Mitteilungsblatt Thüringer Pfarrverein Januar- März 2015

 

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Mitteilungsblatt Thüringer Pfarrverein Januar- März 2015

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Thüringer Pfarrverein Januar / Februar / März 2015 Januar - März 2015 Nr. 1 | 5. Jahrgang 2015 3 Editorial 5 Veränderte Herausforderungen - Martin Michaelis 17 Partnerschaftsarbeit mit der Slowakei 20 GAW - Wir sind das Original Nr. 7- Jubiläumsausgabe 29 Mitglieder gewinnen - Dr. Steffen Merle 38 Mietwertberechnung für Pfarrdienstwohnungen - Vorlage für Widerspruch 46 Geburtstage 48 Trappes DDR-Witzeecke

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EB_Schiff_123x80 sw ESA 2014-12-15 Montag, 15. Dezember 2014 14:10:34 Bücherstube Burgtonna Angela Köber Bücher & mehr... Christliche Sortiments- und Versandbuchhandlung Online-Antiquariat Kerzen-Werkstatt Am Wasser 138 99958 Burgtonna T el.: 036042 769900 Fax: 036042 769901 buecherstu.be@t-online.de Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 9 - 13 und 16 – 18 Uhr Jeden 1.Dienstag im Monat bis 22.00 Uhr www.buecherstu.be 2 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2015

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Editorial von Pfarrerin i.R Gabriele Schmidt, Redaktion Mitteilungsheft im Thüringer Pfarrverein , Pirna Nehmt einander an, wie euch Christus angenommen hat zu Gottes Lob. Römer 15,7 Jedes Jahr, am 1. Januar, begrüßt uns die neue Jahreslosung der Herrnhuter Brüdergemeinde mit einem Bibelwort, welches den Blick auf das vor uns liegende Jahr richten will. Alle Jahre wieder liegt die Jahreslosung als Gottes Zuspruch über unserem Leben, dem Dienst in den Kirchgemeinden und über dieser Welt. Ein Bibelwort, eine feste Zusage, die Menschen begleiten will, 365 Tage lang. Das Pauluswort in diesem Jahr kann mir helfen, wenn mir ein kalter Wind in einer konfliktträchtigen Welt entgegenweht. „Nehmt einander an, wie euch Christus angenommen hat zu Gottes Lob.“ Paulus hat ein großes Herz. Er spricht aus Erfahrung, aus gutem Grund: Am eigenen Leib hat er erfahren, von Christus geliebt und angenommen zu sein. Damals, als er auf dem Weg nach Damaskus war. Für Paulus war diese innere Berührung wegweisend. Nichts musste so bleiben wie es war. Eine Veränderung des Lebensweges war möglich: Jetzt kann er die Frauen und Männer der christlichen Gemeinden ins Herz schließen: Nichts in ihm braucht mehr Menschen anderen Glaubens zu hassen. Paulus kann nun helfen, wo Christen Gefahr droht. Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2015 Einander annehmen, Menschen wertschätzend begegnen. Offen sein und Interesse zeigen am Lebenshorizont der Anderen. Fremdsein aushalten können im Vertrauen darauf, dass eine neue Beziehung wie ein kleine Pflanze wächst und gedeiht. Üben kann ich das in der Familie, in der Zusammenarbeit mit anderen im Konvent und im Blick auf unsere Landeskirche. Einander annehmen heißt für mich auch, kleine Schritte gehen, wo ich vorher Distanz gespürt habe. Für Menschen zu beten, die mir Mühe machen. Die Jahreslosung klingt für mich idealistisch, fast ein wenig zu glatt. Als ob das immer so leicht wäre. Aber aus ihr spricht die Lebens-und Glaubenserfahrung von Paulus. Jeder wird seinen Weg mit Gott etwas anders und ganz indivi3

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duell erleben. Doch zum Glauben gehört, dass er Früchte trägt, von denen auch andere satt werden können. So verstehe ich Paulus. Als einen Mann, der seine guten Erfahrungen weitergeben möchte. Der in die Erde gelegte Samen braucht Zeit zu keimen. In dieser Nachfolge stehen wir noch heute, denn sie ruht in Christus. Früchte trägt unser Dienst, wenn wir die Not anderer sehen und helfen. Zeit haben zum Gespräch, einen Raum eröffnen in unseren Kirchen zur Gottesbegegnung, beim Beten, im Hören der alten Texte, in der Auslegung, im gemeinsamen Singen. Wenn wir Kranke besuchen, Trauernde trösten und immer neu die biblischen Texte in unsere Zeit hinein übersetzen. Wenn es uns gelingt, in dunkler Zeit Hoffnung zu machen, dass Einsamkeit, Elend und Tod nicht das Letzte sein werden, was ist, dann haben wir wie Paulus ein Licht gesehen, was durch uns strahlt und die Welt erleuchtet. Vielleicht werden wir durch die Jahreslosung auch aufgefordert, Streitigkeiten und Meinungsverschiedenheiten in unseren Gemeinden, im Konvent und in unserer Kirche offen anzugehen. Dann heißt es, die Verschiedenheit zunächst anzuerkennen, nichts schön zu reden. Den anderen annehmen kann dann heißen, gemeinsam Wege zu suchen, Brücken zu bauen, Zerrissenes zusammen zu puzzeln und nochmals alles zu betrachten. So ist Christus ungewöhnliche Wege gegangen, hat Wunden geheilt und Licht ins Dunkle gebrachte. Er lässt auch uns „ein Licht aufgehen“ wie dem Paulus damals, als er noch Saulus hieß. Nehmt einander an, wie euch Christus angenommen hat zu Gottes Lob. Römer 15,7 Ein gesegnetes neues Jahr wünscht Ihnen 4 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2015

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Veränderte Herausforderungen für PfarrerInnen und Mitarbeiter im Verkündigungsdienst Der Vortrag wurde vom Vorsitzenden des Thüringer Pfarrvereins, Pfarrer Martin Michaelis, auf Einladung des Generalbischofs der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in der Slowakei, Miloš Klátik, während der jährlich stattfindenden Studientagung der Dreikirchenpartnerschaft am 10. Oktober 2014 in Belušské Slatiny, Slowakei gehalten. Die Studientagung stand unter dem Thema: „Veränderte Herausforderungen für Pfarrerinnen und Mitarbeiter im Verkündigungsdienst“. Am 11.10.2014 forderte Diakon Detlef Harland, Diakonie Mitteldeutschland, Teilnehmer der Studientagung, vermutlich nach augenscheinlicher telefonischer Rücksprache: „Wenn der Vortrag übersetzt und gedruckt werden sollte, so muss gekennzeichnet werden, dass er nicht durch die EKM autorisiert ist. Dieser Vortrag wird auch nie durch die EKM autorisiert werden.“ Der Vortrag wird auf Wunsch der Teilnehmer der gastgebenden Kirche in slowakischer Sprache auch im Informationsheft des slowakischen Pfarrvereins „Melanchthon“ erscheinen. Der Vortrag des Vorsitzenden des Pfarrvereins in der Slowakei Mgr. Jaroslav Matys, ebenfalls während dieser Tagung gehalten, erscheint im nächsten Heft. 1. Erscheinungsbilder unserer Zeit Was ist das: unsere Zeit? Die Zeit in der ich bisher gelebt habe. Die Zukunft kenne ich noch nicht. Aufgewachsen und ausgebildet in der DDR mit anschließender Dienstzeit im Pfarramt in den 25 Jahren nach der Wende, versuche ich mir zu erklären, was da geschehen ist und geschieht. Die Zeit im Sozialismus haben wir zu überdauern, manche auch zu überstehen gesucht, eben angepasst oder standhaft. Es war ein Weg zwischen Protest und Anpassung, sich in die Gegebenheiten fügen oder doch etwas anderes wenigstens versuchen, oder beides, eigentlich immer in dem Gefühl, dass ein solches System nicht von Dauer sein kann, wenngleich den Ideologen ein Nach-dem-Sozialismus/Kommunismus undenkbar war. Den langen Atem der Kirchengeschichte empfand ich damals als das Durchtragende, Verlässliche, auch Hoffnung Gebende. Die Kirchen gehörten mehr und mehr in gesellschaftliche Nischen. Manche wollten dort nicht sein, andere zog es genau dahin. Es gab einen dem politischen Druck geschuldeten nie dagewesenen Mitgliederschwund in den Gemeinden. Geradezu trotzig haben wir an Glauben und Kirche festgehalten. Kirchen nutzbar und Pfarrhäuser bewohnbar gehalten, soweit das irgend ging. Kaum eine Pfarrstelle wurde aufgegeben, allenfalls gab es sogenannte Dauervakanzen. Wir 5 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2015

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wollten alles für die Zeit danach erhalten, irgendwie. Sich in geringe Entlohnung fügend gab es fast genug Nachwuchs, darunter so manchen etwas ausgefallenen Pfarrer. Dann kam die Wende mit ihren ungeahnten und überwältigenden Möglichkeiten, mit Kirchensteuern und endlich höheren Gehältern, der Konzentration auf die Sanierung der Gebäude. Zwischen Größenwahn und Zukunftsangst wurden Projekte begonnen. Bald darauf machte der Begriff von der Spaßgesellschaft die Runde. Nur wer witzig ist, sollte andere animieren können und damit ein Recht zum Überleben haben. Die FDP schrieb sich als Wahlziel die 18% auf die Schuhsohlen, verzehrte sich in zahllosen Gags, um zuletzt mit dem Wahlslogan „Wir sind dann mal weg, wie die Zensuren.“ auch dem letzten Wähler klar zu machen, wo man kein Kreuz mehr zu machen braucht. Sich selbst erfüllende Prophezeiungen nennt man das wohl. Nun macht die Rede vom „demographischen Wandel“ die Runde. Kein Politiker und keine Kirchenleitung kommen um diese Worte herum. Alles wird in Geld umgerechnet. Die im Umlauf befindliche Geldmenge übertrifft bei weitem das Bruttosozialprodukt, also das, was tatsächlich geleistet werden kann. Das Geld- und Anlagesystem, auf das wir uns bisher verlassen haben, steht kurz vor dem Kollaps, vielleicht. Genau weiß man das immer erst hinterher. Alten- und Pflegeheime schießen wie Pilze aus dem Boden. Krankenhäuser werden zu Konzernen. Alles muss sich rechnen. Wir teilen die Gesellschaft in Gesunde, Kranke, Behinderte und Sterbende. Hier hat jeder seinen Platz, da lassen wir uns nichts nachsagen. Der Gesunde am Arbeitsplatz, der Kranke im Krankenhaus, der Behinderte in der Einrichtung, die Alten im Altersheim und die Sterbenden im Hospiz. Jeder hat seinen Platz. Da gehört er dann auch hin. Woanders möchten wir sie nicht sehen. 2. Die Reaktionen der evangelischen Kirche Der Freude über die Grenzöffnung und dem Aufbruch folgte bald der Finanzdruck, der damit verbundene Zwang, den vermeintlich versäumten Pfarrstellenabbau nachzuholen, das Berechnen von Pfarrstellen, von Arbeitszeiten und Gemeindegliederzahlen, Dinge, die uns zuvor kaum interessiert hatten. Dem Bevölkerungsschwund und der veränderten Altersstruktur muss Rechnung getragen werden. Wir berechnen die Zukunft mit ihren finanziellen Möglichkeiten und noch wichtiger, dem, was nicht mehr möglich sein wird. Das wichtigste Hilfsmittel ist das Lineal, das nicht etwa an die tatsächlichen Einnahmen, sondern an die vorausberechnete Tendenz für die letzten Jahre angelegt und in die nächsten Jahrzehnte verlängert wird. Wer mit dem Geld und der Zukunft argumentiert, hat die Definitionshoheit. In nie dagewesenem Ausmaß werden Pfarrstellen gestrichen und Pfarrhäuser verMitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2015 6

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kauft. Es scheint dazu keine Alternative zu geben. Wir begeben uns in eine Kürzungs- und Fusionshysterie, die weder vor Landeskirchen, noch vor Gemeinden und kirchlichen Werken halt macht. Zukunftsfähigkeit ist die Vokabel, gegen die kein Kraut gewachsen zu sein scheint und keines wachsen darf. Nur wer einspart, den wird es in der Zukunft noch geben, denkt und sagt man, wohlgemerkt bei immer noch steigenden Kirchensteuereinnahmen. Am besten scheint es zu sein, wenn man die Einsparziele schon vorfristig erreicht, viele Pfarrer in den vorgezogenen Ruhestand schickt, um die dann entstehenden Lücken mit Kirchenkreispfarrstellen ohne Gemeindeanbindung zu schließen. Hoffentlich ergeht es uns damit nicht wie der FDP mit ihrem letzten suizidalen Wahlslogan „Wir sind dann mal weg.“, denn wer nur spart, spart sich irgendwann selbst ein. Aufgefallen ist mir in den letzten Jahren, wenn jemand, sei es ein Pfarrer oder eine kirchenleitende Person, in irgendwelchen Vorstellungsrunden oder Begegnungen seinen Arbeitsbereich oder die Landeskirche vorstellen sollte, so begann das mit den jüngsten Zahlen und den daraus resultierenden Strukturdebatten, um sich in der Regel dann darin auch zu erschöpfen. Weder das Herkommen, kirchengeschichtliche Ereignisse und Traditionen, noch prägende Frömmigkeit oder theologische Fragen spielten eine nennenswerte Rolle. Die Kirche droht zu einem Konzern in der Konsolidierungsphase zu verkommen, ums wirtschaftliche Überleben ringend, sich darin selbst verzehrend. Die nicht enden wollenden Strukturveränderungen, die man ehrlicherweise als Einsparungen deklarieren sollte, verschlingen zuerst einmal selbst Geld und Kraft, Zeit und Motivation. Die erhofften Effekte einer Erneuerung blieben aus. Darüber geraten alle unter Dauerstress. Es entsteht Streit, der nicht diskutiert, sondern z.T. mit autoritären Mitteln ausgetragen wird. Pfarrer sollen immer besser werden und größere Bereiche bedienen können. Ihre Arbeitszeiten werden berechnet. Laien sollen Löcher stopfen, werden dabei verschlissen und beginnen sich zurückzuziehen. Die Eventkultur zwingt zum Wettlauf um die Aufmerksamkeit. Wem das nicht gegeben ist, der ist ungeeignet. Immer mehr Mitarbeiter werden krank. Der theologische Nachwuchs droht auszubleiben. Vor diesen Folgeerscheinungen hat unsere Kirchenleitung mindestens zum Teil lange die Augen verschlossen. Und dann wurden die Kampagnen losgetreten, sogar unter dieser Vokabel: Klimakampagne zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes in den Gemeinden, Wiedereintrittskampagne mit einer dunkelgrauen Gummikirche. Es gab dafür extra Planstellen, gar eine Kampaignerin im Landeskirchenamt, die man im Internet sogar noch aufstöbern kann. Jedes Jahr sollte ein aktuelles Thema gefunden und aufgegriffen werden. Das Kirchenvolk sieht es anders: Da wird jedes Jahr eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Die Kampagnen verliefen sich im Sand ohne nennenswerten Effekt, wenn man einmal vom Medieninteresse für den 7 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2015

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Schadstoffausstoß des bischöflichen Dienstwagens und der peinlichen Begründung für dessen Notwendigkeit absieht. Eines hatte man bei der Planung nicht bedacht. Wir als gelernte DDR-Bürger kannten und verachteten diese Vokabel. Wir verbanden damit nichts anderes als leere Propaganda. Und dann sind da noch die Medien mit dem Zwang zur Präsenz. Das Impulspapier der EKD prägte dazu den Satz: Kirchliches Wirken muss nicht überall vorhanden sein, wohl aber überall sichtbar. („Kirche der Freiheit“ 2006 S. 7 unter b. Schwerpunktsetzung statt Vollständigkeit.) Inzwischen wird offen eingestanden, dass die Fusionsanstrengungen in der EKM nicht den gewünschten Erfolg gebracht haben, die gefürchtete NegativSpirale nicht aufhalten konnten. (Ilse Junkermann in „Gemeinde neu finden – Vom Rückbau zum Umbau“ VELKD Informationen 145) 3. Auffassungen, die diese Reaktionen befördern Meines Erachtens müssen wir prüfen, warum dies so verlaufen ist. Wer das nicht tut, läuft Gefahr, mit einem neuen Konzept wieder über die Köpfe der Gemeinden hinweg zu entscheiden. Das würde den Verlust an Bindung zur Kirche und an Motivation in ihr zu arbeiten weiter vorantreiben. Noch wird davon ausgegangen, die Probleme seien von außen über uns hereingebrochen. Das mag zum Teil zutreffend sein. Doch für die Reakti8 onen sind wir selbst verantwortlich. Die Rezepte zur Problemlösung wurden autoritär durchgesetzt. Es gab erhebliche Zweifel an der Kirchenfusion. Erst mit einer demokratisch äußerst fragwürdigen, zweiten Abstimmung konnte eine Mehrheit erreicht werden. Alle Zweifel und Warnungen bezüglich der Identität und des Bekenntnisses, auch des tatsächlichen wirtschaftlichen Nutzens wurden in den Wind geschlagen. Ein kompliziertes Finanzsystem, das den Gemeinden oft die Eigenständigkeit nahm, zwingt sie in zentrale und teurere Kasse- und Verwaltungssysteme. Die Verantwortung und die Macht wanderten zunehmend in die Kirchenkreise. Gemeinden fühlen sich kontrolliert, bevormundet und stellen eigene Aktivitäten ein. Eines der krassesten Beispiele ist sicher der misslungene Versuch, in der EKM die beiden Gustav-Adolf-Werke zwangsweise zu fusionieren, den ich hier nicht unerwähnt lassen möchte, aber auch nicht weiter auszuführen gedenke. Aus vielen Einzelteilen setzt sich ein Puzzle zusammen, dessen unschönes Bild wir wohl erst mit einem gewissen Abstand erkennen werden. Was treibt uns zu diesen Entwicklungen? Ich denke, es sind mehrere Tendenzen, die Horst Eberhard Richter in seinen Büchern „Flüchten oder Standhalten“ (Gießen 3. Auflage 1997) und „Der Gotteskomplex“ (Düsseldorf 1997) beschreibt. Ich will einiges herausgreifen: Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2015

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3.1. Angst vor Isolation Nach den Erfahrungen der Ausgrenzung im Sozialismus wollte sich die Kirche gern wieder in der Mitte der Gesellschaft sehen, hoffte über das Kirchensteuersystem, Religionsunterricht und öffentlichkeitswirksame Großprojekte gesehen und anerkannt zu werden. Die Erfahrungen aus der Vergangenheit wurden nicht fruchtbringend aufgearbeitet. Insbesondere die politische und gesellschaftliche Ächtung während der Diktatur im Sozialismus bewirkte ein hohes Maß an Achtung und Vertrauen, dass gerade in den Tagen der Friedengebete 1989 deutlich wurde. Der in dieser Zeit gewachsenen Isolationsangst, die laut Horst Eberhard Richter jeder in sich trägt und die uns verletzlicher macht als wir glauben, wollten wir zukünftig entgehen. Die Versuche, auf jeden gesellschaftlichen Zug aufzuspringen, an den Trends teilzuhaben, Kampagnen loszutreten, um sich als auf der Höhe der Zeit darstellen zu können, legt davon beredtes Zeugnis ab. Dem steht das neutestamentliche Zeugnis aber diametral entgegen. Im Hebräerbrief lesen wir: „Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.“ (Hebr 13,12-13) Eigentlich wissen wir das, hätten es wissen können und müssen. Die Bibel ist ja das Zentrum unseres Studiums, unserer Bemühungen. Horst Eberhard Richter (Flüchten oder Standhalten S.78): „Der von übermäßiger Isolationsangst verfolgte Mensch Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2015 ist vielmehr in einem ihm selbst regelmäßig verborgenem Maße geneigt, im Konfliktfall äußeren Autoritäten die Kompetenz eines Gewissensersatzes einzuräumen und sich unter Umständen von diesen Handlungen vorschreiben zu lassen, die seinen persönlichen Vorstellungen strikt widersprechen.“ Tatsächlich haben die Kirchen sich fremder Autoritäten bedient, in München war es die Beratungsfirma McKinsey, deren Mitarbeiter das Münchner Scheitern völlig ignorierend (oder etwa zum Trotz?) zur Mitarbeit am Impulspapier der EKD eingeladen wurden. Im Gemeindedienst stehende Theologen dagegen sucht man unter den Autoren vergebens. Auch der Fusionsprozess zur EKM wurde von Beraterfirmen begleitet, die in Situationen drohenden Scheiterns sofort zu Rate gezogen wurden. Theologische Argumente führten und führen ein Schattendasein. 3.2. Abspaltung von Beängstigendem Nicht ohne Grund habe ich vorhin von der Separierung von Kranken, Alten und Behinderten gesprochen. Horst Eberhard Richter schreibt dazu (Flüchten oder Standhalten 131f.): „Aus Angst, diesen Merkmalen der Brüchigkeit und Verlorenheit sehr nahe zu sein, erwächst die Energie, diese Züge durch Verdrängung bzw. Verleugnung maximal weit von sich abzurücken. … So fordert die panische Furcht vor dem Verlust der eigenen sozialen Integration indirekt die soziale Ausschließung der anderen.“ 9

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Natürlich hatten in den Veränderungsdebatten und Fusionsüberlegungen alle ihre Zweifel an den eigeschlagenen Wegen, auch diejenigen die sie mit Vehemenz zu vertreten hatten. Aus Angst, diese Zweifel könnten die Oberhand gewinnen, mussten sie abgespalten und auf andere übertragen werden, am einfachsten auf diejenigen, die sie zu äußern wagten, um sie dort zu bekämpfen. Wir müssen gegenwärtig leider erkennen, dass durch unsere Kirche, auch durch fusionierte Gemeinden tiefe Risse gehen, die manchem Pfarrer oder Mitarbeiter unverschuldet zum persönlichen Verhängnis werden. Auch hier gibt es das biblische Gegenmodell, diesmal beim Apostel Paulus im Vergleich der Gemeinde mit einem Leib (1. Kor 12,12ff), gipfelnd in der Aussage (1.Kor 12,21.22.) „Das Auge kann nicht sagen zu der Hand: Ich brauche dich nicht; oder auch das Haupt zu den Füßen: Ich brauche euch nicht. Vielmehr sind die Glieder des Leibes, die uns die schwächsten zu sein scheinen, die nötigsten; … Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.“ Von diesem neutestamentlichen Prinzip haben wir uns entfernt, setzten unsere Hoffnungen dagegen auf Prinzipien modernen Wirtschaftens und des Managements. 3.3. Wir sind in Gefahr, uns unbewusst in ein Spiegelbild der uns manipulierenden Umwelt zu verwandeln. 10 So heißt die Überschrift zum ersten Kapitel des Buches „Flüchten oder Standhalten“. Dieser Gefahr sind wir als Christen und insgesamt als Kirche immer ausgesetzt. In den verschiedensten Variationen zieht sich das durch die Kirchengeschichte, auch und besonders drastisch durch die jüngere des vergangenen Jahrhunderts. Die Aufarbeitung der Rolle der Kirchen im Dritten Reich kann das vor Augen führen, bewahrt uns aber nicht automatisch davor, uns jetzt wieder zum Spiegelbild der uns gegenwärtig manipulierenden Umwelt machen zu lassen. Selbstverständlich wird öffentlich in großem Ausmaß diskutiert, wie Firmen, Organisationen und der Staat wirtschaftlich überleben können. Doch habe ich immer größere Zweifel daran, dass uns das weiterhelfen wird, denn niemand lebt davon dass er viele Güter hat und Geld geschickt anzulegen versteht. Die Kirche lebt vom Vertrauen in die Botschaft Jesu Christi. Solange dieses Vertrauen nicht enttäuscht wird, schenken uns die Christen Geld für die Verkündigung. Das ist ein ganz anderes Modell. Und noch einmal Paulus: „Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“ (Röm 12,2) Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2015

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3.4. Machbarkeitswahn und Kontrolle Die Bemühungen der vergangenen zwei Jahrzehnte liefen zwei Irrtümern auf. Einmal, unser Bemühen könne und vor allem müsse die Kirche in ihrem Bestand retten, wobei dem die alten Strukturen und Traditionen abträglich seien, und zum anderen, man müsse dies nur richtig anpacken und mit Vorgaben, also Planvorgaben, und der Kontrolle der Einhaltung vorantreiben. Wir erkennen jetzt, dass das der falsche Weg war, manche, nicht alle, dürfen es inzwischen wohl sogar sagen bzw. schreiben. Die letzten, die auf diesem Weg versuchten, die Welt zu verbessern, haben diese Erkenntnis erst nach vierzig Jahren gehabt, zu spät, wie wir wissen. „Die Gefahren erzeugen wir nicht aus Versehen, sondern aus einem zügellosen Bemächtigungsdrang, der uns beherrscht, seitdem wir dereinst unsere Sicherheit in Gott verloren haben. Seit dem Verlust der mittelalterlichen Gotteskindschaft leben wir in einer untergründigen heillosen Angststimmung, gegen die uns nur ein einziges Rezept eingefallen ist: uns selbst die totale Kontrolle über alle Ursachen und Kräfte aneignen zu wollen, von denen uns je Ungemach drohen könnte.“ (HorstEberhard Richter, Der Gotteskomplex, S. 5; 1997) Wenn ich Horst-Eberhard Richter richtig verstehe, sieht er die Ursache für den Machbarkeitswahn und –zwang im Verlust des Glaubens. Das hören oder lesen wir natürlich nicht gern, denn es rüttelt an unseren Grundfesten, meinten wir doch für den Glauben zu stehen. Ilse Junkermann, Landesbischöfin der EKM schreibt: „Das alles zeigt: die Möglichkeiten des Rückbaus sind ausgeschöpft. Es braucht einen Paradigmenwechsel. Es braucht einen ‚Umbau’. Doch woher nehmen? Immer deutlicher wird, dass es auch einen geistlichen Prozess braucht. Es braucht die Freiheit, Abschied zu nehmen von den Bildern, wie Gemeinde sein soll, was alles zu ihrem ‚Programm’, zu ihrem Zeugnis und Dienst gehört und wie sie organisiert und strukturiert werden muss. So kommt zum Abschied vom Bisherigen, wie alles war, auch noch der Abschied von den inneren Leitbildern und Gewohnheiten zu denken und zu handeln.“ (Ilse Junkermann in „Gemeinde neu finden – Vom Rückbau zum Umbau“ VELKD Informationen 145) Dass der Rückbau keinen Erfolg gebracht hat, wird eingestanden, dass es geistliche Defizite gab und gibt ebenfalls. Doch was dann als Umbau beschrieben wird, ist nur ein weiterer Rückbau, der allerdings jetzt ans Eingemachte geht, an die inneren Leitbilder und Gewohnheiten, von denen wir uns zu verabschieden haben, offenbar ungeprüft, ob sie womöglich aus der Bibel stammen. Vom angestoßenen geistlichen Prozess fehlt jede Spur. Den würde man in der Confessio Augustana Artikel 5 finden: „Um diesen Glauben zu erlangen, hat Gott das Predigtamt eingesetzt, das Evangelium und die Sakramente gegeben, durch die er 11 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2015

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als durch Mittel den Heiligen Geist gibt, der den Glauben, wo und wann er will, in denen, die das Evangelium hören, wirkt, das da lehrt, dass wir durch Christi Verdienst, nicht durch unser Verdienst, einen gnädigen Gott haben, wenn wir das glauben.“ So weit, so gut. Was wir immer nicht so gern hören, sind die anschließenden Verdammungsformeln. Aber die gehören auch zu den Bekenntnisschriften und können uns vielleicht sogar die Augen öffnen: „Und es werden die verdammt, die lehren, dass wir den Heiligen Geist ohne das leibhafte Wort des Evangeliums durch eigene Vorbereitung, Gedanken und Werke erlangen.“ Sollte das Scheitern der wirtschaftsorientierten und „geistlosen“ Kürzungen, die sich mit der Vokabel „Reformen“ wegen der Verwandtschaft zur Reformation zu tarnen suchen, die Exekution (Ausführung, Vollstreckung) dieser Verdammungsformel sein? Hat sich der Heilige Geist aus gutem Grund zurückgezogen, diesen Vorhaben seinen Segen entzogen? Haben wir darüber schon nachzudenken gewagt? 4. Die beschränkte Sicht auf den Horizont der eigenen Lebenszeit Als mir mein Vater in Kindertagen von Martin Luther erzählte und ich mir Sammelbilder zur deutschen Geschichte betrachtete, kam mir das alles unendlich weit weg vor, wenngleich mich die Geschichte faszinierte. In der Schule haben wir dann gelernt, dass jetzt alles ganz anders sei, weil angeblich eine neue Zeit begonnen habe mit zahllo12 sen technischen Errungenschaften, die das Leben völlig verändert hätten. Das empfinden wir wohl tatsächlich so, denn alles, was älter als 100 Jahre ist, gehört für uns ins Museum. Wir denken historisch, so meinen wir jedenfalls. Wir unterteilen in früher und jetzt, in alt und neu, in Vergangenheit und Zukunft, in überholt und modern. Wir tun so, als könne man die Vergangenheit ablegen wie verschlissene Kleidung. Wir denken kurzfristig, auch wenn wir permanent von Nachhaltigkeit sprechen, auch eines der neuen Plastikwörter (Uwe Pörksen „Plastikwörter“ Stuttgart 1988). Und wir empfinden diesseitig, kaum über das Sichtbare und den Kalender hinaus. Kirchengeschichte wird deshalb oft unter Vergangenheit abgeheftet, Ich denke, dass das falsch ist. Wir kommen noch darauf zu sprechen. 5. Ein erstes Ergebnis: Anpassung statt Herausforderung Wenn vom demographischen Wandel gesprochen wird und von den zurückgehenden Gemeindegliederzahlen, dann werden die nötigen Veränderungen als große Herausforderung betrachtet. Gelingt es, diesen gerecht zu werden, noch dazu möglichst schnell, so erschien das als besondere Leistung, die erbracht wurde, wie z.B. die Kürzung von Pfarrstellen und der Verkauf von Pfarrhäusern. Doch meine ich, dass wir da etwas verwechselt haben. Wir haben uns nicht herausfordern lassen, sondern wir haben uns angepasst. Unbestritten kann das eine heftige Anstrengung erfordert haben, aber muss es deshalb schon eine herausragende Leistung gewesen sein? Haben wir da Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2015

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nicht einfach den vorgegebenen Zwängen nachgegeben, uns Entwicklungen angeglichen, die wir für unvermeidbar halten? Vor einigen Jahren wurde in den Kirchenkreisen ein sogenannter Strukturatlas angeboten. Eine Firma erstellte eine Anzahl von Landkarten mit allen möglichen gegenwärtigen und zukünftigen Vergleichszahlen zu Bevölkerung, Altersstruktur, Geographie und Verkehr. Das war keineswegs billig. Danach sollten dann die Pfarrstellen in den Kirchenkreisen neu geordnet werden. Damit haben wir uns den Kriterien der Wirtschaftlichkeit unterworfen, gewollt und ohne Widerstand. Mag sein, dass das unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten richtig und vielversprechend war. Traditionen und Empfindungen der Gemeinden waren da jedenfalls nicht abgebildet. Antrieb unseres Handelns war nicht ein neuer Aufbruch, sondern die Angst vor dem Untergang. Und wer Angst hat, bringt Opfer. 6. Eine andere Sichtweise Sie werden sich wundern, auf wen ich jetzt zurückgreife, in welche Epoche ich mich begebe, in welcher Zeit ich nach Hinweisen suche, die uns helfen können. Meine Angst, vor ihnen jetzt rückwärtsgewandt dazustehen, als konservativ zu gelten, keinen ganz neuen Aufbruch zu beschwören, mit einigen neuen Wortschöpfungen zu glänzen, diese Angst, so habe ich mir überlegt, will ich aushalten. 1629 wurde in Rendsburg ein Junge geboren, mitten im Winter, am 2. Januar Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2015 und vor allem mitten im Dreißigjährigen Krieg. Der Vater wollte ihm wohl eine geistliche Laufbahn ermöglichen, starb aber „an der um sich greifenden Pestseuche, so dass der Junge gleich im Anfang seines Lebens in den betrüblichen Stand einer vaterlosen Waise geriet“, so wird berichtet (Christian Scriver „Seelenschatz“ Vorwort, Magdeburg und Leipzig 1744). Als er 19 Jahre alt war, fand der Krieg ein Ende, der Junge einen Gönner. Christian Scriver studierte Theologie, wurde ein bedeutender Prediger und Verfasser von Erbauungsschriften, dem sogenannten Seelenschatz. Er war ein Kind des Dreißigjährigen Krieges und erlebte die darauffolgende Blüte. In Quedlinburg, seiner letzten Wirkungsstätte, stammt ein Drittel der bis heute erhaltenen und zum Weltkulturerbe erklärten Fachwerkhäuser aus dieser Zeit, aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Den Bau dieser Häuser und alles, was damit zusammenhing, hat er gesehen. Es war eine andere Zeit. Sterben und Tod waren allgegenwärtig. Es gab keine Hospize, keine Krankenhäuser. Der Tod war unausweichlich, konnte jederzeit kommen. Man sah ihn. Die Lebenszeit war kurz und wenig kalkulierbar. Es gehörte dazu, täglich, man konnte ihm nicht ausweichen, dem Sterben. Es war keine andere Zeit. Es war nur ein anderes Denken. Wir können auch heute jederzeit sterben, aber wir haben das uminterpretiert. Sigmund Freud schreibt: „Wir betonen regelmäßig die zufällige Veranlassung des Todes, den Unfall, die Erkrankung, das hohe Alter, und verra13

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ten so unser Bestreben, den Tod von der Notwendigkeit zu einer Zufälligkeit herabzustufen.“(Zeitgemäßes über Krieg und Tod 1915) 7. Von Ewigkeit zu Ewigkeit: die geistliche Sicht der Zeitlosigkeit Bei der Feier der Silbernen Ordination vor einem Jahr erzählte ein Pfarrer: „Ich verliere in meiner Gemeinde jedes Jahr 50 Gemeindeglieder durch Tod.“ Ilse Junkermann schreibt über die Mitgliederentwicklung: „Das sind jährlich ca. 20.000 Gemeindeglieder weniger. Die wenigsten verlieren wir durch Austritt, drei Viertel davon durch Tod.“ (Ilse Junkermann in „Gemeinde neu finden – Vom Rückbau zum Umbau“ VELKD Informationen 145) Was interessiert uns an den Gemeindegliedern wirklich? Ist es die Anzahl von Menschen, die Pfarrstellen rechtfertigen oder die Kirchensteuern zahlen? Welches Denken verrät uns hier? Was bedeutet „verlieren“? Ein getaufter Christ, der stirbt, ist der verloren? Müssten wir als Lutherische Christen nicht vielmehr überzeugt sein, dass durch die Gnade Gottes der getaufte Christ in den Himmel kommt, also gewonnen ist, gerade in dem Moment, wenn er stirbt? Wir kommen bei Christian Scriver noch darauf zu sprechen. 8. Herausforderung Kürzlich wandte sich ein Pfarrer an mich, dem der Vorwurf gemacht wurde, er predige nicht weltlich genug. Sollte er 14 sich nicht bereitwillig anpassen, sei er für die Gemeinde nicht länger tragbar. Geistlich zu reden wird als weltfremd angesehen, als überholt. Sich dem auszusetzen ist nicht einfach. Wenn ich geistlich reden will, muss ich mir diese Angst bewusst machen, mich ihr stellen und diese Angst zu ertragen bereit sein, überwinden werde ich sie nicht. „Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Joh 16,33) 8.1. Der Seelen Vortrefflichkeit In seiner ersten Predigt im „Seelenschatz“ schreibt Christian Scriver von der Seelen Vortrefflichkeit und Würdigkeit, in Betrachtung ihrer Schöpfung. Durchaus barock ausschweifend, mit offensichtlicher Freude an der Sprache beschreibt er zuerst, wie wertvoll die Seelen sind: „Unser Heiland leget in unserem Texte (Mt. 16,26), so zu reden, die menschliche Seele in die eine, und die ganze Welt in die andere Waagschale und gibt für jene den Ausschlag, sagend: Wenn ein Mensch schon die ganze Welt mit aller ihrer Herrlichkeit, Ehre, Hoheit, Reichtum, Schätzen, Wollüsten, Pracht und Freude könnte gewinnen, so hätte er doch nichts gewonnen, so er seine Seele dagegen verlieren sollte: Es wäre eben, als wenn ich einem wollte hunderttausend Taler oder etliche Millionen für sein Herz geben. Was hülfe ihm das Geld, wann er es schon in großen Säcken und Beuteln um sich stehen, wenn Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2015

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ihm dagegen, bald nachdem er das Geld empfangen, das Herz aus dem Leibe sollte gerissen werden?“ An dem Beispiel des irdischen Lebens sucht er deutlich zu machen, wie hoch wir erst die Seele zu schätzen haben. Dieses Denken ist uns wohl tatsächlich nicht mehr geläufig. Haben wir uns nicht vielmehr zum Sachwalter der Finanzen und anderer Habseligkeiten der Kirche gemacht, machen lassen? 8.2.Die Last des Amtes Christian Scriver schreibt: „Die Lehrer werden erinnert, dass ihnen nicht befohlen ist, Gänse oder Kühe zu hüten, sondern die Gemeinde, die Gott mit seinem eigenen Blute erworben hat. Es ist ihnen nicht anvertrauet Silber oder Gold, Perlen oder Edelgestein, sondern die Seelen der Menschen, die Gott zum ewigen Leben erschaffen und Christus Jesus mit seinem teuren Blut ihm zum Eigentum erkauft hat, und sie sollen Rechenschaft geben als von einem anbefohlenem kostbaren Kleinod.“ Worüber wird in Synoden und Berichten heute Rechenschaft abgelegt? Jahresabschlüsse und Haushaltpläne, sind sie nicht viel wichtiger geworden als die Seelen? Und wenig später schreibt er über den Ernst, mit dem er sich dieser Aufgabe widmen muss und will: „Gott will dieselben, so durch ihre Schuld verloren werden, von ihren Händen fordern. Darum sollen sie wachen über die Seelen, das ist, sie sollen ihr Amt ihnen höchstens Fleißes lassen angelegen sein, sollen Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2015 sorgen, beten, bitten, flehen, ermahnen warnen, lehren, trösten, dieser hochwichtigen Verrichtung obliegen und nachdenken Tag und Nacht, auch, soviel an ihnen ist, mit allem Ernst und Wachsamkeit verhüten, dass nicht eine einzige Seele verloren werde.“ Eindrücklich beschreibt er, wie ihm die Last dieser Aufgabe und Verantwortung zusetzt: „O ein schweres Amt! O übermenschliche Sorge! Ein Prediger soll für so viel Seelen wachen, beten, sorgen und Rechenschaft geben? Fürwahr, wenn ich dies oft recht erwäge und mir zu Herzen ziehe, so erschauret mir die Haut, der Angstschweiß bricht mir aus und ich wünsche oft, dass ich nie ein Prediger geworden wäre.“ Wo gibt es diesen Ernst in der Wahrnehmung des Amtes tatsächlich noch und was bedeuten uns die Seelen? 8.3. Wertschätzung des Amtes Die schwedische Königin hätte Christian Scriver gern an ihrem Hof gehabt, selbst wenn sie ihn hätte seines Alters wegen in einer Sänfte dahin tragen lassen sollen. Er war damals 51 Jahre alt. Er folgte dem Ruf nicht, weil er seine Aufgabe in seiner Heimat sah. So musste sich die Schwedenkönigin mit den Übersetzungen seiner Schriften zufrieden geben. Interessant ist das deshalb, weil überliefert ist, wozu sie ihn bei sich zu haben wünschte: „dass sie einen solchen Mann hätten, der fleißig auf ihr Tun und Vornehmen (Vorhaben) Achtung gäbe, sie 15

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