Nikolaus Fasslrinner Zwischen Traum & Wirklichkeit

 

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Interview und Gesprächsreihe

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Nikolaus FaSSlrinner Zwischen Traum & Wirklichkeit Interview- und Gesprächsreihe

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„Neonblues“, 2012, Öl auf Leinwand, 60x100

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Inhalt Vorwort: Realität Seite 6 Interview mit Prof. Ulrich Klieber, Professor für Bildnerische Grundlagen Seite 8 Verlorenes Interview mit Susanne Hopmann, Studentin der Kunst Seite 18 Interview mit Sophie Linnenbaum, Psychologin und Filmemacherin Seite 22 Interview mit Elisabeth Decker, Studentin der Kunstpädagogik Seite 32 Interview mit Anton Huth, Student der Bildhauerei Metall Seite 40 Interview mit Georg Lisek, Freischaffender Künstler und Kurator Seite 50 Ergänzender Text: Von der Badewanne bis ans Meer. Seite 56 Impressum Seite 59

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Liebe Leser, diese Interview- und Gesprächsreihe ist das Ergebnis meiner schriftlichen Diplomarbeit und dreht sich ganz um das Thema „Zwischen Traum & Wirklichkeit“. Sie ist eine Reflektion meiner künstlerischen Arbeit, während meines Studiums an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. In den Interviews spreche ich mit unterschiedlichen Menschen über meine Kunst und taste sie so aus verschiedenen Blickwinkeln ab. Wer will kann dieses Heft auch als Einführung in meine Arbeit verstehen. Viel Spass beim anschauen und Lesen. Nikolaus Fasslrinner Halle, den 15. Juni 2013 „Wer bin ich?“, 2013, Tusche auf Chinapapier, 65x65 4

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„Ich bin ein Realist in meinen Träumen.“ 5

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Realität Durch Reibung und Konfrontation mit Realität werden wir erwachsen. Wir lernen mit der Realität umzugehen, passen uns an, flüchten oder kämpfen gegen sie an, um sie zu verändern. Als Teil der Realität haben wir auch Einfluss auf sie. Milliarden von Menschen schaffen diese Realität jeden Tag neu. Aus der Makroperspektive betrachtet ist die Realität aller Menschen gleich. Wir leben alle auf der Erde, wir müssen alle essen und trinken. Je näher wir uns jedoch dem einzelnen Individuum nähern, desto unterschiedlicher werden die Realitäten. Territorium und Macht bündeln diese Unendlichkeit an Realitäten und halten sie zusammen. Auch unsere Gedanken und Fantasien werden durch große Traumund Glaubensfabriken zu bündeln versucht, um die Unmenge an Realitäten zu vereinheitlichen. Denn jeder Einzelne von uns hat seine eigene Realität und Fantasie. Je mehr wir Realität erleben, desto mehr sind wir geprägt von ihr und wissen was möglich ist und was nicht. Genauso erleben wir auch, dass alles möglich ist, und Wunder geschehen, wenn wir diese Erfahrungen in unserer Fantasie und unserem Glauben machen. Zu Problemen kommt es, wenn wir versuchen unsere individuelle Realität als dieselbe Realität für andere Menschen geltend zu machen. Was würde wohl passieren, wenn eine Hauskatze, die nur in der Wohnung lebt, auf eine Straßenkatze treffen würde. Vielleicht würde eine Art Glaubenskrieg ausbrechen. Die beiden Katzen könnten sich auch verlieben und zusammen Junge bekommen. Oder sie würden voreinander flüchten. Wenn der Mensch das Bewusstsein und die Fähigkeit nicht hätte, erkennen zu können, dass hier zwei unterschiedliche Realitäten aufeinander prallen, würde das auch kein Problem sein. Katzen hingegen können ihre Realitäten nicht reflektieren – so wie wir Menschen. Sie würden sich beide nur in ihrer eigenen Realität sehen und als andersartig empfinden. Die Menschen haben das Bewusstsein, dass es unterschiedliche Realitäten gibt, jedoch können wir uns diese nur vorstellen. Die anderen Realitäten werden wir nie wirklich erfahren können, sondern immer nur unsere eigene. Erschwerend kommt hinzu, dass Realität und Fantasie in unserem Bewusstsein nicht festgelegt sind, und mit der Zeit kann sich Realität in Fantasie verwandeln und ebenso umgekehrt. Das Leben wird komplexer, wenn man nicht nur von seiner eigenen Realität ausgeht, sondern versucht, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Liebe, Partnerschaft, und auch die Kunst tun genau dies, hier muss der Mensch sich in jemand oder etwas anderes einfühlen. Er muss sich eine andere Realität vorstellen, die er so nie ganz erleben, sondern an die er sich nur annähern kann. 6 Vorwort: Realität

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Ein Erlebnis, an das ich in diesem Zusammenhang denken muss, ist die Spiegelung, die der Mond auf dem Wasser macht, wenn er nachts über dem Meer aufgeht. Wie eine Straße spiegelt sich das Licht auf dem Wasser und kommt immer direkt auf mich zu, egal wo ich stehe. Auch jemand anderes, der hundert Meter von mir entfernt steht und über das Wasser auf den Mond schaut, wird genau diese Straße von Licht auf sich zugehen sehen. Wenn ich aber in diesem Moment zu ihm hinüber schaue, sehe ich nur dunkles Wasser und kein Licht.

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Ist das erfunden oder war das schon da? Interview mit Professor Klieber Spiel mit den Stilen. Wie von zwei verschiedenen Personen. K: Vielleicht klären wir nochmal ein paar grundsätzliche Dinge: Ich bin ja zum zweiten Mal hier in ihrem Atelier mit den Malereien. Dabei sind figürliche, gegenständliche, landschaftliche und dann eben auch abstrakte Arbeiten oder abstrakt anmutende Arbeiten, die ganz anders sind. Man hat den Eindruck, dass sie mit den Stilen spielen. Ist das richtig? N: Ich denke, ich komme mehr aus der grafischen Richtung. Ich habe mich viel mit Radierung und Lithografie beschäftigt und ich glaube, dass das in meine Malerei mit einfließt. Diese zweidimensionalen Flächen, die ich gesetzt habe, kommen mehr aus einer grafischen Arbeitsweise und nicht so sehr aus einer malerischen. K: Ja, aber ich sehe eigentlich beides! Wenn ich jetzt so diese Architekturlandschaft nehme oder auch diese Strandbilder, da wird ja dann wirklich aus dem Fleck, aus dem Pinselstrich etwas entwickelt! Das kommt nicht zu sehr aus der Linie, nicht zu sehr aus der Kontur, sondern das ist eigentlich schon eine sehr malerische Malerei. Also von daher würde ich da jetzt gar nicht unbedingt diesen Rückschluss ziehen, da komme jemand aus der Grafik. Außer bei dem da drüben, wo diese weibliche Figur mit diesem Vogelkopf ist, dabei handelt es sich ganz klar um eine Linien-bestimmte Arbeit. N: Diese Arbeit ist auch tatsächlich eine Radierung, die ich eingescannt und auf Leinwand wieder ausgedruckt habe. Dann habe ich diese Linien, dieses Bild schon im vornherein wie einen Untergrund beziehungsweise wie eine Vorzeichnung auf der Leinwand. Wobei Bilder, welche nicht so eine Vorskizze haben, zum Beispiel wie hier oben, dann nur malerisch umgesetzt sind. Man sieht auch deutlich den Unterschied. K: Im Grunde genommen eigentlich­ wie zwei unterschiedliche Hand‑ schriften. Wie von zwei verschiedenen Personen. N: Zum Einen die Linien hier als Zeichnung und zum Anderen die Malerei. [rechts] „Fabrik 1“, 2013, Öl auf Leinwand, 110x100 Arbeit mit Vorlagen: Ist das erfunden oder war das schon da? K: Okay, das sind die beiden Extreme! Jetzt haben wir aber hier diese Bilder, die sich dazwischen befinden. Zum Beispiel diese Architektur, mit dem Wasser und den Felsen - da ist die Form klar und trotzdem ist es vor allem bei den Felsen im Vordergrund extrem malerisch. Sie haben ja auch Bilder, bei denen eine Untermalung da ist, bei denen von fremder Hand etwas gemacht ist. Zählt das noch dazu oder zählt es nicht dazu? Oder ist das von Anfang an von ihnen gemacht? N: Das zählt dazu! Da ist zum Beispiel eine Leinwand, die ich gefunden habe. Ich habe sie in zwei Teile geteilt und daraus sind dann diese zwei Bilder ent- 8 INTERVIEW mit Prof. Ulrich Klieber

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standen. Es hilft, wenn da schon etwas vorgegeben ist und man nicht einfach etwas in dieses Nichts hineinsetzen muss. Da ist ein Grundmaterial in dem Bild, mit dem ich arbeiten kann. Dieses Grundmaterial wird genommen, verändert. Vielleicht verändert sich das Grundmaterial in etwas komplett anderes - in etwas Neues. Es ist schwierig für mich, auf die leere Leinwand ein Bild zu malen. Das Bild entwickelt sich in einem langen Prozess, in dem ich über Wochen das Bild wieder stehen lasse und es dann wieder neu sehe und wieder neu darauf male. K: Das ist ja ein altes bekanntes Problem von vielen Künstlern, die Angst vor der weißen Leinwand. Dieses Übermalen und Reagieren auf das was schon darauf ist, ein legitimes Mittel. Die Frage ist, was ist jetzt von ihnen? Diese Felsen im Vordergrund, die ja sehr malerisch sind, sind die jetzt von ihnen oder waren sie schon da? N: Die sind von mir. K: Dieses Wasser mit der Reflektion und dieser Transparenz - ist das von ihnen, oder war das da? N: Das ist auch von mir. K: Dieses Gebäude mit dieser Glasfront links. Ist das von ihnen oder war das da? N: Das ist auch von mir. Nur dieses kleine Stück da oben, das aus dem Gebäude heraus kommt, ist nicht von mir. K: Also von daher haben sie eigentlich fast nichts stehen lassen von der Hilfe, die sie genommen haben. Sie haben ein eigenes Bild darüber gemalt. INTERVIEW mit Prof. Ulrich Klieber 9

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N: Meistens kommt es dazu, dass ich immer mehr übermale und am Ende nicht mehr viel vom vorhandenen Bild übrigbleibt. Hier dieses Bild war auch eine Landschaft von mir selbst gemalt. Ich habe sie komplett verändert. Davor war alles hier grün. Hier war ein Baum. Das ist jetzt eine rote, trockene Wüste. Ich glaube, dass ich die Landschaft oder den Raum, den ich bekomme, neu ausfülle. Das Wetter, das Licht, die Farben und auch das, was sich darin abspielt, was dort vorhanden ist, erschaffe ich neu. Am Ende bleibt wahrscheinlich nicht mehr viel übrig von dem was ich vorgefunden habe. Also, ist das Vorhandene wirklich nur als Arbeitsmaterial zu verstehen. K: War da Wasser oder war da kein Wasser auf der Vorlage? N: Da war auch Wasser, das war hier. Wasser ist für mich ein wichtiges Element in meinen Bildern. (siehe S.56) K: Kommt ja in vielen Bildern vor. Lassen sie uns aber zunächst einmal bei dem Problem bleiben. Sie haben eine Bildvorlage und was wird aus dieser Vorlage? Also das Zitat „Wasser“ wird übernommen. Diese Silhouette, oder dieser Hintergrund, war der so in der Anlage oder war der grundsätzlich anders? N: Die Kontur im Hintergrund war teilweise so. Dort war aber eigentlich eine Baumlandschaft. Im hinteren Bereich des Bildes gab es Probleme und ich habe gemerkt, dass es so nicht funktioniert. Das war eigentlich ein ausgearbeitetes Bild. Hier hat es einfach nicht funktioniert mit dem Gegenstand, der jetzt neu ins Bild kam. K: Die Kaimauer war die da, oder ist das eine Erfindung von ihnen? N: Die ist auch erfunden. K: Die Fahne ist das eine Erfindung von ihnen mit dieser Sandburg, oder war das da? N: Das ist erfunden. K: Gehen wir mal noch weiter: Hätte die Bildvorlage, die dagewesen ist, theoretisch auch ein Stillleben sein können mit Flaschen, Orangen und Kerzenleuchter und sie hätten eine Landschaft daraus gemacht? Oder geht der Transfer nicht soweit? N: Doch, es hätte alles gehen können. Ich muss in der Bildvorlage das Potenzial erkennen. Von zehn Stillleben hat vielleicht eines das Potenzial, sich in so 10 INTERVIEW mit Prof. Ulrich Klieber

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eine Landschaft zu verwandeln. Also ich würde jetzt nicht jedes beliebige Bild nehmen, um das zu übermalen. Das funktioniert nicht. Motiv und Konzeption Gefühlslandschaften K: Okay, gehen wir mal ins Motiv. So wie sich das jetzt hier darstellt ist es surreal. Es hat eine ganz bestimmte Atmosphäre. Über diese Wüste haben sie schon gesprochen, sie ist menschenleer. Transportiert diese Art von Landschaft ein Seelenleben, oder ist es symbolisch gedacht? Oder wie gehen sie damit um? N: Ich sehe es als Gefühlslandschaft. Die Farben transportieren ein Gefühl. Es ist eine Landschaft, in der Geheim- nisse und Abenteuer schlummern. Diese Landschaften haben auch etwas surrealistisch Verstörendes. Sie existieren in der Realität nicht. Ich gehe nicht raus und verarbeite den Input von draußen. Das muss alles aus mir selbst herauskommen. K: Entsteht dieses Bild mit diesen Details im Prozess beim Machen, also mehr spontan, oder steht da eine Planung hinter? N: Das hat, glaube ich, viel mit dem Unterbewusstsein zu tun, also mit Eindrücken, Momenten und Ereignissen, die ich zum Beispiel auf Reisen hatte. K: Also keine Vorzeichnung, keine Skizze, keine Papierarbeit. N: Nein. Das ist gerade der Reiz für mich, dass alles langsam wächst- wie Gefühle. Gefühle sind nicht schnell. Gefühle sind nicht einfach „zack, jetzt bin ich froh! zack, jetzt bin ich traurig“. Man kann das nicht steuern. Es baut sich sich langsam auf und baut sich langsam wieder ab. Das kann man nicht wie eine Zeichnung in sehr kurzer Zeit machen. K: Ich frage deshalb, weil dieses Bild sehr gebaut aussieht. Es ist eine Komposition. Die macht man ja nicht einfach so aus dem Bauch heraus, sondern wahrscheinlich ist es ein Findungs‑ prozess. Die Form wird gesetzt und wieder übermalt, korrigiert, weggenommen, vergrößert - bis es letztlich stimmt. [Links unten] „Zustand Hafen“, 2012, öl auf Leinwand, 100x70 [unten] „Hafen“, 2013, öl auf Leinwand, 100x70 INTERVIEW mit PROF. Ulrich Klieber 11

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N: Ja, erst schaue ich mir die Ober‑ fläche an. Berge und Wasser sind Teile der Natur. Sie haben eine naturge‑ gebene Funktion, wenn dann noch die Architektur hinzukommt, wirkt diese Funktion verstörend. K: Es gibt dort weder Menschen noch Handlung… N: Ja, obwohl ich mir vorstellen kann, dass irgendwann in meinen Bildern auch Menschen auftauchen und Handlungen vorkommen. K: Aber in den Bildern hier sind sie in keinem einzigen. Der Stil. Programm oder Zufall? -Weder noch. Persönlichkeit. K: Ihre Malerei hat teilweise etwas Grobes, sie ist „gekonnt – ungekonnt“. Sie hat auch teilweise etwas Rotziges und auch etwas Naives. Sind das alles Stilmittel, mit denen sie bewusst arbeiten, oder passiert das einfach so? N: Ich denke mal, das ist einfach meine Persönlichkeit! Ich, würde mich nicht unbedingt als grob bezeichnen, aber ich gehe auch nicht unbedingt sehr zimperlich mit dem Bild um. Es gibt verschiedene Stellen im Bild, mit denen [rechts] „Landschaft“, 2013, Öl auf Holz, 70x50 [Nächste seite] „Nadelspiel“, 2013, Öl auf Leinwand, 120x100 „Wer das Bild betrachtet, ist im Bild drinnen. Das heißt, es könnten theoretisch unendlich viele Leute in diesem Bild sein.“ N: Nein. Ich hatte genug Probleme mit der Klärung der Architektur. In meinen Zeichnungen und in meinen Radierungen sind Menschen, aber in diesen Bildern geht es erstmals um die Klärung der Bühne. K: Die Abwesenheit von Menschen ist ja auch eine Aussage. Es ist ja von Menschen gemacht, aber sie sind nicht da, wie ausgestorben. N: Nicht ausgestorben! Derjenige, der das Bild betrachtet, ist im Bild drinnen und das heißt, es könnten theoretisch unendlich viele Leute in diesem Bild sein. Es ist keine ausgestorbene Landschaft. Sie ist vielleicht nicht für das Leben geschaffen, wie wir es gewohnt sind. Es könnte sein, dass man in diesem Bild ganz anders leben würde. Dass es andere Funktionen, oder andere Energien gibt. K: Das Bild lebt von der Andeutung von der Atmosphäre, von diesen einzelnen Versatzstücken, auch von der Farbigkeit, die so einen Sound produziert. N: Ja die Farben müssen wirklich prickeln und einen Sound produzieren. Das stimmt. 12 INTERVIEW mit Prof. Ulrich Klieber man sehr sensibel umgehen muss. An anderen Stellen ist es wieder anders. So wie bei diesen Steinen im Vordergrund. Die Steine haben etwas Hartes, sie haben Masse, und dementsprechend muss ich auch mit ihnen arbeiten. Da kann ich nicht die Steine mit dem Pinsel dahinstreicheln. K: Da kann man schon an Caspar David Friedrich denken. Der hat ja auch Steine und Küsten und Wasser und Greifswald und Steilküste. Das war allerdings eine andere Zeit und Haltung. Sehr differenziert in den Steinen, dieses Schwarz, dieses weißliche Grau, diese Form nach vorne. Da ist ja sehr viel malerisch umgesetzt. N: Die entstehen aus dem Moment. Der Moment vergeht sehr schnell. Ich versuche beim Malen mit der Zeit mitzugehen und den Moment aufzufangen. Ich denke mir nicht vorher einen Stein aus, den ich dann genauso male, sondern in diesem Moment habe ich nur das Gefühl von diesem Stein und da kann ich nicht lange überlegen, da muss einfach dieses Gefühl raus. K: Aber er muss halt sitzen und wenn er nicht sitzt, dann müssen sie ihn korrigieren, wegnehmen, wieder setzen, wieder korrigieren, wieder setzen. N: Genau! Was nicht sitzt, muss wieder korrigiert werden. Aus Respekt oder Respektlosigkeit? Würdigung der Vorlage. K: Okay, jetzt mal wieder etwas Anderes: Haben sie Hemmungen dabei, diese Bilder zu übermalen, die ja jemand anderes gemalt hat? N: Die Bilder finde ich meistens im Müll, oder auf der Straße. Ich habe keine Hemmungen vor diesem Material - ganz im Gegenteil – ich finde es gut, alte Sachen zu recyceln. K: Es tauchen ja in diesen Haushalts-

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auflösungs- Geschäften immer wieder ganz persönliche Dinge auf, mit denen man ja auch arbeiten kann: Fotos und Alben, persönliche Sammlungen und so weiter. Eine Ehrfurcht ist ja trotzdem wahrscheinlich da, oder? N: Ich gehe nicht unbedingt in Haushaltsauflösungen, um mir dort etwas zu kaufen. Diese Leinwände habe ich im Müll gefunden und da habe ich deutlich gesehen, dass derjenige der diese Malereien weggeworfen hat, selbst überhaupt gar keine Ehrfurcht hatte vor dem, was er gemacht hatte. Ich finde es schade, dass der Wert des Materials nicht erkannt wurde. K: Aber vielleicht hat derjenige, der es weggeworfen hat, das Bild überhaupt nicht gemalt, sondern geerbt und dann weggeworfen. Das kann ja auch sein. N: Wenn ich wirklich etwas sehe, vor dem ich Ehrfurcht habe, dann würde ich es nicht übermalen. Aber sich etwas anzueignen, ist wie der Versuch etwas zu verwandeln und das ist nicht gerade einfach. Man muss ein gewisses Gespür entwickeln. diesem ganz stillen Wasser, welches hinten wie eine Glasscheibe steht. N: Es ist still, damit man die Landschaft, die Farben und Atmosphäre wirklich hören und sich auf sie einlassen kann. Ich mag es nicht, wenn Bilder so laut sind, als würden sie wie ein Werbebild rufen:“ Sieh her, sich mich an!“. K: Diese Szenarien von Verseuchung und Abwesenheit von Flucht und Zurücklassen, kennen wir ja inzwischen aus Tschernobyl und Fukushima. Das ist ein wirklich modernes Thema. N: Ja, das klingt mit in diesen Bildern. Es sind aber Gefühlsbilder für mich, welche man nicht als positiv oder negativ werten soll. So wie es auf dem Bild ist, ist es gut. Auch diese Landschaft ist nicht negativ zu werten. INTERVIEW mit Prof. Ulrich Klieber 13 Über die Bewertbarkeit von Gefühlen.. K: Die Bilder strahlen eine große Ruhe aus und die Ruhe kommt natürlich auch durch dieses Format. Hier ist ja eine Ruhe drin, eine fast bedrohliche Ruhe. Hier ist eine Ruhe drin, obwohl da dieses Kernkraftwerk dampft und raucht. Extrem ruhig ist dieses Bild, mit

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„Wenn meine Bilder Musik wären, würde es ziehen am Herzen.“ 14 INTERVIEW mit Prof. Ulrich Klieber

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K: Aber ich bekomme natürlich beim Betrachten der Landschaft eine ganz bestimmte Stimmung… und dass die Stimmung auf diesem Bild mehr Moll als Dur ist, ist ja wohl klar. N: Das Melancholische finde ich schön in den Bildern. Wenn meine Bilder Musik wären, würde es ziehen am Herzen. Lachen würde man nicht unbedingt. Ich mag an den Bildern, dass sie bewegen und ein nachdenkliches, melancholisches Gefühl hinterlassen, welches aber nicht unbedingt negativ ist. Ich finde es interessant, dass ich in meinen Bildern alles ausprobieren kann, alles raus lassen kann. Dass man von einem Gefühl Abstand nehmen kann, indem man es auf die Leinwand wirft und betrachtet. Ich glaube, dass sich die Stimmung dieser Landschaften auch wieder verändern kann. Das kommt auf die Umgebung und auf alle äußeren Einflüsse an. Spiel zwischen Flächen K: Wir haben also mehrere Gruppen von Bildern hier hängen: die Radierungen, welche auf Leinwand ausgedruckt und wieder übermalt oder angemalt sind, die Gefühlslandschaften, und hier kommt nochmal etwas ganz anderes hinzu. Wahrscheinlich älter? N: Nein das ist neuer. K: Das ist neuer. Ist das fertig? N: Ja K: Ist das übermalt? N: Nein. K: Da kommt ja nochmal etwas ganz anderes zum Ausdruck. Hier habe ich Farbe, den Farbraum, ich habe die Atmosphäre, ich hab hier die Fläche, ich hab die monochrome Fläche, ich hab die stark abgegrenzte Form, ich habe die Abstraktion - also ich weiß eigentlich zunächst nicht, was die Dinglichkeit ist. Ist das ein Kreis? Ist das ein Mikrophon? Ist das eine Figur? Also das ist etwas anderes oder was ist das? INTERVIEW mit Prof. Ulrich Klieber 15

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