Lotta Nr.8: Her mit dem ganzen Leben

 

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Das feministische Magazin der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag

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November 2014 FRAUEN. LEBEN. LINKS! 08 Her mit dem ganzen Leben Ein Plädoyer für soziale Sicherheit, Gerechtigkeit, Teilhabe und Solidarität. Modelle, Projekte, Wege dahin. Unser Thema. Zum Welt-Aids-Tag: Positiv zusammenleben. S. 20

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Lotta – das Magazin der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag mit spannenden Reportagen, Gesprächen, Porträts und Vorabinformationen ab sofort im Facebook-Profil der Lotta. Aus Abonnentinnen werden Fans: Jetzt Lotta auf Facebook liken: facebook.com/lottamagazin

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EDITORIAL Foto: Uwe Steinert 08 Liebe Leserin, lieber Leser, s weihnachtet. Die mildtätigen Adventschöre trällern durch die Einkaufspassagen und private Stiftungen mahnen uns, Armut und die Sorgen anderer ernst zu nehmen und einen Beitrag vor dem Fest der Liebe zur Linderung der Not zu leisten. Doch ein auskömmliches Leben für alle, die Sorge für sich und andere ist eine existenzielle und politische Frage, die wir nicht allein der Vorweihnachtszeit überlassen werden. Cornelia Möhring im Fraktionssaal. Sie ist stellvertretende Fraktionsvorsitzende und leitet den Bereich Feministische Politik in der Fraktion DIE LINKE bedürfnissen von Frauen gestalten lässt. Die gesetzliche Rentenversicherung wurde in diesem Jahr 125 Jahre alt. Für Frauen kein Grund zum Jubeln, denn sie kommen immer noch schlechter in der Altersversorgung weg. Und noch ein Jubiläum: 25 Jahre Deutsche Einheit. Zwei Frauen unserer Fraktion kramen in Erinnerungen zwischen gestern und heute: Martina Renner (West) war damals Studentin und Halina Wawzyniak (Ost) gerade auf dem Weg zum Abitur. E o sind wir in einer der ältesten Kommunen Deutschlands. Dort stellt sich die Quotenfrage gar nicht. Denn zur Normalität gehört, dass Männer Demenzkranke pflegen, Kita-Kinder betreuen und täglich kochen. Wir laden Sie auf Nicos Farm ein. Ein Wohnprojekt für Eltern mit behinderten Kindern. Konstantin Wecker ist Schirmherr dieses für Deutschland bislang einzigartigen Projekts. Unser Themenschwerpunkt lautet kurz und in der Sprache der Politik so oft allgemein: Gerechtigkeit und Selbstbestimmung. Wir machen es in dieser Lotta konkret, plädieren für das „ganze Leben“ und stellen Projekte vor, in denen Sorgearbeit und soziale Integration anders organisiert werden, als es sich GroKo-PolitikerInnen zum Beispiel mit einer TeilkaskoPflegeversicherung ausdenken. eien Sie gespannt auf das Porträt von Diana Golze. Sie wagte den Sprung aus der Fraktion in die rot-rote Landesregierung Brandenburg und ist die nun jüngste Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie. Wie immer gibt es in der Lotta auch Dies & Das. Lesenswertes, Wissenswertes, unter anderem über eine neue Veranstaltungsreihe der Fraktion DIE LINKE: „Popkulturpolitik“. S S Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Stöbern, einen guten Start ins Jahr 2015 und uns allen einen munteren Austausch! Ihre Frauen sind anders mobil als Männer. Lotta spricht über die Gründe und Wege, wie sich Mobilität auch nach Alltags- Cornelia Möhring 3

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3 18 20 Inhalt 3-2014 Alles drin? Alles toll? lotta@linksfraktion.de Gerechtigkeit und Selbstbestimmung sind politische Fragen Von Cornelia Möhring Lotta Editorial Jubiläum 125 Jahre Rentenversicherung und noch immer sind Frauen in der Rentenfalle 6–17 Titelthema Welt-Aids-Tag: Eine Krankenschwester der ersten Stunde im Gespräch Der Papst, die Bischöfe und die Familienkonferenz Inter: Menschen zwischen den Geschlechtern Jubiläum Queere Seiten Das ganze Leben Schluss mit prekär. Was ist eigentlich Luxus? Miteinander in der Kommune, füreinander auf Nicos Farm, mobile Frauen, Rente und Pflege auf dem Prüfstand Grenzstreifen am Potsdamer Platz in Berlin. Eine junge Frau fotografiert in Richtung Ostberlin. Aufgenommen am 17. November 1989 24 Grenzenlos vor 25 Jahren. Kalenderblatt Mauerfallerinnerungen zwischen gestern und heute 4 08 Foto: dpa Foto: Uwe Steinert

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08 Foto: Archiv Hans Coppi 26 In memoriam – eine fast vergessene Frau Kunst & Kultur 32 Foto: Uwe Steinert 28 30 Popkulturpolitik – Vorgestellt: Vom Bundestag in die Regierung Besonders NORMAL – die besondere Lesempfehlung die neue Veranstaltungsreihe Rechte sind nicht teilbar. Junge Frauen bei der Demonstration „Lieben und Leben ohne Bevormundung“ im September 2014 in Berlin. Diana Golze 34 Foto: DIE LINKE 5 Foto: Uwe Steinert Diana Golze ist Brandenburgs jüngste Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie Autobiografie: Träume von Luc Jochimsen Angefragt: Was weiß die Regierung über radikale Abtreibungsgegner? Aufstand: Filmfrauen für Quote Ausgegrenzt: Gebrandmarkte Frauen Tipps im Telegrammstil Dies & Das Foto: Uwe Steinert Wieder im Amt: Ilse Stöbe und ihre alten Frauen-, Familien- und homophoben Bilder Die neuen Rechtskonservativen … Analyse

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SCHWERPUNKT: GERECHTIGKEIT & SELBSTBESTIMMUNG „Hier zu leben, ist ein bisschen wie heiraten“ Die Kommune Niederkaufungen zählt zu den ältesten in Deutschland. Knapp 80 Frauen, Männer und Kinder leben und arbeiten gemeinschaftlich. Ein Ort, an dem Geschlechtergerechtigkeit keine Ausnahme, sondern Alltag ist. dern hier (plus den beiden, die Jacquelines Freund mitbrachte), und sie sind in ihren Vierzigern. Was ein Problem ist. Doch dazu später. teffi Welke ist Sozialarbeiterin, arbeitet außerhalb und ist seit sieben Jahren dabei. Jacqueline Bernardi organisiert Tagungen, Führungen und Seminare, arbeitet innerhalb und gehört seit zehn Jahren dazu. Die zwei Frauen sind Mütter von drei KinVon der Innenstadt Kassels sind es zwanzig Autominuten bis zur Kommune in Niederkaufungen – es ist eine Fahrt ins Innere der Gesellschaft. Oder aus ihr heraus. Das liegt im Auge des Besuchers, der eine neue Welt betritt, in der Frauen einen Platz haben, wie er gesellschaftlich nicht typisch ist. Dieser Planet hat eigene Regeln und hält an eigenen Vorstellungen fest. 31 Frauen, 27 Männer und 20 Kinder leben auf Die Kommune Niederkaufungen in Hessen: „eine Insel im Meer des Kapitalismus“. Sie besteht seit 28 Jahren. Das Besondere ihm. Leichter Frauenüberschuss. Ist die Kommune, wie jemand vor Jahren schrieb, eine „Insel im Meer des Kapitalismus“, gar eine Insel der glückseligen Frauen? S Das Frauenbesondere an der Kommune ist, dass nichts frauenbesonders sein muss. Fünf Männer (und eine Frau) stellen täglich drei Mahlzeiten her und auf die Tische des Gemeinschaftssaales. Frauen arbeiten im Stall und auf dem Feld. Männer betreuen Kinder und 6 08 Foto: Yves Harmgart

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08 „Der handwerkliche Bereich ist bis heute männerdominiert“, sagt Steffi. „Beim Kochen, Putzen, Spülen, Pflegen – da sind wir alle schon gleich“, lacht Jacqueline. „In der Landwirtschaft sitzen die Männer auf dem Trecker, stimmt’s?“, fragt Steffi die Kathrin. Sie hat sich zum Gespräch gesellt. „Ein dickes Fell ist hilfreich“, sagt Kathrin Sonntag bündig. Sie ist Bäuerin mit Leib und Seele. Der Kommune elf Kühe stehen zweieinhalb Kilometer vom Dorf entfernt auf der Weide. Cathrin ist vor einem Jahr Kommunardin geworden. Zusammen mit Freund und zwei Kindern. An ihrem Händedruck spürt man: Diese Finger haben schon zigtausende Male gemolken. „Zum Glück kann ich besser Trecker fahren als Frank!“ Lachen, das Problem ist erst mal vom Tisch. Aus der Welt ist es nicht. Foto: Jona Königes hüten in der Tagespflege Demenzkranke. Frauen führen Seminare und Tagungen durch. Das Konsensprinzip Konflikte, Beziehungskrisen, Unverträglichkeiten. Worauf es ankomme: Vertrauen und Kommunikation. Sie sind voneinander abhängig. Nicht anders in der Gesellschaft. Oder doch komprimierter, unbedingter? Du musst darauf vertrauen, dass dein Mitmensch auch mit deinen Schwächen behutsam umgeht. Du wiederum musst ihm Vertrauen geben. Ein Experiment seit 28 Jahren. A Frau = Mann = Mensch – so einfach ist es dann doch nicht. Wie überall gibt es ber: Es stehen keine Karriereleitern auf dem circa 1200 Quadratmeter großen Kommunegelände mit einem Aussiedlerhof und etliche Hektar Land. Eine Quote gibt es höchstens bei der Apfelernte. Kein Platzhirschgebrüll. Der Sirenengesang der Macht, der Eitelkeit, der Selbstdarstellerei – hier klänge er saukomisch. Jacqueline hat jahrelang an der Uni Kassel über solidarische Ökonomie geforscht. Nach einer mehrwöchigen Recherche in der Kommune beschloss sie zu bleiben. Sie lernte ihren Freund kennen und bekam Louisa. In ihrer Wohngruppe leben insgesamt neun Personen. Foto: Yves Harmgart Auf diesen Planeten darf nur ziehen, wer Testgespräch und Prüfungszeit besteht und wer einstimmig aufgenommen wird. Steffi kommt aus der Hausbesetzerszene in Hanau, hat jemanden kennengelernt und die Rolle gespielt, die von ihr erwartet wurde. „Irgendwann war die Lebenssituation so, dass ich alleine gelebt habe, zwei Kinder, arbeiten, um den Hort bezahlen zu können, nee, so wollte ich eigentlich nie leben.“ Die fast 80 KommunardInnen auf einen Blick. Die gebürtige Brasilianerin hat den Vergleich zwischen einer „Machogesellschaft“ und der Kommune gelebt. Sie kommt aus einer Schicht und Familie, in der die Frauen studiert haben, arbeiten, eine Verwandte hat eine Klinik gegründet – dennoch: Wenn es um Kinder geht, ums Einkaufen, ums Kochen, halten sich die Männer raus. „Hier hilft der Mann!“ athrin war in einer kleinen Landwirtschaftskommune im Brandenburgischen, ehe sie nach Niederkaufungen ging. Bei den vorherigen Versuchen, linksautonom zu K Jacqueline Bernardi, geboren in Brasilien, Steffi Welke, Hausbesetzerin aus Hanau, und die Brandenburgerin Kathrin Sonntag mit Tochter Tomke (v.l.n.r.). Foto: Yves Harmgart 7

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SCHWERPUNKT: GERECHTIGKEIT & SELBSTBESTIMMUNG leben, haben sie das Debattieren und Votieren und Kritisieren gelernt. Und auch, dass immer mal wieder jemand Nein sagt und ein Projekt scheitern lässt. Die gemeinsame Ökonomie eshalb Einstimmigkeit: In den Kleingruppen, die gebildet werden, wird so lange diskutiert, bis es kein Nein auf dem Plenum mehr gibt. Manche Entscheidung fällt aus. Oder es gibt dreimal ein Nein. Das haben sie beschlossen: Ein Nein darf nicht genügen. Gibt immer jemanden, der Nö sagt und blockt. Aus dieser Erfahrung heraus die Regel des dreimal Nein. Und die Neinsager sollten sich gründlich überlegen, warum sie gegen etwas sind und eine andere Lösung vorschlagen. Die wiederum diskutiert wird. „Das nervt manchmal“, meint Steffi. „Wenn ich gucke, was so weltpolitisch los ist. Seit einem Jahr sind wir damit beschäftigt, wie man einen Gemeinschaftsraum einrichtet, meine Güte!“ Es ist und bleibt ein Experiment. Dass es bis heute funktioniert, beruht auf einem zweiten, im Bewusstsein der Kommune verankerten Pfeiler: D Zufall grad, dass er allein im Büro sitzt. Und von Hebel (gar Macht) könne keine Rede sein. Es gibt auch hier keine Hierarchien. Die Verwaltungsgruppe besteht aus zwei Frauen und zwei Männern. Allerdings war das nicht selbstverständlich und vor Jahren „eine heikle Situation“. Zu den zwei Männern der Verwaltungsgruppe sollte ein dritter kommen. Das wurde verhindert, Frauen kamen. Gleichberechtigung von selbst gibt es nicht. Wo die offene Kasse steht, sitzt – ein Mann. Doch wieder ein Kerl am ökonomischen Hebel? Uli Barth, 60, Mitbegründer der Kommune, lächelt stillüberlegen. Er kommt aus einer Zeit, in der Kommunen hochpolitische Ansagen an das Establishment waren. Kleinfamiliär wollte er nicht leben. Und wichtig war ihm die Selbstbestimmtheit des Lebens: „Ich denke, es gibt in der Gesellschaft kaum jemanden, der so selbstbestimmt arbeiten kann wie wir hier.“ Foto: Yves Harmgart Im Büro von Uli Barth (Mitte). Er ist Mitbegründer der Kommune. Jacqueline meint, man könne das Leben nicht aufs Geld reduzieren. „Die Ressourcen, die wir haben. Maschinen, Häuser, alles, was du brauchst zum ber bringen Kommunarden, die wie Steffi außerhalb arbeiten, nicht mehr Geld ein als diejenigen, die auf dem Hof arbeiten oder auch nicht arbeiten? Steffi findet’s gerecht. Weil sie es für „total ungerecht, eine Sauerei“ hält, dass „Leute, die unsere Lebensmittel herstellen und hart arbeiten, so wenig Geld für die Arbeit kriegen“. Das Prinzip ist einfach: Du gibst alles, auch dein Vermögen und deinen Haushalt, wenn du in die Kommune eintrittst, und nimmst im Folgenden, was du brauchst. Auf einen Zettel kritzelst du deinen Namen und die Summe. Es gibt eine zweite Liste für den Verbrauch von Summen über 150 Euro. Einmal im Monat wird während des Plenums über das Geld berichtet und es wird ein Bescheid vor dem Tagungsraum ausgehängt. A 8 08

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Foto: Yves Harmgart 08 Die Kommune in Fakten ° Gegründet 1986 ° Mitglieder zurzeit: 58 Erwachsene, 20 Kinder ° Berufe der Kommunardinnen und Kommunarden: von Pfarrerin bis zum Psychologen, vom Schreiner bis zum Schornsteinfeger, vom Landwirt bis zum Bauingenieur ° Niederkaufungen ist international, gehört zum Netzwerk Kommuja – einen Zusammenschluss politischer Kommunen in Abgrenzung zu spirituellen oder religiösen Gemeinschaften. Das Kommuja-Netzwerk umfasst gegenwärtig 33 Kommunen ° Wichtiger öffentlicher Termin: das jährliche Hoffest, findet im Jahr 2015 am 5. September statt ° Seit 2006 bilden Umwelt- und Nachhaltigkeitsinitiativen die Transition-Town-Bewegung „Stadt im Wandel – Zukunft im Wandel“; um auf knapper werdende natürliche Ressourcen zu reagieren, bilden sich Gemeinschaftsprojekte, die die Regionalund Lokalwirtschaft stärken und den Verbrauch fossiler Energieträger reduzieren wollen. In Deutschland soll es derzeit etwa 110 solcher Bürgerinitiativen geben. Eine davon ist in Kaufungen. Waschtag für 31 Frauen, 27 Männer und 20 Kinder. Natürlich gab es Menschen, die das Kommuneleben nicht aushielten, und es wird sie immer geben. Lebensumstände verändern sich, Partnerschaften zerbrechen, der Zeitgeist weht hinein. Dafür gibt es einen Ausstiegsvertrag, in dem zu Beginn des Kommunedaseins in etwa ausgehandelt wird, was du mitnehmen kannst, um „draußen“ neu anfangen zu können. Leben, Obst, Essen in bester Qualität, ohne Ende. Und falls dir mal was passiert, wirst du versorgt. Immer ist jemand für die Kinder da.“ schon Lebensformen ausprobiert“, sagt Steffi. „Hier einzutreten und zu leben, ist ein bisschen wie heiraten.“ Sie weiß, wovon sie spricht. Zu Jacquelines Aufgaben gehört es, in Kennenlernseminaren für die Kommune zu werben, damit auch Menschen unter 30 den Weg in ein alternatives Leben finden. Das Problem: Steffi ist 47, Jacqueline 44, Kathrin 45. Wie in der Gesellschaft steigt das Alter in der Kommune. Die Kommune wird nicht von einem Tag auf den anderen in Rente gehen, aber: „Die bei uns mitmachen wollen, kommen nach der Ausbildung zu uns und haben Mit Käserei, Schreinerei, Hofladen, Pflegestation, Kita arbeitet sie betriebswirtschaftlich. Eher ist sie ein Bohrinselchen, das menschliche Treib- und Rohstoffe fördert: Vertrauen, Solidarität, Gleichberechtigung, Selbstbestimmtheit. Eckhard Mieder 9 Foto: Yves Harmgart Das Nachwuchsproblem b die Kinder mal ihre Nachfolger werden? Steffis Tochter Hazal ist gerade für ein Jahr in Neuseeland. Ulis zwei Söhne sind schon fortgezogen. Die anderen Kinder sind zu jung für Zukunftsentscheidungen. Die Kommune ist eine Welt für sich, aber sie ist nicht die Welt. Eine „Insel im Meer des Kapitalismus“? O Mehr unter www.kommune-niederkaufungen.de

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Mitten im Leben SCHWERPUNKT: GERECHTIGKEIT & SELBSTBESTIMMUNG Nicos Farm e. V. ist ein kleiner Verein, der Großes will: Ein Wohnprojekt für Eltern mit behinderten Kindern und für Menschen, die Angehörige pflegen. Gemeinsam wohnen, gemeinsam leben, sich gegenseitig stützen und mittendrin im Alltag aller anderen. Foto: Arnold Schnittger (privat) Nicos Farm mit dem „Lichtermeer“. Nichtbehinderte Kinder basteln für behinderte Kinder Laternen. Dieses Jahr beteiligten sich 14 Städte am „Lichtermeer“. Foto: Frank Schwarz icos Farm ist noch jung. Im Jahr 2009 in Hamburg gegründet, schauen der kleine Verein und seine Unterstützer – zu denen auch der Barde Konstantin Wecker zählt – auf gerade mal fünf Jahre zurück. Die Idee, eine Gemeinschaft aufzubauen, in der Eltern mit ihren behinderten Kindern unter einem Dach leben und sich gegenseitig helfen, hatte Arnold Schnittger. „Ich hab das für Nico gemacht“, N sagt er. Nico ist sein Sohn, mittlerweile 20 Jahre alt und seit seiner Geburt behindert. Für ihn gab Arnold Schnittger den Beruf, „aber nicht das Leben“ auf. „Nico gibt so viel zurück“, erzählt der ehemalige Fotograf, „so viel Wärme, so viel Lachen.“ Diese Lebensfreude inmitten von Nichtbehinderten und außerhalb von Heimen soll bleiben, auch wenn der jetzt 63-jährige Vater sich eines Tages nicht mehr um den Sohn kümmern kann. Darum die Idee von einem gemeinsamen Haus für Kinder mit Handicaps, dazu die Eltern, behindertengerechte Wohnungen, ein WG-Haus für junge Erwachsene mit Beeinträchtigungen und Begegnungsmöglichkeiten mit den Nachbarn ohne Behinderung. V 10 iele Anläufe gab es für Nicos Farm, genauso viele Ablehnungen. Bis vor Kurzem. An einem dieser spätsommerlichen Tage im diesjährigen Oktober schiebt und zieht Arnold Schnittger freudig aufgeregt Nicos Rollstuhl über eine weitläufige, grüne Fläche. „Das wird Nicos Farm“, strahlt er. Zu sehen ist noch nicht wirklich viel auf diesem Areal in Amelinghausen, einer Samtgemeinde mit fünf Mitgliedsgemeinden und rund 8.400 Einwohnern, eine knappe Autostunde von Hamburg entfernt. Und doch ist das Wichtigste geschafft: Das Grundstück ist für das Projekt da. Direkt am Steinzeitpark, dahinter der glasklare Lopausee. Schöne Lage, Geschäfte, Kneipen, Kirche, Rathaus – alles gleich um die Ecke. In Hamburg wollte niemand in direkter Nachbarschaft so ein Inklusionsprojekt. Helmut Völker, der Bürgermeister von Amelinghausen schon. Die beiden Männer, Völker und Schnittger, lernten sich vor gut einem Jahr kennen. Der eine will Neues bieten in seinem Ort mitten in der Heide, zum Bleiben und Verweilen einladen. Und der andere hat mit seinem Verein längst Ideen für ein Miteinander ausprobiert, Leute zusammengebracht und konkrete Vorschläge in der Tasche. 08

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08 ie werden am selben schönen Oktobertag in Grätsch’s Gasthaus, dem ältesten in Armelinghausen, auf dem „Markt der Möglichkeiten“ präsentiert. Zusammen mit anderen Partnern, die ein Miteinander im Alltag und in der Gesellschaft fördern wollen. Abends rockt es dann im Saal, es findet ein erstes Benefizkonzert für Nicos Farm statt. Die Einnahmen fließen ausschließlich in das Wohnprojekt. Geplant sind 45 Wohnungen, verteilt auf mehrere Häuser, alle barrierefrei, alle mit Balkon. Einziehen können Eltern, die in ihrer Familie ein behindertes Kind haben. Egal, ob alleinerziehend oder als Paar. Willkommen sind auch – und das ist Arnold Schnittger besonders wichtig – Menschen, die jemanden zu Hause pflegen. Seine jahrelange Erfahrung sagt: „Familien, Eltern, die sich besonders kümmern müssen, stehen häufig allein mit ihren Problemen da. Im Miteinander geht manches besser, fröhlicher und freundlicher.“ Darum gehörten zum Projekt auch ein Haus mit Foto: Arnold Schnittger (privat) D Unterwegs für Inklusion: Arnold Schnittger und Nico (Bildmitte) wanderten im Jahr 2013 über 1000 Kilometer von Flensburg bis zum Bodensee. Überall gab es einen freundlichen Empfang. räumereien? Vielleicht. Aber sie sind so greifbar nahe. Für Nico, seinen Vater und für die vielen Unterstützer. Nicos Farm ist entworfen, der Ort gefunden, auch eine Bank, die Café, ein Restaurant, Praxen für Therapien, eine Wäscherei. T Gisela Zimmer fair verhandelt. Baubeginn für Nicos Farm, so der Wunsch, solle bereits nächstes Jahr sein. Aber schon jetzt ist jede und jeder willkommen, der so etwas wie Nicos Farm schon lange suchte, bislang aber nie fand. Platz für Häuser, Parkanlage und Garten: Im Grünen mitten in der Gemeinde Amelinghausen in Niedersachsen soll Nicos Farm entstehen. Mehr unter www.nicosfarm.de 11 Foto: Turid Müller

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SCHWERPUNKT: GERECHTIGKEIT & SELBSTBESTIMMUNG Ein Plädoyer für ein ganzes Leben in sozialer Sicherheit Von Katja Kipping Luxus ist es, am Morgen mit einem Kaffee barfuß auf dem regenwarmen Rasen zu stehen. Das sagte mir eine Freundin, als ich fragte, was für sie Luxus sei. Was ist eigentlich Luxus? wenn man andere fragt, was das gute Leben für sie bedeute, wird die ganze Fülle von Leben, von Bedürfnissen aufgeblättert. Wenn diese ausgesprochen werden, spürt man förmlich ein befreiendes Aufatmen. Endlich mal meinen Wünschen, meinem Sehnen, meinen Gelüsten eine Stimme geben. Sachzwänge, vermeintliche und echte, auf den Boden legen, darüber hinwegschreiten, federleicht. Und immer wieder blitzt ein Gedanke auf: Ein sicheres Leben, materiell, in Freundschaft und Partnerschaft, ist notwendig, die eigene Lebensfülle und die der anderen gedeihen zu lassen. Diese Sicherheit gibt Mut, Kraft und ermöglicht das Wagnis, Neues zu entdecken, statt ängstlich auf die nächste Fährnis, sprich auf die nächste Unsicherheit zu starren. icher gibt es viele Ansichten zu diesem Thema, genauso viele wie es Antworten auf die Frage nach dem guten Leben gibt. Aber etwas ist bemerkenswert: Immer S Katja Kipping ist seit 2005 Abgeordnete und sozialpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE und Vorsitzende der Partei DIE LINKE Materielle Sicherheit hat viele Facetten, ein Mindestmaß an unangefochtener sozialer Sicherheit und ermöglichter Teilhabe an der Gesellschaft gehört immer dazu. Diese Sicherheit befördert bereitwilliges Teilen mit anderen, im Kleinen wie im Großen, in der Familie wie mit anderen auf der Welt. Angst, die aus der Unsicherheit herrührt, schneidet die Solidarität weg. Diese bleibt beim Kampf ums Existenzielle, um das Stück Freiheit, das man behalten will, schnell auf der Strecke. enn Frauen über ihr ganzes Leben sprechen, wird meist schnell deutlich, dass wir in einer Gesellschaft leben, die den Menschen soziale Sicherheit verwehrt, von der Unsicherheit des Übermorgens und unserer Enkelkinder angesichts rasender Ressourcenvernichtung und ökologischer Folgen der kapitalgetriebenen Arbeit ganz zu schweigen. Unangefochtene soziale Sicherheit hieße nämlich, gemeinsam mit Partnerinnen, Partnern und Kindern zu entscheiden, wie wir unsere Zeit einteilen. Wie viel Erwerbsarbeit sein muss, wie viel Muße, wie viel po- W Foto: DIE LINKE 12 08

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08 azu kommt: Eine individualisierte Gesellschaft heißt auch, so hat es sinngemäß Ulrich Beck formuliert, das eigene Leben ständig neu zu verhandeln, weil gesellschaftliche Normierungen zwar weiterhin wirken, aber bröseln: Was bin litisches Engagement – wie viel Zeit wir uns nehmen füreinander, um das Notwendige der Sorge füreinander und das Spielerische miteinander. Was ist aber heute: Eingequetscht zwischen Beruf, Familie und „sozialer Infrastruktur“, zwischen (Sozial-)Behörden und dem Notwendigsten zum Leben bleibt das ganze Leben irgendwie auf der Strecke – selbst der frei gewählte Töpferkurs und die Wellnessoase scheinen eingezwängt in diesen Alltag, um mal kurz und tief und ruhig durchzuatmen. D Um das eigene Leben gut zu verhandeln, braucht es auch Freundinnen und Freunde, Partnerinnen und Partner – und diese zu haben, braucht auch Zeit. Zeit müsste so kostbar sein, dass sie verschenkt werden könnte. Paradox? Nein. Weil verschenkte Zeit mir und anderen Freiraum gibt, das ganze Leben zu erahnen und zu leben. eigentlich ich angesichts tradierter Rollenmuster, gesellschaftlicher Zuweisungen? Wie viele „Beziehungen“ darf ich haben und kombinieren? Ist der Job mein „Job“, der mich fordert, weiter befähigt? Wie viel Herzblut spende ich für welche politische Angelegenheit, im Betrieb, in der Bürger*inneninitiative, im Land? Auch diese Verhandlungen gehören zum ganzen Leben. amit jeder Mensch, der will, den Luxus des regenwarmen Grases am Morgen mit der Tasse Kaffee in der Hand genießen oder sich einen ihm genehmen Luxus leisten kann, bedarf es einer Menge gesellschaftlicher Veränderungen. Diese zu benennen, gemeinsam mit anderen zu diskutieren und zu erstreiten, ist immanent kultur- und kapitalismuskritisch und eine gehörige Portion politischer Sorgearbeit. DIE LINKE will mit einem Zukunftskongress und einer Kampagne diese Arbeit leisten, andere zu diesem Diskurs einladen. Denn eins ist jetzt schon sicher: Der Prekarität, der Unsicherheit des heutigen Lebens müssen wir gesellschaftliche Bedingungen entgegensetzen, die allen Menschen unangefochten soziale Sicherheit bieten – um das ganze Leben leben zu können. D 13 Illustration: Kristina Heldmann für ZITRUSBLAU

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Raus aus der Spur! Oder warum Frauen anders unterwegs sind SCHWERPUNKT: GERECHTIGKEIT & SELBSTBESTIMMUNG Sabine Leidig Gleiche Mobilitätschancen? Im öffentlichen Verkehr ist das eine Fehlanzeige. Zu den Gründen Sabine Leidig, verkehrspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE Frauen sind anders mobil als Männer. Wo liegen die Unterschiede? Sabine Leidig: Frauen legen viel mehr Wege zurück. Ihre Wege sind alltagsnäher, häufig unterbrochen durch kürzere oder längere Zwischenstopps. Frauen bewegen sich nicht von A nach B, sprich von der Wohnung zum Arbeitsplatz und zurück. Davor oder danach müssen die Kinder zur Kita gebracht oder abgeholt werden, das Gleiche gilt für die Schule, zwischendurch vielleicht noch ein Arztbesuch oder der Einkauf. Wenn man sich das Bewegungsmuster von Frauen im öffentlichen Raum anschaut, ist das viel netzförmiger als das von klassischen Männern. Wie werden diese besonderen Frauenlebenslagen bei der Verkehrsplanung mit gedacht? So gut wie gar nicht. In den 1980er Jahren existierte eine wirklich gut verankerte Forschung und Genderpolitik, die in die Verkehrs- und Stadtplanung auch Eingang gefunden hatte. Das ist längst verdrängt. Wenn in den Kommunen heute um den öffentlichen Personennahverkehr gestritten wird, schaut man zuerst darauf, wo sind die großen Arbeitgeber, welche Linien und Verbindungen müssen wir auf jeden Fall aufrechterhalten. Der zweite Punkt ist, dass Frauen viel häufiger zu Fuß unterwegs sind. Das wird absolut stiefmütterlich behandelt. In dem riesigen Bundesverkehrsministerium gibt es niemanden, der für den Fußgängerbereich zuständig ist, und nur eine kleine Abteilung kümmert sich ums Fahrrad. Da stellt sich schon die Frage, für wen wird der öffentliche Raum gestaltet? Wird der Ruf nach Chancengleichheit im Verkehrsbereich eher belächelt als ernst genommen? Also, was das Verkehrsministerium angeht, kann man sagen, dass Frauen und Frauenbelange überhaupt keine Rolle spielen. Verkehrspolitik ist extrem männlich dominiert, da ändert auch eine Staatssekretärin nichts. De facto ist es so, dass im Bundeshaushalt der Verkehrshaushalt der größte Investitionsposten ist. Da wird richtig viel Geld in Beton gegossen, der Löwenanteil fließt in große Projekte: in Autobahnneubau und -ausbau, in große Schienenprojekte wie Stuttgart 21. Damit werden auf Jahre hinaus Milliarden vergraben. An unendlich vielen kleinen und sinnvollen Stellen fehlt dieses Geld dann. Beispielsweise zum Umbau von Bahnsteigen, sodass man ungehindert mit dem Rollstuhl, Kinderwagen oder auch dem Fahrrad Zugang hat. Davon sind wir weit entfernt. Mobilität wird fast immer mit dem Auto in Verbindung gebracht. Für Menschen im ländlichen Raum Foto: Heiko Marquardt 14 08

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08 Foto: fotolia.de Das klingt nach langem Atem und viel Geduld? Man darf keine Illusionen haben, dass wir als Linke auf Bundesebene viel bewegen können. Auf kommunaler Ebene sieht das anders aus. Allein schon für so eine Nahverkehrsabgabe. In Erfurt gibt es eine tolle und sehr engagierte Gruppe, die auch die Innenstädte von Autos freimachen will und für Mobilitätsangebote im ländlichen Raum kämpft. Kommunal findet Das kostet! Stimmt, aber es ist finanzierbar. Auch aus Steuermitteln. Oder wir organisieren Abgabemodelle, wie sie in Frankreich üblich sind. Dort gibt es die Versement Transport, eine Nahverkehrsabgabe, die von Unternehmen mit zehn und mehr Beschäftigten bezahlt wird. Inzwischen ist es so, dass in 18 Regionen kostenloser Personennahverkehr angeboten und systematisch ausgebaut wird. Ich finde, solche Dinge müssen unbedingt auch bei uns diskutiert werden. bleibt häufig auch gar nichts anderes. Die Kita ist nicht im Ort, die Schule auch nicht, kilometerweit entfernt der nächste Supermarkt oder Arzt. Mit ganz viel Glück fährt morgens und nachmittags der Schulbus. Da bleiben Frauen mit Kindern, womöglich ohne eigenes Auto, doch im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke. Das ist ein absoluter Skandal. Mobilität ist eine öffentliche Aufgabe. Und der Staat muss dafür sorgen, dass es eine Möglichkeit gibt, von A nach B zu kommen, auch ohne eigenes Auto. Unsere Forderung ist, dass niemand auf das eigene Auto angewiesen sein darf. Dazu gibt es ja auch interessante Zahlen. Zwar haben die Frauen fast alle einen Führerschein, aber die Verfügbarkeit über ein Auto ist deutlich geringer als bei Männern. In Deutschland verfügen trotz Fahrerlaubnis 45 Prozent der Frauen nicht regelmäßig über ein Auto. Das bedeutet, öffentlicher Nahverkehr ist eine Aufgabe der Daseinsvorsorge und sie muss gewährleistet werden. Das Gespräch führte Gisela Zimmer auch die Stadt- und Regionalplanung statt. Die Konzentration von Schulen und Einkaufszentren ist nicht das Gelbe vom Ei. Das lässt sich kleinteiliger anlegen. Und wie gut das funktioniert, kann man sich in Schweden und anderswo anschauen. Wir müssen – das ist mein Plädoyer – mit anderen zusammenarbeiten. Mit Stadtplanerinnen und -planern, mit Umwelt- und Sozialpolitikern, mit Bürgerinitiativen. Denn die Frage der Mobilität ist natürlich auch eine soziale Frage. Sowohl, was es kostet, als auch, wer eigentlich abgehängt wird. Da braucht man Bündnisse, die über den Verkehrsbereich hinausgehen. FRAUEN SIND ANDERS MOBIL ° Männer greifen wesentlich häufiger zum Pkw, sind deutlich häufiger Selbstfahrer ° Frauen gehen in allen Altersgruppen mehr zu Fuß, nutzen häufiger als Männer den öffentlichen Verkehr ° Frauen haben einen höheren Anteil an Begleitund Einkaufswegen ° Männer legen erheblich mehr Wege aus Dienstgründen zurück ° Leben Kinder im Haushalt, ändert sich das Mobilitätsverhalten erheblich: Frauen sind zu einem weit höheren Anteil mit der Kinderbetreuung und Versorgung des Haushalts beschäftigt Quelle: Mobilität in Deutschland (MID) Foto: fotolia 15

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