Gegen Vergessen für Demokratie :: Mitgliederzeitschrift (83)

 

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25 Jahre Friedliche Revolution, DDR-Geschichte im Westen, Brandenburger Enquete-Kommission

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www.gegen-vergessen.de 83 / November 2014 FÜR DEMOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Gegen Vergessen FÜR DEMOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Gegen Vergessen 25 Jahre Friedliche Revolution weitere Themen: ■ DDR-Geschichte im Westen ■ Brandenburger Enquete-Kommission

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Editorial Liebe Mitglieder von Gegen Vergessen – Für Demokratie, liebe Freundinnen und Freunde, „Freiheit! Freiheit! Wir sind das Volk!“ Von September bis November 1989 zogen Menschen in Leipzig, Halle, Plauen, Rostock, Dresden und vielen anderen Städten in der DDR durch die Straßen und forderten mutig und vollkommen friedlich ein gemeinsames Leben in Freiheit. Diese Menschen waren es, die die Mauer gewaltlos zum Einsturz brachten und den Weg für die Wiedervereinigung ebneten. Daher feiern wir in diesen Tagen nicht nur den 25. Jahrestag der Friedlichen Revolution voller Dankbarkeit und mit Stolz – wir feiern vor allem die Menschen, die sie bewirkten. So steht auch unsere Zeitschrift ganz im Zeichen der Friedlichen Revolution: Der gehörlose Fotograf Volkmar Jaeger hat die Ereignisse in seiner Heimatstadt Leipzig im Herbst ‘89, die Friedensgebete und anschließenden Demonstrationen, in beeindruckenden Schwarz-Weiß-Bildern festgehalten. In seinen Aufnahmen sehen wir die Menschen hinter den Massen, wir blicken in die Gesichter derer, die sich nicht länger einsperren lassen, die frei und selbstbestimmt ihr Leben gestalten wollten, so wie es jedem Menschen zusteht. Es erscheint da fast zynisch, wenn die Debatte um den Begriff des „Unrechtsstaats“ in diesen Tagen aufs Neue entflammt und zeigt, dass vor allem bedeutende Teile der Partei DIE LINKE das Erbe der SED noch nicht überwunden haben. Die gesamte Verfassungsordnung der DDR war in Theorie und Praxis darauf ausgerichtet, einen pluralistisch-demokratischen Meinungsbildungsprozess zu verhindern und der Bürgerschaft grundlegende demokratische Rechte zu verweigern. Denn nach der sozialistischen Rechts- und Staatstheorie war der Staatsapparat, einschließlich der Justiz, ein Machtinstrument der herrschenden Klasse. Die Rechte des Einzelnen wurden diesem Machtanspruch brutal untergeordnet. Die DDR als Unrechtsstaat zu bezeichnen bedeutet dabei nicht, die individuelle Lebensleistung der Bürgerinnen und Bürger der DDR zu schmälern. Ganz im Gegenteil: Den Ostdeutschen muss für ihre Leistungen und Entbehrungen unter den schwierigen Bedingungen der ostdeutschen Diktatur höchster Respekt gezollt werden. Sie haben schließlich aus eigener Kraft und mit hoffnungsvollem Mut diesen Staat überwunden. Das Engagement und die Hoffnung der Menschen von damals machen uns auch Mut für das Heute. Mut, für die Demokratie einzustehen, brauchen wir mehr denn je! Denken wir an die Wahlerfolge der europakritischen und rechtspopulistischen AfD und die Entwicklungen in unseren europäischen Nachbarländern, sehen wir tiefe Risse in den Fundamenten unseres gemeinsamen Hauses Europa. Das Jubiläum der Friedlichen Revolution kommt genau richtig, um sich den Wert eines gemeinsamen Europas wieder vor Augen zu führen. Dies tut auch Bernd Faulenbach, wenn er in dieser Ausgabe beschreibt, wie die Menschen in Ungarn, Polen oder der Tschechoslowakei ebenso wie in der DDR auf die Straße gegangen sind und ihrem Wunsch nach Freiheit friedlich Ausdruck verliehen haben. Es ist kein Zufall, dass wir Leipzig als Ort für unsere diesjährige Mitgliederversammlung gewählt haben. Ich freue mich sehr darauf, gemeinsam mit Ihnen am 22. November über zukünftige Formen des Erinnerns zu diskutieren und 25 Jahre Friedliche Revolution zu feiern, an dem Ort, an dem sie ihren Ursprung nahm. Ihr Wolfgang Tiefensee Die diesjährige Mitgliederversammlung von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.  V. findet am Samstag, dem 22. November 2014 in Leipzig statt. In diesem Jahr wurde auf Wunsch vieler Mitglieder die Zeit für die Mitgliederversammlung deutlich verlängert. Wir werden diese im Zeitraum von 10.30 Uhr bis 17.00 Uhr im Neuen Rathaus Leipzig durchführen. Der Preis „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ und der Waltraud Netzer-Jugendpreis werden ebenfalls am 22. November 2014 verliehen. Preisträger sind die Regisseurinnen Yasemin und Nesrin Şamdereli für ihren Film „Almanya – Willkommen in Deutschland“ sowie das internationale Jugendworkcamp „Belarus“ der Evangelischen Jugend Bünde-Ost. Beginn der Preisverleihung ist um 19 Uhr. 2 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 83 / November 2014

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Inhaltsverzeichnis Die Themen in dieser Ausgabe Themen 1989 als Erinnerungsort der Demokratiegeschichte Nicht nur Zahlen und Fakten Zeitzeuge mit dem Objektiv Das DDR-Museum Pforzheim – ein Museum wandelt sich zum „Lernort Demokratie“ Brandenburger Sonderwege Aus unserer Arbeit Den Rechtsextremen die Plattform wegziehen „Wer bist du, dass du sowas sagst?“ Neonazis mobilisieren Jugendliche immer öfter über Internet-Plattformen RAG Münsterland: „Täter dürfen nicht das letzte Wort haben“ RAG Mittelhessen: Die Gedenkstätte „Point Alpha“ als Ort außerschulischen Lernens RAG Berlin-Brandenburg: Provenienzforschung. Ein Beitrag gegen das Vergessen. RAG Baden-Württemberg: Menschen, zu Nummern degradiert. Ein eigenes Denkmal setzen. RAG Unterweser-Bremen: Der Pianist – ein Film, der wirklich aufklärt Namen und Nachrichten Die Sektion Schleswig stellt sich vor Verleihung der Ohel-Jakob-Medaille in Gold an Dr. Hans-Jochen Vogel Das Massaker von Sant’Anna di Stazzema – Mit den Erinnerungen von Enio Mancini NS-„Euthanasie“: Gedenk- und Informationsort eröffnet Rezensionen Ernst-Jürgen Walberg bespricht – eine Sammelrezension: Halbes Land. Ganzes Land. Ganzes Leben. Erinnerungen. Herbst der Entscheidung. Eine Geschichte aus der Friedlichen Revolution 1989. Dreimal Deutschland und zurück. Wir Angepassten. Überleben in der DDR. Lebensmittelrationierung und jüdischer Alltag im Zweiten Weltkrieg Jüdisches Leben – wunderbar erzählt Neue Überblicksdarstellungen zum deutschen Widerstand 40 36 37 38 39 19 21 22 24 26 28 31 32 34 4 7 11 13 16 43 44 45 Impressum 46 Vorstand und Beirat 47 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 83 / November 2014 3 Inhalt

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Thema Bernd Faulenbach 1989 als Erinnerungsort der Demokratiegeschichte 25 Jahre nach 1989 stellt sich die Frage nach der Bedeutung der Umwälzung jenes Jahres aus einer gewissen Distanz. Zwar spielt das Erleben dieses Umbruchs immer noch eine bedeutsame Rolle, doch steht 1989 aus heutiger Sicht für das Ende der kommunistischen Herrschaft in der DDR und in Osteuropa und für die Überwindung der deutschen und der europäischen Spaltung. Damit zusammenhängend ist 1989 zum Erinnerungsort der Demokratiegeschichte geworden. Am Anfang standen die Entwicklungen in Polen und in Ungarn. In Polen hatte es angesichts der schlechten Wirtschaftslage Massenproteste gegeben, die zeitweilig verbotene Gewerkschaft Solidarność vertrat erneut große Bevölkerungsteile. In dieser Situation ging die Machtelite, gedrängt von Reformkräften, auf die Oppositionsbewegung zu, ein Runder Tisch entstand, ein Weg zu freien Wahlen wurde eingeleitet. Garton Ash hat von einer „Refolution“ gesprochen, gemeint ist damit eine Verbindung aus Reform und Revolution, eine friedliche Überwindung der Diktatur, die unter dem Druck einer Massenbewegung stand. In Ungarn wurde der Umbruch stärker von einer Reformelite in Gang gesetzt, die das System grundlegend verändern wollte, was in Ungarn eine Demokratiebewegung freisetzte und in Europa den Eisernen Vorhang niederriss. man von einem Dominoeffekt sprechen. Sicherlich waren die kommunistischen Systeme in eine Krise geraten. Doch dass sie schließlich abgeschafft wurden, lag auch an der besonderen Konstellation, in der sich späte Reformversuche – Gorbatschows, der ungarischen Reformkommunisten –, das mutige Handeln von Oppositionsgruppen und friedliche Massenproteste überlagerten. Von besonderer Bedeutung für den Gesamtprozess war die Entwicklung in der DDR. Hier spielten Reformkräfte im Staats- und Parteiapparat keine Rolle. Eine Ausreisebewegung, die durch die Grenzöffnung in Ungarn verstärkt wurde, schwächte das System und hatte letztlich die Maueröffnung zur Folge, die die weitere Entwicklung prägte. Von größter Leipziger Montagsdemonstration 1989 – am Georgiring. Stärker als noch vor wenigen Jahren betonen wir heute den europäischen Zusammenhang. Gewiss: Überall gab es spezifische Formen der Veränderung, doch auch manche Gemeinsamkeiten. Der Sturz kommunistischer Diktaturen und die Etablierung von Demokratien verliefen in den verschiedenen Ländern zeitlich versetzt; gleichwohl waren die Prozesse miteinander verbunden. Stark vereinfacht mag Fotoreihe Leipziger Montagsdemonstration 1989: Volkmar Jaeger © Kunstblatt-Verlag Dresden 4 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 83 / November 2014

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Bedeutung war auch die Bildung oppositioneller politischer Gruppen, unter anderem des „Neuen Forums“, des „Demokratischen Aufbruchs“, von „Demokratie Jetzt“, der sozialdemokratischen SDP (einer Partei, deren Gründung bereits die Machtfrage aufwarf und das System in Frage stellte): Gründungen, zu denen im September/Oktober 1989 noch viel Mut gehörte. Die Menschen begannen ihre Angst zu überwinden, sie formulierten Forderungen, es kam zu Massendemonstrationen in Leipzig, in Plauen, in Dresden, in vielen Städten. Gefordert wurden Bürgerrechte, Demokratie und – nach dem Mauerfall, der zum Symbol der deutschen Umwälzung wurde – zunehmend die Wiedervereinigung. Nach dem 9. Oktober in Leipzig, als die Gesamtsituation „auf Spitz und Knopf“ stand und die Staatsmacht vor den 70.000 der Montagsdemonstra- tion zurückwich, ließ sich die Bewegung nicht mehr stoppen. Die Umwälzung, die auf die Realisierung demokratischer Verhältnisse zielte, erlebte hier ihren Durchbruch, nicht nur in der DDR, sondern in ganz Ostmitteleuropa und Südosteuropa. Die „Samtene Revolution“ der Tschechoslowakei folgte, auch hier spielten Massenproteste eine Rolle, die durch die Opposition in demokratische Bahnen gelenkt wurden. In ganz Südosteuropa wurden nun die kommunistischen Systeme abgelöst, wobei Teile der bisher die Systeme tragenden Kräfte mancherorts vorangingen; der Anteil von Bürgerbewegungen war hier geringer. Blutvergießen kostete die Umwälzung in Rumänien. Ende 1989 waren die kommunistischen Regime überall überwunden. Auch in der Sowjetunion lief der Veränderungsprozess; hier brauch- Leipzig: „Gorbi-T-Shirt“, geschmuggelt aus der UdSSR. te er mehrere Jahre, war wesentlich von oben angestoßen, durchlief verschiedene Phasen und kam erst 1991 zu einem gewissen Abschluss. Das Ganze war eine europäische Umwälzung, allenfalls vergleichbar mit der Revolution 1848/49 oder den Systemwechseln nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg, auch sie Erinnerungsorte der Demokratiegeschichte. Man hat von einer dritten Welle der Demokratiegründungen in Europa gesprochen. Die erste erfolgte nach dem Ersten Weltkrieg, doch war der Sieg der Demokratie vielerorts nicht von Dauer. Die zweite Welle nach 1945 war auf den Westen Europas beschränkt, während im Osten kommunistische Regime etabliert wurden, die freilich insbesondere in Ostmitteleuropa auf erhebliche Widerstände stießen. Die dritte Welle hat die Zeit der Diktaturen in Europa endgültig überwunden. Zwischen 1989 und 1991 kam – wie Eric Hobsbawm formuliert hat – das „Zeitalter der Extreme“ an sein Ende. Mit dem Zeithistoriker Andreas Wirsching lässt sich für die Zeit seit 1991 feststellen: „Wie nie zuvor in der Geschichte […] war die europäische Identität eine demokratische Identität, neben der weder diktatorische noch autoritäre, weder nationalistische noch utopistische Alternativen eine echte Chance hatten.“ 1989 wird in den verschiedenen Ländern Europas jeweils in spezifischer Weise er- » Leipziger Montagsdemonstration 1989: „Krenzenlose Umgestaltung …“, eine Aufforderung zum Rücktritt von Egon Krenz und damit der SED-Diktatur, um den Weg freizumachen für Reformen. Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 83 / November 2014 5 Thema

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Thema Leipziger Montagsdemonstration 1989: Mahnwache vor der „Runden Ecke“ mit abgelegten Transparenten des Tages. » innert. Der Herbst 1989 mit dem Sturz des SED-Regimes, der für die Deutschen die Wiedervereinigung möglich machte, gehört zu den Freiheitsbewegungen der deutschen Geschichte und hat deshalb zu Recht Eingang in das Museum der deutschen Freiheitsbewegungen in Rastatt gefunden. Andernorts war die Umwälzung nicht vergleichbar spektakulär, doch eine Zäsur war 1989 für ganz Europa. Allerdings wurde das Urteil über 1989 teilweise beeinflusst durch den folgenden schwierigen Transformationsprozess, in dem sich manche als Verlierer fühlten. Keine Frage auch, dass während des Umbruchs auch unrealistische Erwartungen Resonanz fan- den und zu Enttäuschungen führten, die die Erinnerung bis heute überlagern. Jedenfalls war 1989 nicht das „Ende der Geschichte“, wie damals ein amerikanischer politischer Philosoph meinte. Der anfängliche Optimismus wurde durch verschiedene Ereignisse beeinträchtigt, etwa den jugoslawischen Bürgerkrieg. Demokratie schien dennoch zum universalen Leitbild zu werden. Selbst die arabische Welt erlebte – so meinten viele im Westen – einen demokratischen Frühling. Viele Hoffnungen haben sich nicht erfüllt; die Utopie einer demokratischen Weltordnung ist in weite Ferne gerückt. Jetzt mehren sich skeptische Stimmen: Regressionen sind möglich – selbst in Europa. Man denke an Ungarn oder an Russland. Demokratien mit Rechtsstaatlichkeit, Parlamentarismus, Gewaltenteilung und Sozialstaatlichkeit bilden sich in Prozessen heraus und bedürfen der Fundierung durch eine demokratische Kultur. Sie bleiben gefährdet und können deformiert werden, wie das Schlagwort von der Postdemokratie unterstellt. Demokratie ist jedenfalls eine ständige Aufgabe, auch in Deutschland. Auch daran erinnert die 25. Wiederkehr des Herbstes 1989. Zugleich aber macht sie uns Mut auch in schwierigen Zeiten. ■ Prof. Dr. Bernd Faulenbach ist Historiker und stellvertretender Vorsitzender von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. Fotoreihe Leipziger Montagsdemonstration 1989: Volkmar Jaeger © Kunstblatt-Verlag Dresden 6 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 83 / November 2014

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Nicht nur Zahlen und Fakten Interview mit Wolfgang Tiefensee zur Vermittlung der DDR-Geschichte im Westen Foto: Kay-Uwe von Damaros Viele Schüler halten die DDR für ein Fabelland oder meinen, die Alliierten hätten die Mauer gebaut. Was läuft schief? Das ist leider so. Ich habe auch erlebt, dass Schüler Erich Honecker zum Bundeskanzler erkoren oder die Mauer mit der in China verwechselten. Die Schulen legen zu wenig Wert auf die jüngere Geschichte. Ich stelle immer wieder fest, dass die jüngere deutsche Geschichte in den letzten vier Wochen vor Abschluss der Realschule oder des Gymnasiums behandelt wird. Da aber noch die Reise nach Paris ansteht und die Französische Revolution plötzlich länger dauert, bleiben nur zwei Stunden für die wichtige Zeit von 1949 bis 1989. Da frage ich mich: Ist der Geschichtsunterricht am Zeitstrahl wirklich modern? Wie wäre es, den Geschichtsunterricht nach Themenblöcken zu ordnen, etwa nach unterschiedlichen Staatsformen wie Demokratie, Diktatur und Monarchie, und diese im Laufe der Zeit zu betrachten? Schule ist Ländersache. Wie wollen Sie die Länder auf Ihre Ideen aufmerksam machen? Unser Verein führt Gespräche mit der Kultusministerkonferenz. Wir hoffen, dass wir ein paar Pflöcke einschlagen können. Die Ergebnisse müssen mindestens in einen Appell an die Landeskultusminister münden, mehr Aufmerksamkeit auf die jüngere Geschichte zu legen – ob das nun im Ethikunterricht oder im Fach Geschichte passiert. Wolfgang Tiefensee wirbt für eine größere Berücksichtigung jüngerer Geschichte in der Schule. Am mangelnden Schulunterricht allein kann es aber nicht liegen Nein. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Eltern könnten mit ihren Kindern auch mal eine ostdeutsche Stadt besuchen statt Rom oder London. Ich behaupte, dass noch immer nicht alle Westdeutschen – um diese platte Bezeichnung weiterhin zu verwenden – den Fuß mal auf den Boden der neuen Bundesländer gesetzt haben. Aber auch die Medien sind gefordert: Mein Appell richtet sich an das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Es muss aufklären – und zwar nicht erst um 23 Uhr, sondern zu guten Sendezeiten und mit sachlichen Dokumentationen und hervorragenden Filmen wie „Das Leben der Anderen“. Die alten Bundesländer haben keine Diktatur aufzuarbeiten. Warum müssen sich Schüler trotzdem mit der DDR im Unterricht quälen? Wir sind ein Land. Beide Teile haben ihre Geschichte mitgebracht. Ich erinnere mich an einen Westdeutschen, der mal zu mir sagte: „Ist euch Ostdeutschen schon mal aufgefallen, dass wir immer nach eurer Vergangenheit fragen? Dass ihr immer von eurer Vergangenheit erzählt? Für uns aber, für meine Jugend und für das, wofür ich als Student kämpfte, interessiert sich niemand.“ Der Mann hat mir verdeutlicht, dass wir uns wechselseitig interessieren müssen. Dass wir miteinander reden müssen und nicht übereinander. » Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 83 / November 2014 7 Thema

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Thema Warum ist die Aufarbeitung der DDRDiktatur so wichtig? Weil wir die richtigen Schlüsse aus der Vergangenheit ziehen müssen, das ist ein großes Anliegen unseres Vereins. Wir lernen, was das für unser politisches Handeln und die Zukunft bedeutet. Leipziger Montagsdemonstration 1989: „… das Volk will Reformen.“ » In den alten Bundesländern gibt es dafür aber nur ein DDR-Museum. Und wir sind froh, dass wir es haben! Als Verein haben wir geholfen, die Finanzierung zu sichern. Aber natürlich wünsche ich mir, dass mehr aus der Zivilgesellschaft kommt. Wir können das mit Fördergeldern unterstützen. Aber von oben dekretieren dürfen wir das nicht. Wenn bestimmte Impulse aus der Bürgerschaft kommen, helfen wir auch gerne als Verein, um zum Beispiel in den zuständigen Ministerien vorstellig zu werden. Es wäre toll, wenn es mehr Ausstellungen und vielleicht auch noch das eine oder andere kleine Museum gäbe. 25 Jahre nach dem Mauerfall erscheinen zum Jubiläum viele Publikationen. Hat die Forschung davor zu wenig getan? Nein, aber es gibt noch viel zu tun. Vor allem auf westdeutscher Seite. Wie hat sich die Bundesrepublik 1989 verhalten? Gegen welche Schwierigkeiten hatte Kanzler Willy Brandt anzukämpfen wegen seiner Ostpolitik? Wie hat Helmut Kohl sie fortgesetzt? Alles Fragen, die noch beantwortet werden müssen. Und wenn sie beantwortet sind? Dann müssen wir die Ergebnisse der Forschung auf die europäische und gesamtdeutsche Ebene übertragen. Ich mache Welche Lehren ziehen Sie? Wir betrachten demokratische Rechte als in Stein gemeißelt. Das sind sie aber nicht. Stammtischparolen und niedrige Wahlbeteiligungen zeigen, dass demokratische Spielregeln nicht von allen das, indem ich Jugendlichen nicht nur die Zahlen und Fakten der Geschichte beibringe, sondern Zeitzeugen erzählen lasse. Ein Lehrer, der zu DDR-Zeiten Geschichte unterrichtet hat, ist genauso interessant wie ein Bürgerrechtler. Leipziger Montagsdemonstration 1989: An der „Runden Ecke“, der Stasi-Zentrale. 8 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 83 / November 2014

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verstanden werden. Immer wieder belegen Studien, dass ein zu großer Teil der Bevölkerung menschenverachtend über Ausländer und Langzeitarbeitslose denkt. Dieser Teil hat das Gemeinwesen nicht verstanden. Wenn ich sage, dass meine Stimme bei Wahlen eh kein Gewicht hat und die Politiker da oben machen, was sie wollen, dann führe ich Wahlen ad absurdum. Wenn ich in meiner Stadt einen Missstand erkenne und nichts dagegen tue, dann gefährde ich das Gemeinwohl. Hundertmal mein Wohl ist nicht Gemeinwohl. Wenn ich mich zurücklehne, überlasse ich den Freiraum den Parteien mit den Tütensuppen-Argumenten: Man Leipziger 1989: Alle machen mit – Punks vor dem Hauptbahnhof. nehme, man gieße auf, fertig. So einfach ist das aber nicht. Wir dürfen das Feld nicht den Neo-Nazis überlassen. Oder der Linkspartei. Die SED-Nachfolgepartei hat noch immer Probleme im Um- gang mit der DDR-Aufarbeitung. Wir haben es mit einer demokratischen Partei zu tun, die in Stadträten, Landtagen und im Bundestag sitzt. Das Thema Aufarbeitung durch die Linke ist aber nach wie vor ein Thema. Wenn die Linken-Politikerin Gesine Lötzsch, die im Bundestag dem Haushaltsausschuss vorsitzt, engen Kontakt zu ehemals ranghohen Stasi-Offizieren pflegt, sie damit hoffähig macht und dezidiert kommunistische Auffassungen vertritt, ist das unerträglich. Ich habe mit der Linken aber in meiner Stadt auch konstruktiv zusammengearbeitet. Ich stehe einer rot-rot-grünen Koalition eher skeptisch gegenüber, will aber keine Ratschläge geben. Die glasklare Klassifizierung der DDR als Unrechtsstaat ist Bedingung einer solchen Koalition. Ich wünsche mir, dass sie endlich auch Mehrheitsmeinung in der Linken wird. Als Verkehrsminister kümmerten Sie sich um den Aufbau Ost. Wo stehen die neuen Bundesländer heute? Man kann es in fünf Worten sagen: viel erreicht – viel zu tun. Zuerst das Positive bitte. Wir haben Unglaubliches geschaffen: Wohnungen, Pflege, Schulen und Hochschulen, saubere Flüsse und Luft, demokratische Formen, Reise- und Demonstra- » Leipziger Montagsdemonstration 1989: Ein „Letzter Gruß“ am Zaun im Dittrichring nahe der „Runden Ecke“. Fotoreihe Leipziger Montagsdemonstration 1989: Volkmar Jaeger © Kunstblatt-Verlag Dresden Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 83 / November 2014 9 Thema

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Thema Leipziger Montagsdemonstration 1989: Menschenkette im Dittrichring direkt an der „Runden Ecke“– die Volkspolizei kann nur „Streife laufen“. » tionsfreiheit. Alles, was wir uns vor 1989 erträumt haben, ist Realität geworden. Wir haben die Ärmel hochgekrempelt, Westdeutschland und Europa haben geholfen. Das erfüllt mich mit Genugtuung und Stolz. Und was gibt es noch zu tun? Wir haben die soziale Einheit Deutschlands noch nicht vollendet. Die Arbeitslosenquote in den neuen Bundesländern ist höher, das Lohnniveau niedriger. Die demografische Entwicklung geht mit schweren Verwerfungen einher. Der Wirtschaft fehlt es noch an Stabilität und Innovationskraft. Aus dem Mittelstand kommt zu wenig für die Forschung. Und an großen Unternehmen mangelt es leider auch noch. Aber: Wenn wir auf die Arbeitslosigkeit und das Bruttoinlandsprodukt schauen, ist es nicht mehr so, dass alle westdeutschen Bundesländer oben stehen und selbst das stärkste ostdeutschen Bundesland nicht ans schwächste westdeutsche heranreicht. Sondern: Die ostdeutschen Länder reihen sich mittlerweile in die Perlenkette ein. ■ Leipziger Montagsdemonstration 1989: Das Friedenslicht auf die Straße getragen. Das Interview führte Markus Bauer, Historiker und Parlamentskorrespondent für das Magazin „Focus“. Fotoreihe Leipziger Montagsdemonstration 1989: Volkmar Jaeger © Kunstblatt-Verlag Dresden 10 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 83 / November 2014

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Zeitzeuge mit dem Objektiv Interview mit dem Fotografen Volkmar Jaeger Der 1928 in Leipzig geborene gehörlose Foto-Grafiker Volkmar Jaeger hat die Ereignisse in Leipzig während der Montagsdemonstrationen 1989 mit seiner Kamera festgehalten. Mit diesen Fotografien überliefert er eine faszinierend-unmittelbare Perspektive auf die damaligen Geschehnisse. Volkmar Jaeger arbeitete fast ausschließlich schwarzweiß. In den 1950er- und Was hat Sie 1989 bewogen, mit Ihrer Fotodokumentation das Risiko einzugehen, sich gegen die Staatsgewalt zu stellen? Ein paar Tage nach dem Einmarsch der US-Amerikaner in Osterfeld, am 12. April 1945, dachte ich in politischer Hinsicht um. Mit damals 17 Jahren war ich noch indoktriniert vom NS-Gedankengut. Ausgerechnet eine Biene bewirkte mein Umdenken. Sie hatte mich ins Augenlid gestochen. Mein Gesicht schwoll an, ein Auge war zu. Ich schrie – im Glauben, nun käme die Blindheit zur Taubheit hinzu. Zwei US-Soldaten nahmen mich gegen meinen Willen unter die Arme und brachten mich zu ihrem Truppenarzt. Am nächsten Tag war die Schwellung weg. Als mir gesagt wurde, dass jener Arzt ein Jude war, zerplatzte mein Glaube an die Nazi-Ideologie. Damals schwor ich, keiner Partei mehr beizutreten. Ich denke zwar politisch, aber nicht mehr parteipolitisch. Leute, die ihre Meinung bilden und kritisch wahrnehmen, wurden zu meinem Vorbild. Darunter war mein Gymnasiallehrer Dr. Alfred Förster in den Jahren 1946 bis 1949. Er lehrte mich, weiter zu denken. Während einer propädeutischen Stunde erläuterte er, dass eine Schein-Demokratie in den westdeutschen 60er-Jahren hatte er zunächst damit begonnen, mit seinen Bildern kleine Geschichten aus dem Alltag des von ihm bereisten Nachkriegsdeutschlands zu erzählen oder Menschen in ihrer Arbeitswelt abzubilden. Mit dem Mauerbau 1961 zog er sich vorerst aus der Fotografie zurück. Erst die Montagsdemonstrationen erweckten seinen Entdeckergeist neu. Foto: Matthias Mauersberger fünf Studienjahren erlebte ich politische Schwierigkeiten durch meine wahrheitssuchenden Fotografien. All diese Umstände haben mich drei Monate vor dem Mauerfall bewogen, mich für die Bürgerrechtsbewegung einzusetzen und fast regelmäßig an der Leipziger Demo teilzunehmen und dabei auch persönliche Risiken einzugehen. Dennoch trat ich keiner Organisation bei. Wen es interessierte, wusste ja, dass man sich montäglich 17 Uhr in der Nikolaikirche zum Friedensgebet einfinden konnte. Auch die Teilnahme an der Demo fand anfangs eher spontan und für mich ohne System statt. Wie haben Sie die Stimmung während der Demonstration empfunden? Welch ein mulmiges und doch wunderbares Gefühl, unter den Demonstranten zu sein. Wir gleichgesinnten Taubmenschen kämpften friedlich und stark, indem wir mit meistens unbekannten Hörmenschen gemeinsam marschierten. Dabei machten wir uns miteinander vertraut, ohne uns einander vorzustellen. Es war eine selbstverständliche Verbrüderung, die uns im Trotz gegen das Risiko bestärkte. Alle res- » Volkmar Jaeger, 2012 Zonen und die wahre Demokratie im sowjetzonalen Gebiet existiert. Da brach eine Lachsalve von Seiten der Schüler los. Dr. Förster blieb gelassen und erwiderte ruhig: „Ihr wisst also Bescheid“. Ich wurde in meinem Denken bestärkt, dass das SED-System das Menschenrecht nicht ganz vertrat. Nicht nur wegen meiner Taubheit, sondern vor allem wegen meiner bürgerlichen Herkunft konnte ich zunächst weder Medizin noch Fotokunst studieren. Erst beim dritten Anlauf wurde ich zum letztgenannten Studium zugelassen, weil mein Mentor, Dr. Rudolf Lindner, von der Verhaftung meines Vaters durch die Nazis erzählt hatte. In den Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 83 / November 2014 11 Thema

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Thema (Gehölosen-)Pfarrer Heinz Weithaas beim Dolmetschen auf der Empore in der Nikolaikirche, November 1989 » pektierten einander und waren bereit, einander zu beschützen. Zuvor hatten mich meine Kollegen gewarnt, dass ich einen Warnruf nicht hören würde. Zunächst marschierte mein Sohn Halldor mit – als Mitkämpfer und Dolmetscher. Später, als er beruflich verhindert war, sprang Pfarrer Heinz Weithaas ein – sowohl in der Nikolaikirche, dem Ausgangspunkt der Demo, als auch bei der Demo um das Stadtzentrum. Wir bekamen das erhabene Gefühl zu „hören“. Können Sie in wenigen Worten etwas zur Gehörlosen-Gemeinschaft vor 1989 und danach sagen? Beim internationalen Foto- und Filmfestival der Gehörlosen in Primorsko / Bulgarien vor der ‚Wende‘, trafen wir uns aus Ost und West. Ich lernte unterschiedlichste Dialekte, nationale Sprachen und Westkul- tur kennen. Sollten wir uns nicht verstanden haben, wiederholten wir das Bildhafte mit der Hand. Das Anschauliche machte weniger Probleme. Das fördernde Verstehen belebte die Unterhaltung in herzlicher Atmosphäre, so dass wir gleichsam kein Ausland mehr kannten – schönste Internationalität. Aber die Annäherung an die Westleute wurde von einigen, mitgekommenen SED-Parteigenossen nicht gern gesehen. Ich verhielt mich deshalb vorsichtig, wenn ich offen über die Demo und ihren möglichen Erfolg gebärdete. Bei der Wechselgebärde lernte ich eine Gebärdensprache kennen, die im Westen grammatikalisch höher entwickelt war. So begann ich einzusehen, wie wertvoll die Gebärdensprache im erweiterten Sinn sein kann, ohne die Schriftsprache nebst der Lautsprache zu vernachlässigen. Der Bilingualismus sprengt die Schranken, beschleunigt die geistige Entwicklung und stärkt unser Selbstwertgefühl gegenüber Hörenden. Wir Menschen ohne Hörsinn leben ja innerhalb der lauten Welt, die wir nicht ignorieren können – wie auch umgekehrt. Wir wollen unsere eigenständige Kultur selbst organisieren und nach vorn entwickeln wie jedes Volk seine Eigenständigkeit. Nicht mehr die Kultur Hörender übertreffen zu wollen, sondern die Kultur der Nichthörenden auf eigenar- tige Weise voranzutreiben, war der erste Schritt im Umdenkprozess meines Lebens. Ich kam zur Erkenntnis, dass der visuelle Ausdruck die Grundlage unserer Vorstellung ist. Das Lautsprechen speichert laut Samuel Heinicke im Hirn die Wörter und nach Abbé de le Epée das Gebärden unser Wissen und Denken. Beide Methoden ergänzen sich bei der geistigen Entfaltung der Nichthörenden. Der Wille und der Glaube an die Zukunft bringen die Gehörlosenbewegung erneut ins Rollen und bereichern die stille Welt weiterhin. Wie bewerten Sie heute die Folge der Montagsdemonstrationen vom Herbst 1989? Heute können wir reisen ohne Grenzen und haben vor allem die volle publizistische Freiheit! Ich denke besonders an meine Ausstellungen im Museum der bildenden Künste Leipzig, im Justizzentrum Magdeburg und an die Veröffentlichung meines ersten Fotobuches beim Kunstblatt-Verlag Dresden, sowie Veröffentlichungen meiner Texte in diversen Zeitschriften und durch die Berichte der BR-Sendungen „Sehen statt Hören“. Es ist schön zu erleben, dass meine Fotografien „ausgegraben“ werden und wieder wichtig sind. Mein Unabhängigkeitsdrang war nicht umsonst. Meine in der Vergangenheit oft angezweifelten Fähigkeiten wurden anerkannt und gewürdigt. ■ Foto: Volkmar Jaeger Das Interview führte Alexander Atanassow, Mitglied von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V.. Herzlichen Dank an Volkmar Jaeger, uns seine Fotografien zur Gestaltung dieser Zeitschrift zu überlassen. Weitere Fotos unter: www.volkmar-jaeger.de Anzeige Volkmar Jaeger – Ich sehe den Menschen. Ich höre ihn nicht. Ein beeindruckendes Zeitzeugnis aus dem Nachkriegsdeutschland besticht vor allem durch sein unerbittliches Festhalten der Situation, im Allgemeinen aber durch seinem Bezug auf das einzelne Individuum. Bei der Foto-Auswahl für seinen ersten Band liegt der Schwerpunkt auf Straßenfotografie, vorrangig in den Fünfzigern, also der zweiten Friedensdekade nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland – Ost wie West. Volkmar Jaeger bereiste zwischen 1953 und 1961 mehrfach deutsche Städte und Regionen, wie z.B. Berlin, Hamburg, Köln, das Ruhrgebiet oder Mitteldeutschland. Mit dieser Monografie wurde gleichsam eine Lücke in der Geschichte der DDR-Fotografie geschlossen und die Gesellschaftsrelevanz der kulturellen Belange von Fotografie verdeutlicht. Volkmar Jaeger gehörte fest zur Leipziger „gruppe“ sowie kurzzeitig zur Gruppe „action fotografie“. Volkmar Jaeger – Ich sehe den Menschen. Ich höre ihn nicht. Hrsg.: Alexander Atanassow / Kunstblatt-Verlag Dresden Festeinband, 200 Seiten, 190 SW-Fotos, Duoton-Druck, 27 x 25 cm ISBN 978-3-938706-44-2 · Preis: 29,95 € | 30,80 € (A) | 53,00 sFr (CH)

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Birgit Kipfer Das DDR-Museum Pforzheim – ein Museum wandelt sich zum „Lernort Demokratie“ 69 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und fast 25 Jahre nach der Friedlichen Revolution in der ehemaligen DDR wachsen in Deutschland junge Menschen heran, für die Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit eine Selbstverständlichkeit sind – fast wie ein Naturgesetz. Wer nicht weiß, wie es auch anders sein kann, entwickelt wenig Gespür für Demokratie gefährdende Tendenzen in unserer Gesellschaft. „Eine Demokratie ist nicht einfach da – und vor allem – sie bleibt nicht von allein.“ Joachim Gauck Mit diesem Satz im Kopf gingen wir im Jahr 2012 daran, mit Mitteln des Landes Baden-Württemberg und auch von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.  V. die Stiftung „Lernort Demokratie – Das DDR-Museum Pforzheim“ zu gründen, um die Privatsammlung von Klaus Knabe mit über 3.000 Objekten und über 4.000 Büchern im DDR-Museum in Pforzheim für die Zukunft zu erhalten. Klaus Knabe ist ein Mann aus Dresden, der kurz vor dem Mauerbau mit seiner Frau in den Westen nach Pforzheim ging, um sich eine neue Existenz aufzubauen. Unmittelbar nach der Wende begann er alles zu sammeln, was über Nacht in der DDR wertlos erschien. Seit 1998 zeigte er seine Sammlung öffentlich, im Jahr 2003 entstand mit Hilfe der Stadt Pforzheim und des im Jahr 2000 gegründeten Pforzheimer Vereins „Gegen das Vergessen e.  V.“ mit finanzieller Unterstützung der „Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur“ das DDR-Museum in seiner heutigen Gestalt. DDR-Geschichte tief im Südwesten Dieses Museum bringt die Geschichte der deutschen Teilung tief in den Südwesten Deutschlands. Gerade weil Pforzheim fernab der ehemaligen innerdeutschen Grenze liegt, ist es eine besondere, aber auch unerlässliche Herausforderung, die Geschichte der beiden deutschen Staaten als gesamtdeutsche Geschichte hier in Erinnerung zu rufen. Zusätzlich schaffen ehemalige DDR-Bürger, Flüchtlinge oder aus der DDR-Haft freigekaufte Menschen im dortigen Förderverein „Gegen das Vergessen e.  V.“ durch ihre persönlichen Erlebnisse und Erzählungen einen lebendigen Zugang zu » Außenansicht des Museums in Pforzheim. Foto: DDR-Museum-Pforzheim Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 83 / November 2014 13 Thema

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Thema Fotos: DDR-Museum-Pforzheim gesprochen und diskutiert wird. Damit wollen wir zur Reflexion über die Werte anregen, die heute Grundlage ihres Lebens in Deutschland sind: die Möglichkeit zu sagen, was sie denken; die Freiheit zu leben, wie sie wollen; zu reisen, wohin es sie drängt; und die Gewissheit zu haben, in einem Rechtsstaat zu leben, vom Staat geschützt und nicht verfolgt zu werden. Andere Erfahrungen mit totalitären Staaten einbeziehen Pforzheim ist eine Stadt mit einem besonders hohen Anteil an Jugendlichen ausländischer Herkunft. Häufig genug haben sie oder ihre Eltern selbst in totalitären Systemen gelebt. Ihnen die gesamtdeutsche Geschichte und unseren Staat als freiheitlichen, demokratischen Rechtsstaat zu vermitteln, begreifen wir als besondere Herausforderung. Auch aus diesen Gründen haben wir den Namen „Lernort Demokratie – Das DDR-Museum Pforzheim“ gewählt. Zwei Aspekte der neuen Ausstellung widmen sich explizit dem besonderen Standort des Museums im Südwesten und verleihen ihm ein Alleinstellungsmerkmal. Da ist zum einen das Ankommen von DDR-Bürgern in der alten Bundesrepublik. Wie verlief ihre Ankunft, welche Erwartungen und Hoffnungen erfüllten sie und wie wurden sie wiederum hier aufgenommen? Eindrückliche Exponate bringen ein Stück der ehemaligen innerdeutschen Grenzanlagen nach Pforzheim. » diesem Teil der deutschen Geschichte. Geschichtslehrer aus der Region wissen dieses Museum zu schätzen. Ergänzt es doch den Lehrplan mit anschaulichen Inhalten. Rund 80 Schulklassen besuchen deshalb das Museum pro Jahr. Zu deren Betreuung finanziert das baden-württembergische Ministerium für Kultur und Sport ein Deputat von acht Wochenstunden für einen Gymnasiallehrer. Jedoch ist die derzeitige Dauerausstellung in Form und Umsetzung inzwischen in die Jahre gekommen und entspricht nicht mehr den heutigen pädagogischen und musealen Erfordernissen. Nur mit sehr viel Geduld kann man sich als Besucher durch die vielen Textpassagen durcharbeiten. Und ohne Vorkenntnisse fällt es derzeit schwer, sich in das völlig andere Gesellschaftssystem hineinzufinden. Deshalb haben wir im Juli 2013 begonnen, die Ausstellung neu zu konzipieren. In vielen Workshops mit unserer jungen Kulturhistorikerin Florentine Schmidtmann, die sich bereits im Studium auf DDR-Geschichte spezialisiert hat, und dem Ausstellungsdesigner Martin Tertelmann aus Stuttgart erarbeiten wir vom Verein und von der Stiftung ehrenamtlich die Inhalte neu. Dabei ergänzen sich die Erinnerungen der Zeitzeugen mit dem Fachwissen pensionierter Historiker auf produktive Weise. Emotionalen Zugang schaffen Bei dieser Arbeit ist uns klar geworden, dass es heute nicht mehr darum gehen kann, die Sammlung an sich zu zeigen, sondern anhand von „sprechenden Objekten“ historische Zusammenhänge aufzudecken und persönliche Bezüge herzustellen. Daher wird auch die teils ungesichtete Sammlung stetig weiter erschlossen und inventarisiert. So wollen wir uns gemäß der Grundaufgaben von Museen nicht nur dem Ausstellen und Vermitteln widmen, sondern auch dem Sammeln und Bewahren. Eine enzyklopädische Darstellung der Geschichte kann ebenfalls nicht unser Ziel sein – eine internetaffine Generation weiß dies heute online nachzulesen. Wir wollen vielmehr einen emotionalen Zugang schaffen zu einem Gesellschaftssystem, das Menschen zu einem uniformierten Denken zwang, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit mit Füßen trat und die persönliche Freiheit des Einzelnen missachtete. So werden etliche Exponate aus der momentanen Ausstellung in unser Depot wandern, wo sie für künftige Sonderausstellungen oder als Leihgaben an andere Museen wieder hervorgeholt werden. Die Neukonzeption hat zum Ziel, die Sammlung zur Geschichte der DDR als moderne Ausstellung zu präsentieren, die insbesondere für die Hauptbesuchergruppe der Schüler und Schülerinnen aus der Region ansprechend und mitreißend gestaltet sein soll. Hierbei werden neben der professionellen Ausstellungsgestaltung auch unterschiedliche Medien und interaktive Elemente zum Einsatz kommen. Als „Lernort Demokratie“ dient die Vergangenheit als Ausgangspunkt, um nach vorne zu blicken und unser Verständnis von Demokratie zu hinterfragen. Insbesondere für junge Menschen soll das Museum künftig ein Ort sein, an dem offen über aktuelle und vergangene Krisen, Probleme und Herausforderungen Die von der NVA jährlich herausgegebene „Soldatenpost“ sollte Kinder mit der Rolle des Militärs zur „Sicherung des Friedens“ vertraut machen. Im Ausstellungsraum „Jugend im durchherrschten System“ geht es um den sozialistischen Lebenslauf, der alle gesellschaftlichen Bereiche durchdrang. 14 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 83 / November 2014

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Fotos: DDR-Museum-Pforzheim Die bisherige Ausstellung ist in die Jahre gekommen. Neue Rezeptionsgewohnheiten erfordern eine umfassende Überarbeitung. Die Antworten, die wir in persönlichen Biografien, mit Bezug zu Pforzheim und Umgebung suchen, sind weitere Puzzleteile auf dem langen Weg zum wiedervereinigten Deutschland. Zum anderen soll anhand von lokalgeschichtlichen Bezügen gezeigt werden, dass die Geschichte der DDR nicht an der ehemaligen innerdeutschen Grenze und Ost ausgestellt. Neben den bekannten „Westpaketen“ und Intershops wird oft vergessen, dass es auch andersherum heißbegehrte Produkte aus der DDR gab sowie einen teils engen wirtschaftlichen Austausch mit der Bundesrepublik. Die Ausstellung ist objektbasiert aufgebaut und arbeitet über diese Objekte mit persönlichen Lebensgeschichten und In drei Stockwerken eines Gebäudes der ehemaligen französischen Besatzung stehen der Ausstellung insgesamt 14 Räume auf 412 Quadratmetern zur Verfügung. Übergreifende Themen sind die Grundlagen zu Geschichte und Leben in der DDR, Jugend im durchherrschten System, Ost-West-Kontakte, Grenzüberquerungen, Ankommen im Westen, die Friedliche Revolution und das wiedervereinigte Deutschland. Im Kellergeschoss, das aus finanziellen Gründen noch nicht vollständig neu konzipiert werden kann, werden die Stasi, Strafvollzug und Haftbedingungen thematisiert. Bis zum Ende des Jahres wird die Erarbeitung des Konzepts fertiggestellt sein. Dieser erste Teil des Projekts wird unter anderem von der Baden-Württemberg Stiftung gefördert. Im Jahr 2015 soll nun die Umsetzung und didaktische Ausarbeitung erfolgen. Großes Ziel ist es, die neue Dauerausstellung im DDR-Museum Pforzheim am 25. Jahrestag der Deutschen Einheit, am 3. Oktober 2015, der Öffentlichkeit zu präsentieren. ■ Geschenkpakete aus dem Osten waren ebenso verbreitet wie die sogenannten „Westpakete“. Dieses bis heute ungeöffnete Paket enthält einen Dresdner Stollen für die Westverwandten in Pforzheim. aufhört. Ganz im Gegenteil bestanden während der vierzigjährigen deutschen Teilung diverse Kontakte zwischen Privatpersonen, Kirchengemeinden und Unternehmen in West und Ost. Menschen, die in Pforzheim und Umgebung wohnen, berichten in der Ausstellung von ihren Reiseerfahrungen in die DDR, etwa zur Partnergemeinde der Kirchengemeinde Pforzheim oder zum Messebesuch in Leipzig. Außerdem werden beliebte Export- und Importprodukte zwischen West lokalen Bezügen, die den Besuchenden dazu anregen sollen, sich selbst in die jeweilige Situation zu versetzen und zu verstehen, wie das Leben in Ost, aber auch in West durch die Teilung beeinflusst wurde. Authentische Zeitzeugenberichte, die medial in die Ausstellung eingebettet sind, verstärken diesen Effekt. Trotz umfänglicher und teilweise erfolgreicher Sponsorensuche ist das DDRMuseum weiterhin auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Mehr Informationen finden Sie im Internet unter: www.pforzheim-ddr-museum.de Birgit Kipfer ist Sprecherin der Regionalen Arbeitsgruppe Baden-Württemberg von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. und Vorsitzende der Stiftung „Lernort Demokratie – Das DDR-Museum Pforzheim“. Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 83 / November 2014 15 Thema

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