denn da gesehen, in den Menschen die hier hergekommen sind und arbeiten wollen? Diese Herangehensweise könnte eine Gefahr der Exotisierung nehmen, indem man beide Seiten anguckt. Das Gute ist: „Ein Blick in die Geschichte kann uns einiges an Aufgeregtheit aus der Gegenwart nehmen.“ Ähnliche Strukturen und Problemstellungen hat es schon lange vorher gegeben. Und es gibt unterschiedliche Wege sie auszutarieren. » Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 84 / Februar 2015 5 Thema

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Thema » Was können Gastgeberländer von den Erzählungen ihrer Einwanderer lernen, und wie kann über die Museen das eigene, das nationale Narrativ verändert und der Blick geweitet werden? Osses: Das ist natürlich eine doppelte Perspektive. Es geht darum darzustellen, wie sich Deutschland durch die Einwanderer verändert hat. Und dass kann man z.B. sehr schön am Städtebild oder am täglichen Speiseplan. Das sind Themen, die Akademikern manchmal zu alltäglich sind. Aber für den Alltag und die Alltagsgeschichte ist das wirklich prägend und wichtig. Wenn Museen diese Entwicklungen reflektieren – wie wirkt das auf die migrantischen Besucher? Deligöz: Museen sind identitätsstiftend. Identität stiften heißt auch immer aus der Geschichte lernen. Und das können sie sehr wohl darstellen. Sie können es z.B. personalisiert machen, indem sie Geschichten erzählen lassen von den Generationen damals und heute. Wenn wir nicht bewahren, werden wir viele Zusammenhänge nicht mehr verstehen, aber wir werden darüber urteilen. Und wenn wir urteilen, ohne zu verstehen, wie es dazu gekommen ist, dann urteilen wir meistens falsch. Und das ist das Kostbarste überhaupt, was uns die Geschichte gibt, dass wir daraus lernen können. Osses: Jetzt bin ich ganz froh, dass sie das gesagt haben. Oft wird gesagt, Museen sind identitätsstiftend. Möglicherweise sind sie das schlussendlich in der Wirkung auch. Aber das darf nicht der Sinn des Museums sein. Der Sinn des Museums muss sein, Identitätsangebote zu reflektieren und durch Geschichte zu zeigen, wie was gekommen ist. Zu sagen, Museen stiften Identität, hieße, dass der Museumsmacher auch derjenige ist, der die Identität beschreibt und festschreibt, die es zu stiften gilt. Und das ist eine große Gefahr. Deligöz: Und um das zu ergänzen: Ich finde, so ein Museum darf nicht ins Folkloristische abdriften. Sondern es geht darum, bestimmte Sachen zu erklären und daraus dann die Konsequenzen zu ziehen. Um all dies zu erfüllen und einen Ort zu haben, der die Bedeutung der Migration für unsere Gesellschaft angemessen widerspie- Ekin Deligöz, MDB, ist Vorstandsmitglied von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Dietmar Osses ist u.a. Sprecher des Arbeitskreises „Migration in Museen“ im Deutschen Museumsbund. gelt, brauchen wir ein zentrales deutsches Migrationsmuseum oder brauchen wir nicht vielmehr regionale Ausstellungen? Deligöz: Ich glaube, wir brauchen beides. Meine Idee wäre jedoch, in Berlin zentral mit einem Museum zu starten und daraus eine Bewegung zu generieren, um dann allen anderen in den verschiedenen Regionen Hilfestellung und Unterstützung zu geben. Ich stelle mir dieses zentrale Museum als ein Haus der Diskussion, der Debatte, des Nachfragens und der Kommunikation vor. Ich glaube, wir brauchen den Anfang. Deligöz: Die Intention ist nicht, die Mittel woanders zu kürzen, um sie dann nach Berlin zu ziehen. Ich würde das auch nicht für richtig halten. Gibt es Bundesmittel dafür? Ich wünschte, es wäre so. Dann hätten wir es leichter. Ich habe nicht umsonst die Unternehmen erwähnt. „Ich fände es gut, wenn wir auf eine Stiftung hinarbeiten.“ Ich denke, dass genau die Unternehmen, die auch am meisten von den sogenannten Gastarbeitern profitiert haben, eine Bringschuld diesen Menschen gegenüber haben. Und diese Bringschuld könnte sich durchaus monetär darstellen. Herr Osses, wie beantworten Sie als Museumsleiter die Frage, ob die Migrationsgeschichte in Deutschland zentral oder regional verankert werden sollte? Osses: Ich würde Frau Deligöz Beispiel des strahlenden Sterns, der möglicherweise aus Berlin strahlt, das des Sternmarsches entgegensetzen. Es gibt für die bundesrepublikanische Geschichte und auch für die DDR-Geschichte sehr unterschiedliche Geschichten und Phänomene, die es vor Ort zu erzählen gilt. Ein aktuelles Beispiel sind die Pegida-Demonstrationen in Dresden, die sich mit einem dumpfen Angstgefühl gegen Fremde wendet. Gerade deswegen wäre es wichtig, das Thema dort hin zu bringen. Wir hatten einen Zusammenschluss von Stadt- und Regionalmuseen, die aus eigenem Antrieb gesagt haben: Migration ist ein Thema, wir sitzen dran, lasst uns das zusammen tun. Im Moment gibt es in unterschied- „Und dieser Anfang setzt Maßstäbe und holt die Migrationsgeschichte aus den Fußnoten heraus.“ Das ist das Wichtigste. Wenn es uns mit einem zentralen Museum gelingt, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass ein Teil der deutschen Geschichte auch Migration beherbergt, dann ist es meine Hoffnung, dass sich der Gedanke auch sternförmig ausweitet. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass in einem Mercedes-Museum auch die Gastarbeiter mit einem großen Beitrag Erwähnung finden. Oder dass Siemens mal bei seiner Firmengeschichte mit aufzählt, dass sie vorwiegend Frauen geholt haben. Am Ende stellt sich immer die Frage nach der Finanzierung ... Sehen Sie eine Möglichkeit, ein zentrales Migrationsmuseum oder ein Museum für die Migrationsgeschichte in Deutschland über den Bund zu fördern? 6 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 84 / Februar 2015 Fotos: Ruth Wunnicke

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lichen Städten, große Stadtmuseen, wie in Stuttgart oder Frankfurt, die zentral die regionale Migrationsgeschichte mit einweben. Und diese Idee gibt es in anderen Stadtmuseen auch. Der Deutsche Museumsbund wird im nächsten Jahr einen Leitfaden veröffentlichen, der mit Unterstützung von Migrantenselbstorganisationen und Experten erarbeitet wurde. Es ist eine Handreichung wie man das Thema Migration im Museum angehen kann. Wenn wir jetzt die Vorarbeiten und Gründungen vor Ort unterstützen, werden wir daraus vielleicht die Möglichkeit für eine spätere zentrale Institution in Berlin entwickeln. Ich glaube, der Weg muss genau so herum sein. Was können zivilgesellschaftliche Organisationen wie Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. zu diesem Thema beitragen? Deligöz: Warum nicht mal einen Diskussionsabend direkt in einem Unternehmen, in der Kantine oder in dem städtischen Museum, machen und tatsächlich nachfragen: Was ist eigentlich unsere Stadtgeschichte? Osses: Ich finde den zweiten Teil des Vereinsnamens ganz wichtig, „Für Demokratie“. Das ist ein sehr guter Ansatzpunkt. Es gibt z.  B. die Erfahrung der ersten „Gastarbeiter“-Generation die gesehen hat, das einzige wo ich mich engagieren kann, ist in betrieblicher Mitbestimmung. Wie viele Generationen von betrieblicher Mitbestimmung haben wir eigentlich gehabt? Was ist daraus geworden? Und, wo fehlen uns vielleicht noch demokratische Rechte? Da ist man sofort auch im aktuellen Diskurs. Man kann mit solchen Beispielen positive Geschichte erzählen und nicht nur Leidensgeschichte. Stellen Sie sich abschließend doch bitte einmal vor, ein Migrationsmuseum wird aufgebaut und bittet Sie um ein Exponat. Was würden Sie beisteuern? Gibt es einen Gegenstand, der Ihre Geschichte verkör- pert oder nacherzählt? Deligöz: Als wir nach Deutschland kamen, hatten wir zwei Koffer. In einem Koffer waren unsere Kleidung und Alltagsbedarf. In dem anderen Koffer hat meine Mutter Kinderbücher mitgenommen. Das war ihre Art, mir ihre Kultur mitzugeben. Diese Kinderbücher sind immer noch bei mir. Ich glaube, dass meine Mutter das sehr bewusst gemacht hat, weil sie mir über die Bücher meine Wurzeln mit auf den Weg geben wollte. Diese Bücher würde ich dem Museum spenden. Osses: Übrigens sind auch meine Vorfahren einst zugewandert: meine Großeltern sind aus Pommern geflohen und hatten einen Koffer und einen Kinderwagen. Ich habe mich irgendwann mal gewundert, warum andere Kinder so viele Erinnerungsstücke aus der Vergangenheit hatten. Bei meiner Familie fing das immer mit meinen Großeltern an. Im Wohnzimmerschrank stand ein zweibändiges Lexikon. Eines der wenigen Bücher, die meine Großeltern hatten. Da waren sie ganz stolz drauf. Wenn es die noch gäbe, dann wäre das für mich ein wichtiges Exponat. Ich danke Ihnen für das Gespräch. ■ „Wir dürfen auf keinen Fall die Wirkung in der Fläche vernachlässigen.“ Bei einem zentralen Museum wäre die große Gefahr, dass es als Gegenargument für Ausstellungen in den Regionen benutzt wird: Haben wir schon, brauchen wir nicht mehr. Wenn es eine Konkurrenz geben sollte, würde ich das auf jeden Fall den Entscheidern zu bedenken geben, dass im Moment schon viel wächst vor Ort. Und wenn es einen Sternmarsch geben kann, wunderbar. Dr. Jacqueline Boysen ist Historikerin und Journalistin. Sie ist Mitglied von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. Ruth Wunnicke Heldenkult – Diskriminierung – Potenziale Kommunistische Diktaturerfahrungen und Migrationsgeschichte aus Ost- und Südosteuropa Menschen mit kommunistischen Diktaturerfahrungen in Deutschland In einem bayerischen Werk machte die Werksleitung vor einiger Zeit den Vorschlag, eine „Straße der Besten“ einzuführen und gute Arbeiter monatlich mit einem Foto an der Wandzeitung zu ehren. Gegen diesen Vorschlag sprachen sich Werksangehörige, die aus Ostdeutschland und Polen nach Bayern gekommen waren, vehement aus. Solche „Helden der sozialistischen Arbeit“ habe man früher zur Genüge erlebt, protestierten sie. Von den Menschen mit einem sogenannten Migrationshintergrund, die heute in der Bundesrepublik Deutschland leben, haben 2,9 Millionen ihre Wurzeln im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, 1,5 Millionen im Gebiet des ehemaligen Jugoslawien, 1,5 Millionen in Polen sowie 537.000 in Rumänien. Diese rund 6,4 Millionen Menschen entsprechen einem Anteil von 6,7 Prozent an der Gesamtbevölkerung. (Statistisches Bundesamt 2013). Was diese Menschen und 17 Millionen Ostdeutsche eint, sind prägende Erfahrungen, die sie in einer kommunistischen Diktatur gemacht haben. Bis heute » Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 84 / Februar 2015 7 Thema

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Thema Foto: Wikimedia / Plakat von Hajotthu, CC BY-SA 3.0 DDR-Propagandaplakat, Dresden, Oktober 1985 » können diese Erfahrungen in ihr Denken und Handeln wirken, was für „Außenstehende“ nicht immer nachvollziehbar ist und mitunter zu Ablehnung führt – oftmals aus Unwissenheit. Was sind kommunistische Diktaturerfahrungen? Diktaturerfahrungen sind individuelle Erfahrungen. Die einen machen sie als engagierte Kommunisten in einer Diktatur, andere als Angehörige einer Minderheit, wiederum andere als Antikommunisten. Dennoch gibt es so etwas wie ein Grundgefühl, das als prägende Grundstruktur in kommunistischen Diktaturen für mehrere Generationen in unterschiedlichen Abstufungen zu erkennen ist und sich teilweise bis heute fortsetzt. Eine umfassende wissenschaftliche Definition kommunistischer Diktaturerfahrungen gibt es bisher jedoch noch nicht. Das Leben in einer kommunistischen Diktatur bedeutete Leben in einer doppelten Realität. Dem selbsterlebten Alltag stand die offizielle politische Interpretation gegenüber. Das führte für die Menschen zu einer permanenten Lebensunsicherheit. Denn auch die „offizielle Wahrheit“ konnte sich von heute auf morgen ändern und Lebensschicksale beeinflussen. Bis Lenindenkmal auf dem Leninplatz in Ost-Berlin, 1970 einhergeht. Traumatische Belastungen werden u.a. auch als „unsichtbares Gepäck“ der Migranten bezeichnet. Die Ergründung und Benennung von kommunistischen Diktaturerfahrungen ist eine nachträgliche Konstruktion. Aus westeuropäischer Sicht werden diese Erfahrungen in der Regel negativ konnotiert. Die „Betroffenen“ selbst werten dagegen nicht alles als negative Erfahrungen, denn sie hatten trotz der Diktatur auch ein lebenswertes und gutes Leben. Migrationsgeschichte(n) der Menschen aus kommunistischen Ländern Ost- und Südosteuropas Die Migrationsmotive der Menschen sind vielfältig. Für manche Migranten war die Angst vor der politischen Willkür und die Sehnsucht nach Sicherheit der Motor zum Weggehen. Politische Dissidenten hofften auf Sicherheit in Deutschland. Für andere wiederum waren wirtschaftliche Not, Krankheit oder Hoffnungslosigkeit in Bezug auf eine berufliche Karriere ausschlaggebend, den Weg nach Deutschland anzutreten. Deutschstämmige im Ausland erlebten oftmals aufgrund ihrer Ethnie Verfolgung. Ihnen bot das Staatsangehörigkeitsrecht die Möglichkeit einer privilegierten Zuwanderung. Ein Teil der heute in Deutschland lebenden Menschen mit kommunistischen Diktaturerfahrungen kam bereits seit den 1950er-Jahren nach Deutschland. Die meisten von ihnen immigrierten jedoch mit dem Ende des Kalten Krieges. Die größte Gruppe sind die sogenannten Aussiedler und Spätaussiedler. Allein von 1990 bis 2012 wanderten 2,5 Millionen Menschen im Rahmen des Zuzugs von Aussiedlern und Spätaussiedlern u.a. aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, Polen und Rumänien nach Deutschland ein. Nachdem die Zuwanderung ihren Höhepunkt 1990 nach Ende des Kalten Krieges und den politischen Reformen in Ostund Südosteuropa erreicht hatte, ging die Zahl stetig zurück. Seit 1991 kamen im Rahmen des Aufnahmeprogramms für jüdische Kontingentflüchtlinge – sprich Juden und Menschen mit jüdischen Vorfahren aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion – 219.604 Personen aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Aus Polen kamen neben den heute hat sich für einige Menschen mit diesen Erfahrungen eine misstrauische Einstellung zum Staat erhalten. Ein prägendes Instrument der kommunistischen Diktatur war die imaginäre Schaffung von Feinden. Das Bild des „Volksfeindes“ schaffte eine gewisse Legitimation für die gegenseitige Bespitzelung auf der Arbeit, im Wohnblock, in der Massenorganisation usw. In vielerlei Hinsicht wurde ein Klima der Angst aufgebaut. Als Folge wurde das Schweigen zu einer nahezu überlebenswichtigen Tugend, war aber kein Garant für Unversehrtheit. Heldenkulte dienten der staatlichen Forderung nach Stärke, Optimismus und Pflichterfüllung sowie als Vorbild zur Erziehung zum „sozialistischen Menschen. Dabei ging es zum einen um den Held in Krisen, z.B. im Krieg, und zum anderen um das Heldentum in der betrieblichen Planerfüllung. Andererseits drohte im Alltag kommunistischer Diktaturen allen Abweichlern Erniedrigung, Deportation bis hin zum politischen Mord. Die Masse der Menschen führte ihr Leben zwischen diesen beiden unvereinbaren Polen, in dem Wissen, wer hoch steigt, kann mit jedem politischen Wandel tief fallen. In der Folge bemühten sich viele Menschen, einem unauffälligen, strebsamen und angepassten Leben nachzugehen, fernab jeglicher individueller Selbstdefinition. Vor allem Menschen anderer Ethnien (z.B. Russlanddeutsche) machten die Erfahrung von Fremdenfeindlichkeit, allerdings nicht primär aus politischen Gründen. Es war vielfach eine ethnisch-religiöse Diskriminierung, die sich ihnen in Form von Deportationen, Gewalt und Morden zeigte und mit schweren traumatischen Belastungen Foto: Bundesarchiv, Bild 183-J0505-0054-001 / Ludwig, Jürgen / CC-BY-SA 8 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 84 / Februar 2015

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Foto: Dennis Riffel Das Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold ist das erste und bisher einzige Museum der Russlanddeutschen und Russlandmennoniten in Deutschland zur Dokumentation und Präsentation ihrer Geschichte und Kultur im internationalen Kontext von Migration und Integration. deutsch-polnischen Aussiedlern vor allem in den 1980er Jahren politische Flüchtlinge nach Deutschland, nach 1990 waren es Arbeitsmigranten. Bei der großen Zahl von 1,5 Millionen der heute in Deutschland lebenden Menschen aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien handelt es sich zumeist um sogenannte Gastarbeiter, die zwischen 1968 und 1973 nach Deutschland reisten und blieben. Ein Großteil der Kriegs- und Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien kehrte freiwillig oder auf Grund von Abschiebung in ihre Heimatregion zurück. Integrationsarbeit liegt auch bei der aufnehmenden Gesellschaft Sogenannte Integrationsleistungen sind nicht nur von Migranten zu erbringen, sondern ebenso von der aufnehmenden Gesellschaft. Am Anfang stehen gegenseitiges Zuhören sowie das Respektieren und Lernen von den Erfahrungen des anderen. Die Grundlage dafür ist eine Kommunikation auf Augenhöhe. Dazu zählt auch, dass die aufnehmende Gesellschaft, die Migrationsleistung sowie das Leid der Opfer der kommunistischen Diktatur würdigt und anerkennt. Integrationskultur vollzieht sich im Wesentlichen auch durch Erinnerungsgemeinschaften. Das metaphorische Miterinnern, obwohl die eigene Erfahrung oder der eigene Bezug zum Ereignis fehlen, ist ein Teil von Inklusion. Die gegenseitige Anteilnahme an Erinnerungen drückt die Wertschätzung anderer Erfahrungen und Lebensumstände aus. Gerade die Lebensumstände und Verhaltensoptionen in einer Diktatur sollten verstärkt thematisiert und nicht verkürzt als ein Leben zwischen „für“ und „wider“ dargestellt werden, sondern als eine Herausforderung in einem Spannungsfeld zwischen Anpassung und Widerstand. Hier ist vor allem die schulische und außerschulische historisch-politische Bildung gefordert. Ebenso obliegt es der Bildungsarbeit in Schulen und Museen, die Migrationsgeschichte der Menschen aus Ost- und Südosteuropa sichtbar zu machen. In dem noch jungen Bereich der Migrationsgeschichte wird die Geschichte der Menschen mit kommunistischen Diktaturerfahren im Vergleich zur Geschichte der „Gastarbeiter“ kaum thematisiert. Hier sollte ein neuer Fokus gesetzt werden. Die gegenseitige Achtung und Anteilnahme kann wertvolle Potenziale aufdecken. Potenziale sowohl bei den ankommenden Menschen als auch bei der aufnehmenden Gesellschaft. Es geht dabei u.a. um Fragen der gegenseitigen Wertevermittlung im Bereich der politischen Bildung (Demokratie und Diktatur), um Fragen der Alltagsgestaltung, der Anerkennung unterschiedlicher Lebenswege und eine gegenseitige Wertschätzungskultur. Dafür sollten wir bereit sein, uns auf besonderes Wissen und neue Handlungswege einzulassen. ■ Ruth Wunnicke ist wissenschaftliche Referentin in der Geschäftsstelle von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. in Berlin. Kommunistische Diktaturerfahrungen und Migrationsgeschichte Handlungsempfehlungen für Wissenschaft und historisch-politische Bildung FÜR DEMOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Gegen Vergessen ■ Information: Ruth Wunnicke unter Mitarbeit von Dr. Michael Parak, Dr. Dennis Riffel und Julie Savary Kommunistische Diktaturerfahrungen und Migrationsgeschichte. Handlungsempfehlungen für Wissenschaft und historisch-politische Bildung Berlin 2014; Broschiert, 40 Seiten; ISBN: 978-3-00-048378-3 Die Handlungsempfehlung ist das Ergebnis eines Projektes von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.  V., gefördert mit Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SEDDiktatur. Die Broschüre gibt Empfehlungen und Hinweise für Wissenschaft und die historisch-politische Bildung, die Geschichte und die Erfahrungen von Menschen aus ehemals kommunistischen Staaten zu dokumentieren, zu bearbeiten und die Ergebnisse in die Bildungsarbeit einfließen zu lassen. Sie kann kostenlos über die Geschäftsstelle von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. in Berlin bezogen werden. Ruth Wunnicke unter Mitarbeit von Dr. Michael Parak, Dr. Dennis Riffel, Julie Savary Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 84 / Februar 2015 9 Thema

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Thema Michael Parak Parlamentarier mit Migrationshintergrund Das passive Wahlrecht und die Repräsentation bestimmter Bevölkerungsgruppen Mandatsträger mit Migrationshintergrund sind in Deutschland ein zeitlich relativ junges Phänomen. Erst 1994 zogen mit Leyla Onur und Cem Özdemir die ersten türkischstämmigen Abgeordneten in den Deutschen Bundestag ein. Das passive Wahlrecht, das heißt, das Recht in ein Parlament gewählt zu werden, ist in Deutschland an die Staatsangehörigkeit gebunden. So dürfen auch nur Personen für den Im deutschen Kaiserreich lebten nur wenige Personen, die nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besaßen, insbesondere aus Österreich-Ungarn, Russland, Italien und den Niederlanden. In der Weimarer Republik betrug der Bevölkerungsanteil der „Ausländer“ 1,5 Prozent (1925), auch in der frühen Bundesrepublik bleib der Anteil mit 1,2 Prozent (1961) gering. Erst die Zuwanderung von ausländischen Arbeitsmigranten („Gastarbeiter“), die sich auch dauerhaft mit ihren Familien in der Bundesrepublik niederließen, führte dazu, dass die Anzahl der in Deutschland lebenden Ausländer stark anstieg. Lebten 1975 3,9 Millionen Menschen in Deutschland, ohne die deutsche Staatsangehörigkeit zu besitzen, waren es 2009 7,2 Millionen. Dies entspricht laut Statistischem Bundesamt einem Bevölkerungsanteil von 8,7 Prozent. Durch die Koppelung von Wahlrecht und Staatsangehörigkeit ist für einen großen Kreis an Menschen, die dauerhaft in Deutschland leben, die politische Teilhabe eingeschränkt. Sie besitzen nicht das aktive und passive Wahlrecht und können sich daher nicht an Wahlen beteiligen. Dies gilt im besonderen Maße für die Wahlen zum Deutschen Bundestag und den Landtagen. Für Kommunal- und Europawahlen hat der Vertrag von Maastricht 1992 Regelungen geschaffen. Demnach besitzen alle EU-Bürger bei diesen Wahlen das aktive und passive Wahlrecht. Die Bestimmungen betreffen allerdings nicht die Bürger sogenannter „Drittstaaten“ außerhalb der Europäischen Union. Deutschen Bundestag kandidieren, die den deutschen Pass besitzen. Das deutsche Wahlrecht operiert allein mit den formalen Kriterien „deutscher Staatsbürger“ und „Ausländer“. Soziologische Kriterien wie die neu eingeführte Kategorie „Migrationshintergrund“ sind in Bezug auf Wahlen ohne Bedeutung. mungen liegt ein Verständnis zu Grunde, das über das Abstammungsprinzip („ius sanguinis“) die Zugehörigkeit und eben auch die Nicht-Zugehörigkeit zu einer imaginierten „Nation“ regelt. Demgegenüber wird übersehen, dass politische Teilnahme die „aktivste Dimension der Staatsbürgerschaft“ darstellt. Politische Partizipation in Form von Mandatsbekleidung ist ein explizites Beispiel dafür, sich für die Gegenwart und die Zukunft eines Landes einzusetzen. Zugleich ist es auch ein Appell an Neubürger, ihre Bürgerrechte wahrzunehmen. Infolge von Einbürgerungen und dem damit verbundenen Wahlrecht sind ehemalige Ausländer eine politische Größe geworden, die eine stärkere Beachtung findet. Ihre Zahl beträgt rund 2,4 Millionen, wobei etwa die Hälfte der 2009 wahlberechtigten Einwanderer als Aussiedler nach Deutschland gekommen sind. Bei der letzten Bundestagswahl hatten neun Prozent der Wahlberechtigten einen Migrationshintergrund. Die Frage der Repräsentation Mit der Frage nach der Repräsentation von Migranten in Parlamenten verbindet sich die grundsätzliche Frage, inwieweit verschiedene Bevölkerungsgruppen auch durch Mandatsträger auf der höchsten politischen Ebene des Staates repräsentiert werden sollten. Eine weit unter dem Bevölkerungsanteil liegende Repräsentanz kann ein Indiz dafür sein, dass eine Gruppe im Hinblick auf den Zugang zu Kam 1994 als erster türkischstämmiger Abgeordneter in den deutschen Bundestag: Cem Özdemir Erste Abgeordnete mit Migrationshintergrund Seit 1987 konnten die ersten Abgeordneten mit Migrationshintergrund als Abgeordnete in die Parlamente einziehen: In diesem Jahr wurden Sevim Çelebi in das Berliner Abgeordnetenhaus und 1989 Leyla Onur in das Europaparlament gewählt. 1994 zogen Leyla Onur und Cem Özdemir in den Deutschen Bundestag ein. Diese Abgeordneten sind deutsche Staatsangehörige: von Geburt an, oder weil sie die deutsche Staatsangehörigkeit beantragt haben und „eingebürgert“ wurden. Parlamentarier mit Migrationshintergrund waren und sind Vorurteilen und Anfeindungen ausgesetzt, die im Kern darauf abzielen, sie auf ihre Herkunft zu reduzieren. Diesen Fremdwahrneh- 10 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 84 / Februar 2015 Foto: Sedat Mehder

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solchen Positionen benachteiligt ist. Eine Bevölkerungsgruppe, die sich nicht durch Vertreter in der politischen Elite repräsentiert fühlt, ist möglicherweise geneigt, die dort getroffenen Entscheidungen nur in geringerem Maß zu akzeptieren. Zudem kann eine Unterrepräsentanz in der Politik auch dazu führen, dass Parteien und Parlamente zu wenig über die Meinungen und Bedürfnisse der Bevölkerungsgruppe wissen. Die reine Fokussierung auf die Tatsache, wer die ersten Bundestagsabgeordneten mit Migrationshintergrund waren bzw. auf die reine Anzahl der Parlamentarier mit Migrationshintergrund, verengt das Thema. Auch eine Beschäftigung mit anderen Landtags- und BundestagsabBS_00_korr2_12113_Modul8_.qxd 20.11.2012 09:26 Seite 1 geordneten, die den Weg ins Parlament gefunden haben, ist lohnenswert. Die Parlamentarier mit Migrationshintergrund sollten als aktive Bürgerinnen und Bürger, die die Gesellschaft mitgestalten, in den Blick genommen werden. Sie agieren als Fachpolitiker in unterschiedlichen Themenfeldern und ihre politische Agenda ist nicht auf ein Thema verkürzt, wie sie auch nicht die Lobbyvertreter einzelner Migrantengruppen sind. Parlamentarier mit Migrationshintergrund weisen auf die, „Grenzen zwischen ihrer Herkunft und Repräsentationsarbeit in der Politik als deutsche Politiker“ hin. Unter den gewählten Volksvertretern mit Migrationshintergrund gibt es einen sehr hohen Anteil türkischstämmiger Politikerinnen und Politiker. Erklärungsmuster dafür können u.  a. die Erfahrung kollektiver oder sogar individueller Benachteiligung und Diskriminierung sein. Dahingegen ist es augenfällig, dass aus dem Kreis derjenigen, die als (Spät-)Aussiedler in die Bundesrepublik Deutschland, kamen, nur wenige den Weg in die aktive Politik finden. Neben sozialen Faktoren kann hier auch eine persönliche Distanz zu Parteien und dem politischen Betrieb eine Rolle spielen. ■ Dr. Michael Parak ist Geschäftsführer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. Praktische Geschichtsvermittlung in der Migrationsgesellschaft 46 Bausteine für die schulische und außerschulische historisch-politische Bildung ■ Information: Der Text ist ein Auszug aus dem von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. erarbeiteten, 2013 bei der Bundeszentrale für politische Bildung erschienenen Materialienband „Praktische Geschichtsvermittlung in der Migrationsgesellschaft. 46 Bausteine für die schulische und außerschulische historisch-politische Bildung.“ (S. 178-179). Themen und Materialien Praktische Geschichtsvermittlung in der Migrationsgesellschaft. 46 Bausteine für die schulische und außerschulische historisch-politische Bildung. Bundeszentrale für politische Bildung und Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. (Hsg) Berlin 2013; 354 Seiten; Bestellbar über die Bundeszentrale für politische Bildung unter: www.bpb.de/152618 unter Bestellnummer 2485, für eine Bereitstellungspauschale von 7,00 € Anzeige Besuchen Sie auch unter: www.online-beratung-gegen-rechtsextremismus.de 11 Thema

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Thema Cornelia Schmalz-Jacobsen Nicht schwarz und weiß und weiß und schwarz Rede zur Verleihung des Preises „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ Am 22. November 2014 nahmen die Schwestern Yasemin und Nesrin S ˛ amdereli in Leipzig den Preis „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ für Ihren Film „Almanya – Willkommen in Deutschland“ entgegen. Wir zeichnen den Film „Almanya – Willkommen in Deutschland“ aus und damit die Schwestern Yasemin und Nesrin Şamdereli. Dieser bemerkenswerte Film ist im Jahr 2011 herausgekommen. Er hat viele Preise bekommen, sehr gute, sehr hoch dotierte. Was machen wir jetzt? Ist es ein Nachklapp, nach drei Jahren? Man muss ja zugestehen, drei Jahr später sind drei Jahre später! Aber wir haben uns als Jury gedacht, es ist nie zu spät, ein so schönes Kunstwerk auszuzeichnen. Was uns so gut gefallen und uns als Jury überzeugt hat, ist, dass hier eine Gesellschaft in Vielfalt, eine Familie in Vielfalt gezeigt wird, sehr menschlich und ganz ohne Zeigefinger. Wir erleben Einsicht, wir erleben Wahrheiten, wir erleben viel Humor und wie sich die Dinge und die Ansichten im Laufe der Jahre ändern können – und geändert haben, in Deutschland wie auch in der Türkei. Es sind nach meinem Gefühl vor allem die Bilder, beinahe noch mehr als die Dialoge, die diese Geschichte von Hüseyin und seiner Familie über einen Zeitraum von 50 Jahren erzählen und sehr plastisch machen. Meine Damen und Herren, ich habe ungefähr zwanzig Jahre auf so einen Film gewartet. Und ich habe mit mir eine Zeitreise gemacht. Als ich Bundesbeauftrage für Ausländerfragen war, so hieß das, in den Jahren 1991 bis 1998, da gab es schon einen Preis, der CivisPreis heißt, und heute mit Smoking und Abendkleid gefeiert wird. Zu meiner Zeit war das noch ein relativ bescheidenes Unternehmen. Die Filme, die uns eingereicht wurden, und die wir alle ansehen mussten, waren klischeebehaftet, und natürlich immer bierernst … Differenzierte Sichtweisen, oder gar Humor oder Ironie, nein, Die stellvertretende Vorsitzende der Vereinigung, Cornelia Schmalz-Jacobsen, hielt die Laudatio auf die Preisträgerinnen, aus der wir Auszüge veröffentlichen: Foto: Ulrich Mählert Laudatorin Cornelia Schmalz-Jacobsen und Vorsitzender Wolfgang Tiefensee mit den Preisträgerinnen Yasemin und Nesrin Şamdereli. Fehlanzeige, das tat man nicht. Vielleicht braucht so etwas seine Zeit. Yasemin und Nesrin Şamdereli haben die Zeit genutzt, wohl auch die eigenen Erfahrungen mit ihrer Familie. Es gibt viel Autobiografisches in diesem Film, das kann man sich zusammenreimen oder entdecken. Die beiden haben zehn Jahre gebraucht, ehe sie den Film präsentieren konnten. Sie mussten immer wieder Geldgeber suchen. Und ich kann mir das so richtig vorstellen, dass die potentiellen Geldgeber gesagt haben: Ach nee, wer will denn so einen Film sehen. Aber es hat dann doch funktioniert. Die Geschichte der Filmfamilie und auch der eigenen Familie ist klassisch. In beiden Fällen war es der Großvater, der junge Großvater. Anfang der 60er Jahre sind die Männer nach Deutschland gekommen, später konnten sie dann ihre Frau und die Kinder nachholen. Eines dieser Kinder übrigens aus der echten Familie Şamdereli ist der Vater von unseren beiden Schwestern hier. Sie sind Ruhrgebietskinder, in Dortmund aufgewachsen, in einem sehr deutschen Umfeld. Katholische Grundschule, später Abitur, solide Ausbildung in München, beziehungsweise an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin. Beide Schwestern machen etliche Jahre erfolgreich Filme für das Fernsehen. „Almanya“ ist ihr erster Kinofilm, und der wurde dann gleich zum großen Erfolg, was mich sehr freut, ein sehr verdienter Erfolg. Das Geheimnis nun dieses Films ist natürlich in erster Linie ihr Talent und ihr Können. Aber es steht doch noch etwas anderes dahinter, glaube ich. Nämlich die Liberalität und Offenheit ihrer Eltern. Ihr Heranwachsen widerspricht so ganz dem Klischee der unterdrückten türkischen Mädchen. Ich für meinen Teil, in der Arbeit die ich gemacht habe damals, wusste schon lange, dass es auch diese Beispiele gibt. Denn ich bin vielen türkischen Familien begegnet, in denen die Mütter manchmal noch Analphabetinnen waren, aber die Eltern einfach ganz sicher waren, wir müssen etwas für die Zukunft unserer Kinder tun, wir müssen ihnen Freiheit lassen, wir müssen ihnen Ausbildung angedeihen lassen. Und das taten sie dann auch. Zwei solche Töchter der zweiten Generation waren in den 90er Jahren meine Mitarbeiterinnen. Sie hatten Abitur, sie haben studiert, und sie wurden gefördert von ihren Vätern, die als Arbeiter hergekommen waren und auch Arbeiter geblieben sind, aber sie wurden gefördert. Die Öffentlichkeit wollte das damals überhaupt nicht gerne zur Kenntnis nehmen. Ich erinnere mich lebhaft an ein Fernsehteam, das eines Tages bei mir erschien, und mich bat, ihnen eine Türkin für einen Film zu vermitteln. Ich bat ganz einfach meine türkische Mitarbeiterin Necla rein und sagte: „Hier, diese Frau macht das sicher gerne.“ Ich merkte, wie die Kinnladen herunterfielen. Dann verließ Necla wieder mein Büro, und die beiden 12 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 84 / Februar 2015

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Herren sagten: „Aber doch nicht sowas, Frau Schmalz-Jacobsen, wir wollen eine richtige Türkin, so eine mit Kopftuch, die schlecht deutsch spricht!“ Ich habe die beiden beschimpft, ihrer Wege geschickt und ihnen gesagt: „Ihr wollt immer und immer wieder ein Klischee bedienen, das geht doch nicht!“. Es hat dann ja eine gewisse Zeit gebraucht, ehe sich das geändert hat. Dieser schöne Film erzählt mit sehr einfühlsamem Humor, wie unterschiedlich sich die einzelnen Familienmitglieder in so einer Familie entwickeln können. Dabei bleibt der Großvater, Opa, immer der Mittelpunkt der Familie, aber er übt keinen Druck aus. Ein Sohn ist mit einer blonden Deutschen verheiratet, ein anderer ist unglücklich und steht vor der Scheidung, der dritte beschließt nach einer Reise in die Türkei dort zu bleiben. Es gibt wunderbare Szenen, zum Beispiel fragt der kleine Cenk, das Kind von der blonden Deutschen und dem Türken, der wohl inzwischen auch Deutscher ist: „Sag mal, was bin ich denn nun, bin ich jetzt Deutscher oder bin ich jetzt Türke?“. Und die Mutter sagt wie aus der Pistole geschossen: „Deutscher!“, der Vater im gleichen Atemzug „Türke!“. Das Kind, ungefähr acht Jahre alt, sagt: „Ja was mache ich denn damit? Ich kann doch nur eines sein! Das geht doch nicht, dass man zwei Sachen ist, dann kann ich ja gar nicht richtig Fußball spielen, denn das eine ist die türkische Seite und das andere ist die deutsche Seite hier auf unserem Schulhof!“. Manchmal ist das mit der Heimat oder den Heimaten kompliziert und manchmal eigentlich überhaupt nicht. Ich erinnere mich an ein deutsch-polnisches Kind, das sagte: „Du bist das, und du bist das, und mir gehört beides!“. Vor ein paar Tagen habe ich folgenden interessanten Satz von einem Deutschen gehört, der vor Jahren aus dem Iran geflohen ist: „Ich bin voll assimiliert, aber nicht voll integriert.“. Wie bitte? Meine griechische Großmutter hätte genau diesen Satz so sagen können, mit einer anderen Wortwahl, die Worte Assimilation und Integration kannte man damals noch nicht. Aber sie hat das bestimmt so empfunden. Man kann das ganze natürlich auch umdrehen und sagen: voll integriert, noch nicht voll assimiliert, eigentlich egal. Wie herum man es dreht, es bedeutet doch eines, und das zeigt uns der Film „Almanya“ mit Tiefsinn und Augenzwinkern: Es gibt nicht so einfach schwarz und weiß und weiß und schwarz. Es gibt viele, viele Schattierungen. Und wenn wir ehrlich sind, empfinden wir diese Schattierungen für uns selbst auch. ■ Die gesamte Rede sowie die Laudatio zum Waltraud-Netzer-Jugendpreis finden Sie unter www.gegen-vergessen.de Linda Teuteberg Toleranz und Identität Was wir in den Tagen nach den brutalen Anschlägen in Paris erlebt haben, ist für mich in vielerlei Hinsicht eine Lektion. Da ist zunächst die Freude darüber, wie unser Nachbarland reagiert hat auf die Morde an Journalisten, Juden und Polizisten. Sicher – wie viele von uns habe auch ich von der freiheitlichen, der revolutionären Tradition der Franzosen gehört. Aber mit dieser massenhaften, entschlossenen Antwort von Millionen habe ich dann doch nicht gerechnet. Diese Reaktion ist nicht nur in ihrer Vielfalt, sondern auch in ihrem Ausmaß als historisch zu bezeichnen. Paris war an diesem Tag die Hauptstadt der freien Welt. » Dresdener Kundgebung: Pegida ist nicht das Volk. 35.000 Menschen demonstrierten am 10. Januar allein in Dresden für eine weltoffene Gesellschaft in Vielfalt. Foto: Bernd Gross / Wikipedia Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 84 / Februar 2015 13 Thema

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Thema » Grund für die breite Anteilnahme war auch, dass die Anschlagserie an der Seine die westliche Werteordnung ins Mark getroffen hat. Ziel waren die mutigen Karikaturisten von „Charlie Hebdo“ und damit die Meinungs- und Pressefreiheit generell. Aber auch Polizisten und die Besucher des jüdischen Geschäfts gerieten ins Fadenkreuz der Extremisten und damit ebenso rechtsstaatliche Ordnung und Religionsfreiheit. So waren Menschen allen Alters und jeder Hautfarbe, aller Religionen und Gesellschaftsschichten betroffen und zeigten ihre Entschlossenheit gemeinsam im ganzen Land. Dies ist ein Beweis dafür, dass sich Europa auch heute noch auf seine besten Traditionen stützt. Für uns Deutsche liegt darin sicher auch eine Aufforderung zur Nachdenklichkeit. Unser Nachbarland tut sich in mancherlei Hinsicht schwer. Aber es ist und bleibt überaus verlässlich, wenn es um die Verteidigung der Freiheit geht. Das ist in Paris und in ganz Frankreich die Folge einer stolzen Geschichte – eine französische Form des „Gegen Vergessen“. Wir neigen hier zuweilen dazu, solche Errungenschaften zu gering zu schätzen. Die „Große Nation“, die in Frankreich parteiübergreifend und in kaum vorstellbarem Ausmaß auf die Straße ging, sollte uns trotz des traurigen Grundes mit Freude erfüllen. Unser wichtigster Verbündeter ist im Moment der Gefahr ein Fels der Freiheit. Von Paris geht daher ein Impuls, eine Botschaft aus an den Rest der Welt: Wir nehmen es nicht hin, wenn unsere Freiheit, unsere Werte und unsere Rechtsordnung mit Füßen getreten werden. Unsere Auseinandersetzung, unsere Debatten hier in Deutschland sind von einer anderen Geschichte geprägt. Auch deswegen schmerzt es mich ganz besonders, wenn ich miterleben muss, dass eine politische Kraft sich zu verfestigen beginnt, die vordergründig Ansprüche einer demokratiefernen Form der Religionsausübung abzuwehren vorgibt. Denn dabei wird etwas Entscheidendes übersehen: Kern der Freiheit ist es, jeder wie auch immer gearteten Form von Glaubensbekenntnis nur dort Grenzen zu setzen, wo die Rechte anderer angegriffen werden. Unsere Demokratie sollte der Garant dafür sein, dass in unserem Land keiner Angst zu haben braucht vor Herrschaftsansprüchen welcher Religion auch immer. Das, was sich bei der Pegida oder der AfD vordergründig als Abwehrreaktion auf solche Ansprüche eines fremden Glaubensbekenntnisses verkauft, ist tatsächlich nur eine Tarnkappe für eine kaum weniger gefährliche Form der Intoleranz. Es geht nicht in erster Linie gegen bestimmte Erscheinungsformen des Islams, die tatsächlich nicht mit unserem Grundgesetz vereinbar sind. Es geht um die Mobilisierung gegen das, was in einer offenen Gesellschaft an kultureller und ethnischer Vielfalt akzeptiert werden sollte. Hinter der Denunziation des Islam verbirgt sich der Unwille zur Integration. Die Reaktion auf unser noch gar nicht so lange zurückliegendes dunkles Zeitalter des Nationalsozialismus ist der wohl wichtigste Satz unserer Verfassung: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Diese Würde ist nicht etwa beschränkt auf Deutsche, auf Christen oder Juden oder auf Atheisten. Diese Würde spricht unsere Verfassung allen zu. Natürlich auch den Muslimen und auch denen, die sich als solche verirren in politische Vorstellungen, die wir bekämpfen und ablehnen müssen. Und genau hier wird das Auftreten von Pegida und AfD zur politischen Herausforderung. Denn diese Bewegung verweigert den bei uns lebenden Immigranten wie auch den Flüchtlingen, die noch bei uns Zuflucht suchen werden, diese Würde. Sie macht sie zu Objekten einer Prüfung auf Verträglichkeit mit diffus formulierten Wertvorstellungen. Es ist eine perfide Form der Geschichtsverfälschung, wenn ausgerechnet hier in Deutschland von den Propagandisten einer Abschottungspolitik auf das christlich-jüdische Erbe Bezug genommen wird. Als Christin weiß ich, wie sehr sich viele meiner GlaubensgenossInnen im Laufe der Jahrhunderte verirrt haben. Der Kern der Botschaft des Jesus von Nazareth, die Nächstenliebe, ist allzu oft vergessen worden. Lange wurde sie nur von denen bewahrt, die am Rande der Christenheit dafür kämpften – den Quäkern beispielsweise. „Gott mit uns“ stand auf den Kop- Linda Teuteberg pelschlössern der deutschen Soldaten, die mit ihren Feldzügen den Weg frei machten für den Völkermord an den europäischen Juden. Die Auseinandersetzung um die scheinbare, tatsächlich zumindest in weiten Teilen Ostdeutschlands nirgendwo vorzufindende Islamisierung der Gesellschaft ist in Wirklichkeit ein Streit darum, wie viel an Offenheit und Toleranz wir uns zutrauen. Sie zeigt auch, wie wenig gefestigt wir darin sind, unseren Grundwerten das Gewicht beizumessen, das sie haben. Was wir brauchen, ist ein Aufruf zur Verteidigung der Integration. Natürlich sind die meisten derer, die in Dresden auf die Straße gehen, keine Verfassungsfeinde, auch die meisten der AfD-Wähler nicht. Und natürlich müssen wir ihre Ängste und Befürchtungen ernst nehmen. Doch genauso engagiert müssen wir dort widersprechen, wo sie sich politisch verirrt haben: Nicht nur ihre Würde, die Würde eines jeden unter uns ist unantastbar! Wer andere ausgrenzt, ihnen das Recht auf Zuflucht abspricht, der stellt all das in Frage, was wir nach den schrecklichen Erfahrungen des letzten Jahrhunderts gelernt haben sollten. Allerdings muss eine funktionierende Demokratie eine Bewegung wie Pegida ertragen können, ebenso wie sie Parodien, Karikaturen und Blasphemie aushalten kann. Voraussetzung ist, dass dies auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung geschieht. Die 35  000 Gegendemonstranten, die für ein Dresden der Weltoffenheit und Linda Teuteberg ist Vorstandsmitglied von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. 14 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 84 / Februar 2015 Foto: Karoline Wolf

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Mitmenschlichkeit auf die Straße gegangen sind, und die unzähligen Teilnehmer der vielen Anti-Pegida-Kundgebungen in ganz Deutschland geben ohnehin die beste Antwort, die eine selbstbewusste Bürgergesellschaft zu bieten hat. Eines aber ist auch klarer denn je: Nein, „Das Volk“ sind die Pegida-Demonstran- ten nicht. Sie sind ein kleiner Teil einer liberalen Gesellschaft, in der alle das Recht auf friedliche Versammlung und freie Meinungsäußerung selbstverständlich wahrnehmen dürfen. Das Versammlungsverbot von Dresden muss eine absolute Ausnahme bleiben. Es mag in der Hektik der Tage nach den Anschlägen von Paris angebracht gewesen sein. Doch unser Staat hat auch die Rechte von PegidaAnhängern zu schützen. Vor allem aber – bevor wir uns all zu sehr verstricken in kleinliche Debatten: Schauen wir nach Frankreich, lassen wir uns von einer in die Jahre gekommen, aber doch noch sehr vitalen demokratischen Nation anstecken in der entschlossenen Abwehr jeder Form der Tyrannei. ■ Widerstand in vielen Facetten Die neue Dauerausstellung in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand Ab dem 2. Juli 2014 präsentiert die Gedenkstätte Deutscher Widerstand in den historischen Räumen des Umsturzversuches vom 20. Juli 1944 die neue Dauerausstellung „Widerstand gegen den Nationalsozialismus“. Prof. Dr. Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und Vorstandsmitglied von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V., beantwortet im Interview die Fragen von Markus Bauer: Was fasziniert Sie am Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur? In meinen früheren Arbeiten habe ich mich mit der Gestapo, Konzentrationslagern und der Verfolgung befasst. Als mich aber mein Kollege Peter Steinbach 1983 fragte, an der damaligen neuen Dauerausstellung mitzuarbeiten, hat mich das Thema sofort gepackt und bis heute nicht losgelassen. Es ist schön, im Zusammenhang mit der NS-Diktatur nicht nur Mord, Terror und Verfolgung zu erforschen, sondern sich auch mit Menschen zu befassen, die etwas gegen diese Diktatur unternommen haben. Sie haben sich zum zweiten Mal an einem neuen Konzept der Dauerausstellung beteiligt. Was unterscheidet die alte von der neuen? Wir konnten die Erfahrung von 30 Jahren einfließen lassen. Die neue Ausstellung ist zu allererst komplett barrierefrei. Menschen mit Behinderung können sich frei bewegen. Der Audio- und Videoführer ist in Gebärdensprache und mehreren Fremdsprachen verfasst. Und inhaltlich? Die Ausstellung ist noch präziser in Wortund Formensprache geworden. Früher war der Widerstand gegen den National- » Blick in die neue Ausstellung Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 84 / Februar 2015 Fotos: Gedenkstätte Deutscher Widerstand 15 Thema

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