Mitteilungsheft Thüringer Pfarrverein April - Juni 2015

 

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Mitteilungsheft Thüringer Pfarrverein April - Juni 2015

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Thüringer Pfarrverein April / Mai / Juni 2015 April - Juni 2015 Nr.2 | 5. Jahrgang 2015 3 Editorial 6 Aus der Geschichte des Pfarrvereins der Slowakei 10 Wormser Wort 12 Anfragen an Konzepte des gegenwärtigen Reformprozesses 17 GAW Thüringen Wir sind das Original und nicht die Kopie - Nr. 8 20 Einladung zur Mitgliederversammlung 23 Geburtstage und Trappes DDR-Witze

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EIN SCHÖNES GEFÜHL. RÜCKHALT. Man kann Leben einfach versichern. Man kann es aber auch einfach sicherer und lebenswerter machen. Gemeinsam tun wir das und unterstützen kirchliche und soziale Projekte. Gute Beratung braucht Zeit für Gespräche. Wir sind für Sie da. Ihren Ansprechpartner vor Ort erfahren Sie bei uns. Filialdirektion Ost Organisationsdirektor Volkmar Fischer Ziegelstraße 30 . 10117 Berlin Telefon 030 41474840 volkmar.fischer@vrk.de Menschen schützen. Werte bewahren. 2 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2015

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Editorial von Martin Michaelis, Vorsitzender des Thüringer Pfarrvereins, Pfarrer in Steinach Eine viereckigte Thorheit Liebe Leserinnen und Leser, ist das nicht eine schöne, uns allerdings abhanden gekommene Redewendung, eine viereckigte Thorheit? Gefunden habe ich sie bei Christian Scriver (1629-1693) in „Gottholds zufälliger Andachten vierhundert“, gedruckt 1701. Herausgegeben hat er dieses tausendseitige Büchlein mit 400 Andachten 1671. Es lagen schwere Jahre hinter ihm. 1670 war seine zweite Frau gestorben. Auch fünf seiner bis dahin zehn Kinder hatte er bereits zu Grabe tragen müssen. Darüber ist er 1671 zum zweiten Male schwer erkrankt. Aus seinen Worten spricht also ein großes Maß an bitterer Lebenserfahrung. Zwangsläufig hat er ein anderes Wertgefüge entwickeln müssen. Die heutigen medizinischen Möglichkeiten „erlauben“ uns, sich diesem inneren Weg zu entziehen, weil es uns sehr häufig gelingt, den Tod zu verschieben. Wir nennen das verschleiernd eine höhere Lebenserwartung oder auch demographischen Wandel. So manche Begegnung in meiner Gemeinde allerdings macht mich darauf aufmerksam, dass einigen Menschen großes Leid keinesfalls erspart bleibt, mit dem sie viele Jahre leben müssen. In Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2015 der heutigen Gesellschaft drohen sie zu vereinsamen, sehen kaum Möglichkeiten ihren Schmerz auszudrücken, geraten in die Depression. Erst nach Jahren der Tätigkeit in derselben Gemeinde beginnen sie sich zu öffnen. Burnout ist zum Schlagwort geworden, ist neben einer maßlosen Überforderung möglicherweise Ausdruck religiösen Verhungerns. Auch uns als Kirche geraten diese Menschen zunehmend aus dem Blick, während sie zu Christian Scrivers Zeiten im Zentrum seiner Bemühungen und seiner Wertschätzung standen. Er sagt, die Gemeinde, ja Volk, Stadt und Land bedürfe besonders der Menschen, die der Melancholie und Traurigkeit verfallen seien, weil sie in ihrer Trauer viel Trost erfahren hätten, den sie am besten weitergeben könnten. Zu diesen 3

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zählte er sich selbst. Bestärkt hat ihn in dieser Erkenntnis sicher auch seine Magdeburger Gemeinde, die in bat, seine Predigten zu veröffentlichen, die er in seinen schwersten Tagen gehalten hatte: Der Seelenschatz. (nachzulesen in „Seelsorge und Tröstung“ von Holger Müller 2005; Er empfiehlt übrigens, die Texte Scrivers laut zu lesen.) Einerseits sind seit Jahren in den Kirchen Struktur- und Finanzfragen zum beherrschenden Thema und Kriterium für Entscheidungen geworden, gefolgt vom sich fast zur Sucht entwickelnden Fusionswahn(sinn) und dem Kampf um die öffentliche bzw. mediale Wahrnehmung. Die Bildung von Rücklagen ist vielleicht sogar wichtiger geworden als der Zustand mancher Dorfkirche an der vermeintlichen Peripherie. Andererseits suchen die Menschen ihr Heil in Zerstreuung, Unterhaltung und Zeitvertreib. Beides korrespondiert miteinander. Das alles hat annähernd nichts mit dem Seelenheil zu tun und ist für die an Leben und Glauben Verzweifelnden völlig irrelevant. In der XXXVI. Andacht „Die finstere Nacht“ schreibt Christian Scriver: „Sie schärffet das Gesicht des Menschen/ indem sie … den Augen Zeit giebt / die Sehe=Kräffte wieder zu zeugen und zusammen zu bringen / und eben hiedurch dienet sie auch dem Verstand / welcher bey Tage / vor den Augen vornehmlich und andern Sinnen auff mancherley Dinge verleitet / nicht alles zur Genüge und nach Gebühr erwegen kann; Die Nacht aber schlägt ihm einen 4 schwartzen Mantel um den Kopff / dass er / von dem äusserlichen abgeführet / bey ihm selbst seyn / und wichtigen Sachen desto schärffer und geruhiger nachsinnen könne. … die allertieffsten und andächtigsten Gedanken geschehen in der Nacht / darum wecket auch Gott zuweilen das Hertz des Nachts auf / und hält die Augen / dass sie müssen wachen.“ In Christian Scrivers Augen wären viele unserer Bemühungen möglicherweise nichts anderes als eine viereckigte Thorheit. Manche Begebenheit der letzten Jahre mag man beim Lesen der XCVI. Gleichnisandacht bedenken und sich nebenbei an der Sprache erfreuen: Die unvernünfftigen Diebe. Es ward von den Mäusen erzehlet / daß dieselbe nicht allein gern benaschten / was ihnen von Speise werden könnte / sondern daß sie auch silberne Knäuffe und Kettlein / kleine Müntz und wohl gar güldene Spangen / die man etwa auff dem Tisch liegen lassen / in ihre Löcher zu schleppen sich erkühnet hätten. Gotthold fiel hierbey ein / daß die Dolen und Krähen / so zuweiln Lust halber in den Häusern gehalten werden / es nicht anders machen; Es hat einmahl eine viel Dinges von Müntzsorten / Ringen / Fingerhüten und dergleichen Sachen / zusammen getragen / und darüber viel Verdachts unter den Hausgenossen erweckt / biß man ihr endlich es abgemercket und ihren Schatz auffgeräumet / dabey sie gar übel gethan / und gnugMitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2015

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sam zu erkennen gegeben / daß sie solche Sachen / wiewohl sie ihr nichts nütze / ungern verlöhre. Er sagte drauff / nehmet hiebey wahr ein artiges Muster eigennütziger und geitziger Leute / welche mit Recht und Unrecht samlen / biß sie einen Vorrath zusammen bringen / der ihnen eben so viel nütz ist / als den Mäusen und Dohlen ihr gestohlner Schatz: Und diß war noch leidlich / daß sie eine gleiche Thorheit begiengen / wenn sie ihnen auch eben so wenig schädlich wäre: Allein zeitliche Güter gewinnen / und ewige verlieren / Gold sammeln / und Gottes vergessen / seinen nachbleibenden Erben ein Lachen / und seiner armen Seelen ein ewiges Heulen und Zähnklappen machen / das ist zu viel. Was ists sonderlichs eines Schatzes Hüter seyn / weil es auch eine Mauß / eine Krähe / und ein Hund kann? Und was ists vor eine viereckigte Thorheit / lieber die Seele als das übel erworbene Gut verlieren wollen? HErr / mein GOtt / neige mein Hertz zu deinen Zeugnissen / und nicht zum Geitz! (Ps.CXIX,36.) (Erschienen in „Gottholds zufälliger Andachten vierhundert“ Helmstedt und Magdeburg 1701) In diesem Sinne wünsche ich eine gute, schlaflose Nacht „ zur Betrachtung der Wahrheit und Güte GOttes“! Ihr Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2015 5

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Aus der Geschichte des Evangelischen Pfarrvereins der EKAB in der Slowakei Vortrag von Jaroslav Matys, Vorsitzender des slowakischen Pfarrvereins Am Beginn der Ev. Kirche A. B. auf unserem Gebiet, nach der Reformation im 16. Jahrhundert, hatte die Evangelischen keine stabile Organisation, keine einheitlichen gottesdienstlichen Regeln und keine Agende. In den Kirchengemeinden haben stattdessen einige Pfarrer ihre eigenen gottesdienstlichen Agenden nach eigenen Bedürfnissen zusammengestellt. Die Gemeinden haben sich in Bruderschaften und Senioraten zusammengeschlossen, in denen die organisatorischen Regeln hergestellt und eigene Vertreter gewählt wurden. Diese Senioraten sind und im 17. und im 18. Jahrhundert in den Verfolgungen der Gegenreformation zugrunde gegangen. Nach dem Toleranzpatent hat sich die Kirche neu organisiert. Es wurden die Versammlungen der Pfarrer im Rahmen der Konvente festgelegt. Es gab aber auch viele Begegnungen mit eher privatem Charakter, in deren Rahmen oft informative Besprechungen stattfanden. Die Grundlage für die offiziellen Versammlungen hat Jozef Miloslav Hurban gegeben, als er von Reisen in Deutschland zurückgekommen ist. Auf seine Initiative sind 1864 pastorale Konferenzen erstanden, die die Aufgabe hatten, die slowakischen evangelischen Pfarrer zu Gebeten und zum Nachdenken über 6 den Stand und die Verpflichtungen der Pfarrer anzuregen. Hurban gründete am 6. September 1865 einen innermissionarischen Verein. Er war auch dessen Vorsitzender. Dieser Verein hatte 43 Mitglieder. In der Satzung stand an erster Stelle die Klarheit der Lehre. Die pastoralen Konferenzen waren eine regelmäßige organisierte Versammlung der Pfarrer in der Slowakei. Sie hatten das Ziel, die evangelischen Lehre zu vertiefen, die innere Mission zu fördern und Vorträge über aktuelle religiöse und kirchliche Probleme zu hören. Die Konferenzen hatten drei Teile. Der erste Teil war ein Festgottesdienst mit Abendmahl und einer für die innere Mission geeigneten Predigt. Der zweite Teil waren die Vorträge. Im dritten Teil der Konferenz ging es um eine Verwaltungsfrage, zu der nur die echten Mitglieder zugelassen waren. Die Begegnungen der Pfarrer haben in allen Gemeinden stattgefunden, in denen die Mitglieder der Hurbans-Konferenzen gewirkt haben. Ein positives Ergebnis der pastoralen Konferenzen waren die Übersetzungen der Confessio Augustana, der Schmalkaldischen Artikel, bzw. des ganzen Buches Formula Concordiae durch den Übersetzer Ján Pravoslav Leško. Während der Konferenz von Nitra wurde drei Dinge Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2015

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gefeiert: Das Jubiläum des Toleranzpatents, 400 Jahre von Dr. Martin Luthers Geburt und das 300-jährige Jubiläum des Buches der Formula Concordiae in Častkov. Bei dieser Gelegenheit wurde eine theologische Stiftung gegründet, aus derer Mittel die Kandidaten für das Studium an den Theologischen Fakultäten in Rostock, Erlangen und in Leipzig unterstützt wurden. Es wurden aber auch die slowakischen Studenten, die an an der Hochschule in Prag studierten, unterstützt. Auf Grund eines Gesetzes konnte Juraj Janoška im Jahre 1898 in Liptovský Mikuláš den Tranoscius Verlag gründen. Am 20. September 1899 hat Pavel Zoch die erste Konferenz der Inneren Mission nach Modra einberufen. Es war der Anfang einer großen Organisation, die den Plan hatte, die Feste der Inneren Mission in den Gemeinden und den pastoralen Besprechungen zu organisieren. Während des Vorstands von Ján Mocka, Ján Fábry, Michal Bodickéhi, Ján Palic und Július Dérer wurden neue Impulse eingeführt, z. B. die Gründung der neuen Waisenhäuser (Modra 1905, Liptovský Mikuláš 1917), Altenheime, Krippen, Äußere Mission und eine neue Gottesdienstordnung im Jahr 1911. Nach dem 1. Weltkrieg fühlten sich die evangelischen Pfarrer wegen der materiellen Verhältnisse und zur Durchsetzung der eigenen Interessen gezwungen, sich im Verein der evangelischen Pfarrer (SPEVAK) zu organisieren. Sein Statut wurde im Jahr 1921 von Martin Rázus, Ján Drobný und Ján Lichner erstellt. In den Jahren 1929-1931 haben sie die Slowakische Evangelische DiaMitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2015 konie gegründet. Ihre Versammlungen fanden während der Sitzungen des Generalpresbyteriums statt. Im Jahr 1923 wurde beim Verein SPEVAK ein sozialer Unterstützungsfond und ein Hilfefonds für die Unterstützung der Bildung der Farmkinder eingerichtet. SPEVAK tritt dann in den Bund der tschechoslowakischen öffentlichen und privaten Mitarbeiter und auch in die internationale Lutherkonferenz ein. Am 10. und 11. September 1946 kam es in Brezno zur Fusion der Konferenz der Inneren Mission und der pastoralen Konferenz mit der SPEVAK. Ihr Wirken war aber nicht von langer Dauer. Die letzte Konferenz fand am 28. und 29. September 1949 mit 172 Pfarrern und 54 Ehefrauen in Piešťany statt. Hier kam es zur Verabschiedung eines Manifestes, das in 16 Punkten das vorbereitete staatliche Gesetz über die materielle Versorgung der Kirche ablehnte. Der Staat hat das als einen Akt feindlicher Propaganda und als Zeichen des Misstrauens gegenüber dem Staat bezeichnet. Der Vorsitzende der Konferenz Július Dérer und Bischof Fedor Ruppeldt wurden aus ihren Ämtern entlassen. Während der nächsten Konferenz wurden in Komarno am 25. 9. 1950 die Zentrale der slowakischen evangelischen Pfarrer (ÚSEK) gegründet. Der neue Generalsekretär, Jan Chabada trug vor, dass die Gründung eines zentralen Amtes der Evangelischen Kirche mit einem dritten leitenden Bischof in Planung sei und dass die Synode zum Ende des Jahres gewählt sein solle. Ján Štrba sagte, dass es wichtig sei, eine Synthese zwischen Christentum und Marxismus zu finden. Die ÚSEK teilte die Pfarrer 7

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in verschiedene Gruppen ein, z. B.: die fortschrittlichen, die vaterländischen, die verlässlichen, die unverlässlichen oder die staatsfeindlichen. Es kam zu Misstrauen und Denunziationen mit allen dazugehörigen tragischen Folgen. Und es wurden Manifestationen für den Frieden und Resolutionen zur Unterstützung der Regierungs- und Parteipolitik verabschiedet. Während der Konferenz in Stara Turá am 16. 6. 1948 hat Pfarrer Pavel Rodoš einen wichtigsten Vortrag über Beziehungen der Evangelischen Kirche A. B. zum Bund des Blauen Kreuzes gehalten. Die Teilnehmer haben seine Wirkung positiv bewertet, vor allem sein Bemühen um das moralische Leben, die kirchliche Disziplin und eine beispielhafte christliche Lebensführung. Eine wichtige Frage, mit der sich die Teilnehmer der Konferenz beschäftigt haben, war das geringe Interesse der jungen Generation am Pfarrerdienst. Sie haben den damaligen Stand analysiert und nach Methoden gesucht, wie man bei den jungen Leuten das Interesse am Studium der Theologie wecken kann. Den Grund für die niedrigen Studienanfängerquoten sah man schließlich in einem zu geringen religiösen Engagement der Eltern und der Familien, der Lehrer und der Katecheten, die die jungen Leute nicht genügend unterstützten und ermunterten, ein Studium der Theologie aufzunehmen. In den Diskussionen wurde auch die Meinung vertreten, dass es gut wäre, wenn nur diejenigen Pfarrer werden können, die angemessene Voraussetzungen für diese Berufung haben. Es 8 ging dabei eigentlich um die die Kinder der evangelischen Pfarrer. Genau von denen meinte man erwarten zu können, dass sie in den Spuren ihrer Väter gehen würden. Dieses Nachdenken zeigt, welche große Sorge die slowakischen evangelischen Pfarrer um die Zukunft ihrer Kirche hatten. Die Furcht vor Defiziten der Geistlichen war schon in der zweiten Hälfte der 40iger Jahre des 20. Jahrhunderts vorhanden und hat sich aus vielen verschiedenen Faktoren ergeben. Ein Faktor war z.B. die sich wandelnde Verbindung zwischen Staat und Kirche. Das war auch der Aspekt, der die junge Generation bei der Frage in den Pfarrdienst einzutreten, gerade unterstützt hat. Dazu gab es für die junge Generation noch andere Möglichkeiten der Berufsausübung, was auch einen Einfluss für die Entscheidung hatte. Zentralstelle der slowakischen evangelischen Pfarrer (ÚSEK) Die Zentralstelle der slowakischen evangelischen Pfarrer war ein Verein der Geistlichen, der im Jahre 1950 dem Verein der evangelischen Pfarrer A. B. nachfolgte. Dieser Verein sollte folgende Aufgaben haben: Vorschläge für die Wahl der Geistlichen zu geben, Mahnungen zur Ortveränderung abzugeben, Vikare zu ernennen, die Höhe der Entlohnung festzulegen, die Pensionierung der Geistlichen vorzunehmen, in persönlichen Angelegenheiten der Pfarrer zu intervenieren, Disziplinarfälle zu bearbeiten, Ausschlüsse aus dem Verein durchzuführen und Pfarrer zu kontrollieren, ob sie ihre Arbeit verantwortungsbewusst tun. Im Rahmen der Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2015

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Zentralstelle sollte es auch eine Kommission für die pastoralen Konferenzen mit einem Vorsitzenden und einem Protokollanten geben. Sie sollte die Arbeit der Pfarrer kontrollieren und sich zu Disziplinarverfahren äußern. Eine weitere Kommission wurde für den Ausschuss der inneren Mission gegründet. Sie sollte einen Vorsitzenden, einen Protokollanten und fünf Mitglieder haben. Eine Abteilung für die Arbeit mit Erwachsenen sollte die Aufsicht über die Evangelisation, missionarische Festlichkeiten, Gemeindeabende sowie Ausflügen haben. Die Abteilung für Jugendliche hat sich um Kindergottesdienste, Konfirmandenunterricht und die Erziehung nach der Konfirmation gekümmert. Schließlich gab es einen Ausschuss zur Behandlung der materiellen Fragen der Pfarrerl. Dieser Ausschuss war für die Gehälter der Pfarrer, für die Rente und die Einrichtung von Erholungszentren für Geistlichen und ihre Familien zuständig. Geplant war von der Zentralstelle auch eine Initiative zur Auffrischung des geistlichen Lebens in den Gemeinden und die Herausgabe von Büchern für den Schulunterricht. Als es im Frühling 1968 im Staat eine allgemeine Aufbruchsstimmung gab, kam es auch in der Kirche zu einem Erwachen. Am 17. April 1968 wurde die sogenannte Sektionsgruppe gegründet. Ihr Vorsitzender war Pavel Hronec. Im Mai 1968 wurde aufgerufen, eine allgemeine Konferenz in Turčianske Teplice abzuhalten. Der einzige Erfolg war der Vorschlag zur Gründung eines Vereins evangelischer Geistlicher. Ein Vorausschuss des Pfarrvereins fing als erstes Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2015 an, ein Statut vorzubereiten, das am 20. November 1968 vom Generalpresbyterium gutgeheißen wurde. Die folgende Zeitperiode der Konstituierung hat aber die ganze Erneuerungsentwicklung leider wieder in alte Schienen gelenkt. Erst der 17. November 1989 gab es Prag eine nachhaltigen Wandel. Die mehr als 40-jährige Herrschaft einer Partei und ihrer Vasallen endete. Es ist wichtig, nicht zu vergessen, dass das ein Ergebnis der Tätigkeit der Gemeinschaft gegen Gewalt der Slowakischen evangelischen Kirche war, die dazu beitrug. Diese Gemeinschaft hatten wir am 12. Dezember 1989 in Ružomberok gegründet. Ihr Ziel war die Buße und Erneuerung der Kirche, deren Führung so überaus kompromittiert war. Auf unser Anliegen hat uns das Kulturministerium in einem Brief vom 23. Januar 1990 bekannt gegeben, dass es der Gründung des Pfarrvereins der Slowakischen Evangelischen Kirche A. B. zustimmt und unser Statut annimmt. 9

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Wormser Wort: Nein zum bisherigen Umbauprozess der Kirche durch die EKD 7 Antworten Im Umfeld des 73. Deutschen Pfarrertages in Worms unter dem Motto “Manchmal musst Du Nein sagen können” traf sich der Verein WortMeldungen e.V. und verfasste zur aktuellen kirchlichen Lage das Wormser Wort. Sie können Ihre Zustimmung dazu per Mail an info@wort-meldungen.de kundtun. Ihre Antwort wird vertraulich behandelt. Mit der Kommentarfunktion können Sie wie üblich auch öffentlich Position beziehen. Je mehr Zustimmung das Wort erfährt, um so mehr Gewicht wird es erhalten. Der Verein Wort-Meldungen bittet um weite Verbreitung und intensive Diskussion. 1. Der Reformprozess ist ein Um- und Abbauprozess. „Kirche der Freiheit“ wurde 2006 von der EKD als Reformprogramm eingeführt. Tatsächlich handelt es um einen tiefgreifenden Umbau: die evangelischen Kirchen werden hierarchisiert, zentralisiert, bürokratisiert, ökonomisiert. Sie verlieren ihren Kern. Die Flut der seitdem gleichzeitig in Gang gesetzten „Jahrhundertprojekte“ Doppik/ NKF, Fusionen auf allen Ebenen, Kompetenzverlagerungen von der Basis auf die Mittlere Ebene und der Zentralisierung führte zu einer bis dahin unbekannten Selbstbeschäftigung. Viel zu wenig Zeit bleibt für den eigentlichen Auftrag: der Kommunikation des Evangeliums. 10 2. Scheitern ist vorprogrammiert. Auch aus Managementsicht sind die Umbauprozesse höchst fragwürdig. Sie basieren auf einer fragwürdigen Strategie des Gesundschrumpfens (Downsizing). Die wiederum auf einer simplifizierenden Annahme beruht: die Zahl der Kirchenmitglieder halbiere sich bis 2030, die Finanzen schrumpften auf ein Drittel. Die Fakten sprechen dagegen: Es gibt keine direkte Korrelation zwischen Mitgliederzahlen und Kirchensteueraufkommen. Die Kirchensteuereinnahmen sind langfristig gesehen bisher konstant oder sogar steigend.  Aufgrund der von Langzeitprognosen abgeleiteten falschen Strategie, musste der Umbauprozesss zwangsläufig in die Irre laufen. Selbst die Versprechen ökonomischer Effizienz können nicht eingehalten werden: die Ausgaben für die genannten Maßnahmen sind immens, die Wirkungen äußerst bescheiden. Die Kosten-Nutzen-Relation des Umbauprozesses ist negativ. 3. Die Mitarbeitenden werden demotiviert. Motiviertes Personal war ein entscheidendes Potential der Kirche. Der Umbauprozess von „Kirche der Freiheit“ leitet den Personalabbau ein, der namentlich im Bereich von Gemeindepädagogen und PfarrerInnen schon heute, vor der Pensionierungswelle der geburtenstarken Jahrgänge, seine Wirkungen zeigt. Die Personalführung ist beMitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2015

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denklich: übliche Grundsätze, wie der, wonach Arbeitsaufträge so zu gestalten sind, dass sie den Mitarbeitenden erfolgreiches Arbeiten ermöglichen, werden sträflich verletzt. Die Eigenverantwortung der Mitarbeitenden wurde beschnitten, die Selbstregulierungskräfte gelähmt. Demotivation und Frust waren vorprogrammiert. Qualität und Wirksamkeit kirchlicher Arbeit haben darunter gelitten. Das schwächt die Kirchen enorm. 4. Der Mensch gerät aus dem Blick. In den letzten drei Jahrzehnten erleben wir eine zunehmende Beherrschung aller Lebensbereiche durch die Ökonomie und ihrer Gesetze. Mit den Umbauprozessen drangen sie auch in die Kirchen ein. Durch die Unterwerfung unter die Normen des „freien“ Marktes gerät aber die Arbeit der Kirche in Gefahr. Denn wo nur die Normen des heutigen „freien“, nicht aber sozialen Marktes regieren, gerät der Mensch ins Abseits. Die Verkürzung des Menschen auf seine ökonomischen Funktionen widerspricht dem christlichen Selbstverständnis. Wo bleibt der Glaube, der Lebenssinn? Wo sind die protestantische Kirchen mit ihrer „großen Erzählung“, die Denkfreiheit ermöglicht ?  Der Reichtum der Kirche beruht nicht in erster Linie auf Kapital, sondern auf Gemeinsinn, Köpfen und Konzepten. 5. Die Kirche verliert ihr Fundament.          Die Kirche gründet im Wort Gottes. Dieses Fundament ist in Gefahr. Die Kirche lebt nicht mehr aus der Freiheit des Wortes, sondern unterwirft sich Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2015 dem Gesetz und der fremden Logik des Marktdenkens und wird so zu einem Konzerns. Im kirchlichen Umbauprozess wird wird die Strategie kirchlichen Handelns nicht aus einer theologischen Argumentation abgeleitet, sondern aus Algorithmen und Finanzprognosen. 6. Die Kirche verliert ihre Glaubwürdigkeit. Die Reformen wurden mit hochtrabenden Versprechungen beworben. Diese haben sich in der Praxis als unhaltbar erwiesen. Mit schönen Worten wird verschleiert, mit Zahlen und mathematischen Formeln wird getrickst. So wird Transparenz beschworen, und wie im Falle des sog. “Erweiterten Solidarpakts” Geheimhaltung praktiziert. Dadurch fühlen sich Menschen getäuscht, sowohl Mitarbeitende als auch Kirchenmitglieder. 7.  Umkehr ist nötig. Die Lage ist ernst. Die Mitarbeiterschaft ist enttäuscht, frustriert, demotiviert. Gut ist hingegen die wirtschaftliche Lage der Kirchen: sieben fette Jahre liegen hinter uns.  Dies Ergebnis ist aber nicht einer besonders herausragenden Arbeit geschuldet, sondern der Konjunktur. Leider wurde diese gute finanzielle Lage nicht sinnvoll genutzt: weder wurde in die Kommunikation des Evangeliums investiert, noch in eine Verwaltungsmodernisierung im Sinne einer dienenden Verwaltung. Heute müssen wir zehn Jahre Umbauprozesse beklagen, die die Kirchen geschwächt haben. Verlorenes Vertrauen 11

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muss wieder gewonnen werden. Wir brauchen ein Moratorium, um den aktuellen Status schonungslos offen zu legen und zur Besinnung zu kommen. Umkehr ist nötig. Dieser Beitrag wurde am 20/10/2014 von FK in Alternativen zur herrschenden Umbaukonzepten veröffentlicht. Schlagworte: Impulspapier „Kirche der Freiheit“, Kirchenreform, Moratorium, Reformkritik allgemein, Umbauprozess, Verein Wort-Meldungen, Wormser Wort Anfragen an Konzepte des gegenwärtigen Reformprozesses Als Reaktion auf den Vortrag „Veränderte Herausforderungen für Pfarrerinnen und Mitarbeiter im Verkündigungsdienst“ von Pfarrer Martin Michaelis ist uns von Werner Busch, Pfarrer an St. Katharinen in Braunschweig und Regionalstudienleiter der Ev. Akademie Abt Jerusalem, An der Katharinenkirche 4, 38100 Braunschweig, eine Stellungnahme zum dortigen aktuellen Reformprozess zugegangen, die hier als Anregung zum Nachdenken und zur Diskussion weitergegeben wird. Die Stellung der Kirchengemeinden in der Landeskirche „Die Verantwortung für Zeugnis und Dienst tragen alle Kirchenmitglieder gemeinsam.“ Mit dieser Feststellung in Art 1 Abs 2 der geltenden Verfassung unserer Landeskirche wird ein zentraler reformatorischer Grundsatz aufgegriffen. Das „Priestertum aller Getauften“ wird damit allen folgenden Bestimmungen der Verfassung prominent vorangestellt und für den Aufbau und die Arbeit der Ev.-luth. Landeskirche in Braunschweig kirchenrechtlich zur Geltung gebracht. 12 Der so aufgestellte Grundsatz der gemeinsamen Verantwortung aller für die Kirche findet insbesondere in der Hochschätzung der Kirchengemeinden als eigener Körperschaften seinen konkreten Ausdruck (vgl. Verf Art 20). Damit ist die Eigenverantwortung des Kirchenvorstandes – in Zusammenarbeit mit dem Pfarramt – für die Gemeindeleitung sowohl eingeräumt als auch gefordert: „Die Kirchengemeinde ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten im Rahmen des geltenden Rechts in eigener Verantwortung.“ (KGO § 5 Abs 1). „Der Kirchenvorstand ist ebenso wie das Pfarramt für die Erfüllung des Auftrages der Kirchengemeinde … verantwortlich.“ (KGO § 23 Abs 1; grundlegend schon in Verf Art 30 Abs 1) Auf diesem evangelischen Grundverständnis beruhen nicht zuletzt die regelmäßigen Kirchenvorstandswahlen; durch sie wird sichergestellt, dass Gemeinde aus der Gemeinde heraus geleitet wird. Die Mitverantwortung der Gemeindeglieder findet in dieser Struktur einen konkreten und transparenten Ausdruck. Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2015

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Diese durch allgemeine Kirchengesetzgebung gerahmte Selbstverwaltung der Kirchengemeinden und die damit geschützte örtliche Zuständigkeit gehören somit zu den verfassungsmäßigen Rechten und Pflichten der Kirchengemeinden, ihrer Vorstände, PfarrerInnen und Mitglieder. Sie sind von den übergeordneten Ebenen und ihren Organen „zu beachten“ (Verf Art 24 Abs 2). Auf Grund der Diskussionen über das Vorhaben „Gestaltungsräume“ ist diesbezüglich eine Sorge aufgekommen und sollte vor Beschlussfassung zum Gegenstand einer eingehenden Diskussion werden. Es wird befürchtet, dass durch die für Gestaltungsräume angedachten Regelungen die verfassungsmäßig geschützte Selbständigkeit der Kirchengemeinden und die damit verbundene gesetzlich festgeschriebene Verantwortung der Kirchenvorstände empfindlich eingeschränkt werden könnten. Einzelnes hierzu wird weiter unten ausgeführt. Ich bitte alle, die sich mit diesem Thema befassen und insbesondere die Entscheidungsträger, in dem Verfahren zum Thema „Gestaltungsräume“ die hier aufgeführten Fragestellungen und Argumente zu prüfen und sie einer gründlichen theologischen und kirchenjuristischen Klärung zuzuführen. Es sollte m.E. nicht primär allein um die pragmatische Umsetzung einer neuen Gestaltungsidee gehen, die die Pfarrstellenplanung zu erleichtern verspricht (tut sie das?); sondern es bedarf für eine solche in mehrfacher Hinsicht anspruchsvolle Strukturreform auch eingehender theologischer Reflexion, die im Hören auf Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2015 das Zeugnis Schrift das Vorhaben prüft. Dazu möchte dieser Text einen Beitrag leisten, ohne auf Vollständigkeit zu zielen. Aspekte des Pfarrerdienstrechtes sind hier noch nicht bedacht u.a.m. Stellung der Propsteien in ihrer Beziehung zu den Kirchengemeinden Gesetze formen Beziehungen. 1 (1 Vgl. Gemeinschaft gestalten. Kleine Rechtssammlung für Kirchenverordnete, Evangelisch-lutherische Landeskirche in Braunschweig (Hg.), 3. Auflage 2012. ) Sie gewähren und begrenzen Rechte und Pflichten zwischen verschiedenen Akteuren und ordnen ihr Zusammenspiel. Die geltende Propsteiordnung schreibt der Propstei in § 2 Abs 1 hinsichtlich ihrer Beziehung zu den Kirchengemeinden drei Funktionen zu: - als Forum für eine geregelte Zusammenarbeit zwischen selbstständigen Kirchengemeinden, - zur Unterstützung der Arbeit von Kirchengemeinden und - als Visitationsbereich mit entsprechenden Aufsichtsbefugnissen. Die Übertragung der Entscheidungsgewalt über die Bildung von Gestaltungsräumen an ein Organ der Propstei geht über die bisherige rechtliche Stellung der Propstei gegenüber den Kirchengemeinden deutlich hinaus. Eine dadurch eingeleitete Verschiebung der Machtverhältnisse zwischen der Gemeindeund Propsteiebene ist mit Sorge zu betrachten. Ich rege an, eingehend zu prüfen, ob damit nicht eine strukturelle 13

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Überfrachtung und systematische Überforderung der Propsteiorgane eingeleitet wird. Darüber hinaus könnten die besonderen Möglichkeiten zu moderieren (auch gegenüber dem Landeskirchenamt), die der Propstei in ihrer jetzigen Stellung zukommen, verlorengehen. Durch die bereits in Gang befindliche Kumulation von Personal-Zuständigkeiten auf Propsteiebene (DiakonInnen und KirchenmusikerInnen) hat die Propstei ohnehin eine sehr weitgehende Steuerungsbefugnis, deren mittelfristige Auswirkungen für einige Kirchengemeinden noch gar nicht absehbar sind. Diese Steuerungsmöglichkeiten werden in der Einrichtung von Gestaltungsräumen noch weiter ausgebaut (etwa durch die Pfarrstellenordnung in die Gestaltungsräume, die möglicherweise an konzeptionelle Bedingungen geknüpft werden könnte). Welche konkreten Regelungen zur Begrenzung dieser Macht wird es im neuen System geben? Die 3. und 4. These der Barmer Erklärung (EG 810) sollten als kritisches Korrektiv in diese Überlegungen einbezogen werden; sie führen zu der Frage, ob nicht das neue Konzept „Gestaltungsraum“ eine von der Botschaft losgelöste Ordnung aufrichtet und zudem eine „Herrschaft der einen über die anderen“ strukturell zumindest begünstigt. Es ist dringend angeraten, das Bild, die Funktion und Stellung von „Propstei“ im Gesamtgefüge zu überdenken und das Ziel „Stärkung der mittleren Ebene“ kritisch zu überprüfen. Propsteien könnten sich zu gemeindeähnlichen Großkörpern auswachsen, auf deren Wohlwollen die einzelnen Kir14 chengemeinden dann angewiesen wären. Welche rechtlichen Möglichkeiten des Widerspruchs und der konkreten Selbstbestimmung wird eine Gemeinde im neuen Konzept noch haben? Das veränderte Beziehungsgefüge in den Gestaltungsräumen bedarf einer realistischen, im Blick auf die neue Machtbalance sowohl juristischen als auch pastoral-psychologischen Durchleuchtung. Die Beziehung der PfarrerInnen zu den Gemeinden und Kirchenvorständen Eine elementare Gegebenheit im kirchlichen Leben ist die verbindliche Beziehung zwischen Gemeinde (Kirchenvorstand) und Pfarrerin bzw. Pfarrer. „Der Pfarrer […] versieht seinen Dienst in einer Pfarrstelle einer Kirchengemeinde oder in einer Stelle mit einer gemeinkirchlichen Aufgabe.“ (Verf. Art 16 Abs 1) Aus dieser verfassungsmäßig klar beschriebenen Festlegung ergibt sich die in der KGO § 23 geforderte Zusammenarbeit zwischen Kirchenvorstand und PfarrerIn, die gemeinsam die leitende Verantwortung für das örtliche Gemeindeleben wahrnehmen. Die vorgesehenen GestaltungsraumRegelungen werden die direkte Zuordnung des Pfarrberufs zur Kirchengemeinde und die Grundstruktur dieser Beziehung langfristig verändern und lockern, mindestens aber verkomplizieren. Das sollte einmal in der Phantasie durchgespielt werden. Unter Umständen entwickelt es sich dahingehend, dass ein von konkreter Gemeindebindung und –Verwurzelung weitgehend losgelöstes Pfarr-Team sich nach den Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2015

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Vorgaben eines Gestaltungsraumvorstandes die Aufgaben flexibel aufteilt und die örtlichen Kirchenvorstände ihre Leitungskompetenz dadurch weitgehend einbüßen könnten. Am deutlichsten erkennbar wird diese Problematik im Blick auf das Recht der Pfarrerwahl. „Die Beteiligung des Kirchenvorstandes bei der Besetzung der Pfarrstellen ist eine der wichtigsten Aufgaben, die dieser in Vertretung für alle Mitglieder der Kirchengemeinde wahrnimmt“,2 (2 Ebd, Seite 27. ) heißt es noch in der Kleinen Rechtssammlung für Kirchenverordnete. Für dieses besondere Recht der Kirchenvorstände findet man u.a. in Luthers Traktat „Dass eine christliche Gemeinde Recht und Macht habe, alle Lehre zu beurteilen und Lehrer zu berufen, ein- und abzusetzen, Grund und Ursache aus der Schrift“ die prominente theologische Begründung. Der derzeitige Wechsel zwischen Gemeindewahl und Besetzung durch die Kirchenregierung bedarf auf dem Hintergrund dieses reformatorischen Prinzips schon jetzt einer plausiblen Begründung, über die lange nicht diskutiert worden ist. Schon das bisher geltende Verfahren sollte nicht als selbstverständliche Gegebenheit hingenommen und ungeprüft auf die Gestaltungsräume übertragen werden. Die besonderen alten Rechte der Braunschweiger Innenstadtgemeinden spiegeln nämlich (unabhängig von ihrem historischen Ursprung im Mittelalter) ein urprotestantisches Prinzip wider. Grundsätzlich muss gefragt werden, ob die Pfarrerwahl durch ein Gremium des Gestaltungsraums nicht der EinzelgeMitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2015 meinde ihr Recht und ihre Möglichkeiten zu konkreter Einflussnahme streitig macht oder unzulässig begrenzt. Kann die vom Gestaltungsraum gewählte Pfarrperson sich wirklich sicher sein, dass sie in ihrem zugewiesenen Bezirk willkommen ist? Wer möchte mit dieser Unsicherheit arbeiten? Hierzu noch eine Anmerkung: Ich begrüße es ausdrücklich, dass Kirchengemeinden und PfarrerInnen ihre jeweiligen Stärken in einer Vielzahl gleichberechtigter Profile und Stilformen kultivieren können. Die Rahmenbedingungen für pfarramtliche Arbeit sollten für solche unterschiedlichen Ausprägungen unbedingt offen gehalten oder gar erweitert, aber nicht beschränkt werden. Dass die Grundbeziehung zwischen Pfarrer und Gemeinde – wie scheinbar mit der Einführung der Gestaltungsräume beabsichtigt oder in Kauf genommen – prinzipiell und flächendeckend verändert und relativiert wird, ist ein Eingriff, dessen Folgen noch nicht ausreichend reflektiert worden sind. Die Gremien der Landessynode mögen eingehend prüfen, welche theologischen Verschiebungen und praktischen Langzeitwirkungen eine prinzipielle Verlagerung des Pfarrer-Wahlrechtes und anderer Kompetenzen auf eine übergemeindliche Ebene und deren Organe mit sich bringen kann. Die Beziehung der PfarrerInnen zu den Kirchengemeinden und den dort versammelten Menschen ist bekanntlich eine besondere Stärke unserer evangelischen Kirche, die man auch künftig zu recht von uns erwarten wird (vgl. KMU 5). 15

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